Der Carrier vibrierte kurz, nicht stark, eher wie ein schwerer Körper, der sich neu ausrichtet. Auf den Anzeigen lief der Sprungablauf runter… Zahlen, die so taten, als wären sie nur Technik… und nicht Zeit.
Echo stand am Kartentisch, den Blick fest auf die Route gelegt. Mehrere Sprünge… ein Korridor aus Sternpunkten… und am Ende ein Systemname, der für Geraldine noch nichts bedeutete.
„Wenn wir jetzt starten, sind wir morgen da…“, sagte Geraldine. Sie versuchte es neutral klingen zu lassen… als wäre das nur Logistik.
Echo nickte. „Morgen… ja. Wenn nichts dazwischenfunkt…“
Geraldine zögerte einen Herzschlag zu lang. „Hast du… so lange Zeit…? Ich meine… das ist nicht gerade… ein kurzer Umweg…“
Echo sah erst auf… dann Geraldine an. Keine Ironie, kein Spruch.
„Geraldine…“, sagte sie leise. „Für dich würde ich alles liegen lassen. Ohne nachzudenken…“
Der Sprungtimer piepte. Der Carrier zog an… die Sterne draußen kippten weg.
Und Geraldine merkte, dass ihr Hals plötzlich zu eng war… und dass sie gerade sehr bewusst atmen musste… damit ihre Stimme nicht verriet, wie sehr dieser Satz sie getroffen hatte…
Geraldine wollte etwas sagen… irgendwas, das wieder nach Commander klang… nach Plan, nach Kontrolle… nach Dann machen wir das so…
Aber der Satz blieb ihr im Hals stecken.
Sie drehte sich weg, nur einen halben Schritt, als würde Bewegung reichen, um das, was gerade in ihr hochkam, wieder zurückzudrücken. Ihre Hand fand etwas Banales… die Kante des Kartentisches… das kalte Metall unter den Fingern. Festhalten. Erdung.
Echo sagte nichts mehr. Sie ließ den Moment stehen, ohne ihn zu retten, ohne ihn kleiner zu reden.
Irgendwo tief im Carrier lief der Sprungzyklus weiter. Man spürte ihn nicht als Ruck, eher als dieses kaum merkliche Dröhnen, das durch Wände geht, wenn etwas Großes arbeitet.
Geraldine blinzelte. Einmal zu oft. Und dann waren sie da… Tränen, nicht dramatisch, nicht schön… nur ehrlich und unerwünscht.
„Verdammt…“, murmelte sie und rieb sich über das Gesicht, als könnte sie damit alles löschen. „Das ist… lächerlich…“
„Nein“, sagte Echo leise. Nur das. Kein Trostpaket. Nur Widerspruch.
Geraldines Mundwinkel zuckten, irgendwo zwischen Trotz und Kapitulation. „Ich hab dich da reingezogen…“
„Du hast mich gefragt“, sagte Echo. „Und ich hab geantwortet.“
Geraldine atmete einmal scharf ein. Dann wurde ihre Stimme dünner. „Ich… ich kann das nicht… allein…“
Echo trat einen Schritt näher, langsam genug, dass Geraldine jederzeit hätte ausweichen können. Aber Geraldine wich nicht aus.
Sie hob die Hände kurz, als müsste sie sich selbst erlauben, das zu tun… und dann umarmte sie Echo. Fest. Zu fest für Höflichkeit. Zu kurz für alles, was sie eigentlich sagen wollte.
Echo hielt sie einfach. Ohne Witz, ohne Kommentar. Als wäre das die normalste Pflicht der Welt.
„Danke“, sagte Geraldine in Echos Schulter. Das Wort war klein, aber es saß schwer.
Echo antwortete nicht sofort. Dann nur, leise: „Immer.“
Amanda stand schon einen Moment in der Tür, ohne dass man gehört hätte, wie sie gekommen war. Nicht, weil sie sich anschleicht… sondern weil sie gelernt hat, in Räumen zu sein, ohne sich wichtig zu machen.
Sie sah Geraldines Hände an Echos Rücken… sah, wie fest der Griff war… und wie Echo einfach hielt, als wäre das nichts Besonderes.
Amanda räusperte sich. Ein Geräusch, das so tat, als wäre es zufällig.
„Ich hab nur kurz nachsehen wollen, ob ihr wieder…“, begann sie und brach ab, weil der Satz selbst ihr zu weich klang.
Geraldine löste sich langsam, wischte sich über die Wangen, als wäre das Ganze nur Staub gewesen. Sie versuchte, ihr Gesicht in etwas Neutrales zu ziehen… aber ihre Augen verrieten sie.
„Alles gut“, sagte sie, zu schnell.
Amanda ging zwei Schritte rein und blieb dann stehen, als müsste sie erst entscheiden, ob sie das darf.
Echo sah sie an. Kein Grinsen, keine Spitze. Nur ein offenes Gesicht.
Amanda atmete einmal aus, hart, wie vor einem Sprung.
„Weißt du…“, sagte sie und suchte nach einem Ton, der sich nicht nach Sentiment anhört. „Du bist verdammt anstrengend, Echo.“
Echo hob eine Braue. „Ich weiß.“
„Und du hältst den Laden zusammen… ohne dass du jemals so tust, als wär’s deine Aufgabe…“
Echo sagte nichts. Sie ließ es stehen, genau wie vorhin.
Amanda trat einen Schritt näher, dann noch einen… und umarmte Echo. Kurz. Fest. Mehr Kameradin als Kuscheldecke… aber echt. So eine Umarmung, die sagt: ich hab’s gesehen… ich vergesse das nicht.
„Danke“, murmelte Amanda. Das Wort war so leise, dass es fast wie ein Befehl klang.
Echo legte ihr für einen Moment die Hand auf den Rücken. „Gern.“
Amanda löste sich wieder, als hätte sie Angst, dass sie zu lange bleibt und sich selbst damit verrät. Sie sah Geraldine an, der Blick weicher als sonst.
„So“, sagte sie und zog die Stimme wieder hoch in den Alltag. „Genug Gefühl… bevor ich noch anfange, euch beiden einen Teamnamen zu geben…“
Geraldine schnaubte, noch mit feuchten Augen. „Tu das… und ich werf dich aus dem Luftschleusenprotokoll…“
Amanda grinste schief. „Da ist sie wieder…“
Echo nickte einmal, fast unmerklich. „Morgen sind wir da… dann machen wir den Rest…“
Und plötzlich klang morgen nicht mehr nach Bedrohung… sondern nach etwas, das man aushalten konnte…
Der letzte Sprung endete nicht mit einem Knall… sondern mit diesem tiefen, schweren Gefühl, dass der Raum kurz zu klein gewesen war und jetzt wieder Platz machte.
Auf der Brücke lief die neue Systemkarte hoch… nüchterne Daten, ein unauffälliger Punkt… und irgendwo darin ein Dock, das mehr nach Werkstatt aussah als nach irgendetwas, das man in Prospekten zeigt.
Amanda stützte sich an die Konsole und verzog den Mund. „Das ist also der Ort, an dem Leute freiwillig alte Technik streicheln…“
Echo stand schon mit dem Koffer da, als hätte sie Angst, dass er sonst irgendwo verschwindet und nie wieder auftaucht. „Er hat gesagt, wir sollen vorbeikommen. Also kommen wir…“
Geraldine nickte, aber ihr Blick blieb nicht auf der Karte hängen, sondern auf dem Hangarstatus. „Wir nehmen die Corvette…“
Amanda drehte den Kopf. „Die was…“
„Die Corvette“, wiederholte Geraldine ruhig. „Wir sind keine Touristengruppe, die mit einem Koffer Fragen stellt. Wir kommen hin, holen uns eine Leistung und fliegen wieder. Sauber…“
Echo verzog den Mundwinkel. Nicht ganz ein Lächeln, eher Zustimmung. „Gefällt mir…“
Wenig später stand die Corvette im Hangar… kompakt, aggressiv, viel zu viel Schiff für so eine kleine Verabredung. Genau deshalb.
Geraldine ging als Erste die Rampe hoch, Echo dicht hinter ihr mit dem Koffer, Amanda als Letzte, als hätte sie immer noch nicht entschieden, ob sie das beeindruckend oder übertrieben findet.
„Wenn er fragt, warum wir so anrücken…“, murmelte Amanda.
„Dann sage ich, dass du Angst hast, dir die Nägel abzubrechen…“, gab Geraldine trocken zurück.
„Ich habe keine Nägel…“, knurrte Amanda.
Die Hangartore öffneten sich, und die Corvette glitt raus in den freien Raum… ohne Show, ohne Ansage… nur Richtung.
Vor ihnen lag die Station… klein, funktional, mit zu vielen Antennen und zu wenig Charme. Ein Ort, an dem Dinge nicht schön werden… sondern wieder funktionieren.
Die Station wirkte aus der Nähe noch weniger einladend. Nicht kaputt, nur kompromisslos praktisch. Außenplatten mit Reparaturflicken, Antennen in allen Größen, Dockarme wie grobe Hände.
Die Corvette glitt an die Klammern. Ein kurzes, sattes Einrasten. Dann Stille.
Amanda ließ die Hände noch einen Herzschlag auf den Kontrollen. „Wenn uns hier jemand ein Getränk anbietet, ist es garantiert selbst gebraut… und garantiert illegal…“
„Wir sind nicht hier für Getränke…“, sagte Geraldine.
Als die Luke aufging, schlug ihnen warme Werkstattluft entgegen. Öl, Staub, Kunststoff, Metall. Nichts Lebendiges, außer Arbeit.
Geraldine ging voran. Der Koffer in der Hand wirkte plötzlich schwerer als im Staub von L-57. Echo folgte dicht, ohne den Koffer zu bewachen wie ein Schatz, eher so, als würde sie jede Sekunde zählen. Amanda kam als Letzte, wie immer den Blick schon auf Fluchtwege und Winkel gelegt.
Am Rand des kleinen Hangars stand ein Mann in einem abgewetzten Overall. Datenbrille schief auf der Stirn, ein Scanner in der Hand, der eher Gewohnheit als Werkzeug war. Er musterte erst die Corvette… dann Echo… und sein Gesicht machte diesen winzigen Sprung, den Leute machen, wenn ein alter Gefallen plötzlich wieder real wird.
„Du…“, sagte er. „Das gibt’s nicht…“
Echo blieb stehen. „Doch. Ich schon wieder…“
„Ich hatte mich innerlich darauf vorbereitet, dass du tot bist…“, murmelte er. „Das war einfacher…“
Amanda schnaubte. „Romantiker…“
Der Mann schüttelte den Kopf, als müsste er sich selbst neu starten. „Okay… du stehst hier… dann bedeutet das, du brauchst was… und ich schulde dir noch was…“
Echo nickte nur. Kein großes Wiedersehen. Nur ein Blick, der sagte: Genau deshalb bin ich hier.
Geraldine trat einen halben Schritt vor. Ruhig. Ohne Show. „Commander Geraldine Cailloux-Delaurent…“
Der Mann blinzelte, als würde der Name irgendwo anstoßen, wo er nicht geplant war. Dann sah er auf den Koffer. „Und das ist der Grund, warum ihr mit einer Corvette auftaucht…“
„Ja…“, sagte Echo. „Alt. Sehr alt. Und ich habe keine Zeit, es selbst totzustarren…“
Er hob die Hand, als würde er einen unsichtbaren Vertrag abzeichnen. „Werkstatt. Nicht hier.“
Der Mann verzog den Mund. „Ich bezahle heute meine Schulden…“
Dann deutete er auf eine Seitentür. „Kommt. Und fasst nichts an, was blinkt. Das blinkt nur, weil es dich töten will…“
Amanda ging los. „Endlich jemand, der meine Lebensphilosophie versteht…“
Die Werkstatt lag direkt hinter der Seitentür… und sie fühlte sich an, als hätte jemand die Station um diesen Raum herum gebaut. Überall Teile… Halterungen… Kabelbündel… halbfertige Drohnen… und an der Decke ein Netz aus Schienen, an denen Kisten hingen wie Gedanken, die man später braucht.
Der Mann… Milo Kade… zog die Datenbrille hoch und klappte den Koffer auf, als wäre es ein Instrumentenkoffer und nicht etwas, das Geraldine am liebsten wieder zugemacht hätte, weil es plötzlich zu real war.
Er nahm ein Modul nicht sofort in die Hand. Er beugte sich erst nur drüber… ließ das Licht schräg drüberlaufen… als würde er an der Oberfläche lesen.
Dann kam dieses leise, zufriedene Geräusch.
„Ja…“, murmelte er. „Das kann ich…“
Echo atmete so unauffällig aus, dass man es trotzdem hörte.
Amanda verschränkte die Arme. „Klingt wie ein Zauberspruch…“
Milo grinste schief. „Ist eher ein Fluch. Vor-Standard… eigenwilliger Connector… und das Dateilayout ist… sagen wir… kreativ.“
Geraldine hielt den Blick auf den Modulen, als würden sie gleich anfangen zu sprechen. „Wie lange…“
Milo hob eine Hand. „Eine Stunde… vielleicht etwas mehr. Ich muss einen Reader sauber adaptieren… und ich will dabei nicht reden, nicht erklären, nicht diskutieren…“
Echo nickte sofort. „Mach…“
„Mach ich…“, sagte Milo. Dann zeigte er mit dem Kinn Richtung Gang. „Pausenraum ist da hinten. Durch den Korridor… an der gelben Markierung vorbei. Fenster zur Werkstatt. Dann könnt ihr gucken, ob ich wirklich arbeite… und ich kann so tun, als würde euch das beruhigen…“
Amanda ging schon los. „Ich werde mich da hinsetzen und so tun, als wäre das alles ganz normal…“
Geraldine folgte, Echo direkt neben ihr. Der Gang außerhalb der Werkstatt war schmaler… alles modulare Paneele… überall kleine Schilder, handbeschriftet oder überklebt… als hätte die Station über Jahre einfach weitergebaut, wo Platz war. Keine Promenade, kein Glanz… nur Funktion.
An der gelben Markierung hing ein Schild, halb schief.
SCHICHTRAUM
Amanda drückte die Tür auf.
Drinnen roch es nach kaltem Kaffee und warmem Metall. Ein Tisch… ein paar Stühle… Spinde… und tatsächlich ein breites Fenster, durch das man zurück in die Werkstatt sehen konnte.
Die Frau am Tisch blickte auf, als die Tür aufging… nicht erschrocken, eher so, als hätte sie genau auf Unterhaltung gewartet… Sie hatte die Ärmel ihres Overalls hochgekrempelt, Öl an den Fingerknöcheln, und den Becher in der Hand wie eine Selbstverständlichkeit…
Ihr Blick wanderte über die drei… blieb einen Tick zu lange an der Corvette hängen, die man durch das Fenster noch sehen konnte… Dann grinste sie…
„Okay…“, sagte sie… „entweder ihr seid sehr falsch abgebogen… oder ihr habt heute richtig schlechte Laune dabei…“
Amanda blieb stehen und ließ die Lampe ihrer Stimmung in Rinas Richtung zeigen… „Wir sind nie falsch abgebogen… wir sind nur… zielorientiert…“
„Oh…“, sagte sie und nickte begeistert, als wäre das ein seltenes Tier… „Zielorientiert… Das klingt nach Menschen, die beim Lachen Geräusche machen wie eine Fehlermeldung…“
Echo zog einen Stuhl ran, setzte sich ohne Theater… Geraldine blieb einen Moment stehen, als müsste sie sich erst entscheiden, ob Sitzen gerade erlaubt ist…
Rina hob den Becher… „Rina Voss… falls ihr mich irgendwo melden wollt… Und ja… ich arbeite hier… bevor ihr fragt…“
„Amanda…“, sagte Amanda knapp…
„Das hab ich mir gedacht…“, grinste Rina… „Das ist so ein Name, der klingt wie ein Türstopper… Sehr praktisch…“
Geraldine setzte sich endlich… nicht entspannt, aber sie war da… „Geraldine…“
Rina nickte… und erst jetzt sah sie Echo direkt an… nicht neugierig, eher anerkennend… „Und du musst Echo sein… weil nur Echo so guckt, als hätte sie schon vor einer Stunde beschlossen, dass dieser Raum Zeitverschwendung ist…“
Echo zuckte mit einer Schulter… „Ist er auch…Aber woher kennst du meinen Namen?“
„Milo hat mal von dir erzählt…“, sagte Rina und schlürfte Kaffee… „er ist hinten drin, richtig…“
„Ja…“, sagte Geraldine… „Er braucht eine Stunde…“
Rina pfiff leise… „Wenn Milo eine Stunde sagt, meint er… eine Stunde, wenn ihn keiner nervt… zwei, wenn ihm jemand beim Denken zusieht… und drei, wenn jemand anfängt, Fragen zu stellen…“
Amanda sah durch das Fenster… „Dann sind wir ja hier perfekt…“
„Genau…“, sagte Rina und zeigte mit dem Becher auf das Fenster… „Das ist der Trick… Ihr könnt starren… und er kann so tun, als merkt er’s nicht…“
Geraldines Blick ging kurz rüber in die Werkstatt… Milo hatte sich über den Koffer gebeugt, Licht schräg, Hände ruhig… so jemand, der die Welt vergisst, sobald er ein Problem anfassen darf…
Rina lehnte sich zurück… „Also…“, sagte sie, als wäre das Smalltalk… „Wer hat’s gefunden…“
Amanda hob eine Braue… „Was…“
„Das Ding, das Milo jetzt anfasst…“, sagte Rina… „Das ist kein Familienfoto… Das ist… alte Hardware… und alte Hardware landet hier nur aus zwei Gründen… Entweder jemand hat in einem Wrack gewühlt… oder jemand hat in der Vergangenheit gebuddelt…“
Geraldine spürte, wie sie den Kiefer anspannte… und genau das machte Rina noch entspannter… als würde sie die Spannung einfach als Wetter akzeptieren…
„Keine Sorge…“, sagte Rina… „Ich stelle keine Fragen, die ihr beantworten müsst… Ich mag nur… Geschichten… Und hier gibt’s fast nur welche…“
Echo sah sie an… „Was genau macht ihr hier…“
Rina breitete die Hände aus, als wäre das die einfachste Sache der Welt… „Wir kaufen Probleme…“, sagte sie fröhlich… „Wracks… Blackboxes… Datenkram, der so alt ist, dass er sich schämt… Wir nehmen das an, katalogisieren, trennen Schrott von Gold… und dann kommt Milo… und tut so, als wäre das alles logisch…“
Amanda verzog den Mund… „Und wenn’s nicht logisch ist…“
„Dann wird’s teuer… oder interessant… oder beides…“, grinste Rina… „Manchmal kommen Piloten mit einer Kiste und sagen: Das ist alles, was von meinem Wing übrig ist… Manchmal kommt eine Firma und sagt: Das hat es offiziell nie gegeben… und manchmal kommt jemand…“, ihr Blick streifte Geraldine nur ganz kurz, nicht aufdringlich… „…und will einfach nur wissen, ob das, was man ihm erzählt hat, stimmt…“
Geraldine sagte nichts… aber ihre Finger umklammerten die Kante des Tisches einen Tick fester…
Rina nahm noch einen Schluck Kaffee… dann sagte sie leicht… „Ihr drei guckt übrigens wie ein Beerdigungszug… Und ich dachte, ihr seid die Guten…“
Amanda schnaubte… „Wir sind die Guten… Wir haben nur… schlechte Presse…“
„Na dann…“, sagte Rina und stellte den Becher ab… „Willkommen im Club… Hier drin haben alle schlechte Presse… und trotzdem läuft die Kaffeemaschine… meistens…“
Die Stunde zog sich nicht wie Zeit, sondern wie ein Geräusch… das leise Summen aus der Werkstatt hinter dem Fenster, das Klacken von Werkzeug, Milos konzentrierte Bewegungen… Echo sagte kaum noch etwas. Geraldine auch nicht. Amanda fand genau zwei Sätze, die nicht nach Ungeduld klangen.
Rina füllte ihren Becher nach, als wäre das hier ein Kino. „Ihr wisst schon…“, meinte sie, „dass ich euch gleich beim Gesichtsausdruck ablesen kann, ob ihr gerade Antworten bekommt oder neue Fragen…“
„Du liest zu viel in Gesichtern…“, sagte Amanda.
„Nein…“, grinste Rina… „ihr zeigt nur zu wenig…“
Geraldine hatte den Blick längst auf das Fenster geheftet. Milo bewegte sich kaum noch… und das war das Auffälligste. Wenn jemand, der sonst ständig schraubt, plötzlich still wird, dann ist das entweder schlecht… oder wichtig.
Dann ging die Tür zur Werkstatt auf.
Milo stand im Rahmen, die Brille wieder auf der Stirn, ein Modul in der Hand, als wäre es plötzlich schwerer geworden. Er sah nicht erst zu Echo. Er sah zu Geraldine.
„Okay…“, sagte er. Und diesmal klang es nicht nach Werkstatt. Diesmal klang es nach Akte.
Echo stand sofort auf.
Amanda auch.
Rina blieb sitzen, hob nur den Becher wie zum Abschied. „Viel Spaß…“, sagte sie freundlich. „Und wenn ihr danach weinen müsst… der Pausenraum ist rund um die Uhr offen… meistens…“
Echo ging an ihr vorbei und warf ihr einen Blick zu. „Du bist unmöglich…“
„Danke…“, grinste Rina. „Das ist mein Qualitätsmerkmal…“
Geraldine sagte nichts. Sie folgte Milo in die Werkstatt… und merkte, dass ihre Hände plötzlich wieder ruhig waren… nicht weil sie weniger Angst hatte… sondern weil es jetzt endlich losging…
Milo schob ihnen ein altes, robustes Terminal rüber… Kratzer im Gehäuse, matte Tasten, ein Display, das nur deshalb noch funktioniert, weil es sich weigert zu sterben…
„Da…“, sagte er und tippte zwei, drei Befehle ein… „Ich hab dir eine Ansicht gebaut. Nicht hübsch. Aber lesbar. Ich hab keine Lust, dir das vorzulesen…“
Er sah Geraldine kurz an, völlig ohne Pathos. „Das ist dein Kram. Du liest…“
Geraldine setzte sich… nicht bequem, eher so, als würde sie sich auf ein Urteil vorbereiten. Ihre Finger schwebten einen Moment über der Tastatur…
Echo blieb dicht hinter ihr stehen. „Nur lesen… nichts anfassen, was nach Schreiben aussieht…“
„Ich fasse nichts an…“, murmelte Geraldine. „Versprochen…“
Milo winkte ab, als wäre das alles nebensächlich. „Wenn du’s schaffst, meine Struktur zu zerlegen, hast du’s verdient…“
Dann drehte er sich schon wieder weg, zog ein Modul unter eine Lupe und begann, an einem Adapter zu basteln… als wäre Geraldines Vergangenheit nur ein weiterer Auftrag zwischen zwei Kaffeepausen…
Geraldine atmete einmal durch… dann drückte sie Enter…
Zeilen erschienen. Trocken. Sauber. Brutal normal.
Name: Geraldine Cailloux-Delaurent
Geburtsdatum: 09.08.3282
Alias: Callen
Vermerk: administrative Harmonisierung
Geraldine starrte darauf… nicht weil sie es nicht wusste… sondern weil es anders war, es schwarz auf grau zu sehen… nicht als Geschichte… sondern als Datensatz…
Amanda lehnte irgendwo an einem Regal. „Okay… das ist zumindest echt…“
Geraldine antwortete nicht. Sie scrollte weiter…
Ein neuer Block… und der Ton wechselte, als würde jemand von Identität auf Fracht umschalten…
Evakuierungsmanifest
Herkunft: Orbitalstation …
Incident: Thargoidenangriff
Minderjährig: ja
Unbegleitet: ja
Geraldines Finger hielten an… ganz von selbst…
Sie las die Zeilen noch einmal… langsamer…
Und irgendwo hinter ihr klackte Milos Werkzeug weiter, gleichmäßig, als wäre das alles nur Text…
Geraldine scrollte weiter… nicht schneller… nicht langsamer… nur stur…
Der nächste Abschnitt war kürzer… und trotzdem schwerer…
Elternzuordnung…
Sie las die erste Zeile… und ihr Kopf machte diesen winzigen Schritt zurück, als hätte er gehofft, dass das Feld leer ist…
Da standen zwei Einträge… zwei Namen… zwei Statuszeilen…
Erst vermisst nach Incident… dann… später für tot erklärt…
Geraldine spürte, wie ihr Atem flacher wurde… nicht dramatisch… eher so, als würde der Körper automatisch auf Sparmodus gehen, weil er ahnt, dass gleich etwas reißt…
„Für tot erklärt…“, sagte sie leise… und es klang nicht wie ein Satz… eher wie ein Stempel, der auf Haut trifft…
Amanda stieß die Luft aus… ein kurzer Laut… dann fing sie sich sofort wieder… „Das ist so ein Satz, den jemand tippt und dann denkt er, er war heute produktiv…“
Echo blieb hinter Geraldine stehen, die Hände ruhig, die Stimme auch… „Da müsste ein Datum dranhängen…“
Geraldine nickte kaum sichtbar und ließ die Zeilen weiterlaufen, bis die nüchternen Details kamen… Feststellung am… Protokollnummer… Begründung… keine Kapsel registriert… keine Bergung…
Milo machte irgendwo nebenbei ein Geräusch, das alles und nichts war… „Ja… so laufen die Listen…“
Geraldine wollte ihm etwas entgegnen… irgendwas Bissiges… irgendwas, das ihm klar macht, dass das keine Liste ist…
Aber sie hatte gerade keinen Platz für Milo…
Stattdessen suchte sie mit den Augen nach dem einzigen Feld, das ihr nicht wie ein Urteil vorkam… Identitätsnachweis…
Dokumentkopie… Scan hinterlegt…
Sie klickte…
Das Bild, das kam, war kein schönes Dokument… eher ein abfotografierter Ausdruck… Stempel schief… Ecke abgeschnitten… aber genau deshalb wirkte es echt…
Oben ihr Name… darunter ihr Geburtsdatum…
Und in einer Zeile, die so harmlos klang, dass sie weh tat… Bestätigung der Identität… Aufnahmeprotokoll… Transferfreigabe…
Geraldine starrte darauf, als könnte sie damit die Zeit zurückholen, in der diese Zeile geschrieben wurde… als wäre irgendwo in dieser Unterschrift noch eine Hand, die sich erinnert…
Ihre Finger schwebten kurz vor dem Display… berührten es nicht… und sie flüsterte, mehr zu sich selbst als zu den anderen…
„Also war es nicht nur eine Geschichte…“
Echo antwortete sofort… kurz… ohne Trostpaket… „Nein…“
Amanda nickte einmal… und man sah ihr an, dass sie gerade mehr fühlte, als sie zeigen wollte… „Dann haben sie dir wenigstens das nicht auch noch genommen…“
Unten blinkte eine weitere Zeile… klein… wie ein technischer Nachtrag…
Transferkette…
Orbitalstation… Evakuierung… Zwischenaufnahme… L-57…
Geraldine las die Pfeile wie eine Route auf einer Karte… und zum ersten Mal seit Minuten war in ihrem Blick nicht nur Schmerz… sondern Richtung…
Milo klopfte einmal gegen die Werkbank… nicht unfreundlich… eher als Signal… „Wenn ihr mehr wollt als diese Oberfläche… dann brauch ich Zeit… Das Format ist ein Labyrinth… Ich kann euch da tiefer reinholen… aber nicht in fünf Minuten…“
Geraldine nickte, ohne sich umzudrehen… die Augen noch am Bildschirm…
„Dann hol uns tiefer rein…“, sagte sie… ruhig… und so fest, dass selbst Milo kurz still war…
Echo atmete leise aus…
Amanda murmelte, halblaut… „Tja… jetzt sind wir wieder offiziell keine Touristengruppe…“
Und Geraldine scrollte nicht weiter… noch nicht…
Sie speicherte den Moment… und erst dann ließ sie die nächste Seite kommen…
Geraldine blieb noch einen Moment vor dem Terminal sitzen, als müsste ihr Körper erst begreifen, dass Lesen auch Arbeit war… dann schob sie den Stuhl langsam zurück…
Sie stand auf, ging zwei Schritte zur Seite und lehnte sich gegen die Werkbank… nicht dramatisch… eher so, als würde sie sich selbst wieder einsammeln…
Amanda sagte nichts, was selten war… sie stellte nur ihren Becher so ab, dass er nicht im Weg stand… als wäre Ordnung jetzt das Einzige, was man anbieten kann…
Echo blieb dicht bei Geraldine… nicht als Aufpasserin… eher als Geländer… „Atmen…“, sagte sie leise… „Einfach nur kurz atmen…“
Geraldine presste die Lippen zusammen… nickte einmal… und ließ einen Atem raus, der mehr Druck als Luft war…
„Ich wollte Antworten…“, murmelte sie… „Jetzt hab ich… Akten…“
Amanda hob die Braue… „Akten sind Antworten… nur ohne Höflichkeit…“
Geraldine schnaubte kurz… kein Lachen… eher ein Reflex… „Gut… dann nehme ich jetzt unhöflich…“
Milo klackte irgendwo mit einem Tool… ohne aufzusehen… „Wenn ihr euch wieder bewegen könnt… ich hab die Herkunftsfelder sauber gezogen… Die waren in einem anderen Container…“
Er tippte eine kurze Sequenz ein… dann schob er Geraldine das Terminal einen Tick näher… als wäre das einfach der nächste Schritt…
Geraldine setzte sich wieder… diesmal ruhiger… und las…
Herkunftssystem: 64 Arietis
Herkunftsstation: Weyn Dock
Ereignis: Thargoidenangriff
Protokoll: Evakuierungsmanifest
Sie las es noch einmal… langsamer… und das Seltsame war… jetzt hatte das Ganze plötzlich eine Adresse… keine Nebelgeschichte… kein damals irgendwo… sondern ein Punkt auf einer Karte…
„64 Arietis…“, sagte Amanda leise… „Das ist… real…“
Geraldine nickte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen… „Weyn Dock…“ Das Wort schmeckte nach Metall…
Echo beugte sich näher… „Okay… jetzt können wir aufhören, gegen Wolken zu kämpfen…“
Sie tippte nicht selbst… sie zeigte nur auf den unteren Bereich der Anzeige… „Scroll… da…“
Geraldine tat es… und die Daten wurden wieder kälter… Transferkette… Zwischenaufnahme… Aufnahmeprotokoll… Felder, die so aussehen, als hätten sie nie jemandem weh getan…
Echo blieb an einem Punkt hängen… „Wer hat’s freigegeben…“ Nicht neugierig… zielgerichtet… „Irgendwer muss unterschrieben haben, dass du weitergeschoben wirst… von der Evakuierung in die Aufnahme… und dann nach L-57…“
Amanda schnaubte… „Und hier dachte ich, Kinder wachsen einfach so in Stationen… wie Schimmel…“
Geraldine warf ihr einen Blick zu… trocken… „Amanda…“
„War nur ein Bild…“, murmelte Amanda… und klang dabei tatsächlich entschuldigend…
Geraldine scrollte weiter… ihre Finger waren ruhig… aber ihre Augen nicht… sie suchten jetzt nicht mehr nach Wahrheit… sie suchten nach einer Hand… nach einem Namen… nach einem Menschen in diesem Papierkrieg…
Da war es.
Nicht groß. Nicht dramatisch. Nur eine Zeile zwischen Protokollnummern und Formularsprache, als hätte sie niemandem je weh getan.
L-57 Kinderprotokoll
Medizinische Freigabe: Dr. L. Bachelet
Vermerk: Übergabe an Betreuungseinheit erfolgt
Geraldines Blick blieb hängen, als hätte der Bildschirm plötzlich Gewicht bekommen.
Amanda runzelte die Stirn. „Moment. Bachelet. Das ist doch L-57. Was hat die mit der Evakuierung zu tun…“
Echo schüttelte den Kopf. „Gar nichts. Das hier ist nicht der Transport nach L-57. Das ist das, was in L-57 passiert, nachdem du angekommen bist.“
Geraldine starrte auf die Zeile, als müsste sie die Reihenfolge im Kopf neu sortieren. „Also… ich komme an…“
„Und dann gehst du durch Triage“, sagte Echo ruhig. „Med-Check, Aufnahme, Protokoll. Erst danach darf ein Kind in den Betreuungsbereich. Wenn da Bachelet steht, heißt das… sie war eine der ersten Erwachsenen, die dich dort offiziell in den Händen hatte.“
Amanda ließ die Luft aus. „Super. Endlich ein Name, der nicht nur Papier ist.“
Geraldine schluckte. „Dann hat sie das in die Wege geleitet. Die Übergabe. Den nächsten Schritt.“
Echo nickte, kurz und fest. „Genau. Und wenn wir jemanden finden wollen, der uns sagen kann, was diese Zeilen wirklich bedeuten… dann sie.“
Geraldine sah wieder auf den Bildschirm. Diesmal war es nicht nur Nachbeben.
Diesmal war es Richtung.
„Dann finden wir Dr. Bachelet…“
Geraldine blieb noch einen Moment am Terminal sitzen, als könnte sie den Namen mit purem Starrsinn festnageln. Dann stand sie so abrupt auf, dass der Stuhl leise über den Boden kratzte.
„Gut…“, sagte sie. „Dann finden wir sie. Heute. Jetzt. Bevor ich wieder anfangen kann, rational zu werden…“
Echo hob nicht mal den Kopf, sie stand schon am Rand des Terminals und tippte sich durch die Ansichten. „Nein.“
Geraldine blinzelte. „Wie bitte…?“
„Nein“, wiederholte Echo, als wäre das eine Temperaturangabe. „Wir sichern zuerst. Alles. Jetzt. Zweimal.“
Amanda lehnte am Regal und verzog den Mund. „Sie hat recht… und das ist das Schlimmste daran…“
Geraldine zeigte mit dem Finger Richtung Bildschirm. „Wir haben den Namen. Wir haben den Hinweis. Wir haben…“
Echo sah sie an. Ruhig. Und genau deshalb nervig. „Wir haben ein Fenster. Und wenn wir es offen lassen, fliegt es zu. Geraldine, du bist gerade dabei, von Gefühl auf Jagd umzuschalten. Das ist okay. Aber nicht bevor ich eine Kopie habe, die du nicht aus Versehen mit deiner Wut löscht…“
„Ich lösche nichts aus Versehen“, knurrte Geraldine.
Amanda hob eine Braue. „Du hast gestern ein SRV aus Versehen umgestaltet…“
„Das…“, Geraldine zeigte auf Amanda, „war Bodenpropaganda.“
Echo tippte weiter. „Screenshot. Export. Rohdump. Und dann noch einmal auf ein getrenntes Medium. Wenn Milo morgen vom Dock weg ist und wir nur einen halben Datensatz mitnehmen, dann können wir uns die ganze Reise sparen…“
Geraldine atmete aus. Kurz. Hart. Dann nickte sie, als würde sie sich selbst eine Leine anlegen.
„Okay. Sichern. Aber schnell…“
Echo sah nicht mal auf. „Schnell ist nicht das Ziel. Sicher ist das Ziel.“
Geraldine schnaubte. „Du bist die einzige Person, die das sagen kann, ohne dass ich sie aus dem Fenster werfe…“
Amanda grinste schief. „Sie ist auch die einzige Person, die dich dann wieder reinziehen würde…“
Milo klackte irgendwo in der Werkstatt mit einem Tool, ohne sich umzudrehen. „Wenn ihr mit dem Drama fertig seid… Finger weg von der Tastatur. Nur lesen. Ich hab’s euch extra so gebaut…“
Geraldine drehte den Kopf zu ihm. „Keine Sorge. Ich habe heute schon genug Dinge kaputt gemacht…“
Amanda grinste schief. „Sie lernt. Langsam… aber mit Nachdruck…“
Echo tippte weiter, ohne aufzusehen. „Zweite Sicherung läuft… und danach darf Geraldine wieder jagen…“
Die zweite Sicherung lief noch im Hintergrund, ein stilles Fortschrittsfeld am Rand des Displays, das so tat, als wäre das hier nur Technik und nicht gerade der erste brauchbare Riss in Geraldines Vergangenheit.
Sie blieb stehen, die Hände an der Werkbank, den Blick auf die Zeile mit Bachelets Namen geheftet.
„Was heißt das jetzt wirklich?…“ fragte sie schließlich. Nicht scharf. Eher wie jemand, der sich zwingt, nicht die falsche Frage zu stellen. „War sie… gut für mich? Oder war sie einfach nur Teil der Maschine?…“
Echo hob den Kopf. Sie antwortete nicht sofort. Nicht, weil sie keine Antwort hatte, sondern weil sie die Worte sortierte, bevor sie sie Geraldine zumutete.
„Beides ist möglich“, sagte sie dann ruhig. „Aber das Feld hier sagt erst mal nur, wo in der Kette sie stand. Nicht, wer sie als Mensch war.“
Amanda lehnte noch immer am Regal, die Arme verschränkt, aber der Spott war für einen Moment dünner als sonst. „Klingt nach Bürokratie in Reinform. Herz, Gewissen, Absicht… alles egal. Hauptsache, jemand hat irgendwo seinen Stempel draufgehauen…“
Echo deutete auf die Zeile am Bildschirm. „L-57 Kinderprotokoll. Medizinische Freigabe. Das ist nicht die Evakuierung. Das ist nicht der Angriff. Das ist der Punkt danach.“ Sie tippte mit dem Finger knapp unter die Anzeige, ohne sie zu berühren. „Du kommst in L-57 an. Du gehst durch Aufnahme. Med-Check. Triage. Und erst dann darfst du in den Kinderbereich oder in eine Betreuungseinheit weiter.“
Geraldine sah weiter auf den Namen. „Also hat sie entschieden, dass ich weitergereicht werde…“
„Oder bestätigt, dass du weitergereicht werden kannst“, sagte Echo. „Das ist ein Unterschied.“
Amanda schnaubte leise. „Klein, aber unangenehm wichtig…“
Geraldine blinzelte nicht. „Für ein Kind fühlt sich das wahrscheinlich nicht klein an…“
Niemand antwortete sofort.
Irgendwo im Hintergrund machte Milo mit irgendeinem Werkzeug ein trockenes Klickgeräusch, als würde die Werkstatt absichtlich daran erinnern, dass hier noch immer Dinge repariert wurden, während andere gerade an alten Wunden herumstanden.
Amanda löste sich vom Regal und trat einen halben Schritt näher. „Hör zu…“ Sie sagte es nicht weich. Nur direkt. „Ob Bachelet nett war oder kalt oder professionell bis zur Unkenntlichkeit… wissen wir noch nicht. Aber sie ist der erste Name in dieser Kette, der noch atmen könnte.“
Echo nickte knapp. „Genau.“
Geraldine zog langsam Luft ein. „Nicht nur ein Code. Nicht nur ein Feld.“
„Ein Mensch“, sagte Amanda. „Endlich mal ein Mensch.“
Echo verschränkte jetzt ebenfalls die Arme, aber bei ihr sah es eher nach Konzentration aus als nach Abwehr. „Und ein Mensch kann sich erinnern. Vielleicht nicht an alles. Vielleicht nicht an dich sofort. Aber an Abläufe. An L-57. An Gesichter. An Dinge, die in diesen Daten nie sauber stehen werden.“
Geraldine wandte den Blick endlich vom Bildschirm ab und sah erst Echo an, dann Amanda. In ihrem Gesicht lag noch immer das Nachbeben, aber darunter war etwas anderes zurückgekehrt. Richtung. Schärfe.
„Dann ist das keine Sackgasse“, sagte sie leise.
Amanda verzog den Mund zu diesem schiefen, trockenen Fast-Lächeln. „Nein. Das ist nur die erste Person, die wir notfalls sehr höflich nicht in Ruhe lassen werden…“
Echo hob eine Braue. „Du hast ein seltsames Verhältnis zu Höflichkeit…“
„Ich habe ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Höflichkeit“, sagte Amanda. „Ich benutze sie nur selten freiwillig…“
Geraldine schnaubte kurz. Dieses Mal war es fast ein echtes, kleines Lachen.
Dann sah sie wieder auf den Namen.
„Dr. L. Bachelet…“, sagte sie. „Gut. Dann erzählen Sie mir jetzt besser, wer Sie für mich waren…“
Geraldine hielt Bachelets Namen noch einen Moment im Blick… dann ließ sie sich langsam auf den Hocker vor dem Terminal zurücksinken, als hätte ihr Körper beschlossen, dass Stehen gerade überschätzt wird…
„Großartig…“, murmelte sie. „Also haben wir jetzt einen echten Menschen… eine echte Station… echte tote Eltern… und ich darf so tun, als wäre das ein normal produktiver Nachmittag…“
Amanda stieß ein trockenes Geräusch aus, irgendwo zwischen Schnauben und Zustimmung. „Nein… normal ist hier lange weg… Wir nennen es nur gern so, damit wir nicht anfangen, Möbel anzuschreien…“
Geraldine verzog den Mund… aber es hielt nicht. Ihre Hand lag noch auf der Kante der Werkbank, und plötzlich spannte sie die Finger so fest darum, als müsste sie verhindern, irgendwohin wegzurutschen.
„Ich hab mir das anders vorgestellt…“, sagte sie leise.
Echo bewegte sich nicht sofort. Sie stand einfach da, dicht genug, dass Geraldine sie wahrnahm, ohne sie ansehen zu müssen. „Wie…“
Geraldine lachte kurz auf… nur einmal… und es war kein schönes Geräusch. „Keine Ahnung… vielleicht weniger… ordentlich…“ Sie schluckte. „Nicht so… sauber formuliert. Nicht als wäre ich eine Kiste, die jemand von A nach B geschoben hat…“
Amanda hob die Braue, aber ihre Stimme blieb ruhig. „Du warst keine Kiste…“
Geraldine sah zu ihr auf. „Die Akte schon…“
Das saß.
Für einen Moment war sogar von Milos Werkbank her Ruhe. Nicht lange… nur gerade lang genug, dass die Werkstatt die Stille bemerkte.
Amanda trat einen Schritt näher, lehnte sich mit der Hüfte gegen die Werkbank und verschränkte die Arme nicht mehr. „Hör mir zu…“ Sie wartete, bis Geraldine sie wirklich ansah. „Ja. Das ist brutal. Ja, das liest sich, als hätte jemand dein ganzes Leben in Felder gepresst und dann Feierabend gemacht. Aber du bist nicht diese Felder… und du warst es auch damals nicht…“
Geraldine blinzelte… und der nächste Atemzug blieb irgendwo hängen. „Vier Jahre alt…“, sagte sie. „Vier… und irgendwer schreibt unbegleitet… später für tot erklärt… Übergabe erfolgt… Das ist doch…“
„Grausam nüchtern…“, sagte Echo leise.
Geraldine nickte einmal, hart. „Ja…“ Sie fuhr sich über das Gesicht, mehr zu grob als hilfreich. „Und das Schlimmste ist… ein Teil von mir ist erleichtert. Weil es echt ist. Weil ich es mir nicht ausgedacht habe. Und gleichzeitig will ich diesen Bildschirm aus dem Fenster werfen…“
Amanda sah kurz zum Terminal. „Würde ich dir sogar gönnen… Aber dann wirft Echo uns beide hinterher…“
Echo nickte, ohne jede Ironie. „Ja…“
Geraldine schnaubte. Dieses Mal war es ein echtes, kleines Geräusch. Sofort wieder weg… aber da.
Dann sackten ihre Schultern ein Stück ab, nicht wie bei jemandem, der aufgibt… eher wie bei jemandem, der zum ersten Mal zulässt, dass etwas schwer ist.
„Ich weiß nicht mal, worauf ich zuerst wütend sein soll…“, sagte sie. „Auf den Angriff… auf dieses System… auf L-57… auf alle, die diese Worte geschrieben haben… oder auf mich, weil ich so lange gebraucht habe, um überhaupt hinzusehen…“
Amanda reagierte sofort. Kein Trost. Kein Ausweichen. „Nicht auf dich…“ Sie sagte es so klar, dass selbst Geraldine kurz still wurde. „Du warst ein Kind. Danach warst du beschäftigt mit Überleben, Funktionieren, Weitermachen, Leute retten, Stationen bauen, ganze verdammte Systeme vollstellen… Such dir später jemanden zum Anschreien. Aber nicht dich…“
Echo blieb das ruhige Gegenstück dazu. „Und nicht jetzt… Jetzt brauchst du keinen Schuldigen. Jetzt brauchst du die nächste saubere Spur…“
Geraldine sah von Amanda zu Echo… und irgendwo zwischen den beiden fing sich etwas in ihr wieder ein. Nicht ganz. Aber genug.
„Ihr seid beide unerträglich…“, murmelte sie.
Amanda verzog den Mund schief. „Und trotzdem noch hier…“
„Leider…“, sagte Geraldine.
Echo legte ihr ganz kurz die Hand an die Schulter. Keine große Geste. Nur ein Druck, warm, eindeutig, dann wieder weg. „Wir gehen das jetzt Stück für Stück durch… Du musst es nicht auf einmal tragen…“
Geraldine schloss für einen Herzschlag die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war da noch Schmerz… aber keine Leere mehr.
„Gut…“, sagte sie leise. „Dann trag ich erst mal nur den nächsten Schritt…“
Geraldine will nach dem ersten Schock sofort jemanden verantwortlich machen. Das kann das System sein, L-57, die Bürokratie, irgendwer in der Kette … oder am Ende sie selbst, weil sie so lange nicht gesucht hat.
Amanda schneidet genau diesen Selbstangriff ab.
Echo bringt es zurück auf die Schiene: Schuld später, Spur jetzt.
Geraldine blieb noch einen Moment auf dem Hocker sitzen, die Hand an der Tischkante, als müsste sie sich daran erinnern, dass Holz und Metall einfache Dinge sind und nicht alles gerade eine Bedeutung haben muss.
Dann sah sie wieder auf den Bildschirm.
„Irgendjemand hat das alles entschieden“, sagte sie leise. „Irgendjemand hat diese Felder ausgefüllt, diese Freigaben gesetzt, diese Übergaben unterschrieben … und am Ende sitze ich fast dreißig Jahre später hier und lese, wie sauber man ein Kind verschwinden lassen kann.“
Amanda hob den Kopf. „Vorsicht.“
Geraldine lachte kurz, bitter. „Womit … mit der Wahrheit …“
„Damit, dass du gleich anfängst, alles in einen Sack zu werfen“, sagte Amanda. „System, Angriff, Station, Akten, Bachelet, L-57 … und am Ende dich selbst auch noch.“
Geraldine sah sie an, müde und gereizt zugleich. „Vielleicht gehört das ja zusammen.“
„Nein“, sagte Amanda sofort. „Nicht du.“
Die Werkstatt war für einen Moment still genug, dass selbst das Summen vom Terminal zu laut wirkte.
Geraldine blinzelte. „Ich hätte früher suchen können.“
Amanda schnaubte. „Ja. Und ich hätte gestern vielleicht weniger fluchen können. Hilft uns beides exakt gar nicht.“
„Amanda …“
„Nein“, sagte sie, jetzt ruhiger, aber nicht weicher. „Du warst ein Kind. Danach warst du beschäftigt mit Leben. Mit Überleben. Mit Funktionieren. Mit allem, was vor dir lag. Du schuldest deiner Vergangenheit keine perfekte Rechercheleistung.“
Echo stand noch immer an Geraldines Seite, die Arme locker verschränkt, der Blick auf dem Bildschirm, nicht auf Geraldine. Gerade dadurch klang es fast nüchterner, als es war.
„Außerdem“, sagte sie, „wissen wir noch gar nicht, wo Schuld hier überhaupt sitzt. Milo hat ein Format geknackt. Mehr nicht. Das hier sind Daten. Daten lügen nicht direkt, aber sie erklären auch nichts von allein.“
Geraldine atmete langsam aus. „Das heißt …“
„Das heißt“, sagte Echo, „wenn du Antworten willst, brauchst du beides. Die Akte … und den Menschen, der dahintersteht. Bachelet ist nicht die Wahrheit. Aber sie könnte ein Stück davon sein.“
Amanda nickte knapp. „Und genau deshalb verschwenden wir unsere Energie jetzt nicht darauf, wer heute symbolisch vor Gericht kommt.“
Geraldine verzog den Mund. „Schade. Ich war innerlich schon bei einer sehr überzeugenden Anklagerede.“
Amanda hob eine Braue. „Heb sie dir auf. Später. Wenn wir jemanden haben, der sie auch verdient.“
Echo sah Geraldine jetzt doch direkt an. „Und noch was. Wenn wir Bachelet finden, wird das keine nette, saubere Aktenkorrektur. Das wird wahrscheinlich unangenehm. Für dich. Für sie. Vielleicht für alle.“
„Du meinst, ich sollte mir überlegen, wie tief ich graben will“, sagte Geraldine.
„Ja“, sagte Echo. „Bevor du losrennst. Nicht weil ich glaube, dass du umdrehst. Sondern weil ich will, dass du weißt, worauf du dich einlässt.“
Geraldine sah wieder auf den Namen am Bildschirm. Dr. L. Bachelet.
Dann nickte sie langsam.
„Zu spät“, sagte sie leise. „Ich bin längst drin.“
Amanda verzog den Mund zu diesem schiefen, trockenen Fast-Lächeln. „Gut. Dann hören wir jetzt auf, dich selbst anzuklagen … und fangen an, vernünftig unfreundlich zur Wahrheit zu sein.“
Echo zog sich einen zweiten Hocker heran, drehte ihn halb zum Terminal und halb zu den beiden anderen, als würde sie damit Ordnung in etwas bringen, das gerade noch alles andere als ordentlich war.
„Gut“, sagte sie. „Dann machen wir das nicht chaotisch.“
Amanda hob eine Braue. „Schade. Chaotisch ist sonst unser Markenkern.“
Echo ignorierte das. „Drei Schritte. Erstens: Wir sichern heute alles, was Milo lesbar machen kann. Kein Heldentum, kein blinder Aktionismus, keine halben Screenshots, die am Ende wichtiger aussehen, als sie sind.“
Geraldine nickte einmal. Kurz. Kontrolliert.
„Zweitens“, fuhr Echo fort, „Milo zieht uns den nächsten Container auf. Alles, was mit Transfer, Stationsangriff und Übergabeprotokollen zusammenhängt. Das nehmen wir komplett mit.“
Amanda stieß leise die Luft aus. „Und drittens ist hoffentlich der Teil, wo wir endlich irgendwem hinterherfliegen.“
„Fast“, sagte Echo. „Drittens: Wir suchen parallel nach Bachelet. Über Register, medizinische Lizenz, alte Dienstlisten, Stationen, alles, was atmet und archiviert.“
Geraldine sah sie an. „Parallel.“
„Ja“, sagte Echo. „Nicht erst, wenn wir jedes Byte durchgekaut haben. Aber auch nicht blind. Beides läuft gleichzeitig.“
Amanda nickte langsam. „Das ist endlich mal ein Plan, der nicht nur aus emotionalem Vorwärtsstolpern besteht.“
Geraldine verzog den Mund. „Ich stolpere nie emotional. Ich bewege mich nur mit Nachdruck.“
„Natürlich“, sagte Amanda trocken.
Echo sah von einer zur anderen. „Dann die einzige Frage, die zählt. Was ist unser nächster konkreter Ort, sobald wir hier raus sind.“
Geraldine antwortete diesmal ohne Zögern.
„Bachelet.“
Und an ihrer Stimme hörte man, dass der Name aufgehört hatte, nur ein Fund zu sein. Er war jetzt ein Ziel.
Echo sah Geraldine direkt an. „Heute sichern wir alles. Morgen suchen wir Bachelet.“
Geraldine hielt ihrem Blick einen Moment stand, dann nickte sie. „Morgen.“
Amanda hob eine Braue. „Siehst du. Man kann auch jagen, ohne kopflos zu werden.“
„Ich bin nie kopflos“, sagte Geraldine trocken.
„Nein“, murmelte Amanda. „Nur übermotiviert mit Führungsanspruch.“
Echo ignorierte das. „Ich setze noch heute die Suche nach Bachelets Registerdaten an. Milo zieht den nächsten Block. Beides läuft. Aber wir rennen nirgendwo mehr blind rein.“
Geraldine sah noch einmal auf den Namen am Bildschirm. Dann atmete sie aus. Diesmal kontrolliert.
„Gut“, sagte sie. „Heute sichern. Morgen finden wir sie.“
Milo zog das nächste Modul unter seine Lampe, warf einen kurzen Blick auf die laufenden Anzeigen und schüttelte dann den Kopf.
„Für heute ist Schluss“, sagte er. „Ich hab euch die Oberfläche offen. Für den Rest muss ich das Layout sauber zerlegen. Wenn ich jetzt anfange zu raten, mache ich euch mehr kaputt, als ich euch rette.“
Echo nickte sofort. Kein Widerspruch. Kein Versuch, ihn doch noch zu treiben. Sie zog nur die letzten Sicherungen auf zwei getrennte Speicher und prüfte beide noch einmal, als würde sie ihnen erst glauben, wenn sie sich zweimal gleich benehmen.
Amanda stieß sich vom Regal ab. „Klingt nach dem freundlichen Hinweis, dass wir hier heute niemandem mehr im Weg stehen sollten.“
Geraldine sagte erst nichts. Sie stand noch am Terminal, den Blick auf Bachelets Namen geheftet, als könnte sie mit bloßem Willen verhindern, dass er bis morgen wieder nur ein Datensatz war.
Dann atmete sie aus. Langsam. Kontrolliert.
„Gut“, sagte sie. „Dann arbeiten Sie. Und wir kommen morgen wieder.“
Milo hob nur eine Hand, schon halb wieder bei seinen Modulen. „Bringt Kaffee.“
„Unverschämt“, murmelte Amanda.
„Kompetent“, korrigierte Echo trocken und nahm die Speicher ein.
Geraldine löste sich endlich vom Terminal. Nicht abrupt. Eher wie jemand, der akzeptiert, dass ein Kampf für heute vertagt ist und nicht verloren.
Der Weg zurück durch den Gang war ruhiger als zuvor. Kein Pausenraum mehr, kein Rina-Kommentar, kein Fenster zur Werkstatt. Nur das gedämpfte Summen der Station und ihre eigenen Schritte.
An der Luke der Corvette blieb Geraldine kurz stehen, legte die Hand an den Rahmen und sah die beiden anderen an.
„Zurück ins Schiff“, sagte sie. „Heute kriegen wir hier nichts mehr. Also machen wir wenigstens aus dem Warten einen Plan.“
Amanda nickte. „Endlich wieder eine Sprache, die ich verstehe.“
Echo zog den Koffer dichter an sich und ging als Erste die Rampe hoch.
Diesmal folgten Geraldine und Amanda einfach. Ohne Eile. Ohne Umweg.
Für heute war die Werkstatt vorbei.
Aber die Richtung war geblieben.
Die Corvette war klein genug, dass Stille darin nie wirklich still war. Man hörte Systeme atmen, das leise Nachlaufen von Anzeigen, dieses kaum merkliche Vibrieren unter dem Boden, das sagte, dass etwas arbeitete, auch wenn Menschen gerade nur dasaßen.
Geraldine ließ sich im Cockpit nieder, ohne sofort etwas zu sagen. Sie legte die Hände auf die Armlehnen, den Blick nach vorn, in diesen dunklen Ausschnitt aus Metall und Sternen, der immer half, Dinge wieder in Linien zu bringen.
Echo stellte den Koffer ab, diesmal nicht wie eine Reliquie, sondern wie Arbeitsmaterial, das fürs Erste sicher war. Amanda ließ sich schräg auf den Co-Pilotensitz fallen, streckte die Beine aus und sah Geraldine eine Weile nur an.
Es dauerte ein paar Sekunden.
Dann sagte Geraldine ruhig: „Gut. Wir warten nicht einfach. Wir nutzen die Zeit.“
Amanda hob kaum merklich eine Braue. „Da ist sie wieder.“
„Leider“, murmelte Geraldine.
Echo setzte sich ihr gegenüber an die kleine Konsole hinter den Sitzen, zog ein Pad heran und hielt es bereit, ohne schon etwas einzutippen. Einfach für den Fall, dass aus Gedanken ein Plan werden musste.
Geraldine atmete einmal durch. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme fester. Nicht kalt. Aber sortiert.
„Wenn wir Bachelet finden, fangen wir nicht an zu kreisen.“ Sie sah erst Echo an, dann Amanda. „Keine zwanzig Fragen auf einmal. Ich will wissen, welche zuerst zählt.“
Amanda nickte langsam. „Gut. Sonst sitzen wir am Ende vor ihr und fragen gleichzeitig nach Kindheit, Eltern, Bürokratie, Sternenkarte und moralischer Mitverantwortung.“
„Das wäre immerhin effizient“, sagte Echo trocken.
Geraldine verzog kurz den Mund. Dann wurde sie wieder ernst.
„Die erste Frage ist nicht, wer meine Eltern waren“, sagte sie leise. „Nicht zuerst.“
Echo sah auf. „Sicher…?“
„Ja“, sagte Geraldine sofort. „Das will ich wissen. Natürlich will ich das wissen. Aber wenn Bachelet wirklich die Freigabe in L-57 gesetzt hat, dann war sie an dem Punkt da, an dem aus…“ Sie stockte kurz. „Aus mir ein Fall geworden ist. Ein Eintrag. Eine Übergabe.“
Amanda sagte nichts. Das war selten genug, dass es im Raum stehen blieb.
Geraldine lehnte sich ein wenig vor. „Ich will zuerst wissen, was auf L-57 wirklich mit mir passiert ist.“ Jetzt klang sie nicht mehr, als würde sie die Frage erst erfinden. Eher, als hätte sie die ganze Zeit schon da gelegen. „Wer hat entschieden, wohin ich komme. Wer die Betreuungseinheit war. Ob das Routine war oder ob bei mir irgendwas anders lief.“
Echo nickte langsam und tippte zum ersten Mal etwas in ihr Pad. „Gut. Erste Leitfrage: Was geschah nach der Ankunft in L-57 konkret.“
Amanda hob den Finger, als würde sie etwas anmelden. „Und direkt dahinter: Wer hat entschieden. Nicht nur wer unterschrieben hat. Wer entschieden.“
„Ja“, sagte Geraldine. „Genau das.“
Ein paar Sekunden hörte man wieder nur das Schiff.
Dann fragte Echo: „Und die zweite…?“
Geraldine sah hinaus in die Dunkelheit vor dem Cockpit. „Was sie über meine Eltern wusste.“
Amanda legte den Kopf schief. „Nicht ob sie sie kannte… sondern was sie wusste.“
Geraldine nickte. „Wenn sie in L-57 die medizinische Freigabe gesetzt hat, dann hat sie vielleicht keine ganze Lebensgeschichte gekannt. Aber vielleicht die Unterlagen, die mit mir ankamen. Vielleicht mehr, als in den Datensätzen übrig ist. Vielleicht hat sie gesehen, was nicht digitalisiert wurde.“
Echo schrieb wieder mit. „Was lag physisch vor. Was kam mit dem Kind an. Welche Unterlagen. Welche Anweisungen. Welche Ausnahmen.“
Geraldine sah sie kurz an. „Ja.“
Amanda stieß leise die Luft aus. „Und dann kommt die unbequeme Frage.“
Geraldine hob den Blick. „Welche…?“
Amanda hielt ihn ruhig fest. „Ob sie damals nur ihren Job gemacht hat… oder ob sie sich an dich erinnert.“
Der Satz blieb kurz zwischen ihnen.
Echo sagte diesmal nichts sofort. Selbst sie schien zu merken, dass das keine reine Sachfrage war.
Geraldines Stimme war leiser, als sie antwortete. „Ich weiß nicht, was schlimmer wäre.“
Amanda verzog den Mund, aber ohne Spott. „Ja. Willkommen im Club der Antworten, die alle wehtun.“
Echo legte das Pad zur Seite. „Dann machen wir’s anders.“ Sie sprach jetzt klarer, technischer fast, als würde sie damit das Gewicht besser tragbar machen. „Wir bauen die Fragen in einer Reihenfolge, die uns etwas bringt, selbst wenn sie blockt.“
Geraldine nickte sofort. Das war wieder Terrain, auf dem sie gehen konnte.
Echo zählte an den Fingern ab. „Erstens: Bestätigen, dass sie auf L-57 war und welche Funktion sie genau hatte. Zweitens: Aufnahmeprozess für Kinder damals. Drittens: dein Fall konkret. Viertens: Elternunterlagen und Herkunftsstation. Fünftens: Gibt es noch physische Akten, Zweitregister oder Namen anderer Beteiligter.“
Amanda grinste schief. „Siehst du. Jetzt klingt es wieder wie ein Verhör, das mir gefällt.“
„Es ist kein Verhör“, sagte Geraldine automatisch.
Amanda sah sie nur an.
Geraldine hielt dem Blick zwei Sekunden stand und gab dann auf. „Es ist ein sehr höfliches Verhör.“
Echo schnaubte leise.
Zum ersten Mal seit der Werkstatt war da wieder ein Hauch von normal zwischen ihnen. Nicht viel. Aber genug.
Geraldine lehnte sich zurück, schloss für einen Moment die Augen und öffnete sie wieder. Als sie sprach, war da wieder dieser Ton, den Amanda vorhin vermisst hatte: nicht das Kind aus den Akten, sondern die Frau, die aus Chaos Richtung macht.
„Gut“, sagte sie. „Dann frage ich sie nicht nach allem.“ Sie sah zwischen den beiden hin und her. „Ich frage sie nach dem Punkt, an dem mein Leben in fremde Hände gegangen ist.“
Amanda nickte langsam. „Das ist eine gute erste Tür.“
Echo nahm das Pad wieder auf und hielt es fest, als wäre damit etwas beschlossen. „Und wenn sie die nicht aufmacht… finden wir die nächste.“
Geraldine sah auf das dunkle Glas vor sich, in dem sich das Cockpit nur schwach spiegelte.
„Nein“, sagte sie leise. „Diesmal nicht nur die nächste.“
Sie atmete ein, ruhig, tief, kontrolliert.
„Diesmal finden wir die richtige.“