Es war einer dieser seltenen Morgen, an denen die Citadel Geraldine vollkommen ruhig wirkte.
Keine Alarme, keine Crewbewegung im Gang, nur das leise Summen der Systeme, das wie ein Hintergrundgedanke durch die Wände kroch.
Geraldine stand am Panoramafenster ihres Quartiers und sah hinaus, ohne wirklich etwas anzuschauen.
Die Entscheidung vom Abend davor hing noch in der Luft.
Sie fühlte sich nicht schwer an.
Nicht wie ein Schatten, der zurückgekehrt war – eher wie ein Faden, den man endlich wieder in der Hand hielt, nachdem man ihn jahrelang hatte liegen lassen.
Amanda trat ein, barfuß, die Haare locker gebunden, ein Becher in der Hand.
„Du bist früh wach,“ sagte sie.
„Ich konnte nicht schlafen,“ antwortete Geraldine.
Es klang nicht gehetzt, sondern… wach.
Klar.
Amanda stellte den Becher ab, musterte sie einen Moment.
„Du denkst wieder über gestern nach.“
Geraldine nickte.
„Ich glaube… ich will nicht mehr warten. Nicht noch einmal Jahre vergehen lassen, bevor ich mich traue, weiterzudenken.“
Sie wandte den Blick vom Fenster ab und setzte sich an den Holotisch.
Die Projektion der Sternenkarte fuhr hoch, ungefiltert, unstrukturiert.
Ein ganzes Universum, aber nur ein einziger logischer Anfangspunkt.
„Wenn ich wissen will, woher ich komme,“ sagte sie ruhig, „dann muss ich da anfangen, wo ich zuletzt war, bevor ich irgendetwas von mir wusste.“
Amanda setzte sich schräg neben sie.
„L-57.“
Geraldine nickte.
„L-57.“
Sie zoomte in die Region.
Ein lebloser Punkt im Nichts.
Ein Ort, der jede Wärme aus dem Raum saugte – und trotzdem war er ihr Ursprung, egal, wie steril er gewesen war.
„Die Station ist tot,“ sagte Geraldine, fast wie eine Bestätigung gegenüber sich selbst.
„Beim letzten Besuch war nichts mehr aktiv. Keine Terminals, keine Energiezellen, kein einziger Datenkern, der auch nur geflackert hätte.“
Amanda sah sie an.
„Aber wenn du irgendwo anfängst, dann dort.“
Keine Frage, keine Diskussion – eine Feststellung.
Geraldine strich mit dem Finger über die Koordinate.
„Ja.“
Für einen Moment sagten beide nichts.
Nicht aus Unsicherheit, sondern weil sich zwischen ihnen etwas gesetzt hatte:
Die Erkenntnis, dass das hier kein spontaner Gedanke war.
Es war der erste Schritt.
Der erste echte Schritt in ihre Vergangenheit.
„Also,“ sagte Amanda und stützte sich mit den Händen auf den Rand des Holotisches, „du willst wirklich wissen, wo du herkommst.“
Geraldine nickte. „Ja. Diesmal richtig.“
Die Karte zeigte noch immer den Bereich um Tevarin, der Marker für L-57 schwebte wie ein blasser Fehler in der Anzeige. Geraldine tippte ihn mit dem Finger an, eher aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit.
„Da fängt alles an,“ murmelte sie. „Zumindest der Teil, an den ich mich erinnern kann.“
„Und da willst du wieder hin,“ stellte Amanda fest.
„Hab ich eine Alternative?“
Geraldine lehnte sich zurück. „Beim letzten Mal war die Station komplett tot. Kein Strom, keine laufenden Terminals, kein Zugriff auf gar nichts. Wir hatten Glück mit diesem einen Speicherblock, aber selbst der war halb verrottet.“
Amanda richtete sich auf, verschränkte die Arme.
„Tote Station. Keine Energie. Keine Systeme.“
Sie machte eine kurze Pause. „Das heißt: Wir brauchen jemanden, der sich genau mit so einem Schrott auskennt.“
Geraldine zog eine Augenbraue hoch. „Schrott? Vielen Dank.“
„Nicht dich,“ schnaubte Amanda. „Die Station.“
Geraldine dachte kurz nach, der Blick noch immer auf dem grauen Punkt.
„Die Techniker vom Carrier können das nicht. Die sind gut, aber das ist was anderes. Da geht es nicht um Reparatur, sondern um Ausgrabung.“
„Eben,“ sagte Amanda ruhig. „Und wer gräbt in altem Datenmüll, bis er wieder spricht?“
Da machte es Klick.
„Echo,“ sagte Geraldine leise.
Amanda nickte nur. „Genau die.“
Geraldine ließ den Finger vom Holo sinken.
„Sie hat schon aus deutlich schlechterem Material was rausgeholt. Aber L-57 ist kein alter Werkstattserver, sondern eine ganze Station.“
„Ja. Und?“
Amanda zuckte mit einer Schulter. „Du kennst niemanden, der näher dran ist als sie.“
Geraldine überlegte nicht lange.
„Sie ist weit weg.“
„Dann holen wir sie näher ran,“ meinte Amanda. „Du hast einen Carrier. Wir springen mit der Citadel nach Tevarin, stellen uns vor die Ruine – und Echo kommt direkt dorthin. Kein Umweg, kein Gefrickel.“
Geraldine musste bei „Ruine“ kurz grinsen.
„Du redest da vorne von meinem halben Kindheitsort.“
„Eben,“ sagte Amanda. „Deshalb machen wir’s ordentlich.“
Geraldine sah wieder auf den Marker von L-57.
Vor ein paar Tagen war er noch einfach nur ein Punkt gewesen.
Jetzt war er ein Ziel.
„Okay,“ sagte sie schließlich. „Wir springen mit dem Carrier rüber. Und ich frage Echo, ob sie Lust hat, einer alten Station ein paar Geheimnisse zu entlocken.“
Amanda nickte zufrieden.
„Genau das wollte ich hören.“
„Du kommst mit,“ stellte Geraldine fest.
„Natürlich komme ich mit.“ Amanda grinste schief. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich allein in so einen Schacht voller Vergangenheit fliegen lasse.“
Geraldine atmete ruhig aus.
„Gut. Dann… fangen wir an.“
Sie schob die Karte beiseite, rief die Carrier-Navigation auf.
Tevarin. L-57. Sprungvektor.
Die Vergangenheit war plötzlich kein vager Gedanke mehr, sondern ein Ziel im Flugplan.
Der Entschluss stand.
Was fehlte, war Echo.
Geraldine saß an der kleinen Kommunikationskonsole in ihrem Quartier, Ellenbogen auf dem Tisch, die Finger ineinander verschränkt. Das Interface zeigte die bekannte Kennung von Echos privatem Kanal – und darunter zum dritten Mal die gleiche Antwort:
KEINE DIREKTVERBINDUNG MÖGLICH.
NACHRICHT HINTERLASSEN?
„Na super,“ murmelte sie.
Amanda lehnte an der Wand, die Schultern gegen das Metall, die Hände in den Taschen.
„Sie ist bestimmt irgendwo in einem halben Wrack vergraben und hat den Funk ausgeschaltet.“
„Das macht’s besser?“ fragte Geraldine trocken.
„Kommt drauf an, was sie gerade findet,“ gab Amanda zurück.
Geraldine atmete einmal ruhig durch und bestätigte die Aufzeichnung.
Das Aufnahmefeld blinkte auf.
Ein paar Sekunden lang sagte sie nichts. Dann begann sie, langsamer und ehrlicher als gewöhnlich:
„Hey Echo… hier ist Geraldine.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Ich weiß, du bist wahrscheinlich mitten in irgendwas Wichtigem, also halte ich mich kurz.“
Die Worte kamen nicht automatisch, sie suchte sie sich aus.
„Ich brauche deine Hilfe. Nicht für ein Schiff, nicht für irgendein Upgrade. Es geht um etwas… älteres.“
Sie sah kurz zu Amanda, die nur ruhig zurückblickte.
„Ich will in meine eigene Vergangenheit zurück. Nicht metaphorisch, sondern ganz konkret. Es gibt da einen Ort, den du schon kennst – und ich glaube, du bist die Einzige, der ich das zutraue.“
Sie zog die Schultern leicht an.
„Und die Einzige, der ich so weit vertraue, dass ich überhaupt frage.“
Sie stoppte, ließ bewusst eine Lücke.
„Details kann ich dir erklären, wenn wir sprechen. Ich will ungern zu viel über offene Kanäle sagen.“
Ein schiefes Lächeln huschte ihr übers Gesicht.
„Wenn du Zeit hast – melde dich. Wenn nicht… melde dich trotzdem. Es ist mir wichtig.“
Sie beendete die Aufnahme, noch bevor sie sich umentscheiden konnte.
Die Konsole sendete, bestätigte, verstummte.
Amanda stieß sich von der Wand ab, kam zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter.
„War gut so.“
„War viel zu vage,“ murmelte Geraldine.
„Ja,“ gab Amanda zu. „Aber genau deshalb wird sie neugierig.“
Der Tag verstrich langsam.
Zu langsam für Geraldines Geschmack.
Sie erledigte Routinen, checkte Frachtlisten, ließ sich von Rosie über die aktuelle Versorgungslage informieren, besprach mit Holland irgendwelche Tritiumreserven, nickte an den richtigen Stellen – aber innerlich hörte sie ständig das leise, erwartungsvolle Schweigen der Konsole.
Keine Antwort.
Kein Ping.
Nur das Summen des Carriers.
Erst am Abend, als die künstlichen Lichter auf „Nachtzyklus“ gedimmt wurden und Geraldine gerade kurz überlegt hatte, ob sie noch etwas essen sollte oder es einfach bleiben ließ, meldete sich das Terminal mit einem klaren, hellen Ton.
EINGEHENDER PRIVATKANAL – ECHO
„Da,“ sagte Amanda sofort, die fast gleichzeitig im Türrahmen auftauchte. „Ich hab‘s doch gesagt.“
Geraldine nahm den Ruf an.
Echos Gesicht erschien im Holo, leicht versetzt, das Licht schräg von unten, irgendwo zwischen improvisierter Werkstatt und Kabine.
„Du klingst, als würdest du gleich anfangen zu buddeln,“ sagte Geraldine zur Begrüßung.
„Ich hab gerade gebuddelt,“ knurrte Echo, aber ihre Augen lächelten. „Und dann hör ich mir deine Nachricht an und denk mir: Na toll, jetzt wird’s ernst.“
„Ist es,“ gab Geraldine ruhig zurück.
Echo lehnte sich näher an die Kamera.
„Also. Du willst in deine Vergangenheit. Konstruktiver midlife breakdown, oder was genau schwebt dir vor?“
Geraldine atmete einmal tief ein.
„Ich will herausfinden, wo ich wirklich herkomme. Der Name, die Station, das, was davor war. L-57. Du erinnerst dich.“
Echo wurde schlagartig ernster.
„Erziehungsstation. Tevarin. Ja, ich erinnere mich.“
Sie war still für einen Moment.
„Und du meinst es diesmal nicht nur als Gedankenexperiment.“
„Nein.“
Geraldine schüttelte den Kopf.
„Ich war schon dort. Die Station ist tot. Komplett. Kein aktives System, keine Daten. Wenn da noch irgendwas drin steckt, dann tief in den alten Kernen. Und… du bist die Einzige, bei der ich mir vorstellen kann, dass du da noch was rausholt.“
Echo blickte kurz zur Seite, als würde sie in Gedanken ihre Werkzeuge durchgehen.
„Stromversorgung improvisieren, Kern anbohren, Backup-Schichten suchen…“ Sie nickte vor sich hin. „Klingt nach einem guten Tag.“
„Es könnte auch nach mehreren Tagen klingen,“ warf Amanda aus dem Hintergrund ein und trat ins Sichtfeld.
Echo grinste kurz.
„Na dann ist es ein guter Auftrag.“
„Also?“ fragte Geraldine. „Kannst du?“
Echo setzte sich gerade hin.
„Ich bin derzeit im äußeren Bereich unterwegs, aber…“ Sie warf einen schnellen Blick aus dem Bild, offenbar auf eine andere Anzeige. „Wenn ich Kurs ändere und den Sprungvektor anpasse, kann ich in zwei Tagen bei euch sein.“
„Zwei Tage?“ wiederholte Geraldine.
„Zwei Tage,“ bestätigte Echo.
„Schick mir die aktuellen Koordinaten der Citadel, und wohin du genau springen willst. Ich docke dort an, wir fliegen gemeinsam zu L-57, ich schau mir den Schrotthaufen an – und dann sehen wir, ob er noch reden kann.“
Amanda verschränkte die Arme und nickte zufrieden.
„Klingt nach einem Plan.“
Geraldine fühlte, wie sich etwas in ihr setzte.
Wie ein Puzzle, dessen Randteile endlich eingerastet waren.
„Danke, Echo,“ sagte sie leise, aber klar.
„Sag das, wenn ich wirklich was finde,“ winkte Echo ab.
„Bis dahin hast du zwei Tage Zeit, deinen Carrier in Position zu bringen. Und dich mental darauf vorzubereiten, dass du Dinge zu sehen bekommst, die du vielleicht nicht magst.“
„Ich will sie trotzdem sehen,“ antwortete Geraldine.
Echo sah sie einen Moment lang einfach nur an.
„Ja,“ sagte sie dann. „Genau deshalb mach ich das.“
Die Verbindung brach ab, die Holoprojektion erlosch.
Amanda sah zu Geraldine.
„Zwei Tage.“
Geraldine nickte.
„Zwei Tage.“
Sie rief die Navigation des Carriers auf.
„Dann bringen wir ihn dorthin, wo alles angefangen hat.“
Die Verbindung brach ab, die Holoprojektion erlosch.
Einen Moment lang war nur das Summen der Systeme zu hören.
„Seit wann weiß Echo eigentlich von der Station?“ fragte Amanda schließlich und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Du hast gesehen, wie schnell sie reagiert hat. Das war nicht ‚zum ersten Mal gehört‘.“
Geraldine ließ sich in den Stuhl sinken, drehte das leere Holo mit der Hand weg.
„Seit Tevarin nicht mehr nur ein Eintrag in meiner Akte ist,“ sagte sie leise.
Amanda zog eine Augenbraue hoch.
„Heißt was genau?“
„Als sie damals nach der Vey-Geschichte ein paar Tage auf der Citadel war,“ begann Geraldine, „haben wir nachts öfter zusammengesessen. In der Werkstatt, im Hangar, irgendwo zwischen halbfertigen Modulen.“
Sie dachte kurz nach.
„Wir kamen auf Herkunft. Auf Orte, die uns geprägt haben. Ich hab ihr von L-57 erzählt. Nicht alles, aber genug, damit sie wusste, was das für mich ist.“
Amanda nickte langsam.
„Deshalb hat sie nicht nachgefragt.“
„Ja.“
Geraldine sah zum Terminal.
„Sie wusste, dass, wenn ich jetzt mit der Station komme, es ernst ist.“
Amanda stieß sich vom Rahmen ab, trat näher an den Tisch.
„Gut,“ sagte sie. „Dann ist sie vorbereitet. Und wir auch.“
Geraldine atmete ruhig aus.
„Diesmal schon.“
Die nächsten Schritte gingen fast automatisch.
Geraldine leitete den Sprungbefehl für die Citadel ein, ließ die Route nach Tevarin durchrechnen und gab die Freigabe. In ein paar Stunden würde der Carrier bereit sein, den Kurs zu setzen. Echo hatte zwei Tage, Geraldine hatte einen Plan. Zum ersten Mal fühlte sich „Vergangenheit“ wie etwas an, das man konkret anfliegen konnte.
Sie war gerade dabei, die letzten Bestätigungen durchzugehen, als die Konsole an der Wand aufblinkte.
EINGEHENDES KOMM-SIGNAL – KATHLEEN MAXILLON
Amanda war noch im Raum, lehnte halb an der Tischkante.
„Heb ruhig ab,“ meinte sie leise. „Ich stör nicht.“
Geraldine aktivierte die Verbindung.
Kathleens Gesicht erschien im Holo, leicht gerötete Wangen, die Haare unordentlich zusammengebunden, im Hintergrund unscharfe Laborstrukturen.
„Hey,“ sagte sie, und schon an diesem einen Wort hörte man, dass sie guter Laune war. „Hab ich dich erwischt? Nicht mitten in irgend so einem Carrier-Alarm?“
„Ausnahmsweise nicht,“ antwortete Geraldine. „Was gibt’s?“
Kathleen grinste.
„Ich wollte nur Bescheid sagen: Ich hab in drei Tagen ein paar freie Schichten am Stück. Dachte, ich könnte rüberkommen. Vielleicht was mit dir und Amanda machen. Essen, rumfliegen, irgendwo landen und so tun, als wären wir normale Menschen.“
Geraldine zögerte einen Moment, und das allein reichte, dass Kathleen misstrauisch wurde.
„Okay,“ sagte sie langsam. „Das klingt nach ‚aber‘.“
Geraldine atmete leise aus.
„Wir sind dann vermutlich nicht hier.“
Kathleen blinzelte. „Wohin ziehst du denn diesmal den Carrier?“
„Tevarin,“ sagte Geraldine. „Zur Erziehungsstation. L-57.“
Man sah, wie es in Kathleen arbeitete.
Sie brauchte keinen Kontext, um zu verstehen, was das bedeutete.
„Du… gehst zurück?“
„Ja.“
Geraldine hielt ihren Blick.
„Ich fang an, nach meiner Herkunft zu suchen. Echo kommt dazu, wir versuchen, alte Systeme auf der Station wieder zum Laufen zu bringen. Vielleicht finden wir Personalakten. Irgendwas.“
Kathleen wurde ruhiger, ihr Grinsen wich einem weichen, ernsten Ausdruck.
„Okay,“ sagte sie leise. „Das ist… groß.“
„Fühlt sich so an,“ gab Geraldine zu. „Aber es ist Zeit.“
Im Hintergrund hörte man irgendein gedämpftes Geräusch aus dem Labor, Kathleen ignorierte es.
„Wie lange bist du weg?“
„Keine Ahnung,“ antwortete Geraldine ehrlich. „Kommt drauf an, was wir finden. Oder ob wir überhaupt was finden.“
Kathleen nickte langsam.
„Ich… wollte gerade sagen ‚pass auf dich auf‘, aber ich glaube, das ist zu wenig.“
Sie suchte kurz nach Worten, fand sie dann erstaunlich klar:
„Ich wünsche dir, dass du etwas findest, das sich richtig anfühlt. Nicht unbedingt Antworten auf alles. Aber… irgendeinen Punkt, an dem du sagen kannst: ‚Das ist ein Teil von mir.‘“
Geraldine schluckte unmerklich.
„Das wäre schon viel.“
Kathleen lächelte schief.
„Und wenn du zurückkommst und alles nur noch komplizierter ist, musst du mir eh alles erzählen. Das ist der Deal.“
„Seit wann haben wir den?“ fragte Geraldine trocken.
„Seit jetzt,“ meinte Kathleen. „Ich steh das hier mit dir durch, auch wenn ich nicht mitfliege. Und wenn du irgendwann nicht mehr weißt, was du mit dem ganzen Zeug machen sollst, kommst du her, wir setzen uns ins Labor und reden so lange drüber, bis es Sinn ergibt. Oder bis wir zu müde sind, um weiterzureden.“
Geraldine konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen.
„Klingt nach einem Plan.“
Kathleen sah kurz zur Seite, dann wieder direkt in die Kamera.
„Ich freu mich für dich, dass du den Schritt gehst. Wirklich. Und… ich bin ein bisschen nervös für dich. Aber auf eine gute Art.“
„Das bin ich auch,“ sagte Geraldine.
Hinter ihr räusperte sich Amanda leicht, trat ins Bildfeld.
„Hey, Kathleen.“
„Hey,“ erwiderte Kathleen, der Mundwinkel wieder etwas höher. „Pass auf sie auf, ja?“
„Tu ich sowieso,“ antwortete Amanda. „Versprochen.“
Kathleen nickte zufrieden.
„Gut. Dann… viel Erfolg. Und wenn du unterwegs irgendwas brauchst – Funk ist kein einseitiges Konzept, ja?“
„Ich meld mich,“ versprach Geraldine.
Die Verbindung brach ab, das Holo erlosch.
Einen Moment lang blieb der Raum still.
„Sie macht sich Sorgen,“ stellte Amanda fest.
„Ja,“ sagte Geraldine. „Aber es fühlt sich nicht falsch an.“
Sie rief die Sprungübersicht des Carriers auf.
Tevarin.
L-57.
Vergangenheit im Zielkreuz.
„Dann bringen wir ihn auf Kurs,“ murmelte sie.
Und zum ersten Mal seit langem fühlte sich „auf dem Weg sein“ nicht nach Flucht an – sondern nach genau dem Gegenteil.
Der Sprung war vorbei, bevor es sich wirklich so anfühlte.
Die Citadel hing ruhig im schwarzen Nichts des Tevarin-Systems, weit außerhalb jeder regulären Flugroute. Kein Verkehr, keine Signale, nicht einmal der übliche Hintergrundlärm aus schwachen Transmittern und Wirtschaftsfunk. Nur das leise Pochen der eigenen Systeme und der dünne, klare Ton der Sensoren.
Geraldine stand auf der Brücke, die Hände auf der Reling, während das Holo der taktischen Übersicht vor ihr flimmerte.
„Lokale Scans?“ fragte sie.
Die Diensthabende an der Konsole warf einen kurzen Blick auf ihre Anzeigen. „Keine aktiven Transponder in Reichweite. Keine Schiffe, keine Relais, keine Bojen. Nur wir.“
Amanda trat neben Geraldine, verschränkte die Arme und sah auf das Holo.
„Gemütlich leer,“ murmelte sie. „Mag ich.“
Geraldine zoomte die Ansicht. Ein schwacher Marker erschien, fernab der Hauptsonne, an den Rand der Darstellung gedrückt.
Ein einsamer Punkt. Keine Telemetrie, keine Statusanzeige. Nur die nackte Kennung.
„Da ist sie,“ sagte Geraldine leise.
Amanda nickte. „Da ist sie.“
Geraldine atmete einmal tief durch, dann aktivierte sie den privaten Kanal.
„Citadel an Echo,“ sagte sie. „Wir sind im System. Anker steht, Sprung abgeschlossen. Wie sieht’s bei dir aus?“
Ein paar Sekunden lang war nur das leise Rauschen der Übertragung zu hören, dann meldete sich Echo. Das Bild kam nicht durch, nur die Stimme.
„Hier Echo. Gute Nachricht: Ich hab den Kurs gestaucht. Schlechte Nachricht: Ich brauch trotzdem noch ungefähr einen Tag. Hyperraum macht keine Wunder – nur Ärger.“
Man hörte ein trockenes Schnauben. „Aber ich bin unterwegs. Ich ping dich, wenn ich im Anflug bin.“
„Reicht,“ antwortete Geraldine. „Wir halten die Position.“
„Mach das. Und fass ohne mich nichts an, das älter ist als du. Ich will sehen, in welchem Zustand der Kram ist, bevor du irgendwas aufreißt.“
„Verstanden,“ sagte Geraldine – und beendete die Verbindung.
Ein Tag.
Sie starrte auf den Marker von L-57, der wie ein Stäubchen am Rand der Anzeige hing.
„Wir könnten schon mal rüberfliegen,“ sagte sie nach einer Weile, mehr in den Raum als zu jemand Bestimmtem. „Nur um die Lage zu checken. Ob sich etwas verändert hat. Ob die Struktur noch stabil ist.“
Amanda reagierte sofort.
„Nein.“
Geraldine drehte den Kopf. „So deutlich?“
Amanda blieb ruhig. „Ja. So deutlich.“
Sie trat einen Schritt näher, deutete auf den Holo-Marker. „Das da ist nicht einfach irgendeine alte Station. Das ist deine Kindheit, einmal in Metall gegossen. Und außerdem ein Haufen toter Systeme, von denen wir nicht wissen, wie sie reagieren, wenn du sie ohne Plan anstupst.“
„Ich würde nichts anstupsen,“ murmelte Geraldine. „Nur einen Blick werfen.“
„Geraldine.“
Amanda sah sie direkt an. „Du kennst dich. Du fliegst hin, dockst an, siehst die Gänge, die Räume – und dann willst du sofort wissen, ob irgendwo noch etwas läuft. Echo kommt an, und du hast schon drei Panels aufgebrochen und fünf Sicherungen überbrückt.“
Geraldine setzte an zu widersprechen, ließ es dann.
Sie wusste genau, dass Amanda recht hatte.
„Außerdem,“ fuhr Amanda fort, „Echo hat recht: Wenn sie einschätzen soll, was da noch zu retten ist, muss sie den Originalzustand sehen. Nicht deinen ersten spontanen Reparaturversuch. Wir holen sie her, dann gehen wir zusammen rein. Du, ich, sie. Kein Alleingang.“
Geraldine sah wieder nach vorn. L-57 war nur ein Symbol, und trotzdem zog es an ihr wie eine Schwerkraft, die sie viel zu gut kannte.
„Du willst also, dass ich einen Tag lang hier sitze und nichts tue,“ sagte sie.
„Nein,“ korrigierte Amanda. „Ich will, dass du einen Tag lang nicht hinfliegst. Dazwischen kannst du machen, was du willst.“
Ein kurzes, schiefes Lächeln huschte über Geraldines Gesicht.
„Du machst es einem echt schwer, Drama aufzubauen.“
„Dafür bin ich da,“ meinte Amanda. „Für Anti-Drama. Und dafür, dich davon abzuhalten, ohne Backup in alte Geisterhäuser zu rennen.“
Geraldine atmete langsam aus, ließ die Schultern ein Stück sinken.
„Okay,“ sagte sie schließlich. „Wir warten.“
Sie schaltete die Detailansicht der Station aus, ließ nur eine einfache Markierung auf der Karte stehen. Der Punkt war immer noch da, aber nicht mehr mitten im Fokus.
„Ein Tag,“ wiederholte sie leise.
Der Tag zog sich nicht, weil nichts zu tun war – sondern weil alles, was zu tun war, sich plötzlich unwichtig anfühlte.
Geraldine begann trotzdem damit, die Lücken zu füllen.
Am Vormittag ging sie einmal komplett durchs Carrier-Deck, ließ sich von Rosie einen Überblick über Frachtbewegungen geben, nickte zu Zahlen, die sie an jedem anderen Tag begeistert hätten. Jetzt waren es nur Werte in einer Liste.
„Wir könnten die Lieferkette nach NG-J b55-1 optimieren,“ schlug Rosie vor.
„Können wir,“ antwortete Geraldine. „Aber nicht heute. Halt alles stabil, mehr nicht.“
Rosie musterte sie kurz, sagte nichts weiter – und tat genau das.
Später stand Geraldine mit Amanda im Trainingsraum, beide in leichten Klamotten, gegenüber an der Linie markiert, die eigentlich für Nahkampfübungen gedacht war.
„Du willst dich ablenken,“ sagte Amanda und band sich die Haare straffer zurück.
„Ich will nicht darüber nachdenken, wie viele Gänge L-57 hatte,“ korrigierte Geraldine.
„Also ja.“
Amanda richtete ihren Stand aus. „Dann lass uns was machen, bei dem du keine Zeit zum Grübeln hast.“
Die ersten Runden waren Routine – Schrittarbeit, Ausweichen, Konter.
Geraldine war konzentriert, aber nie aggressiv. Ihr Körper wusste, was er tat, und gerade das half: Es gab nur Bewegung, Atem, Abstand, Kontakt. Kein Raum für Erinnerungen.
In einer kurzen Pause lehnte Geraldine an der Wand und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.
„Weißt du, was mich am meisten nervt?“ fragte sie.
„Dass du nicht schon dort bist?“ vermutete Amanda.
„Dass ich nicht weiß, ob ich mir zu viel erwarte oder zu wenig,“ sagte Geraldine. „Es kann sein, dass wir da reingehen und am Ende haben wir nichts als drei kaputte Terminals und Staub.“
Amanda nahm einen Schluck aus der Flasche und stellte sie zurück.
„Dann hast du’s versucht. Und musst dir nicht mehr vorstellen, was vielleicht wäre.“
Geraldine sah sie an, das Atmen wurde wieder ruhiger.
„Und wenn wir was finden?“
„Dann kommt der zweite Teil,“ meinte Amanda. „Damit kloppen wir uns, wenn es so weit ist.“
Geraldine musste grinsen. „Deal.“
Den Nachmittag verbrachte sie in der Werkstatt, nicht, weil etwas dringend war, sondern weil die Gegenwart von Metall und Werkzeugen beruhigend war. Sie ging einmal um die Mandalay herum, dann um die Python, streifte mit der Hand über die Hülle, als müsste sie sich vergewissern, dass die Dinge, die sie jetzt hatte, real waren.
„Du wirst nicht weniger du, nur weil du einen alten Datensatz findest,“ murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den Schiffen.
„Hab ich auch nicht behauptet,“ antwortete Amanda von der Seite, die gerade an einer Konsole lehnte.
„Du bist heute seltsam philosophisch,“ stellte Geraldine fest.
„Jemand muss hier den Part mit den klugen Sprüchen übernehmen, während du dich in Existenzfragen stürzt,“ kam trocken zurück.
Sie blieben eine Weile einfach dort, im Geruch von Schmierstoff und warmem Metall, ohne weiterzureden.
Als der Tag in den künstlichen Abend überging, saß Geraldine wieder in ihrem Quartier, diesmal mit einem echten Essen vor sich, das sie hauptsächlich herumschob. Amanda hatte sich quer auf die Couch gelegt, die Füße am Tischende abgestützt.
„Morgen,“ sagte Amanda irgendwann in den Raum hinein.
„Morgen,“ wiederholte Geraldine.
„Ist das der Tag, an dem alles anders wird?“ fragte Amanda.
Geraldine dachte kurz nach.
„Vielleicht ist es einfach nur der Tag, an dem etwas endlich weitergeht,“ sagte sie. „Das reicht mir.“
Bevor Amanda antworten konnte, meldete sich die Konsole mit einem klaren Signalton.
EINGEHENDER PRIVATKANAL – ECHO – ANFLUG CITADEL GERALDINE
„Da haben wir unsere Ausrede, nicht noch philosophischer zu werden,“ meinte Amanda, stand auf und deutete zur Konsole. „Heb du ab. Das ist dein Kapitel.“
Geraldine stellte den Teller zur Seite, stand auf und aktivierte die Verbindung.
Der Tag davor war vorbei.
Jetzt würde es konkret werden.
„Dann gehen wir da zusammen hin. Und dann sehen wir, was diese alte Hülle uns noch erzählen will.“
Geraldine nickte.
Zum ersten Mal seit dem Sprung fühlte es sich nicht nach Verzögerung an, sondern nach Anlauf.
„Na gut,“ murmelte sie. „Dann schauen wir mal, was man mit einem Tag anfangen kann, bevor die Vergangenheit anruft.“
Der Taktikschirm auf der Brücke zeigte nur kurz ein neues Signal, dann kam auch schon die Durchsage aus dem Hangar.
„Anflug Schleuse zwei. Transponderkennung: Echo. Schiffstyp: Type-8 Transporter.“
Amanda sah rüber zu Geraldine. „Da ist sie.“
Sie standen im Hangar, als der T8 durch das Kraftfeld glitt und mit kaum spürbarem Aufsetzen auf den Markierungen zum Stehen kam. Die Triebwerke fuhren sauber herunter, kein Ruckeln, kein Flackern. Nur dieses tiefe, satt ausklingende Brummen, das von einem Schiff kam, das regelmäßig gewartet wurde.
Geraldine pfiff leise durch die Zähne.
„Der sieht besser aus als an dem Tag, als ich ihn dir übergeben hab.“
Der T8 war kein Prachtstück im klassischen Sinn – kantig, funktional, eher Arbeitsgerät als Showoff. Aber die Hülle war sauber, die Panels gleichmäßig, keine sichtbaren Provisorien, nirgends diese wilden Flickstellen, die man von Echos früherem Schiff kannte. Stattdessen: strukturierte Reparaturen, klare Linien. Ein Schiff, das ernst genommen werden wollte.
Die Rampe senkte sich, Hydraulik zischte. Echo erschien im Rahmen – in ihrem typischen, halb zusammengewürfelten Outfit, Werkzeugtasche quer über der Schulter, Haare wie immer irgendwie im Weg, aber so, als hätte sie das aufgegeben, wichtig zu finden.
Sie sah Geraldine, blieb keine Sekunde auf Distanz.
„Hey,“ sagte sie.
„Hey,“ antwortete Geraldine.
Und dann war da kein Zögern mehr. Geraldine ging ihr ein paar Schritte entgegen, Echo kam ihr entgegen, und sie fielen sich in die Arme, als wäre nichts dazwischen gewesen außer ein paar Sprüngen und ein paar zu lange verschobene Gespräche.
Es war keine dramatische Umarmung, kein Zittern, keine Tränen.
Nur etwas, das sich anfühlte wie: Da bist du ja.
„Du siehst besser aus, als ich erwartet hab,“ murmelte Echo in ihre Schulter.
„Du auch,“ erwiderte Geraldine. „Zumindest dein Schiff.“
Echo löste sich, trat einen Schritt zurück und drehte sich halb zu ihrem T8 um, als hätte jemand das Stichwort gegeben.
„Na klar seh ich gut aus,“ meinte sie trocken. „Ich wohn praktisch in dem Ding.“
Geraldine musterte den Rumpf noch einmal bewusst.
„Im Ernst, Echo… der sieht wirklich gut aus. Keine Beulen, keine improvisierten Platten, nicht mal ein ordentlicher Kratzer vorne an der Nase. Was ist passiert? Hast du jemand Seriöses an deine Wartung gelassen?“
Echo verzog leicht den Mund. „Sehr witzig.“
Sie legte eine Hand an das nächstbeste Panel, fast beiläufig – und trotzdem war in der Geste etwas Besitzergreifendes.
„Ich hab irgendwann entschieden, dass ich ihn behandle, als hätte ich ihn mir verdient.“
Geraldine zog eine Augenbraue hoch. „Hast du doch.“
Echo schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab ihn geschenkt bekommen.“
Sie sah Geraldine an, diesmal ohne ironischen Filter.
„Das war nicht dasselbe.“
Geraldine hielt dem Blick stand.
„Du hast dein Schiff verloren, weil du mir geholfen hast. Du warst fast draufgegangen, Echo. Ein T8 war das Mindeste.“
„Mag sein,“ sagte Echo leise. „Aber ein Geschenk bleibt ein Geschenk. Ich wollte nie, dass er aussieht wie irgend so ein zusammengeflickter Zufallsfund. Also hab ich… na ja.“
Sie zuckte mit einer Schulter.
„Arbeitsstunden reingesteckt. Jede freie Minute. Ich hab jeden verdammten Strukturbalken dieses Schiffes gesehen. Und irgendwann dachte ich: Gut. Jetzt ist er wirklich meiner.“
Geraldine lächelte schief.
„Dann hat das mit dem Geschenk ja funktioniert.“
Echo klopfte gegen das Panel. „Er hat mehr Seele als der Kram, den mir früher irgendwer angedreht hat. Und er bringt mich dahin, wo ich hinwill. Was will ich mehr?“
Aus dem Hintergrund meldete sich Amanda.
„Vielleicht, dass er heute nicht explodiert, wenn ihr in eine tote Station fliegt?“
Echo drehte sich halb zu ihr.
„Hey Amanda. Schön zu sehen, dass du sie diesmal nicht allein losziehen lässt.“
Amanda kam näher, kurz zog etwas Weiches über ihr Gesicht. „Als würde ich euch zwei unbeaufsichtigt in eine Geisterstation schicken.“
Sie legte Echo im Vorbeigehen eine Hand kurz an den Oberarm. „Gut, dass du da bist.“
„Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit,“ meinte Echo. „Zu dritt fühlt sich das weniger nach schlechtem Holo-Drama an.“
Geraldine schnaubte ein leises Lachen.
„Ihr beide habt euch kein Stück verändert.“
„Du auch nicht,“ sagte Echo. „Du guckst immer noch auf ein altes Problem wie auf ein neues Projekt.“
Geraldine atmete langsam ein, der Blick glitt kurz zur Hangardecke und wieder zurück.
„Vielleicht ist es diesmal beides.“
Echo nickte knapp.
„Gut. Dann lass uns anfangen.“
Sie sah sich im Hangar um, als würde sie die Citadel nach langer Zeit neu einsortieren.
„Briefing? Plan? Daten? Ich würd mir gern ansehen, was ihr schon über L-57 habt, bevor wir da rausfliegen und ich irgendwas hochfahre, das uns um die Ohren fliegen könnte.“
„Brücke oder Quartier?“ fragte Geraldine.
„Werkstatt,“ sagte Echo ohne zu zögern. „Ich denk in der Nähe von Werkzeug besser.“
Amanda nickte. „Dann Werkstatt.“
Geraldine warf noch einen letzten Blick auf den T8.
„Er steht dir,“ sagte sie.
Echo zog nur kurz die Mundwinkel hoch.
„Ich weiß.“
Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg – weg vom hellen Hangarlicht, hinein in den Bauch des Carriers, dorthin, wo Pläne geschmiedet und alte Geister vorsichtig aus Datenkernen gezogen werden.
In der Werkstatt war es wie immer ein bisschen zu hell und ein bisschen zu vollgestellt. Ein halboffener Panelrahmen, zwei Werkzeugkoffer, ein Schubfach, das sich nicht ganz schließen ließ – Echos natürlicher Lebensraum.
Geraldine rief am zentralen Terminal die Schiffsliste auf, das Holo leuchtete über der Werkbank auf.
„Also,“ begann sie, „wir müssen klären, womit wir rüberfliegen.“
Amanda lehnte sich mit verschränkten Armen gegen ein Regal.
„Ich bin für etwas, das im Zweifel auch einen Treffer einstecken kann, falls die Station spontan beschließt, auseinanderzufallen.“
„Charmantes Vertrauen in die Infrastruktur deiner Kindheit,“ murmelte Echo, warf aber ebenfalls einen Blick auf die Liste. „Was steht zur Auswahl?“
„Mandalay, Python, Corvette, Cutter… und Ashley,“ zählte Geraldine auf.
Echo deutete sofort auf den letzten Eintrag.
„Anaconda. Groß, träge, nervig zu landen – perfekt, wenn man nicht weiß, was einen erwartet.“
Amanda nickte. „Vor allem genug Platz für uns drei und dein halbes Werkzeuglager.“
„Und die SRVs,“ warf Geraldine ein. „Die Conda hat zwei im Hangar. Ein SRV, zwei Sitze – wir brauchen beide, wenn wir mobil sein wollen.“
Echo nickte zufrieden. „Zwei SRVs, drei Leute, ein Wrack. Klingt nach einem soliden Verhältnis.“
Amanda schob sich vom Regal weg.
„Damit ist die Frage geklärt. Ashley.“
Geraldine bestätigte den Eintrag, das Holo markierte das Schiff.
„Gut. Dann fliegen wir mit der Conda rüber. Andocken, Lage checken, du,-“ sie sah zu Echo „-schätzt ein, was wir gefahrlos hochfahren können.“
Echo griff sich ihre Werkzeugtasche, öffnete sie, überprüfte kurz den Inhalt und legte dann noch ein paar zusätzliche Module hinein: zwei mobile Energiepuffer, ein kompakter Diagnosetisch, ein Satz alter physischer Interface-Adapter.
„Ich nehme alles mit, was nicht an den Boden geschraubt ist,“ murmelte sie.
„Wenn wir Glück haben, reicht das. Wenn wir Pech haben, brauchen wir ohnehin mehr als Werkzeug.“
Amanda hob eine Augenbraue. „Das war jetzt beruhigend.“
„Wenn du Beruhigung willst, such dir ‘nen Priester,“ meinte Echo trocken. „Ich bin für Funktionen zuständig.“
Geraldine schloss die Werkzeugtasche, stellte sie neben die Tür.
„Wir machen das Schritt für Schritt. Erst Andockbereich sichern, dann Energiepfad suchen, dann Terminal. Keine Alleingänge.“
Echo und Amanda nickten gleichzeitig.
„Dann los,“ sagte Amanda. „Bevor einer von uns noch Zeit hat, darüber nachzudenken, wie dämlich die Idee ist.“
„Zu spät,“ meinte Echo. „Hab ich schon. Ich komm trotzdem mit.“
Geraldine atmete einmal ruhig durch, fühlte den vertrauten Zug in der Magengegend, wenn aus einem Plan ein echter Flug wurde.
„Auf zu Ashley,“ sagte sie.
Wenig später senkte sich die Rampe der Anaconda im Hangar. Drei Silhouetten, zwei Werkzeugtaschen, ein gemeinsames Ziel – und irgendwo da draußen eine tote Station, die vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder eine Stimme bekommen würde.
Die Anaconda löste sich vom Träger wie ein Schatten, der sich vom größeren Schatten löst. Kaum war Ashley vom Hangarfeld frei, zog Geraldine sie in einen weiten Bogen weg von der Citadel, raus in die Leere des Systems.
„Ziel gesetzt,“ murmelte sie mehr zu sich selbst, als sie den Kurs einloggte. „Tevarin III.“
Auf dem HUD erschien der bekannte Marker: Verbund-Station L-57. Unspektakulär. Ein kleines Symbol über einer blassen grauen Kugel.
Amanda saß auf dem Copilotensitz, angeschnallt, die Hände locker auf den Knien.
Echo hatte ihren Platz hinten in der Mitte, halb an das Gestell gelehnt, die Gurte nur so weit angezogen, wie es wirklich nötig war. Vor ihr schwebte ein kleines, eigenes Display mit Sensordaten, das sie fast beiläufig im Blick behielt.
Der Frameshift brach, der Planet füllte das Sichtfeld. Grau, staubig, mit nur wenigen Strukturen, die nicht nach Natur aussahen.
„Sieht aus, als hätte jemand die Sättigung rausgedreht,“ kommentierte Echo.
„Kommt hin,“ sagte Amanda.
Atmosphäreneintritt. Der Rumpf vibrierte, die Schilde flüsterten leise. Auf der Oberfläche zog sich eine helle Staubfront wie eine ausgefranste Linie über das Terrain, dahinter: Gebäudekonturen. Türme, angesägte Silhouetten, Antennenstümpfe.
Das HUD markierte L-57 als kleinen Punkt am Rand eines ausgetrockneten Beckens.
„Beim letzten Mal sind wir direkt drauf gegangen,“ sagte Geraldine leise. „Diesmal nicht.“
Sie verlegte den Landevektor, ließ die Anaconda in einem flachen Winkel abdrehen. Der Marker der Station wanderte ans Seitenfeld des HUD, dann hinter die Sichtlinie.
„Wie weit weg?“ fragte Amanda.
„Fünf, sechs Kilometer,“ antwortete Geraldine. „Flach genug, um mit den SRVs hinzukommen. Nah genug, dass wir im Zweifel zurückkönnen, wenn irgendwas mit der Struktur nicht stimmt.“
Echo nickte kaum merklich. „Mag ich. Wenn was schiefgeht, ist es mir lieber, wenn zwischen uns und einem einstürzenden Dach nicht nur eine Erinnerung, sondern auch ein paar Kilometer liegen.“
Die Landefüße der Anaconda setzten auf, Staub wirbelte hoch, ein kurzer Ruck – dann stand sie. Die Anzeigen gingen auf Grün. Außen sah man durch die Scheibe nur graue Fläche, Steinbrocken, leichter Schwebestaub.
Geraldine löste die Gurte und blieb eine Sekunde im Sitz sitzen, die Finger kurz fester an den Armlehnen.
Amanda sah sie von der Seite an. „Bereit?“
Geraldine atmete langsam aus. „Bereit genug.“
Die SRV-Rampe senkte sich mit einem tiefen, vertrauten Brummen. Kühle, dünne Luft kroch in den Hangar, wurde von den Feldgeneratoren sofort wieder in geordnete Bahnen gezwungen.
„Okay,“ sagte Echo und warf ihre Werkzeugtasche auf die Ablage hinter dem Pilotenplatz des ersten SRV. „Team Eins: Technik und vorsichtig an allem rumfummeln. Team Zwei: Aussicht und Gefühlsverarbeitung.“
„Wer ist wer?“ fragte Amanda.
„Ich bin Technik,“ erklärte Echo. „Du bist im Zweifel die, die schießt, wenn irgendwer meint, er müsste aus einem Loch kriechen. Und Geraldine…“ Sie sah zu ihr hinüber. „…ist der Grund, warum wir hier sind.“
Geraldine schnaubte leise. „Dann fahr ich im ersten.“
Sie und Echo nahmen im vorderen SRV Platz, Amanda kletterte in das zweite. Die Innenbeleuchtung ging an, Displays fuhren hoch, die bekannten Instrumente eines Kampf- und Erkundungsfahrzeugs fühlten sich plötzlich seltsam fehl am Platz an.
„Ashley an Citadel,“ gab Geraldine noch rasch durch. „Wir sind auf der Oberfläche, SRVs unterwegs zur Station. Keine weiteren Signale im Umkreis. Haltet die Ohren offen.“
„Verstanden, Commander,“ kam es aus dem Lautsprecher. „Wir bleiben auf Empfang.“
Die SRVs rollten die Rampe hinab und tauchten in das Graubraun des Planeten ein.
Die Station war zuerst nur eine Linie am Horizont, dann ein gezackter Schatten, dann ein Satz klarer Formen: Türme, von denen die oberen Segmente fehlten. Ein zentraler Block, halb im Staub versunken. Ein paar ausgebrannte Stützen, als hätte jemand versucht, etwas abzubauen und es dann mittendrin aufgegeben.
Geraldine fuhr im ersten SRV vorneweg. Je näher sie kamen, desto mehr verschob sich die Perspektive: Die Station wurde größer, massiver, bedrückender. Und gleichzeitig vertraut.
Die Einfahrt zur alten Landezone war aus der Ferne schon zu erkennen – eine Art abgesenkter Bereich mit abgenutzten Leitstreifen, die nur noch in fragmentarischen Mustern im Staub lagen. Dort hatten sie das letzte Mal direkt mit der Conda gestanden.
Diesmal hielt Geraldine die SRVs auf der Kante an.
„Da ist sie,“ sagte sie.
Echo beugte sich etwas nach vorne, die Hände noch am Steuer.
Für Geraldine war es, als würde sich ein Stück innere Landschaft exakt über die äußere legen. Sie sah nicht nur die verrosteten Gerüste und die eingestürzten Gänge – sie sah das glatte Metall von früher, das sterile Weiß, die gleichmäßig blinkenden Anzeigen an den Zugangsbereichen. Kinder, die in Reihen durch Korridore geführt wurden, in denen alles gleich aussah. Kein Raum für Individualität. Nur Funktion.
Es war kein Schlag in die Magengrube.
Eher ein leises Ziehen. Ein „Ja. Genau so.“
In ihrem Kopf schob sich für einen Moment eine Erinnerung vor das Bild: ihre kleinen Schritte auf kaltem Boden, das Summen der Klimaanlage, die Stimme aus den Lautsprechern, die nie wirklich zu jemandem gehört hatte.
Sie blinzelte einmal, legte die Hand fester um den Steuerknüppel und zwang sich, das zu tun, was sie seit Jahren gelernt hatte: beides gleichzeitig halten – das, was war, und das, was ist.
Neben ihr sah Echo nach vorn, die Augen hell, wach, beinahe gierig auf Details.
„Boah,“ murmelte sie. „Das ist ja ein Traum von einem Lost Place.“
„Das ist eine Erziehungsstation, kein Abenteuerpark,“ kommentierte Amanda über Funk aus dem zweiten SRV.
„Beides kann zutreffen,“ meinte Echo. „Verlassene Infrastruktur, alte Systemkerne, keine Behörden im Nacken… das ist für mich Feiertag.“
Man hörte Amandas leises Schnauben.
„Feiertag für dich, Urknall für Geraldine. Lass sie atmen.“
Geraldine sagte nichts. Sie brauchte es auch nicht.
Dass Amanda das so treffend zusammenfasste, half ihr mehr, als jede Beruhigung es könnte.
Sie lenkte das SRV die Rampe hinunter, tiefer in die Senke. Der Staub wurde dichter, die Konturen der Station wuchsen rechts und links an ihnen vorbei. Aus der Nähe sah man die Abplatzungen im Metall, die Schrammen, die Stellen, an denen irgendjemand versucht hatte, mit Gewalt etwas zu öffnen oder mitzunehmen.
Für Amanda war der Anblick anders.
Aus ihrem zweiten SRV heraus sah sie vor allem die Silhouette von etwas, das wie ein auf ewig eingefrorener Ausnahmezustand wirkte. Ein Ort, an dem Kinder gewesen waren, ohne wirklich ein Zuhause zu haben. Sie dachte an die Tage, an denen Geraldine von hier erzählt hatte – knapp, kontrolliert, mit dieser Mischung aus Distanz und Wut, die man nur hat, wenn man gelernt hat, sich auf nichts zu verlassen.
Sie spürte, wie sich in ihr ein stiller Wunsch ausbreitete: Bitte lass sie hier etwas finden, das nicht nur weh tut. Irgendetwas, das sie greifen kann.
Echo hingegen zoomte mit ihrem HUD durch die Oberflächen.
„Reaktorbereich vermutlich da hinten,“ murmelte sie. „Hier vorne die Verwaltungssektion, seitliche Schächte für Versorgung, oben Kommunikationscluster… die haben nichts weggerissen, nur abgeschaltet. Das ist gut.“
„Gut?“ fragte Amanda.
„Gut,“ bestätigte Echo. „Heißt: Mehr Chancen, dass darunter noch was da ist. Schlechter wäre, wenn hier alles wie blank poliert wäre. Das hier… das ist nur verlassen. Nicht ausradiert.“
Geraldine ließ den SRV vor dem ehemaligen Hauptzugang ausrollen und bremste. Das Tor war halb offen, halb verklemmt, ein Spalt zum Inneren hin. In der Öffnung hingen Kabel, Staubfahnen, ein paar lose Platten.
Sie schaltete den Motor ab. Das leise Nachklicken der Systeme war plötzlich das lauteste Geräusch weit und breit.
„So,“ sagte sie, und ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Willkommen in L-57.“
Sie griff nach dem Helm.
Diesmal war sie nicht als Kind durch diese Türen gegangen.
Diesmal war sie selbst diejenige, die entschied, ob und wie weit sie hinein wollte.
Und sie war nicht allein.
Geraldine setzte den Helm auf. Das Visier klickte ein, und die Welt wurde schmaler: Atem, Rauschen, die gedämpfte Schwere des eigenen Pulses.
Echo zog ihre Werkzeugtasche nach vorn, als wären sie in einem ganz normalen Hangar und nicht an der Schwelle zu Geraldines Kindheit. Sie hakte einen mobilen Energiepuffer aus, prüfte die Anzeige, klopfte zweimal dagegen.
„Noch Saft“, murmelte sie. „Nicht genug für Rom, aber vielleicht für ein Terminal, das nur noch beleidigt ist.“
Amanda stand neben dem Spalt im Tor, die Lampe in der Hand. Ihr Licht glitt über verklemmte Schienen, über Kabel, die wie ausgerissene Nerven in der Öffnung hingen. Sie sagte nichts – aber sie stellte sich so hin, dass Geraldine nicht allein als Erste reinging.
„Keine Heldentaten“, sagte Amanda schließlich. Ruhig. Nicht streng. Nur als Rahmen.
„Ich bin die letzte Person, die hier heute heldenhaft sein will“, antwortete Geraldine leise.
Echo schnaubte. „Gut. Dann gehst du als Erste.“
„Danke.“
„Ich meinte: Du gehst als Erste, weil du hier der Kompass bist. Ich bin nur die Schaufel.“
Sie duckten sich durch den Spalt. Innen war es kälter, als Geraldine es erwartet hatte – nicht weil hier echte Kälte herrschte, sondern weil tote Luft anders riecht. Alt. Recycelt. Ohne Zweck.
Ihre Lampen fanden Flure, die zu breit waren für drei Menschen, aber zu schmal für Trost. Wände, die früher glatt gewesen sein mussten. Jetzt waren sie matt, mit einer Staubschicht, die jedes Geräusch schluckte.
Geraldine ging automatisch langsamer. Nicht aus Angst. Aus Erinnerung, die nicht zu einem Bild wurde, sondern zu einem Gefühl im Körper: Hier hast du gelernt, ruhig zu gehen. Unauffällig. Nicht im Weg.
Amanda bemerkte es, ohne es zu kommentieren. Sie blieb einfach dicht genug dran, dass Geraldine nicht zurückfallen konnte.
Echo hingegen blieb Echo. Sie ließ ihre Lampe nicht über die Vergangenheit streichen, sondern über Technik.
„Okay…“, murmelte sie. „Versorgungsschacht links, das ist gut. Verwaltungssektion müsste hier irgendwo liegen. Wenn die einen Admin-Knoten hatten, dann nicht tief im Reaktor, sondern da, wo die Bürokratie sich wohlfühlt.“
Sie blieb an einer Wandkonsole stehen, deren Abdeckung halb offen hing. Dahinter: ein Bündel Kabel, Steckleisten, eine Schicht aus Staub und… etwas, das wie eine intakte Buchse aussah.
Echo grinste, und es war das erste wirklich lebendige Gesicht in diesem ganzen Raum. „Da bist du ja.“
Sie kniete sich hin, zog ein Diagnosetool aus der Tasche, dann einen Adapter, der aussah, als hätte er schon drei Jahrzehnte überlebt, weil niemand ihn jemals wegwerfen wollte.
„Kein Hochfahren der Station“, sagte sie, mehr zu sich selbst. „Nicht mal im Traum. Wir suchen uns nur einen einzigen Knoten. Einen, der noch weiß, dass er existiert.“
Amanda leuchtete ihr über die Schulter. „Und wenn der Knoten nicht mehr weiß, dass er existiert?“
„Dann bring ich ihm’s wieder bei.“
Echo schloss den Energiepuffer an, verriegelte die Klemme. Ein kleines LED-Licht flackerte. Einmal. Zweimal. Dann blieb es stabil.
Das Geräusch, das darauf folgte, war fast lächerlich klein: ein dünnes Summen, als hätte irgendwo ein einzelnes Bauteil beschlossen, noch einmal Dienst zu tun.
Geraldine starrte darauf wie auf ein Feuer in der Wildnis.
Echo steckte die Hardline ein. Das Diagnosetool piepste kurz, erstickt, als würde es sich schämen, überhaupt Geräusche zu machen. Auf dem kleinen Display sprang Text an. Bruchstückhaft.
„Okay“, sagte Echo leise. „Wir haben Kontakt. Nicht viel. Aber Kontakt.“
Sie tippte, wartete, tippte wieder. Das System reagierte langsam, wie ein alter Mensch, der nicht mehr daran glaubt, dass es sich lohnt, aufzustehen.
Dann erschien eine Zeile, grob gerendert, monochrom, ohne jede Eleganz.
INTERNER KNOTEN: ADMIN-LOG // STATUS: FRAGMENTIERT
ZUGRIFF: LOKAL
WARNUNG: DATENINTEGRITÄT < 41%
Echo atmete zufrieden aus. „Da ist er. Der Admin-Knoten. Nicht das ganze System – nur das, was damals niemand für wichtig genug hielt, es ordentlich zu löschen.“
Amanda zog eine Braue hoch. „Oder jemand hat genau das für wichtig genug gehalten.“
Echo sah sie kurz an, das Grinsen dünner. „Auch möglich.“
Geraldine spürte, wie sich etwas in ihr anspannte, nicht als Panik – eher als Bereitschaft. Als hätte ihr Körper jahrelang auf diesen Moment gewartet und jetzt keine Ausrede mehr.
„Was ist drin?“ fragte sie.
Echo scrollte. Kategorien. Listen. Bürokratie. Ein Archiv aus Menschen, die nie gedacht hatten, dass ihre Felder und Nummern mal ein Leben zurückholen würden.
DOKUMENTE // ADMIN
PERSONAL // ROTATION
EINSATZPLÄNE // ALT
KINDERPROTOKOLLE // INDEX (TEILWEISE BESCHÄDIGT)
Echo öffnete PERSONAL // ROTATION.
Eine Liste erschien. Unvollständig. Aber real.
DR. L. BACHELET — MED. LEITUNG
EAMON RHYS — TECH. AUFSEHER
KAREEN VALETTE — VERWALTUNG / PROTOKOLL
Geraldine las die Namen einmal. Dann noch einmal.
Nicht, weil sie einen davon kannte.
Sondern weil sie fühlte, dass jeder einzelne ein Stück Wirklichkeit war. Ein Beweis dafür, dass diese Station nicht nur ein Ort in ihrem Kopf gewesen war, sondern ein Arbeitsplatz. Ein System. Ein Mechanismus, der Menschen gebraucht hatte, um zu funktionieren.
„Drei Namen“, murmelte Amanda. „Das ist… wenig.“
„Das ist genau richtig“, sagte Echo. „Mehr will ich aus so einem kaputten Knoten auch gar nicht ziehen. Je weniger wir anfassen, desto weniger ruinieren wir.“
Sie klickte auf DR. L. BACHELET. Ein Datensatz öffnete sich, halb zerfallen, aber lesbar genug, um weh zu tun:
DIENSTZEIT: [33—] bis [33—]
STATUS: ABGANG
VERMERK: ROTATION BESTÄTIGT
„Abgang kurz nach…“ Echo hielt inne, weil die Zahlen an der Stelle nur noch als Fragmente da waren. „…kurz nach irgendwas.“
Geraldine merkte, wie sie die Luft anhielt.
Echo wechselte zu EAMON RHYS. Der Datensatz war… seltsam.
DIENSTZEIT: [33—] bis [—]
STATUS: —
TRANSFER: —
AKTE: ABBRUCH
„Das ist interessant“, sagte Echo sofort, und diesmal war in ihrer Stimme kein Witz. „Abrupt. Keine Transferdaten. Das riecht nicht nach normaler Rotation.“
Amanda sah zu Geraldine. „Wenn jemand gelöscht wurde.“
Geraldine nickte kaum merklich. „Oder wenn jemand gegangen ist, ohne dass er gehen durfte.“
Echo sagte nichts dazu. Sie klickte weiter, hartnäckig, wie immer. KAREEN VALETTE war eher… sauber. Verwaltungsleute waren oft sauber. Selbst wenn sie schmutzige Dinge taten.
ZUSTÄNDIGKEIT: KINDERPROTOKOLLE / ÜBERSTELLUNGEN
ZUGRIFFSEBENE: A-B
Geraldine blinzelte. „A-B?“
Echo deutete mit dem Finger auf die Zeile. „Zugriffsebene. Heißt: Sie durfte mehr sehen als normales Personal. Nicht ganz oben, aber… nah genug, um Dinge zu verschieben.“
Amanda flüsterte fast: „Seite A und Seite B.“
Echo nickte langsam, ohne sich umzudrehen. „Das werden wir gleich sehen.“
Sie öffnete KINDERPROTOKOLLE // INDEX. Der Bildschirm zuckte. Fehlermeldungen. Lücken. Nummern, die ins Nichts führten.
Echo fluchte leise. „Natürlich.“
Dann blieb eine Zeile stabil, als hätte sie sich trotz allem festgebissen.
KINDEREINTRAG #3312 – ÜBERSTELLT
GRUND: FAMILIÄRE UMSTÄNDE
ZUGRIFF: GESPERRT
WEITERE INFORMATIONEN: ARCHIV L-12
Geraldine spürte, wie ihr Magen für eine Sekunde schwer wurde. Nicht, weil „familiäre Umstände“ dramatisch klang – sondern weil es das Gegenteil war. Zwei sterile Wörter, die alles bedeuteten und nichts erklärten.
„#3312“, sagte sie leise.
Amanda trat näher. „Das könnte…“
„Ja“, unterbrach Geraldine, ohne laut zu werden. „Das könnte ich sein.“
Echo tippte auf den Eintrag. Ein weiteres Fenster öffnete sich – nicht der Inhalt, nur der Rahmen, als würde jemand die Tür zeigen, aber den Schlüssel behalten.
ÜBERSTELLUNGSAKTE L-57/12A — ZUGRIFF GESPERRT
VERANTWORTLICH: K. VALETTE
HINWEIS: SIEHE ADMIN-NOTIZ
Echo wechselte in DOKUMENTE // ADMIN und suchte. Ein einzelner Textblock erschien, kurz genug, um „harmlos“ zu wirken, und kalt genug, um genau deshalb gefährlich zu sein.
NOTIZ // STATIONSLEITUNG
„Seite A und Seite B der Aufsicht werden verschoben.“
„Personalrotation abgeschlossen.“
„Kindereintrag #3312 überstellt – Grund: familiäre Umstände.“
„Weitere Informationen in Archiv L-12.“
Stille.
Nicht die Stille der Station. Die kannten sie inzwischen.
Das war eine andere Stille: drei Menschen, die gleichzeitig verstanden, dass sie gerade den Rand eines Puzzles in der Hand hielten – und dass das Bild dahinter größer war, als sie es erwartet hatten.
Echo lehnte sich langsam zurück. Ihre Hände blieben auf dem Terminal, als müsste sie es festhalten, damit es nicht wieder stirbt.
„Archiv L-12“, sagte sie. „Das ist kein Menüpunkt. Das ist ein Verweis. Das heißt: Entweder gibt’s hier irgendwo noch ein physisches Archivmodul… oder einen zweiten Knoten. Tiefer. Besser gesichert.“
Amanda sah Geraldine an. „Das ist nicht nur ein Ort. Das ist ein Plan.“
Geraldine starrte auf die Zeilen, auf die Nummer, auf die Worte, die so wenig sagten und trotzdem alles anfassten.
Sie fühlte keinen Zusammenbruch.
Sie fühlte… Richtung.
„Das ist der Anfang“, sagte sie.
Und zum ersten Mal, seit sie L-57 wieder im Blick hatte, klang „Anfang“ nicht nach Vergangenheit – sondern nach etwas, das noch vor ihr lag.