Kapitel 55 – Nur für eine Tür

Der Morgen kam nicht freundlich.

Geraldine wurde wach, weil ihr Nacken protestierte, noch bevor sie die Augen richtig aufhatte. Die Corvette war vieles, aber ganz sicher kein Ort, an dem drei Menschen freiwillig eine Nacht verbringen sollten. Irgendwo hatte Amanda im Halbschlaf einmal geflucht, Echo sich irgendwann zusammengerollt wie jemand, der aus Prinzip auch auf einer Werkzeugkiste schlafen könnte, und Geraldine selbst hatte das Gefühl, in jeder denkbaren Haltung einmal unbequem gewesen zu sein.

Als sie sich aufrichtete, knackte es leise in ihrem Rücken.

„Großartig“, murmelte sie. „Ich fühle mich wie ein schlecht verladenes Ersatzteil.“

Von der anderen Seite kam Amandas Stimme, rau vom Schlaf. „Dann pass auf, dass dich niemand katalogisiert.“

Echo blinzelte sich in den Morgen, strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und sah aus, als hätte sie zwar schlecht, aber effizient geschlafen. „Wie spät…“

Geraldine warf einen Blick auf die Anzeige. „Spät genug, um zuzugeben, dass wir eine dumme Idee hatten.“

Amanda setzte sich langsam auf, verzog das Gesicht und fuhr sich über den Nacken. „Nein. Die Idee war gut. Nur das Bett war scheiße.“

Für einen Moment sagte keine von ihnen etwas. Nur das leise Summen der Corvette war da, das trockene Gefühl einer Nacht in Kleidung, und dieses kollektive Wissen, dass man jetzt erst mal wieder Mensch werden musste.

Dann stand Geraldine auf und strich ihre Jacke glatt, als wäre damit schon die Hälfte des Problems gelöst.

„Kommt“, sagte sie. „Bevor wir anfangen, hier Wurzeln zu schlagen. Wir suchen uns eine Dusche… und dann irgendwas, das sich mit viel Fantasie Frühstück nennen lässt…“

Die Station am Morgen war kein anderer Ort als in der Nacht. Nur ehrlicher.

Weniger geheimnisvoll. Mehr Gebrauch. Die Gänge wirkten im kalten Licht der Schichtbeleuchtung schmaler, die Wandpaneele stumpfer, und irgendwo roch es nach Reinigungsmittel, das gegen Metall und alte Luft nie ganz gewann. Leute liefen an ihnen vorbei, müde Gesichter, Kaffeebecher, Werkzeuggurte, keiner mit Zeit für große Neugier. Die Corvette hatte gestern vielleicht Eindruck gemacht. Heute waren sie nur drei Frauen, die aussahen, als hätten sie schlecht geschlafen und bessere Pläne gehabt.

„Duschen zuerst“, murmelte Amanda, als sie an einer Reihe halb abgegriffener Hinweisschilder vorbeikamen. „Wenn ich noch länger so rumlaufe, fange ich an, mich selbst für einen Motorschaden zu halten.“

Echo leuchtete nicht einmal auf das Schild, sie hatte die Richtung schon. „Da vorn. Sanitärblock.“

„Natürlich weißt du das“, sagte Amanda.

Echo zuckte mit einer Schulter. „Stationen sind am Ende alle gleich. Nur der schlechte Geschmack ist unterschiedlich.“

Geraldine sagte nichts. Sie ging zwischen ihnen, die Hände in den Jackentaschen, den Blick geradeaus. Nicht angespannt wie am Vortag. Eher gesammelt. Als hätte die unbequeme Nacht wenigstens den Vorteil gehabt, dass man sich am Morgen keine Illusionen mehr machen musste.

Die Duschen waren genau das, was man auf so einer Station erwarten durfte: funktional, heiß genug, zu laut und ohne jeden Charme. Aber das Wasser tat, was es sollte. Es spülte Staub, Schlaf und den abgestandenen Geruch der Corvette aus Haut und Haaren, und für zehn Minuten war die Welt nur Druck auf den Schultern und Wärme im Nacken.

Als Geraldine danach wieder im Gang stand, die Haare noch feucht und der Kaffee-Geruch aus der Kantine schon irgendwo in der Luft, fühlte sie sich nicht besser. Aber brauchbarer.

„Na bitte“, sagte Amanda, als sie aus dem anderen Bereich zu ihnen stieß. „Fast wieder gesellschaftsfähig.“

Echo musterte sie einmal. „Fast.“

„Du bist heute früh schon eine Freude.“

„Ich bin immer eine Freude. Die Leute merken es nur selten.“

Die Kantine war größer, als Geraldine erwartet hatte, und zugleich unbedeutender. Metalltische, eingekerbte Oberflächen, Automaten an der Wand, eine Ausgabe, hinter der etwas Warmes in Behältern vor sich hin dampfte, ohne den Ehrgeiz zu haben, appetitlich zu wirken. In einer Ecke saßen zwei Bergungstechniker mit halboffenen Overalls und diskutierten über irgendeinen Greiferarm. Weiter hinten dösten Leute über Bechern, die mehr Pflicht als Genuss waren.

Amanda warf einen Blick über das Angebot und verzog den Mund. „Gut. Dann weiß ich jetzt, wie Verzweiflung in Tablettform aussieht.“

„Nimm das mit den Eiern“, sagte Echo.

Amanda sah sie an. „Woher willst du wissen, dass das Eier sind.“

Echo antwortete nicht.

Geraldine nahm Kaffee, etwas, das entfernt nach Brot aussah, und ein warmes Irgendwas, das sie erst als solches identifizierte, nachdem sie beschlossen hatte, nicht weiter darüber nachzudenken. Amanda kommentierte jedes zweite Tablett in Hörweite, Echo ignorierte alles außer dem Kaffee, und am Ende setzten sie sich mit ihrem Frühstück in die abgelegenste Ecke, die der Raum hergab. Nicht versteckt. Aber weit genug weg, dass Gespräche dort nicht zufällig an ihnen hängen blieben.

Für einen Moment aßen sie einfach.

Besteck auf Metall. Das Summen der Lüftung. Stimmen aus der Ferne. Und zwischen ihnen dieses seltsame Nachgefühl von gestern, das noch da war, aber im Morgenlicht anders wirkte. Weniger wie ein Schlag. Mehr wie etwas, das jetzt mit ihnen am Tisch saß.

Amanda lehnte sich zurück und deutete mit der Gabel auf Geraldines Tablett. „Du guckst, als hättest du vor, das Essen zu verhören.“

„Ich prüfe nur, ob es zuerst mich angreift.“

„Fair.“

Echo saß ihnen gegenüber, die Hände um den Becher gelegt, und sah Geraldine eine Weile an, ohne gleich etwas zu sagen. Nicht aus Zögern. Eher, weil sie den richtigen Moment abwartete.

Dann stellte sie den Becher hin.

„Wie bist du da eigentlich rausgekommen…“ fragte sie ruhig. „Aus L-57 meine ich…“

Geraldine hob den Blick nur kurz von ihrem Kaffee… dann wieder zurück, als könnte die Oberfläche ihr beim Antworten helfen…

„Gar nicht…“, sagte sie.

Echo legte den Kopf leicht schief… „Gar nicht…“

Geraldine atmete durch… langsam… kontrolliert… „Ich bin da nicht rausgekommen… Ich wurde verlegt…“

Amanda sagte nicht sofort etwas. Sie strich erst mit der Gabel durch etwas, das auf ihrem Tablett vermutlich Gemüse sein sollte, und hob dann den Blick.

„Die Version kenne ich…“, sagte sie ruhig. „Grob. Sehr grob.“ Sie zuckte mit einer Schulter. „Irgendwann hast du mal erzählt, dass sie dich mit fünfzehn in ein Ausbildungsprogramm gesteckt haben… und dass du froh warst, aus L-57 raus zu sein, auch wenn’s nicht wirklich Freiheit war…“

Geraldine nickte einmal. „Ja… so ungefähr…“

Amanda sah sie über den Rand ihres Bechers hinweg an. Kein Druck. Eher etwas, das selten genug war, dass es sofort Gewicht bekam.

„Aber die ganze Version kenne ich nicht…“, sagte sie. „Die hab ich nie gefragt… Oder du hast sie mir nie gegeben… Wahrscheinlich beides…“

Echo sagte nichts dazu. Sie blieb einfach still genug, dass Geraldine nicht das Gefühl haben musste, in irgendetwas hineingeredet zu werden.

Geraldine sah zwischen den beiden hin und her… und an ihrem Gesicht konnte man sehen, dass ihr gerade bewusst wurde, was genau da am Tisch saß.

Nicht Neugier.

Vertrauen.

Sie ließ den Becher los… lehnte sich ein Stück zurück… und ein müdes, schiefes Lächeln zuckte durch ihr Gesicht…

„Ich war nie besonders gut darin, daraus eine Geschichte zu machen…“, murmelte sie. „Es klang immer eher wie ein Formular…“

Amanda hob eine Braue. „Dann versuchen wir’s heute mal ohne Formular…“

Geraldine schnaubte leise… diesmal fast warm…

Dann wurde sie wieder ruhig.

„Mit fünfzehn“, sagte sie. „Da haben sie entschieden, dass ich für den Kinderbereich zu alt bin… und für alles andere gerade alt genug…“

Echo hielt ihren Blick jetzt fest… aufmerksam… aber ohne jede Hektik…

„Und dann?…“, fragte sie leise.

Geraldine sah in ihren Kaffee, als würde sie darin einen alten Gang wiederfinden.

„Dann haben sie mich in ein technisches Ausbildungsprogramm verlegt…“

Geraldine schwieg einen Moment, als müsste sie die Begriffe erst in die richtige Reihenfolge bringen. Nicht, weil sie sie vergessen hatte. Sondern weil manche Wörter auch nach Jahren noch nach Akte klingen.

„Das war kein großer Übergang“, sagte sie schließlich. „Kein Abschied. Kein Du hast es geschafft. Eher… ein neuer Eintrag.“

Amanda sagte nichts. Echo auch nicht. Also redete Geraldine weiter.

„Sie haben mich getestet. Nicht nur einmal. Immer wieder. Konzentration. Reaktion. Technisches Verständnis. So Zeug.“ Sie zuckte mit einer Schulter. „Ich war nie besonders gut mit Menschen. Aber bei Maschinen… da war wenigstens klar, wenn etwas kaputt war.“

Amanda hob den Becher. „Sympathischer als die meisten Leute.“

„Deutlich“, murmelte Geraldine.

Dann wurde sie wieder ernster.

„Mit fünfzehn kam die Verlegung. Kein feierlicher Moment. Ich bekam gesagt, dass ich in ein technisches Ausbildungsprogramm komme. Als wäre das eine Belohnung.“ Ihr Mund verzog sich kurz. „War es vielleicht sogar. Nur nicht auf die schöne Art.“

Echo stützte die Unterarme auf den Tisch. „Wohin…“

„Zu einem Wartungsdock. Nicht groß. Nicht wichtig. Genau die Art Ort, wo alles landet, was niemand mit Stolz anfassen will.“ Geraldines Blick ging an den beiden vorbei, als würde sie das Dock wieder vor sich sehen. „Alte Shuttles. Arbeitskähne. verschlissene Frachter. Module, die schon dreimal hätten ersetzt werden sollen und stattdessen mit Hoffnung und Draht zusammengehalten wurden.“

Amanda grinste schief. „Du meinst, du warst sofort zuhause.“

Geraldine schnaubte leise. „Fast.“

Sie nahm einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht und stellte den Becher wieder ab.

„Die Ausbildung selbst war hart, aber ehrlich. Endlich mal keine Erziehungspläne, keine Betreuungssprache, kein Wir wollen nur dein Bestes. Da gab’s Listen, Werkzeuge, Fehler. Wenn du Mist gebaut hast, war etwas kaputt. Wenn du’s richtig gemacht hast, lief es wieder. Das war… übersichtlicher.“

Echo nickte langsam. „Und da hast du’s gelernt.“

„Da hab ich angefangen“, sagte Geraldine. „Wartung. Diagnose. Hüllen flicken. Leitungen tauschen. Improvisieren, ohne dass es gleich improvisiert aussehen darf.“ Ein kurzes, trockenes Lächeln. „Und irgendwann haben sie gemerkt, dass ich Geduld mit Schiffen hatte, die andere schon aufgegeben hatten.“

Diesmal sagte Amanda nichts Witziges.

Sie sah Geraldine nur an und meinte dann ruhig:

„Klingt, als hätten sie aus Versehen genau das Richtige mit dir gemacht.“

Geraldine ließ den Blick in den Kaffee sinken.

„Ja“, sagte sie leise. „Nur dass es sich damals nicht wie das Richtige angefühlt hat. Nur wie die nächste Verlegung…“

Geraldine drehte den Becher zwischen den Händen, als würde sie das alte Dock darin wiedersehen.

„Der Ort selbst war nichts Besonderes“, sagte sie. „Zu klein, um stolz auf sich zu sein. Zu beschäftigt, um sich dafür zu schämen. Viel Lärm, viel Staub, überall halboffene Paneele, Werkzeugwagen, Leute mit zu wenig Schlaf und zu viel Meinung.“

Amanda grinste schief. „Klingt vertraut.“

„Ja“, sagte Geraldine trocken. „Nur dass ich damals noch dachte, die meisten Probleme wären Maschinen.“

Echo sagte nichts. Sie hörte nur zu.

„Am Anfang war ich für die meisten dort kein Azubi“, fuhr Geraldine fort. „Ich war das Mädchen aus irgendeinem Programm. Der nächste Versuch von irgendeiner Verwaltungsidee. Jemand, den man entweder ignoriert oder erst mal klein hält, bis er von allein verschwindet.“

Amanda lehnte sich zurück. „Klassiker.“

„Mhm.“ Geraldine nahm einen Schluck Kaffee, verzog kaum merklich das Gesicht und stellte den Becher wieder ab. „Die ersten Wochen hab ich fast nur Drecksarbeit bekommen. Reinigung. Teile sortieren. Altleitungen ziehen. Ausschlachten, was nicht mehr zu retten war. Und wenn mir jemand was erklärt hat, dann oft so, als müsste ich erst noch lernen, wo vorne und hinten am Schraubenschlüssel ist.“

Echo hob eine Braue. „Und du hast WAS gemacht?“

„Zugehört“, sagte Geraldine. „Gemerkt, wer wirklich Ahnung hat und wer nur gern seine eigene Stimme hört.“

Amanda schnaubte. „Auch Klassiker.“

Geraldines Mundwinkel zuckten kurz. Dann wurde ihr Blick wieder weiter, älter.

„Es waren nicht alle gleich“, sagte sie. „Ein paar haben mich einfach arbeiten lassen. Einer davon war ein alter Techniker namens Brenn. Wortkarg, schlechte Laune, Hände wie Werkbankklemmen. Der hat nie viel gesagt. Aber wenn du etwas ordentlich gemacht hast, hat er dir am nächsten Tag was Schwierigeres hingeschoben. Das war bei ihm schon fast Zuneigung.“

Echo nickte langsam. „So Leute sind Gold wert.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Weil sie Leistung sehen und nicht das, was sie vorher über dich beschlossen haben.“

Amanda sah sie über den Rand ihres Bechers an. „Und die anderen?“

Geraldine atmete einmal durch. „Die anderen waren… laut. Nicht immer böse. Aber anstrengend. Sprüche. Tests. Wetten, wie lange ich durchhalte. Dieses gönnerhafte Grinsen, wenn man dir etwas zeigt, das du längst verstanden hast. Und wenn du’s dann besser machst, tun sie so, als hätten sie es dir beigebracht.“

Echo legte die Hände um ihren Becher. „Hast du damals schon zurückgeschossen?“

Geraldine schüttelte leicht den Kopf. „Nicht sofort. Erst hab ich beobachtet. Wer nur redet. Wer wirklich Einfluss hat. Wer gefährlich ist und wer nur dumm.“ Sie sah kurz zwischen den beiden hin und her. „Das lernt man auf L-57 ziemlich früh.“

Amanda sagte darauf nichts. Sie musste nicht.

Geraldine sah wieder auf den Tisch. „Ich hab mir meinen Platz da nicht mit einem großen Moment geholt. Eher mit vielen kleinen. Nicht jammern. Nicht erklären. Arbeiten. Dinge reparieren, die keiner mehr anfassen wollte. Fehler finden, bevor sie anderen aufgefallen sind. Und irgendwann wurde aus dem Mädchen aus dem Programm die, die man ruft, wenn irgendwas nicht so will wie es soll.“

Echo nickte ein einziges Mal. „Das klingt eher nach dir.“

Geraldine schnaubte leise. „Später vielleicht. Damals war ich einfach nur müde und zu stur, um wieder irgendwo rauszufliegen.“

Amanda hob die Gabel leicht an. „Und dann kam vermutlich der Moment, in dem irgendein Vollidiot beschlossen hat, dass du nicht nur zur Werkstatt, sondern auch zu ihm gehörst.“

Geraldine sah sie an.

„Ja“, sagte sie ruhig. „Der kam auch.“

Geraldine ließ den Blick einen Moment in ihrem Kaffee hängen, als würde sie prüfen, wie viel von der Erinnerung sie wirklich aussprechen wollte.

„Er hieß Taren“, sagte sie schließlich. „Nicht wichtig. Nur laut. So einer, der jeden Raum für seinen hält, wenn keiner ihn daran hindert.“

Amanda verzog den Mund. „Klingt jetzt schon sympathisch.“

„War er nicht“, sagte Geraldine trocken. „Am Anfang nur Sprüche. Nichts Besonderes. Dieses ganze gönnerhafte Zeug. Ob ich den Schraubenschlüssel auch richtig rum halte. Ob ich wüsste, dass ein Wartungsschacht kein Schminkspiegel ist. Solcher Müll.“

Echo hob leicht die Braue. „Originell.“

„Gar nicht“, sagte Geraldine. „Eher faul.“

Sie strich mit dem Daumen über den Rand ihres Bechers. „Irgendwann stand ich an einer offenen Verkleidung von einem alten Shuttle und hatte einen Kabelstrang neu gelegt. Nichts Großes. Aber fummelig. Und ich war gerade an dem Punkt, wo man am besten niemanden braucht, der atmet.“

Amanda nickte sofort. „Der gefährlichste Punkt.“

„Genau.“ Geraldine atmete aus. „Und dann kam er von hinten, stellte sich viel zu dicht neben mich und fing an, mir zu erklären, was ich da angeblich falsch mache. Ich hab ihn erst ignoriert. Dann hat er sich noch weiter reingeschoben, griff nach meinem Handgelenk und meinte, wenn ich es schon nicht kapiere, würde er’s mir eben führen.“

Echo sagte nichts. Aber ihre Finger legten sich fester um den Becher.

„Und?“ fragte Amanda.

Geraldine sah sie kurz an. Ruhig. Fast kühl. „Und dann hab ich ihm sehr deutlich erklärt, dass er mich nicht anfasst.“

Amanda wartete. „Mit Worten?“

„Erst mit Worten“, sagte Geraldine. „Ich hab mich rausgedreht, seinen Griff abgeschüttelt und ihn angesehen. Direkt. Und ich hab gesagt: Wenn du mir was zeigen willst, benutz Worte. Fass mich noch mal an und du ziehst den Arm mit weniger Teilen zurück, als du gekommen bist.“

Echo schnaubte leise in ihren Kaffee.

Amanda dagegen grinste offen. „Da ist sie.“

Geraldines Mundwinkel zuckten nur kurz. „Er hat natürlich gelacht. Nicht weil’s lustig war. Eher weil solche Typen immer erst glauben, es sei ein Witz, wenn eine Frau keine Angst vor ihnen hat.“

„Klassischer Denkfehler“, murmelte Amanda.

„Ja.“ Geraldine nickte. „Er hat noch irgendeinen Spruch gemacht. Irgendwas mit empfindlich. Und dann stand plötzlich Brenn neben uns.“

Echo hob den Kopf. „Der mit den Werkbankhänden?“

„Genau der.“ Geraldine lehnte sich ein Stück zurück. „Er hat Taren nur einmal angesehen und gesagt: Wenn du noch Zeit hast, ihr auf die Nerven zu gehen, hab ich offenbar zu wenig Arbeit für dich. Dann hat er auf mich gezeigt und hinterhergeschoben: Und wenn sie den Kabelstrang besser legt als du, hältst du ab jetzt wenigstens dabei den Mund.“

Amanda stieß hörbar die Luft aus. „Ich mag Brenn.“

„Ich auch“, sagte Geraldine. „Nicht, weil er mich gerettet hat. Das hätte ich nicht gebraucht. Aber weil er in dem Moment klargemacht hat, dass das kein Spiel ist.“

Echo nickte langsam. „Und danach?“

Geraldine sah kurz zur Seite. „Danach wurde es nicht nett. Aber klarer. Taren hat mich in Ruhe gelassen. Die anderen auch ein Stück mehr. Nicht aus Respekt. Noch nicht. Eher weil sie gemerkt haben, dass ich nicht dafür da bin, ihren Tag interessanter zu machen.“

Amanda hob den Becher. „Ein würdiger Leitsatz.“

Geraldine schnaubte leise. „War damals eher Überleben als Leitsatz.“

Sie schwieg kurz. Dann sagte sie, deutlich leiser:

„Ich hab da ziemlich schnell gelernt, dass ich mich in solchen Räumen nicht darauf verlassen kann, dass irgendwer für mich Grenzen zieht. Also hab ich’s selbst gemacht.“

„Die Ausbildung hat drei Jahre gedauert“, sagte Geraldine nach einer Weile. „Am Anfang hab ich noch gezählt. Wochen, Monate, Schichten. Irgendwann nicht mehr. Da war nur noch Arbeit.“

Sie sprach ruhiger jetzt, fast sachlich. Nicht weil es leicht war. Sondern weil diese Jahre sich in ihr eher als Rhythmus gespeichert hatten als als einzelne Erinnerungen.

„Morgens rein. Irgendwas war kaputt. Abends raus. Manchmal lief es wieder, manchmal nur gerade so genug. Und dazwischen lernst du schnell, was wichtig ist und was nur laut.“

Amanda nickte leicht. „Klingt nach einer ehrlichen Erziehung. Auf eine sehr fragwürdige Art.“

Geraldine schnaubte leise. „Ja. Aber ehrlich.“

Sie nahm einen Schluck Kaffee und sah dann kurz zwischen den beiden hin und her.

„Mit achtzehn war die Ausbildung offiziell vorbei. Zertifikat. Unterschrift. Ein paar Sätze darüber, dass ich mich bewährt hätte.“ Ihr Mund verzog sich schmal. „Ich weiß noch, dass ich das Papier angesehen habe und dachte: Gut. Und jetzt?“

Echo hielt ihren Blick fest. „Und dann?“

Geraldine lehnte sich ein Stück zurück.

„Dann haben sie mich nicht gehen lassen. Nicht wirklich. Sie haben mich übernommen.“

Amanda hob die Braue. „Anschlussvertrag?“

„So ungefähr“, sagte Geraldine. „Unterkunft, Verpflegung, Arbeit. Alles sauber genug, damit es wie ein Angebot aussieht. Aber am Ende war es nur die nächste Form von Gebundensein.“

Echo nickte langsam. „Du warst nützlich geworden.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Und nützlich wird selten einfach freigelassen.“

„Die Jahre danach waren die härteren“, sagte Geraldine. „Nicht, weil die Arbeit schlimmer wurde. Sondern weil ich alt genug war, um zu merken, dass ich offiziell fertig war… und trotzdem noch nicht frei.“

Amanda zog die Braue hoch. „Das ist eine besonders hässliche Sorte von Vertrag.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Vor allem, wenn du vorher aus einem System kommst, in dem dir ständig erzählt wird, dass alles zu deinem Besten ist.“

Echo sagte nichts. Aber sie sah Geraldine so an, als würde sie jedes Wort ablegen.

„Sie haben mich übernommen“, fuhr Geraldine fort. „Feste Schichten. Fester Bereich. Unterkunft weiter auf dem Dock. Verpflegung. Ein paar Credits. Gerade genug, dass es nach Anfang aussah und nicht nach Fortsetzung.“

Amanda schnaubte leise. „Sauber verpackte Unfreiheit.“

„Genau“, sagte Geraldine.

Sie drehte den Becher ein Stück zwischen den Fingern.

„In der Ausbildung durfte ich noch lernen. Danach sollte ich funktionieren. Da kamen dann die Arbeiten, die keiner mit Ehrgeiz gemacht hat. Schleppende Frachter mit halbtoten Kühlsystemen. Shuttles, die offiziell noch flugtauglich waren und inoffiziell nur durch Gebete zusammenhielten. Arbeitskähne, bei denen man sich bei jedem geöffneten Panel gefragt hat, ob der Vorbesitzer Werkzeug kannte oder nur Gewalt.“

Amanda grinste schief. „Ah. Romantik.“

„Mhm.“

Geraldines Blick ging wieder etwas weiter weg.

„Es war viel Nachtschicht. Viel Dreck. Viel von dem Zeug, das erledigt sein musste, bevor irgendwer am Morgen geschniegelt durch den Hangar laufen und so tun konnte, als wäre alles unter Kontrolle.“ Sie zuckte leicht mit einer Schulter. „Und ich war gut darin. Nicht schnell. Nicht glänzend. Aber gründlich.“

Echo nickte langsam. „Du warst die, die nicht aufhört, nur weil etwas nervt.“

„Ja“, sagte Geraldine trocken. „Einer musste es ja tun.“

Amanda nahm einen Schluck und musterte sie über den Becherrand. „Und das Fliegen? Kam das da schon?“

„Ein bisschen“, sagte Geraldine. „Nicht als Pilotin. Eher als Verlängerung von Wartung. Testläufe. Rangieren. Kurze Transfers zwischen Docks. Gerade genug, damit du merkst, ob ein Schiff wieder auf dich hört oder nur so tut.“

„Also genau die gefährliche Menge“, murmelte Amanda.

Geraldine schnaubte leise. „Vermutlich.“

Dann wurde sie wieder ruhiger.

„Ich hab in den Jahren viel gelernt, was in keinem Ausbildungsplan stand. Wie man mit zu wenig Teilen arbeitet. Wie man bei Leuten verhandelt, die dir nur Schrott geben und ein Wunder erwarten. Wie man merkt, ob ein Schiff ehrlich kaputt ist oder ob nur jemand zu faul war, richtig hinzusehen.“

Echo hob leicht die Braue. „Und wie man bleibt.“

Geraldine ließ den Blick kurz auf ihr liegen.

„Ja“, sagte sie. „Vor allem das.“

Für einen Moment war nur Kantinenlärm um sie herum.

Dann fragte Amanda: „Und wann hast du gemerkt, dass du da nicht alt werden willst?“

Geraldines Mund verzog sich schmal.

„Nicht an einem Tag“, sagte sie. „Eher daran, dass ich irgendwann jedes Mal, wenn ein Schiff das Dock verließ, kurz hinterhergesehen habe… und nicht wegen der Arbeit.“

Geraldine hielt den Blick noch einen Moment auf ihrem Becher, dann nickte sie leicht.

„Gegen Ende dieser Jahre“, sagte sie. „Also nicht sofort. Ich war zu dem Zeitpunkt 21. Als ich gemerkt habe, dass ich längst Arbeiten übernehme, für die andere deutlich besser bezahlt wurden.“

Amanda zog die Braue hoch. „Ach. Das Dock war also großzügig, solange Großzügigkeit nichts kostet?“

„Überraschenderweise ja“, sagte Geraldine trocken.

Echo hörte still zu, die Hände um ihren Kaffee gelegt.

„Am Anfang hab ich das gar nicht so klar gesehen“, fuhr Geraldine fort. „Ich hatte ein Dach über dem Kopf, Essen, Arbeit. Nach L-57 klang das erst mal fast schon nach einem Leben.“ Sie zuckte mit einer Schulter. „Aber irgendwann war ich nicht mehr nur in der Werkstatt. Ich bin mit raus. Außeneinsätze. Notreparaturen. Kurze Überführungen. Solcher Kram.“

Amanda nickte. „Also die Jobs, bei denen plötzlich auffällt, wer wirklich liefern kann.“

„Genau.“ Geraldine sah kurz zu ihr. „Und irgendwann stand ich nach so einem Einsatz vor einem Piloten, dessen Kiste eigentlich schon tot war. Ich hab sie wieder anspringen lassen, damit er überhaupt vom Außenring runterkam. Der wollte mir direkt etwas zustecken.“

Echo hob den Blick. „Und?“

Geraldines Mund verzog sich schmal. „Und mein Vorarbeiter hat’s eingesackt, bevor ich den Mund aufmachen konnte. Mit dem Satz, das läuft über das Dock.“

Amanda schnaubte. „Natürlich lief es über das Dock.“

„Ja.“ Geraldine drehte den Becher ein Stück. „Da hat’s bei mir zum ersten Mal richtig klick gemacht. Nicht, weil ich plötzlich reich werden wollte. Sondern weil mir klar wurde, dass ich die Probleme löse und andere entscheiden, was das wert ist.“

Echo sagte nichts. Aber man sah ihr an, dass sie genau da den Punkt verstand.

„Brenn hat das gemerkt“, sagte Geraldine dann. „Nicht in einer großen Szene. Eher so, wie er alles gemerkt hat. Irgendwann stand er einfach neben mir, als ich mich über irgendeinen Abrechnungszettel geärgert habe, und meinte: Du bist hier nicht fest, weil du musst. Du bist hier fest, weil sie darauf setzen, dass du nicht gehst.“

Amanda ließ langsam die Luft aus. „Den Satz hätte ich gern früher in meinem Leben gehört.“

Geraldine nickte. „Ich auch.“

„Und dann?“ fragte Echo.

„Dann hat er mir erklärt, wo die Tür ist.“ Geraldines Stimme wurde ruhiger. „Der Vertrag war nicht unkündbar. Natürlich nicht. Aber praktisch kam keiner raus, weil niemand genug Rücklagen hatte, keine Kontakte, keine Anschlussarbeit. Brenn kannte jemanden draußen. Einen alten Kollegen, der freie Techniker für Außeneinsätze vermittelt hat. Nichts Glamouröses. Aber echtes Geld. Echte Bezahlung. Und vor allem etwas, das nicht mehr über das Dock lief.“

Amanda lehnte sich ein Stück vor. „Brenn hat dir also keinen Ausbruch organisiert. Er hat dir gezeigt, dass es überhaupt einen Ausgang gibt.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Genau das.“

Echo nickte langsam. „Und du bist gegangen?“

Geraldine sah in ihren Kaffee, als läge die Antwort dort schon lange.

„Nicht sofort“, sagte sie. „Aber da wusste ich zum ersten Mal, dass ich nicht für immer dort bleiben würde.“

„Der Rest war weniger dramatisch, als er klingt“, sagte Geraldine. „Nur härter. Und freier.“

Sie strich mit dem Daumen über den Rand ihres Bechers, als würde sie damit Jahre glätten.

„Als ich dann raus war, lief erst mal nichts gerade. Keine große Karriere. Keine heroischen Aufträge. Eher das Zeug, das übrig bleibt, wenn alle anderen schon abgewinkt haben. Außeneinsätze. Notreparaturen. Überführungen. Schiffe, die keiner mochte. Orte, an die keiner wollte.“

Amanda nickte. „Also genau dein Beuteschema.“

„Damals war es eher Überleben als Beuteschema“, sagte Geraldine trocken. „Ich hab genug verdient, um nicht wieder irgendwo festzusitzen. Das war am Anfang schon fast Luxus.“

Echo lehnte sich ein Stück vor. „Und irgendwann wurde daraus mehr.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Langsam. Erst kannten zwei Leute meinen Namen. Dann fünf. Dann hieß es plötzlich: Frag Geraldine. Die kriegt das hin. Nicht schön. Nicht schnell. Aber hin.“

Amanda grinste schief. „Das klingt verdächtig bekannt.“

Geraldines Mundwinkel zuckten kurz. Dann wurde sie wieder ruhiger.

„Ich hab in der Zeit fast alles genommen, was Geld brachte. Schlechte Schichten. Schlechte Orte. Schlechte Chancen. Aber ich hab gespart.“ Sie sah kurz von einer zur anderen. „Nicht für ein schönes Leben. Nur für eine Tür.“

Echo fragte nicht sofort. Dann doch: „Die Sidewinder?“

Geraldine nickte.

„Mit vierundzwanzig war ich an einem Punkt, an dem ich weiter für andere fliegen konnte… oder endlich für mich.“ Sie atmete einmal aus. „Und das war kein kluger Kauf. Nicht auf dem Papier. Die Kiste war alt, billig, mehr Hoffnung als Schiff. Aber sie war meine.“

Amanda hob den Becher leicht an. „Alles auf eine Karte.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Ich hatte Rücklagen. Nicht viele. Gerade genug, dass ein vernünftiger Mensch gesagt hätte: Lass es.“

„Und du dachtest?“, fragte Echo.

Geraldine sah in ihren Kaffee und lächelte dieses schmale, trockene Lächeln, das nie nach Romantik klingt und trotzdem genau dahin zielt.

„Ich dachte: Wenn ich noch länger darauf warte, dass sich Freiheit sicher anfühlt, bleibe ich für immer da, wo andere mich hinstellen.“

Amanda ließ langsam die Luft aus. „Das ist leider ein sehr guter Satz.“

Geraldine hob die Schultern.

„Also hab ich die Sidewinder gekauft“, sagte sie. „Und zum ersten Mal in meinem Leben war etwas kaputt, schwierig, riskant und trotzdem ganz eindeutig meins.“

Das Gespräch lief nicht wirklich aus. Es setzte sich nur langsam hin.

Eine Weile sagte keine von ihnen etwas. Die Kantine war noch dieselbe wie vorhin, aber der Tisch zwischen ihnen fühlte sich voller an als jedes Tablett. Geraldine saß stiller als sonst, nicht erschöpft, eher geleert auf eine brauchbare Art. Als hätte sie gerade etwas ausgesprochen, das jahrelang keinen richtigen Platz gehabt hatte.

Amanda schob ihr Tablett ein Stück von sich weg. „Gut“, sagte sie schließlich. „Dann wissen wir jetzt wenigstens, woher dieser völlig ungesunde Drang kommt, kaputte Schiffe zu retten.“

Geraldine hob eine Braue. „Ungesund?“

„Vollkommen“, sagte Amanda. „Aber beeindruckend.“

Echo sagte nichts. Sie sah Geraldine nur einen Moment an, ruhig, aufmerksam, ohne etwas daraus zu machen. Genau das machte es schlimmer und besser zugleich.

Geraldine nahm den letzten Schluck Kaffee, verzog das Gesicht und stellte den Becher ab. „Wenn das hier das gute Zeug war, will ich das schlechte nicht kennenlernen.“

„Zu spät“, sagte Amanda. „Ich glaube, das hier war schon das schlechte.“

Da tauchte Milo in der Tür der Kantine auf, die Datenbrille wieder schief auf der Stirn, als wäre sie dort festgewachsen. Er sah sich einmal um, fand sie sofort und hob nur zwei Finger.

„Ich hab noch was“, sagte er. Nicht laut. Aber so, dass klar war, dass es keine Einladung auf später war.

Echo war schon halb aufgestanden, bevor der Satz zu Ende war.

Amanda schnaubte. „Natürlich hat er genau dann noch was, wenn das Essen gerade anfängt, nicht mehr feindselig zu wirken.“

Geraldine stand langsamer auf. Nicht, weil sie zögerte. Sondern weil sie spürte, dass der Morgen gerade vom Gespräch wieder zurück in die Akten kippte.

Milo wartete nicht. Er drehte sich einfach um und ging schon wieder Richtung Werkstatt, im sicheren Wissen, dass sie ihm folgen würden.

Amanda nahm ihr Tablett hoch. „Ich mag Leute, die so tun, als wären sie nicht neugierig. Das wirkt immer besonders glaubwürdig.“

Echo stellte ihren Becher ab. „Komm.“

Geraldine nickte nur. Dann gingen sie zurück durch den Gang, weg vom Kantinenlärm, wieder dorthin, wo Worte zu Dateien und Namen zu Spuren wurden.

Milo war schon wieder an der Werkbank, als sie die Werkstatt erreichten. Nicht in Eile. Eher in dieser konzentrierten Art von Ungeduld, die nur Leute haben, die nicht gern warten, bis andere denselben Punkt begreifen wie sie selbst.

Er schob Geraldine das Terminal hin, ohne große Einleitung.

„Mehr ist es nicht“, sagte er. „Und glaubt mir, ich hätte euch lieber was Hübscheres gegeben. Aber der Rest ist tot, überschrieben oder nie sauber erfasst worden.“

Geraldine trat näher. Echo blieb sofort an ihrer Schulter, Amanda etwas dahinter, die Arme verschränkt, als würde sie dem Terminal nicht trauen.

Auf dem Bildschirm stand nur ein kurzer Vermerk. Kein Manifest. Keine zweite Tür. Nur ein Nachtrag.

Personalakte
Dr. L. Bachelet
Statusänderung: entlassen
Zeitpunkt: wenige Monate nach Verlegung von G. Callen
Weiterführende Daten: nicht vorhanden

Geraldine las die Zeilen einmal. Dann noch einmal, langsamer, als würde sich beim zweiten Lesen vielleicht doch noch irgendwo eine Richtung auftun.

Tat sie nicht.

Amanda schnaubte leise. „Das ist jetzt aber schon fast persönlich unhilfreich.“

„Ja“, sagte Milo. „Willkommen bei alten Systemen. Die tun oft gerade genug, damit man wütend wird, aber nicht genug, damit man fertig ist.“

Echo beugte sich ein Stück vor. „Keine Zielstation? Keine Lizenzspur? Kein Registerabgleich? Gar nichts?“

Milo schüttelte den Kopf. „Nicht auf dem Material, das ihr mir gebracht habt. Da ist nur, dass sie raus war. Danach bricht’s ab.“

Geraldine hielt den Blick weiter auf dem Wort entlassen.

„Wenige Monate nach mir“, sagte sie leise.

Amanda sah sie an. „Ja.“

Echo sagte nichts sofort. Dann nur: „Das ist nicht nichts.“

Geraldine hob den Kopf. „Es ist aber auch nicht viel.“

„Nein“, sagte Echo. „Aber es ist ein Zusammenhang.“

Milo lehnte sich mit der Hüfte gegen die Werkbank und deutete auf das Display. „Für mich sieht’s aus, als hätte jemand Personal- und Kinderprotokolle nur so weit sauber gehalten, wie es intern nötig war. Danach endet die Spur. Absichtlich oder aus Schlamperei, kann ich euch nicht sagen. Ist am Ende oft dasselbe mit besserer Frisur.“

Amanda verzog den Mund. „Wunderschön. Also haben wir einen Namen, einen Rauswurf und einen Haufen Nichts.“

Geraldine stand still. Nicht enttäuscht auf die laute Art. Eher wie jemand, der einen Schlag sauber nimmt und erst danach entscheidet, was er damit macht.

„Dann ist die Spur erst mal kalt“, sagte sie.

Echo nickte einmal, knapp. „Hier drin, ja.“

Milo hob die Hand. „Wenn ich noch irgendwo was rauskratze, melde ich mich. Aber ich würde nicht drauf wetten, dass diese Module euch mehr über Bachelet geben als das.“

Geraldine atmete langsam aus. Dann sah sie zu Echo.

„Dann sichern wir den Rest“, sagte sie ruhig. „Und nehmen mit, was da ist.“

Der Rückweg zur Corvette verlief ohne große Worte. Nicht aus Streit. Eher weil jede von ihnen gerade mit etwas anderem beschäftigt war. Geraldine mit dem Wort entlassen. Echo mit den gesicherten Daten. Amanda mit diesem stillen Modus, in dem sie nichts sagte, aber alles wahrnahm.

Als sie die Corvette erreichten, blieb Geraldine an der Rampe kurz stehen und sah zu Amanda.

„Willst du fliegen?“

Amanda hob die Braue. „Ist das eine Fangfrage?“

„Nein“, sagte Geraldine. „Eher Selbstschutz.“

Amanda grinste schief. „Dann ja. Sehr gern.“

Wenig später hob die Corvette vom Dock ab. Amanda flog sauber, ruhig, ohne Show. Genau die Art Flug, bei der man merkte, dass sie das Schiff ernst nahm, auch wenn sie später wieder so tun würde, als wäre es nur ein Werkzeug mit Sitzen. Geraldine saß neben ihr, den Blick nach vorn gerichtet. Echo hatte den Platz dahinter genommen, den Koffer bei sich, ein Pad auf den Knien, aber sie tat nichts damit.

Eine Weile hörte man nur die Systeme der Corvette und Amandas trockene, präzise Eingaben.

Dann sagte Echo hinter ihnen plötzlich: „Weißt du, was das Schlimmste ist?“

Geraldine drehte den Kopf nicht. „Das grenzt den Kreis nicht besonders ein.“

Amanda schnaubte leise, sagte aber nichts.

Echo ließ einen Moment verstreichen, als müsste sie den Satz erst sauber genug hinlegen, um ihn selbst auszuhalten.

„Dass ich mich an unser erstes Treffen erinnert habe“, sagte sie. „Die ganze Zeit schon. Und gestern Nacht, nach der Werkstatt, noch klarer.“

Geraldine sah jetzt doch leicht über die Schulter. „Das klingt nicht nach einer guten Einleitung.“

„Ist es auch nicht“, sagte Echo.

Amanda warf ihr im Spiegel einen kurzen Blick zu. „Jetzt bin ich neugierig.“

Echo sah nicht zu ihr. Ihr Blick blieb irgendwo zwischen den Sitzen hängen, fest genug, dass man merkte, wie wenig ihr das gerade gefiel.

„Als ich Geraldine das erste Mal gesehen habe“, sagte sie ruhig, „hätte ich sie am liebsten erschossen.“

Im Cockpit wurde es still.

Amanda blinzelte einmal. „Okay. Das ist eine Formulierung, die einem den Tag strukturiert.“

Geraldine hielt den Blick auf Echo. Nicht verletzt. Nicht empört. Eher aufmerksam. „Am liebsten?“

Echo nickte knapp. „Ja. Weil du in dem Moment für alles standest, was ich hasse. Autorität. Kontrolle. Leute, die in einen Raum kommen und so tun, als dürften sie dort sofort die Regeln schreiben.“ Sie atmete einmal aus. „Und du sahst aus, als würdest du genau das tun.“

Amanda konnte sich ein kleines, dunkles Grinsen nicht verkneifen. „Fair.“

„Danke“, murmelte Geraldine trocken.

Echo fuhr mit dem Daumen über die Kante ihres Pads, ohne es wirklich zu merken. „Ich dachte, du bist eine von denen, die man erst loswird, wenn sie alles an sich gezogen haben. Und ich war bereit, dich notfalls genau so zu behandeln.“

Geraldine wandte sich wieder nach vorn. Draußen zog das Schwarz vorbei, ruhig, endlos. „Und jetzt?“

Echo antwortete nicht sofort. Als sie es tat, war ihre Stimme leiser, aber kein bisschen weicher gemacht.

„Jetzt schäme ich mich dafür.“

Amanda nahm minimal Schub raus, fing die Corvette sauber ab und hielt den Kurs. Sie mischte sich nicht ein. Noch nicht.

Geraldine legte die Finger locker auf ihre Armlehne. „Weil du dich geirrt hast?“

„Nein“, sagte Echo. „Weil ich nicht nur misstrauisch war. Das wäre okay gewesen. Ich war unfair. Ich hab dich auf einen Blick reduziert und beschlossen, dass ich schon weiß, was du bist.“

Amanda verzog den Mund. „Passiert den Besten von uns.“

„Mir nicht gern“, sagte Echo.

Geraldine schwieg einen Moment. Dann fragte sie ruhig: „Und was dachtest du, was ich bin?“

Echo sah sie jetzt endlich direkt an. „Jemand, der andere benutzt, solange sie nützlich sind. Jemand, der Loyalität erwartet und selbst keine gibt. Jemand, der Menschen eher verwaltet als sieht.“

Amanda ließ langsam die Luft aus. „Autsch.“

Geraldine nickte nur leicht. „Ja.“

Wieder vergingen ein paar Sekunden. Keine von ihnen versuchte, die Schärfe aus dem Satz zu ziehen.

Dann sagte Geraldine: „Das erklärt, warum du am Anfang so freundlich warst.“

„Ich war freundlich“, sagte Echo trocken. „Nur sehr spezialisiert.“

Amanda lachte kurz durch die Nase. „Das ist vermutlich das Netteste, was du je über dich gesagt hast.“

Echo ignorierte sie. Ihr Blick blieb auf Geraldine. „Du musst darauf nichts sagen. Ich wollte nur, dass du es weißt.“

Geraldine lehnte den Kopf leicht gegen die Rückenlehne. „Ich wusste, dass du mich nicht leiden kannst.“

„Das war zu sehen?“

„Echo“, sagte Amanda. „Du guckst Leute an, als würdest du ausrechnen, wie viele Einzelteile sie haben.“

Zum ersten Mal zuckte an Echos Mundwinkel etwas. Sofort wieder weg.

Geraldine sah sie noch einen Moment an. Dann sagte sie, ruhig und völlig ohne Pathos: „Ich bin auf meinen ersten Eindruck von dir auch nicht gerade stolz.“

Jetzt war Echo dran, die Braue zu heben. „Ach ja?“

„Ja“, sagte Geraldine. „Ich hielt dich für brilliant, unberechenbar und potenziell brandgefährlich.“

Amanda grinste. „Also korrekt.“

„Ich sagte potenziell.“

„Feige Formulierung.“

Geraldine ignorierte das. „Der Unterschied ist nur, dass ich mich nicht geirrt habe.“

Das brachte Echo tatsächlich ein kurzes, trockenes Luftholen ab. Fast ein Lachen. Fast.

Dann wurde Geraldine wieder ernst. Sie drehte sich ein Stück zu ihr um, gerade weit genug, dass es nicht nach Abwehr aussah.

„Du musst dich dafür nicht ewig schämen“, sagte sie. „Misstrauen rettet einem oft das Leben.“

Echo sah sie an. „Das war mehr als Misstrauen.“

„Vielleicht“, sagte Geraldine. „Aber du bist geblieben, als es darauf ankam. Das ist am Ende schwerer zu fälschen als ein erster Eindruck.“

Amanda flog weiter, die Hände ruhig an den Kontrollen, sagte aber in den Raum hinein: „Und fürs Protokoll. Wenn Echo dich wirklich hätte erschießen wollen, hättest du’s wahrscheinlich gemerkt.“

„Das ist tröstlich“, murmelte Geraldine.

„Gern.“

Echo senkte den Blick wieder auf ihr Pad, ohne es anzuschalten. „Trotzdem. Ich wollte, dass du’s weißt.“

Geraldine nickte langsam. „Gut. Dann weiß ich’s.“

Draußen erschien der Carrier als gewaltige, stille Form im Schwarz.

Amanda richtete die Corvette auf den Anflug aus. „Wunderbar. Dann hätten wir das auch geklärt, bevor ich euch beide wieder in zivilisierte Luft bringe.“

Niemand antwortete sofort.

Aber etwas im Cockpit war leichter als noch beim Abflug von der Station. Nicht gelöst. Nicht geheilt. Nur ehrlicher. Und das war für heute mehr als genug.

Amanda brachte die Corvette ruhig in den Hangar, als hätte sie nie etwas anderes geflogen. Kein unnötiger Ruck, kein harter Aufsetzer, nur dieses saubere Einrasten, bei dem man erst im Stillstand merkt, wie sehr man die ganze Zeit unter Spannung gestanden hatte.

„Siehst du?“, sagte sie trocken, als die Systeme runterfuhren. „Man kann ein Schiff auch zurückbringen, ohne irgendwo gegenzusemmeln.“

Geraldine warf ihr einen Blick zu. „Genieß den Moment. Er macht dich nicht automatisch sympathisch.“

„Doch“, murmelte Amanda. „Ein bisschen schon.“

Echo hatte den Koffer schon wieder in der Hand, bevor die Luke ganz offen war. Nicht hektisch. Eher so, als würde sie dem Tag keinen Raum mehr geben wollen, sich noch einmal umzudrehen.

Der Carrier fühlte sich nach der kleinen Station fast zu groß an. Mehr Luft, mehr Licht, mehr Abstand zwischen Dingen. Geraldine merkte erst beim Aussteigen, wie müde sie wirklich war.

Sie gingen ohne Umweg in Echos Arbeitsbereich. Keine große Besprechung mehr, kein neuer Plan. Nur noch der letzte Rest Vernunft vor dem Ende des Tages.

Echo schob die gesicherten Daten auf zwei getrennte Speicher, prüfte beide, legte einen in ein Fach und den anderen direkt daneben, als würde sie selbst ihrer eigenen Paranoia misstrauen. „Gut“, murmelte sie. „Wenn jetzt noch etwas stirbt, dann wenigstens nicht alles.“

Amanda lehnte an der Konsole. „Das ist die romantischste Version von Optimismus, die ich je gehört habe.“

Geraldine stand daneben, die Arme verschränkt, und sah zu, wie Echo arbeitete. Nicht, weil sie helfen konnte. Sondern weil ihr dieser Anblick half, den Tag in etwas Greifbares zu übersetzen.

Dann vibrierte Echos Commlink.

Nicht laut. Aber hart genug, dass alle drei gleichzeitig hinsahen.

Echo zog das Gerät aus der Tasche, warf einen Blick aufs Display und ihr Gesicht veränderte sich sofort. Nicht Angst. Nicht Überraschung. Eher dieses abrupte Umschalten, wenn aus später jetzt wird.

Amanda richtete sich auf. „Schlecht?“

Echo hob die Hand, nahm den Call an und hörte erst einmal nur zu. Geraldine konnte an ihrem Gesicht sehen, dass es nichts Belangloses war.

„Ja“, sagte Echo schließlich. „Ich bin unterwegs.“

Sie beendete die Verbindung, sah einen Moment auf das dunkle Display und steckte es dann weg.

„Ich muss los“, sagte sie.

Geraldine zog leicht die Stirn zusammen. „Jetzt?“

Echo nickte. „Jetzt.“ Sie griff schon nach ihrer Jacke. „Nichts mit den Daten. Anderes Problem. Aber ich kann’s nicht schieben.“

Amanda musterte sie kurz, sagte dann nur: „Wie dringend?“

Echo sah zu ihr. „So dringend, dass ich nicht erst dusche.“

Amanda verzog den Mund. „Okay. Das ist leider überzeugend.“

Echo zog die Jacke über, als hätte jede Bewegung plötzlich ein eigenes Gewicht.

Geraldine blieb stehen, wo sie war. Nicht im Weg. Nicht zu weit weg. Nur nah genug, dass aus dem schnellen Aufbruch kein bloßes Verschwinden wurde.

„Echo…“

Echo sah auf.

Geraldine brauchte einen Moment. Nicht, weil ihr nichts einfiel. Sondern weil zu viel davon im Hals hängenblieb und sie sich weigerte, es kitschig werden zu lassen.

„Danke“, sagte sie schließlich. Ruhig. Klar. „Für alles. Für die Daten. Für die Station. Fürs Dableiben. Fürs Nicht-Ausweichen, wenn’s unangenehm wurde.“

Echo hielt ihren Blick. Kein Grinsen. Kein Ausweichen. Nur dieses offene, direkte Gesicht, das bei ihr fast mehr bedeutete als jede große Geste.

„Gern“, sagte sie.

Geraldine schüttelte leicht den Kopf. „Nein. Nicht so einfach.“ Ein schmaler Zug ging durch ihren Mundwinkel. „Ich weiß, dass ich in den letzten Tagen nicht gerade… pflegeleicht war.“

Amanda, noch an die Konsole gelehnt, hob trocken eine Braue. „Mutige Untertreibung.“

Echo ignorierte sie. „Du musst dafür keine Entschuldigung draus machen.“

„Mach ich auch nicht“, sagte Geraldine. „Ich will nur, dass du weißt, dass ich es gesehen habe.“ Sie atmete einmal durch. „Wie sehr du dich da reingehängt hast. Für mich.“

Für einen Herzschlag sagte Echo nichts.

Dann trat sie einen halben Schritt näher. „Hab ich doch gesagt“, meinte sie leise. „Für dich lasse ich alles liegen.“

Diesmal traf der Satz Geraldine anders. Nicht wie gestern. Weniger wie ein Schlag. Mehr wie etwas, das sich an seinen Platz setzte.

Sie nickte langsam. „Ja“, sagte sie. „Weiß ich jetzt.“

Amanda stieß leise die Luft aus, als würde sie dem Moment genau so viel Raum geben, wie nötig war und nicht mehr. „Bevor ihr zwei hier noch anfangt, vernünftig über Gefühle zu reden…“

Echo schnaubte kurz.

Geraldine sah sie an, und diesmal war das kleine Lächeln wirklich da. Müde, aber echt. „Dann geh“, sagte sie. „Bevor Amanda daraus eine Katastrophe macht.“

Echo griff nach ihrer Tasche, blieb aber noch einen Augenblick stehen.

„Ich bin nicht weg“, sagte sie. „Ich muss nur los. Und ich forsche weiter nach Bachelet. Versprochen.“

Geraldines Blick wurde sofort wieder ernst. „Ich weiß.“

Echo nickte einmal. Dann noch einmal, kleiner. Fast privat.

Für einen Moment sah es aus, als würde sie noch etwas sagen. Tat sie aber nicht. Stattdessen hob sie nur kurz die Hand, berührte Geraldines Arm, warm und fest, gerade lang genug, dass nichts daran zufällig war.

Dann war sie in Bewegung.

Amanda sah ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr schloss. Erst dann drehte sie den Kopf zu Geraldine.

„Na gut“, sagte sie trocken. „Dann sind wir jetzt wieder zu zweit. Das wird sicher völlig unkompliziert.“

Geraldine sah noch einen Moment auf die geschlossene Tür.

„Nein“, sagte sie leise. „Wird es nicht…“

Eine Weile sagte keine von beiden etwas.

Der Carrier summte um sie herum, gleichmäßig, unbeeindruckt, als wäre das hier ein ganz normaler Abend und nicht einer von denen, nach denen sich etwas im Inneren verschiebt, ohne dass man es sofort benennen kann.

Amanda löste sich von der Konsole und griff nach ihrem Becher, obwohl längst nichts mehr drin war. Sie sah kurz hinein, als hätte sie Hoffnung auf ein Wunder, und stellte ihn dann wieder ab.

„Also“, sagte sie schließlich. „Das war ein ziemlich beschissener und ziemlich guter Tag.“

Geraldine schnaubte leise. „Du hast ein Talent für Zusammenfassungen.“

„Ich weiß.“

Sie trat einen Schritt näher, gerade weit genug, dass es nicht zufällig wirkte.

„Nur damit das klar ist“, sagte Amanda. „Falls du heute Nacht auf die großartige Idee kommst, alles allein tragen zu wollen, nur weil Echo gerade weg ist… lass den Mist.“

Geraldine hob eine Braue. „Das klang fast fürsorglich.“

„Es war eine Drohung“, sagte Amanda trocken. „Verwechsel das nicht.“

Geraldine sah sie an. Müdigkeit war noch da, der ganze Tag war noch da, aber irgendwo darunter hatte sich wieder dieser feste Kern eingeschaltet, der aus ihr nicht Härte machte, sondern Richtung.

„Ich weiß“, sagte sie ruhig.

Amanda nickte langsam. „Gut.“

Ein paar Sekunden vergingen.

Dann sah Geraldine an Amanda vorbei auf die geschlossene Tür, durch die Echo verschwunden war, und sagte leiser:

„Ich glaube, ich hätte das alles ohne euch nicht ausgehalten.“

Amanda antwortete nicht sofort. Als sie es tat, war ihre Stimme so nüchtern, dass sie gerade deshalb traf.

„Ja“, sagte sie. „Musstest du aber auch nicht.“

Geraldine schluckte einmal, klein, fast unsichtbar.

Amanda zog den Mund schief. „Und bevor du jetzt noch sentimentaler wirst… wir haben morgen wieder Arbeit.“

„Du bist wirklich unfassbar schlecht darin, schöne Momente stehen zu lassen.“

„Falsch“, sagte Amanda. „Ich bin sehr gut darin, sie rechtzeitig zu beenden, bevor sie peinlich werden.“

Das brachte Geraldine tatsächlich ein kurzes, müdes Lächeln ab.

Amanda sah es und nickte einmal, als hätte genau das gereicht.

„Komm“, sagte sie dann. „Schlaf. Morgen können wir immer noch der Wahrheit auf die Nerven gehen.“

Geraldine atmete langsam aus. Diesmal ohne Druck. Eher wie jemand, der für einen Abend akzeptiert, dass ein nächster Schritt auch morgen noch da ist.

„Ja“, sagte sie. „Morgen.“