Echo kniete wieder am Knoten, als hätte die Station nur kurz Luft geholt und sei jetzt bereit, ihr alles zu geben. Sie zog ein zweites Speichermodul aus der Tasche, steckte es an das Diagnosegerät und prüfte die Anzeige.
„Wir machen das jetzt stumpf“, sagte Echo. „Rohdump. Alles, was noch antwortet. Keine Analyse hier drin.“
Amanda leuchtete den Flur ab, während Geraldine mit einem Kreidestift eine kleine Markierung an die Wand setzte. Nicht schön, nur eindeutig. Ein Weg zurück, falls sie wieder raus mussten, schnell.
Geraldine spürte, wie sich ihr Blick immer wieder an den gleichen Stellen festhakte. Ecken, Türen, das Gefühl von früher. Sie zwang sich, es wie eine Mission zu behandeln.
Echo tippte sich durch Menüs, die eher nach Verwaltung rochen als nach Wahrheit. Dann begann die Kopie. Erst langsam, dann in kleinen Schüben, als würde sich das System erinnern, wie man Daten ausspuckt.
Das Display zeigte keine schönen Balken, nur Zahlen, die zögerlich hochkrochen, als würden sie jedes Prozent einzeln verhandeln. Einmal fror alles ein. Echo hielt den Atem an, tippte zweimal gegen das Gehäuse und flüsterte etwas, das eher wie ein Gebet klang als wie Technik.
Dann ging es weiter.
„Siehst du“, sagte sie und klang dabei fast beleidigt erleichtert. „Geht doch.“
Amanda blieb am Flurende stehen, den Lampenkegel ruhig wie ein Faden in der Dunkelheit. Irgendwo weiter innen knackte Metall, ein langes, müdes Geräusch, als würde die Station im Schlaf die Position wechseln.
Geraldine zwang sich, nicht zusammenzuzucken. Stattdessen schaute sie auf Echos Hände. Auf die Selbstverständlichkeit, mit der Echo aus Ruinen Informationen zog.
Ein kurzer Warnton piepste. Auf dem Display flackerte eine Zeile auf, halb lesbar.
Echo beugte sich näher. „Hm.“
„Was heißt hm“, fragte Amanda, ohne den Blick vom Flur zu nehmen.
Echo tippte, ließ sich eine Liste anzeigen und verzog den Mund. „Das heißt, wir kriegen hier nur das, was am Knoten hängt. Der Rest liegt wahrscheinlich in lokalen Speichern. Tiefer drin. Archivstruktur. Nicht online.“
Sie zog das Speichermodul ab, steckte ein zweites an und setzte neu an.
„Also gibt es mehr“, sagte Geraldine.
Echo nickte, ohne aufzusehen. „Ja. Und es will nicht freiwillig zu uns kommen.“
Echo ließ das Speichermodul in der Hand kreisen, als wäre es ein kleines, störrisches Tier. „Okay. Wir haben den Knoten leergetrunken. Mehr gibt er hier nicht her.“
Amanda trat einen Schritt näher, ohne den Flur aus den Augen zu lassen. „Dann sind wir fertig.“
Echo hob den Kopf. „Dann fangen wir erst an.“
Amanda schnaubte. „Ich liebe diese Haltung. Sie ist wie ein ungesicherter Container. Irgendwann fällt dir was auf den Fuß.“
Geraldine presste die Lippen kurz zusammen. Ihre Stimme kam kontrolliert, aber dünner als sonst. „Wir können nicht jeden Raum durchsuchen.“
„Doch“, sagte Echo sofort. „Wir können. Wir sollten nur nicht so tun, als wäre das eine romantische Idee.“
Amanda nickte in Richtung der Dunkelheit. „Romantik ist, wenn du in einer Bar einen Drink verschüttest. Hier drinnen heißt das Ding Strukturversagen.“
Echo zeigte mit der Lampe an die Wand, wo alte Beschilderung noch als blasse Schrift durch den Staub schimmerte. „Wir suchen nicht alles. Wir suchen Muster. Archiv heißt: gesicherte Türen, lokale Speicherracks, Verwaltungsflure. Wenn irgendwo noch Datenträger liegen, dann da, wo Leute sie verstecken oder vergessen, wenn sie schnell weg müssen.“
Geraldine schluckte. Sie spürte den Druck im Brustkorb, als würde die Station selbst näher rücken. „Wie tief?“
Amanda antwortete, bevor Echo es konnte. „So tief, wie wir müssen. Und nicht einen Schritt tiefer, nur weil jemand hier früher geglaubt hat, Türen seien Vorschläge.“
Echo grinste kurz. „Klingt wie ein Plan.“
Geraldine atmete einmal langsam aus. „Priorität eins: alles, was nach Archiv riecht. Priorität zwei: Personal und medizinisch. Und wir markieren jeden Weg zurück.“
Amanda hob die Lampe, als wäre das die Unterschrift unter dem Deal. „Und wenn es anfängt, hier drin Geräusche zu machen, die nicht nach Staub klingen, dann gehen wir. Ohne Diskussion.“
Echo steckte das Modul weg. „Abgemacht.“
Geraldine nickte, zwang ihren Blick nach vorn. „Dann los. Bevor ich es mir anders überlege.“
Der Gang, dem sie folgten, hatte nichts Menschliches. Keine Nummern, keine Nischen, keine Spuren von Alltag. Nur blanke Leitungen, Transportmarkierungen am Boden und Türen, die eher nach Technik als nach Leben aussahen.
Dann gab die nächste Schleuse nach.
Und plötzlich standen sie im Speisesaal.
Geraldines Schritt stockte so abrupt, dass Amanda fast in sie hineinlief. Der Lampenkegel sprang über verkratzte Metalltische, über Stuhlreihen, die schief standen wie nach einer hastigen Räumung. Für eine Sekunde war alles wieder da, ohne Bild, nur als Druck irgendwo hinter den Rippen.
„Wir sind… hier“, sagte Geraldine leise. Mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Amanda blieb neben ihr stehen, sah sich einmal um. „Du klingst begeistert.“
„Letztes Mal sind wir direkt da rein“, sagte Geraldine und hob die Lampe, als würde sie den alten Weg an die Wand zeichnen. „Durch den beschädigten Zugang. Das war das Erste, was wir gefunden haben.“
Echo trat einen Schritt vor, ließ ihr Licht über eine Seitentür und die dahinterliegenden Durchgänge wandern. „Und diesmal kommen wir von hinten rein“, stellte sie fest. Sachlich. „Versorgung. Küche. Lager. Das ist gut.“
„Gut“, wiederholte Amanda trocken. „Sag das nochmal, wenn wir wissen, was wir hier eigentlich suchen.“
Geraldine atmete einmal kontrolliert aus. „Der Speisesaal war unser Fixpunkt. Von hier aus sind wir zu den Quartieren und dann in den Kontrollraum.“
Sie sagte Kontrollraum, als würde das Wort einen Geschmack haben.
Echo nickte. „Dann laufen wir jetzt genau diese Route. Und diesmal schauen wir nicht nur dahin, wo es euch damals hingezogen hat.“
Amanda schwenkte die Lampe Richtung Ausgang. „Dann los. Bevor der Ort hier anfängt, dir Geschichten zu erzählen, die du nicht hören willst.“
Sie gingen durch den Speisesaal, ohne ihm mehr Zeit zu geben, als nötig war. Geraldine hielt den Lampenkegel flach, auf Tischkanten und Bodenmarkierungen, als könnte sie so verhindern, dass Erinnerungen hochkommen wie Staub.
An einer Ecke blieb sie trotzdem kurz stehen. Da war eine kleine Einkerbung im Metall, genau auf Hüfthöhe. Ihr Kopf wusste nicht mehr, warum. Ihr Körper schon.
Amanda bemerkte es und sagte trocken: „Wenn du anfängst, dem Mobiliar Namen zu geben, zieh ich dich raus.“
„Keine Sorge“, murmelte Geraldine. „Ich bin höchstens kurz… sauer.“
Echo blieb in Bewegung, ließ ihren Lichtkegel über Türen und Beschilderung wandern. „Wenn ihr beim letzten Mal von dort reinkamt“, sagte sie und deutete auf den Bereich, den Geraldine beschrieben hatte, „dann habt ihr euch automatisch an Aufenthaltsräume gehängt. Speisesaal, Quartiere, Kontrollraum. Macht Sinn.“
Amanda nickte. „Hat uns auch den Hintern gerettet.“
„Ja“, sagte Echo. „Aber es erklärt, warum ihr die andere Seite nicht ernsthaft gesehen habt.“
Sie stoppte an einer Seitentür, die unscheinbarer war als die anderen, fast wie ein Stück Wand. Daneben verliefen dickere Leitungen, und am Boden waren alte Rollenmarkierungen zu erkennen.
Echo tippte mit dem Handschuh dagegen. „Versorgung. Nicht gemütlich, nicht interessant, also übersieht man’s. Aber genau da verstecken Leute Dinge, die sie nicht in den Quartieren liegen lassen.“
Geraldine sah zu der Tür, dann kurz zu Amanda. „Also gehen wir diesmal nicht dahin, wo es sich logisch anfühlt.“
Amanda hob die Lampe, als würde sie es absegnen. „Wir gehen dahin, wo es wehtut. Und dann gehen wir wieder raus.”
Vom Speisesaal führte der Weg so, wie Geraldine ihn noch im Körper hatte: ein Hauptgang, der erst breit genug war, dass früher zwei Leute mit Kisten aneinander vorbeikamen, dann nach ein paar Metern enger wurde und sich in diese gleichförmige Abfolge von Türen auflöste.
Quartiere.
Die Türen lagen wie auf einer Schablone: links, rechts, links, rechts. Dazwischen Nischen, wo mal Beschilderung oder Aushänge gehangen hatten. Geraldine ging schneller, als wäre Geschwindigkeit eine Art Schutz. Amanda blieb dicht genug, um sie notfalls am Ärmel zurückzuholen.
Am Ende des Gangs öffnete sich der Bereich in den Kontrollraum, nicht groß, aber funktional. Konsolen wie tote Tiere, Schränke mit herausgerissenen Modulen, Staub in den Rillen, wo früher Hände gearbeitet hatten. Geraldines Lampe blieb automatisch an der Stelle hängen, wo damals der Speicherblock gewesen war.
Echo trat hinein, machte keine Zeremonie daraus. Sie leuchtete nur kurz die offensichtlichen Ablagen ab, zog einmal eine verklemmte Schublade an, die sofort wieder beleidigt zurückschnappte.
„Nichts Neues“, sagte Amanda, als hätte sie es bestellt.
Echo nickte. „Wenn hier noch was liegt, dann nicht offen. Dann liegt’s da, wo man es vergisst oder versteckt.“
Geraldine zwang sich, nicht länger auf den Platz zu starren. „Dann zurück.“
Sie gingen den gleichen Gang wieder zurück, Türen wieder in der gleichen Reihenfolge, bis der Raum sich vorne wieder weitete und der Speisesaal wie ein dunkler Platz auftauchte, den ihre Lampen erst zusammensetzen mussten.
Kurz bevor sie wieder in den Speisesaal traten, blieb Echo stehen.
Nicht dramatisch. Nur dieses eine, abrupte Anhalten, das sagt: Da ist etwas, das nicht in das Muster passt.
Sie leuchtete auf eine Tür, die nicht zu den Quartieren gehörte. Kein Namensfeld, keine Nummer. Nur ein bündiges Panel in der Wand, auf Bodenhöhe eine alte Rollenmarkierung, als hätte hier früher regelmäßig etwas Schweres durchgemusst. Die Kanten waren so staubig, dass man sie leicht für eine normale Wandfuge halten konnte.
Echo legte die Hand an den Griff.
Er bewegte sich keinen Millimeter.
„Verriegelt“, sagte sie, und jetzt war in ihrer Stimme dieses zufriedene, gefährliche Interesse.
Amanda trat neben sie. „Das ist neu.“
„Nein“, sagte Geraldine leise, und ihre Lampe blieb auf der Tür, als hätte sie sie gerade erst wirklich gesehen. „Das war die ganze Zeit da. Wir haben nur…“
Echo klopfte einmal gegen das Panel. Dumpf, solide. „…dran vorbeigeschaut“, beendete sie den Satz. Dann beugte sie sich zum Schlossbereich. „Und das ist kein Zufalls-Klemmen. Das ist absichtlich zu.“
Echo kniete sich vor die bündige Tür, als wäre sie ein widerspenstiger Terminaldeckel und nicht der Eingang zu irgendwas, das man offenbar nicht betreten sollte. Sie wischte mit dem Handschuh einmal über den Rand, bis die feine Kontur eines Servicepanels sichtbar wurde.
„Da“, sagte sie. „Wartungszugang. Kein Griff, keine Nummer. Das ist Absicht.“
Amanda stellte sich so hin, dass ihr Lampenkegel genau auf Echos Hände fiel. „Du hast doch bitte irgendein Wunderwerkzeug dabei.“
„Ich habe Werkzeuge“, gab Echo zurück. „Wunder sind extra.“
Sie zog ein flaches Schneidtool hervor, setzte an der Naht an und arbeitete sich millimeterweise vor. Das Panel gab erst nicht nach. Dann, mit einem leisen Knacken, sprang eine Ecke auf, als hätte es nur lange genug auf Widerstand gewartet.
Hinter der Abdeckung lag kein hübsches Schloss, sondern ein kompakter Kasten mit dicken Leitungen und einem Override-Port, der aussah, als hätte ihn seit Jahrzehnten niemand mehr berührt.
Echo steckte einen Adapter ein. Ein kurzes Knistern. Das Diagnosedisplay an ihrem Handgelenk flackerte, zeigte Fehlcodes, dann nur noch eine nüchterne Warnung.
„Okay“, murmelte sie. „Das Ding will Strom sehen. Nicht viel. Aber genau im falschen Moment.“
Geraldine trat näher, ohne Echo zu berühren. „Können wir das machen?“
Echo sah kurz zu ihr hoch. In ihrem Blick lag diese harte Ruhe, die sie immer bekam, wenn etwas entweder funktioniert oder gar nicht. „Ja. Aber das frisst Energie.“
Amanda hob die Braue. „Wie viel ist die Frage.“
Echo zog eine Ersatz-Energiezelle aus der Tasche, hielt sie einen Moment in der Hand, als würde sie den Preis abwägen, dann klickte sie sie in den Port. Das System schluckte sie sofort. Auf Echos Anzeige rutschte die Reserve sichtbar runter.
„Toll“, sagte Amanda trocken. „Jetzt haben wir eine Tür und sonst nichts.“
„Noch haben wir nicht mal die Tür“, zischte Echo und tippte den Override-Code durch, den ihr Tool ausspuckte. Ein tiefer Ton vibrierte durch das Metall, als würde irgendwo ein alter Magnet anziehen.
Dann: ein sattes Klacken.
Die Tür entriegelte.
Echo atmete einmal kurz aus, wie jemand, der gerade nicht feiern will, dass er recht hatte. „Okay. Auf.“
Amanda legte die Hand an die Kante und schob. Die Tür gab schwer nach, als hätte sie sich an das Verriegeltsein gewöhnt. Dahinter lag kein Flur.
Dahinter lag ein Lagerraum.
Verwüstet.
Regale waren umgekippt, Kisten aufgerissen, der Boden bedeckt mit einer Schicht aus Staub, Verpackungsresten und Metallteilen, die im Lampenlicht wie kleine, scharfe Zähne glitzerten.
Geraldine blieb im Türrahmen stehen. Nicht, weil sie Angst hatte.
Sondern weil sich das hier anfühlte wie ein Ort, den jemand sehr gründlich durchsucht hatte und trotzdem etwas zurücklassen musste.
Amanda trat als Erste hinein, langsam, als würde sie dem Raum die Chance geben, sich zu verraten. Ihr Licht tastete über umgestürzte Regale, über aufgerissene Verpackungen und über einen Boden, der unter Staub und Schutt kaum noch Struktur hatte.
Echo blieb einen Schritt hinter der Schwelle stehen und warf einen Blick auf ihre Anzeige. „Nur damit ihr es wisst“, sagte sie leise, „ich hab jetzt kaum noch Reserve für Werkzeuge. Wenn wir hier drin noch ein zweites Panel knacken müssen, wird’s… sportlich.“
„Dann machen wir kein sportlich“, meinte Amanda. „Wir machen finden und raus.“
Geraldine trat hinein, hielt ihre Lampe tiefer, suchte nach Spuren, die nicht nach Zufall aussahen. Hier war nicht einfach nur etwas verrottet. Hier hatte jemand gewühlt. Kisten waren nicht nur umgefallen, sie waren geöffnet worden. Regalböden waren ausgehängt, als hätte jemand sie nach Hohlräumen abgesucht.
„Das ist kein Unfall“, murmelte sie.
„Nein“, sagte Amanda. „Das ist Arbeit.“
Echo ging direkt an die Rückwand, ohne zu diskutieren. „Wenn Leute was verstecken, dann nicht oben“, sagte sie. „Nicht da, wo man aus Versehen drüber stolpert. Unten. Unter Last. Unter etwas, das man nicht gern anhebt.“
Amanda leuchtete dorthin, wo ein Regal wie ein gefällter Baum über dem Boden lag. Metallstreben verkeilt, darunter ein dunkler Spalt.
Geraldine kniete sich hin, schob vorsichtig Staub und lose Folie beiseite. Ihre Finger stießen gegen etwas Hartes, Glattes, das nicht hierher gehörte.
Ein Kantenwinkel. Nicht Regal. Nicht Schrott.
„Da ist was“, sagte sie, und ihre Stimme war plötzlich ganz still.
Amanda hockte sich daneben, ließ das Licht genau in den Spalt fallen. „Sieht aus wie ein Koffer“, sagte sie. „Und der liegt nicht zufällig da unten.“
Geraldine schob den Staub mit den Fingerspitzen beiseite, bis der Kantenwinkel frei lag. Kein loses Metall, kein Verpackungsrest. Eine saubere, harte Linie, als hätte das Ding nie hierher gehört.
„Hilf mir“, sagte sie leise.
Amanda kniete sich dazu, griff unter die umgestürzte Strebe und zog einmal testweise. Nichts bewegte sich. Das Regal lag wie verkeilt, als hätte es sich beim Sturz in den Boden gebissen.
„Okay“, meinte Amanda, trocken wie immer, aber der Blick war konzentriert. „Dann machen wir das nicht mit Hoffnung.“
Echo leuchtete in den Spalt, ließ den Kegel ruhig stehen. „Wenn ich jetzt ein Tool anwerfe, frisst das wieder Energie. Also… mechanisch.“
Amanda nickte und tastete nach einem der losen Metallprofile. „Hebel.“
Geraldine verstand sofort, schob ein flaches Stück Strebe so unter die Kante, dass es nicht abrutschen konnte. Amanda setzte ihr Gewicht drauf, langsam, kontrolliert. Metall knirschte. Staub rieselte. Für einen Moment passierte gar nichts.
Dann gab das Regal einen Zentimeter nach.
Geraldine spürte, wie ihr Herz schneller wurde, als wäre dieser Zentimeter ein Versprechen.
„Noch mal“, sagte Amanda.
Sie drückte erneut, und diesmal rutschte das Regal ein Stück zur Seite. Gerade genug, dass Geraldine den Arm weiter hineinbekam. Ihre Handschuhe streiften etwas Glattes, dann eine Ecke, dann einen Griff.
„Das ist wirklich ein Koffer“, flüsterte Geraldine. „Hartschale.“
Amanda leuchtete tiefer. Der Koffer war eingeklemmt, aber unversehrt. Auf der Seite klebte etwas, das wie ein alter Siegelstreifen aussah, halb abgerieben, doch noch erkennbar.
Echo beugte sich vor. „Der wurde nicht einfach fallen gelassen. Der wurde da drunter geschoben.“
Geraldine packte den Griff und zog. Der Koffer rührte sich kaum. Als würde er sich weigern, in die Gegenwart mitzukommen.
Amanda setzte den Hebel noch einmal an, gab einen kontrollierten Stoß nach. Das Regal ruckte, und der Koffer löste sich mit einem dumpfen Geräusch aus dem Staub.
Geraldine zog ihn heraus, Zentimeter um Zentimeter, bis er endlich frei war.
Er war schwer. Nicht absurd schwer, aber so, dass man sofort wusste: Da ist Inhalt. Nicht Luft.
Amanda nahm ihr den Koffer ab, wog ihn kurz in der Hand und grinste schief. „Na bitte. Ein ganzes Stück Vergangenheit, hübsch verpackt.“
Geraldine starrte auf das alte Siegel, als könnte es gleich anfangen, ihr Antworten zu geben.
Ihre Finger fanden die Verschlüsse fast zu schnell, als hätte sie Angst, dass der Moment sonst wieder verschwindet. Ein kurzer Druck, ein trockenes Klicken, dann gab die Hartschale nach.
Der Deckel öffnete sich schwer, als hätte er Jahre lang beschlossen, zu bleiben, wo er war.
Innen lag Schaumstoff, ausgebleicht und bröselig an den Kanten. Und darin: mehrere flache, rechteckige Speichermodule, sauber in Aussparungen gelegt. Kein moderner Standard. Keine gängigen Anschlüsse. Eher wie Relikte aus einer Zeit, in der man Daten noch in die Hand nehmen musste, um sie zu besitzen.
Echo beugte sich vor, und in ihrem Blick flackerte etwas auf, das selten war: echtes Erkennen.
„Oh“, sagte sie leise. „Das ist alt.“
Amanda verzog den Mund. „Alt ist mein Liebling.“
Echo nahm eines der Module nicht heraus, berührte es nur mit der Lampe, als hätte sie Respekt vor dem Material. „Das sind Legacy-Module. Vor-Standardisierung. Heute kennt die kaum noch jemand. Und ohne passenden Reader sind die für uns hier drin nur… hübsche Steine.“
Geraldine starrte auf die Aussparungen, auf die Ordnung, die jemand da drin geschaffen hatte. „Personaldaten“, murmelte sie. Mehr Hoffnung als Wissen.
Echo nickte langsam. „Kann sein. Kann alles sein. Aber das lesen wir nicht hier. Nicht mit dem, was ich noch an Werkzeugenergie habe.“
Amanda klappte den Koffer wieder zu, diesmal entschlossen. „Dann nehmen wir die hübschen Steine mit nach Hause.“
Geraldine hielt den Koffer einen Moment fest, als würde er ihr sonst aus der Realität rutschen. Dann nickte sie. „Zurück zu den SRVs. Zu Ashley.“
Und sie gingen, den Koffer zwischen sich wie ein Stück Gewicht, das plötzlich Richtung hatte.
Sie ließen den Lagerraum hinter sich, als hätte er die unangenehme Angewohnheit, sich zu merken, wer ihn betreten hatte.
Amanda trug den Koffer, dicht am Körper, damit er nirgendwo anstieß. Bei jedem Schritt klang das harte Schalenmaterial dumpf gegen ihre Rüstung, als würde es sich beschweren, überhaupt bewegt zu werden.
Echo ging direkt hinter ihr, die Lampe etwas höher als sonst, damit sie nicht über Schutt stolperten. Ihr Blick blieb immer wieder an ihrem eigenen Tool hängen, als wollte sie kontrollieren, ob es ihr den eben bezahlten Preis nicht doch noch übel nahm.
„Nur zur Erinnerung“, murmelte sie, „ich hab jetzt keine Energie mehr, um noch irgendwo kreativ zu werden.“
„Dann sind wir heute alle mal unkreativ“, sagte Amanda.
Geraldine hielt sich an den Markierungen, die sie vorher gesetzt hatten. Kleine, unsaubere Kreidestriche an Kanten und Türrahmen. Sie zwangen ihren Kopf, im Jetzt zu bleiben: links, rechts, geradeaus. Nicht denken, was hier mal war. Nur: raus.
Als sie wieder im Kontrollraum standen, streifte Geraldines Licht automatisch die Stelle, wo damals der Speicherblock gelegen hatte. Sie blieb keinen Herzschlag lang stehen. Sie ging einfach weiter.
Der Speisesaal tauchte wieder auf wie ein dunkler Platz, den ihre Lampen erst zusammensetzen mussten.
„Okay“, sagte Amanda leise. „SRVs. Ashley. Und dann reden wir mit dem Koffer da drin, nicht hier.“
Draußen war der Staub derselbe wie vorher, nur kälter. Der Himmel hing flach über der Station, und alles wirkte weiter, als es sein sollte.
Die beiden SRVs standen dort, wo sie sie gelassen hatten. Amanda lud den Koffer in ihr Fahrzeug, zog die Gurte fest und rüttelte einmal daran, als würde sie testen, ob die Vergangenheit sich festbinden lässt.
„Wenn das Ding unterwegs aufspringt, lasse ich es hier liegen“, knurrte sie.
„Du wirst es nicht hier liegen lassen“, sagte Echo, schon bei Geraldines SRV, und klang dabei so, als wäre das keine Meinung, sondern ein Naturgesetz.
Geraldine stieg ein, Echo direkt hinterher. Der Innenraum war eng, voll von Ausrüstung und Atem. Geraldine zwang sich, die Hände ruhig zu halten.
„Langsam raus“, sagte Amanda über Funk. „Keine Kunststücke.“
„Ich mache keine Kunststücke“, murmelte Geraldine und setzte das SRV in Bewegung.
Sie fuhren an der Station entlang, weg vom Schuttfeld, und Geraldine merkte erst nach ein paar Sekunden, wie sehr ihr Kopf noch drinnen war. Bei der ersten kleinen Korrektur nahm sie eine Kante zu eng. Ein halb verschütteter Metallträger ragte aus dem Boden wie eine vergessene Rippe.
Der Schlag kam hart und sofort.
Metall kreischte kurz, dann dieses hässliche Knacken, das nichts Gutes bedeutet. Das SRV ruckte, kippte minimal zur Seite und blieb stehen, als hätte es beschlossen, ab hier zu Fuß zu gehen.
„Nein“, sagte Echo sofort, ganz flach.
Amanda bremste, kam zurück, sprang aus ihrem SRV und leuchtete unter Geraldines Fahrgestell. Ihr Blick genügte.
„Das war nicht schön“, sagte sie.
Geraldine starrte auf das schief stehende Radmodul, auf die eigene Dummheit, die plötzlich so laut war wie der Einschlag. „Ich war….“
„Später“, schnitt Amanda sie ab, trocken, aber nicht hart. „Erst klären wir, ob das Ding noch fährt. Und wenn nicht, klären wir, wie wir dich da rauskriegen, ohne den Koffer aus den Augen zu verlieren.“
Geraldine löste den Blick vom schief stehenden Radmodul und zwang sich, wieder Commander zu sein.
„Okay“, sagte sie ruhig. „Amanda. Du nimmst Echo und den Koffer und fährst zu Ashley. Echo bleibt an Bord und sichert alles. Du kommst zurück und holst mich ab.“
Echo schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Ich bleibe hier.“
Amanda hob die Braue. „Du willst bei dem kaputten SRV warten.“
„Ich will nicht, dass Geraldine hier wartet“, stellte Echo klar. „Sie ist zu wichtig. Ich bleibe hier, ihr fahrt. Punkt.“
Geraldine starrte Echo einen Moment an, als hätte sie nicht erwartet, dass es ausgerechnet so kommt. Dann wurde ihre Stimme leiser, aber fester.
„Echo. Nein.“
„Geraldine…“
Echo, hör auf. Ich will nicht, dass du hier allein wartest, nur weil ich zu blöd war, geradeaus zu fahren. Ich hab’s verbockt, also bleibe ich. Ihr bringt den Koffer zu Ashley, Amanda holt mich ab. Und falls doch Thargoiden auftauchen, sag ich ihnen, sie sollen morgen wiederkommen
Echo presste die Lippen zusammen. „Und du meinst, du bist hier draußen weniger wichtig…“
„Ich bin hier draußen nicht allein“, sagte Geraldine und deutete knapp auf Amanda. „Sie kommt zurück. Schnell. Und sie lässt mich nicht liegen.“
Amanda nickte, trocken wie immer. „Ich lasse dich höchstens kurz schwitzen. Pädagogisch wertvoll.“
Echo funkelte sie an. „Sehr witzig.“
Geraldine hielt Echos Blick. „Du gehst zu Ashley. Das ist keine Diskussion.“
Ein paar Sekunden lang war nur das leise Rauschen ihrer Helme zu hören.
Dann atmete Echo hart aus. „Ich hasse das.“
„Ich auch“, sagte Geraldine. „Mach es trotzdem.“
Amanda zog den Koffer noch einmal fest, als wäre das die letzte Unterschrift unter dem Plan. Echo stieg zu ihr ins SRV, ohne Geraldine dabei anzusehen, als würde sie sonst wieder anfangen zu protestieren.
Der Antrieb heulte auf. Staub wirbelte.
Das SRV drehte ab und fuhr zu Ashley.
Geraldine blieb neben dem schiefen Fahrzeug stehen und sah dem Licht nach, bis es kleiner wurde und schließlich verschwand. Dann war da nur noch Dunkelheit, Staub und ihr eigener Atem…
Das SRV wurde kleiner, bis es nur noch ein wackelnder Lichtpunkt über dem Staub war… und dann war da nichts mehr außer Dunkelheit.
Geraldine blieb neben dem schief stehenden Fahrzeug stehen, die Hände an der Hüfte, als könnte Haltung irgendwas stabilisieren. Ihr Lampenkegel glitt über den Boden, über die Spur, die sie eben noch gefahren waren… über die harte, stille Linie zurück zur Station, die im Dunkeln jetzt noch größer wirkte.
Sie zwang sich, nicht zu starren.
Stattdessen ging sie einmal um das kaputte SRV herum, wie bei einer Inspektion, die sie nicht mehr beeinflussen konnte. Radmodul… hin. Aufhängung… hin. Sie drückte einmal kurz gegen die Außenverkleidung, als könnte das der Welt beweisen, dass sie noch da war.
„Okay“, murmelte sie in den Funk. „Ich stehe hier, tue nichts Dummes und warte darauf, dass du mich abholst…“
Ein leises Rauschen… dann Amandas Stimme, weit weg, aber klar genug.
„Gut. Bleib genau so langweilig. Echo hält den Koffer fest, als würde er gleich abhauen…“
Geraldine atmete aus. Das klang nach normal. Nach Kontrolle.
Sie lehnte sich gegen das SRV, hörte ihrem eigenen Atem zu und dem fernen Knacken von Metall, das sich abkühlte. Kein Monstergeräusch, kein Drama… nur die Nacht, die langsam über alles kroch.
„Und falls doch Thargoiden kommen…“, sagte sie leise zu sich selbst, „dann sag ich ihnen, sie sollen sich hinten anstellen…“
Sie wartete…
Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte in der Ferne wieder ein Licht auf… klein erst… dann größer… und diesmal kam es zu ihr.
Das SRV bremste neben ihr, Staub wirbelte auf, und Amandas Stimme kam über Funk, als wäre nichts gewesen.
„Siehst du… langweilig hat funktioniert.“
Geraldine trat näher, klopfte einmal gegen die Außenhaut. „Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt. Ich habe nur… sehr intensiv darüber nachgedacht, wie ich dir das später verkaufe.“
Amanda öffnete die Luke. „Steig ein. Und wenn du irgendwas verkaufen willst, fang bei deinem Fahrstil an.“
Das SRV setzte sich in Bewegung, und der Weg zu Ashley war jetzt nur noch Staub, Orientierung und der enge Kegel ihres Lichts. Keine Überraschungen… nur das Gefühl, dass die Nacht alles größer machte, was man nicht sehen wollte.
Als die Anaconda schließlich vor ihnen lag, dunkel, massiv, vertraut… stand Echo bereits an der Rampe. Nicht dramatisch. Einfach da, wie jemand, der eine Aufgabe hat und sie erledigt.
„Da seid ihr ja“, sagte sie. Ein kurzer Blick über Geraldine. „Alles dran“
„Alles dran“, gab Geraldine zurück. „Bis auf mein Ego.“
Amanda stieg aus und deutete mit dem Daumen Richtung Laderaum. „Koffer ist drin. Daten sind drin. Geraldine auch…“
Amanda nickte Richtung Dunkelheit. „Und da draußen liegt jetzt ein sehr eindeutiger Hinweis, dass hier jemand war.“
Geraldine nickte einmal, knapp. „Wir holen es rein… und wir lassen nichts zurück, was nach uns riecht…“
Amanda verzog den Mund. „Du fasst den Greifer nicht an…“
„Ich fass gar nichts mehr an…“, sagte Geraldine trocken. „Ich stehe daneben und tue so, als hätte ich heute nicht existiert…“
Echo schnaubte leise. „Du gibst Anweisungen… ich bediene… Amanda fliegt… und danach sind wir weg…“
Amanda setzte den Helm wieder auf, als würde sie sich damit ein Stück Professionalität zurück ins Gesicht drücken. Dann ging sie die Rampe hoch, direkt ins Cockpit von Ashley.
„Nur zur Erinnerung…“, sagte Geraldine hinter ihr. „Das ist ein Schiff. Kein Kontinent…“
Amanda ließ sich in den Pilotensitz fallen und legte die Hände auf die Kontrollen. „Das ist ein Kontinent mit Triebwerken… und ich hasse es, wenn Kontinente in Bodennähe schweben sollen…“
Echo schob sich auf den zweiten Platz, klappte ein Bedienpanel aus und zog es näher ran. „Greifer ist online… Scheinwerfer auch…“
„Gut“, murmelte Amanda. „Dann fliegen wir jetzt zu meinem… Kunstwerk…“
Geraldine räusperte sich. „Zu meinem Kunstwerk…“
Amanda drehte den Kopf nur einen Tick. „Sag noch einmal Kunstwerk, und ich lasse es da draußen als Denkmal stehen…“
Ashley hob sich vom Boden, langsam, träge, so als müsste das Schiff jedes Kilogramm einzeln überzeugen. Die Anaconda reagierte auf Amandas Korrekturen nicht sofort, sondern mit dieser kleinen Verzögerung, die Piloten nervös macht.
„Warum fühlt sich das an, als würde ich einen Stern schieben…“, knurrte Amanda.
„Weil du zu zart bist…“, sagte Geraldine trocken. „Du musst ihr gut zureden…“
Echo warf einen Blick zu Geraldine. „Du… redest jetzt bitte nicht…“
„Ich rede nur zu… der Anaconda…“, sagte Geraldine. „Ganz respektvoll…“
Amanda ließ Ashley in einen niedrigen Schwebeflug gehen, drehte sie mit kurzen Impulsen und hielt dabei den Blick stur auf die Instrumente. Der Scheinwerferkegel fraß sich durch die Nacht und zeichnete Staub und Felsen in harte Kontraste.
„Da“, sagte Geraldine und deutete nach vorn, ohne die Konsole zu berühren. „Siehst du die Spur… links von dem dunklen Grat…“
„Ich sehe Staub… und mehr Staub…“, knurrte Amanda.
Echo zoomte das Außenbild ran. „Da ist es… Wärmeabdruck minimal… Metall reflektiert…“
Der Lichtkegel fing das kaputte SRV ein… schief, halb in den Boden gedrückt, als hätte es sich hingelegt und beschlossen, nicht mehr aufzustehen.
Amanda hielt Ashley darüber, ein paar Meter zu hoch, dann sank sie ab… Zentimeterarbeit, und das mit einem Schiff, das sich nicht für Zentimeter interessiert.
„Okay…“, sagte Echo ruhig. „Greifer ausfahren…“
Unter Ashley glitt der Frachtgreifer aus seiner Halterung, ein dunkler Arm im Licht, langsam, präzise. Echo steuerte ihn, aber Geraldine sah, wie ihre Finger einmal kurz zögerten.
„Das ist wie ein Spielzeug…“, murmelte Echo. „Nur dass das Spielzeug… hundert Tonnen hat…“
„Willkommen in Amandas Alltag…“, sagte Geraldine.
„Nicht helfen…“, kam es gleichzeitig von Echo und Amanda.
Amanda hielt Ashley stabil, aber man merkte ihr an, wie sie gegen den Trägheitsmoment kämpfte. Ein minimaler Drift nach rechts, den sie sofort korrigierte… zu spät, zu stark, wieder zurück.
„Sie schwingt nach…“, sagte Amanda. „Das Ding schwingt nach…“
„Dann hör auf, sie zu schubsen…“, meinte Geraldine. „Du führst sie… nicht duellieren…“
Echo bekam den Greifer an das SRV. Erst klappte es nicht, weil der Winkel nicht stimmte. Der Arm glitt am Rahmen vorbei und schlug gegen Schutt, Funken im Staub.
Amanda fluchte leise.
Echo atmete einmal aus. „Nochmal…“
Diesmal passte es. Der Greifer schloss sich um eine Strebe… fest… ohne zu zerdrücken. Das SRV ruckte… und hing dann im Lichtkegel wie ein toter Käfer.
„Kontakt…“, sagte Echo.
Amanda hob Ashley ganz langsam… so langsam, dass man den Moment spüren konnte, in dem das SRV endgültig den Boden verließ.
Geraldine hielt den Atem an, obwohl es dafür keinen Grund gab. Nur Gewohnheit.
„Okay…“, sagte Amanda. „Jetzt bitte keine Überraschungen…“
„Du meinst… so wie vorhin…“, murmelte Echo.
„So wie vorhin…“, bestätigte Amanda.
Sie zogen das SRV zur Rampe zurück. Echo führte den Greifer millimeterweise, Amanda hielt Ashley ruhig genug, dass es nicht pendelte. Einmal schlug das SRV gegen die Kante der Rampe, ein dumpfer Klang, aber nichts brach.
„Alles gut…“, sagte Echo. „Das war nur beleidigt…“
Als das SRV endlich im Hangar lag, ließ Echo den Greifer los. Metall setzte auf Metall… und es klang wie Abschluss.
Amanda atmete hörbar aus. „So. Spuren weg…“
Geraldine nickte. „Und jetzt… weg hier… bevor ich noch auf Ideen komme…“
Amanda schob Ashley hoch in den Himmel. Die Nacht verschluckte die Station wieder, als hätte sie sie nie hergegeben.
„Kurs Citadel…“, sagte Echo.
„Kurs Citadel…“, wiederholte Amanda. Und dieses Mal klang es, als würde das Schiff endlich tun, was sie wollte…
Zurück auf der Citadel fühlte sich selbst der Lärm nach Ordnung an. Funkverkehr, Schritte, das ferne Dröhnen von Arbeit… Geräusche, die nicht aus der Vergangenheit kamen, sondern aus einem Plan.
Geraldine stand im Hangar, noch bevor Ashley richtig eingerastet war. Ihr Blick fiel auf das geborgene SRV… und sie verzog das Gesicht, als hätte sie einen alten Fehler wiedergetroffen.
„Rosie…“, sagte sie, und in der Stimme lag mehr Bitte als Befehl. „Ich hab dir was mitgebracht… und ich wünschte, es wäre kein SRV…“
Rosie trat näher, musterte das schief hängende Radmodul und pfiff leise durch die Zähne. „Das sieht aus, als hätte es einen sehr persönlichen Streit mit dem Boden gehabt…“
Amanda verschränkte die Arme. „Es war kein Streit. Es war ein Statement…“
„Ich höre euch…“, murmelte Geraldine. „Und ich nehme das als therapeutische Begleitung…“
Rosie kniete sich hin, leuchtete einmal drunter und nickte langsam. „Aufhängung… Dämpfer… Radmodul… das ist machbar. Dauert nur. Und ich hoffe, du hast eine gute Entschuldigung…“
Geraldine hob beide Hände. „Ich habe nur eine schlechte… aber ich liefere Kaffee… und ich fasse in Zukunft nichts mehr an, was Räder hat…“
Echo stand ein paar Schritte abseits mit dem Koffer, als hätte sie Angst, er könnte sich im Hangarlärm in Luft auflösen. Geraldine sah kurz zu ihr rüber und wurde einen Ton ernster.
„Der bleibt bei dir“, sagte sie leise. „Ich will nur, dass wir wieder zwei SRVs haben, bevor wir die nächsten Dummheiten machen…“
Amanda grinste schief. „Das klingt, als würdest du da was planen…“
„Nein“, sagte Geraldine trocken. „Ich lerne nur aus Erfahrung… unfreiwillig…“
Echo brachte den Koffer nicht in ihr Quartier. Nicht mal in ihr Büro. Sondern direkt in den Bereich, wo man Dinge öffnet, die man ernst nimmt.
Sie klappte die Hartschale auf, legte die alten Module nebeneinander und starrte sie einen Moment an, als wäre der Abstand zwischen damals und heute plötzlich nur noch ein paar Millimeter Plastik.
„Okay“, murmelte sie. „Zeig mir, wer du bist…“
Sie holte Adapter raus, probierte erst das Offensichtliche… dann das weniger Offensichtliche. Nichts. Keine Reaktion, keine Lebenszeichen, nicht mal ein Fehlercode, der ihr sagen würde, wie sie scheitern soll.
Amanda lehnte am Türrahmen. „Wie läuft’s…“
„Wie ein Briefkasten ohne Schlitz“, sagte Echo, ohne aufzusehen.
Geraldine stand ein Stück dahinter, die Arme verschränkt, damit niemand sah, dass ihre Hände nicht ganz still waren. „Kannst du sie nicht… irgendwie… überzeugen…“
Echo schnaubte kurz. „Das sind keine modernen Standards. Das ist… Fossiltechnik. Du brauchst den richtigen Reader. Oder jemanden, der weiß, wie man Fossilien wieder zum Sprechen bringt.“
Sie probierte noch zwei Varianten. Eine davon zog ihr Tool kurz hoch, dann starb die Anzeige wieder ab. Echo fluchte leise, fast respektvoll.
„Ich kann das hier nicht…“, sagte sie schließlich. Nicht kleinlaut. Nur ehrlich. „Nicht allein. Nicht ohne die passende Hardware.“
Geraldine nickte langsam. „Dann holen wir sie…“
Echo hob den Kopf. „Ich kenne jemanden…“
Stille. Nur einen Schlag lang, aber er saß.
Amanda hob eine Braue. „Du kennst immer jemanden…“
„Diesmal ist es nicht einer von deinen dubiosen Kontakten“, sagte Echo trocken. „Der Typ lebt für alten Kram. Und ich hab ihm mal den Arsch gerettet. Er schuldet mir was…“
Geraldine atmete aus, als hätte jemand einen Riemen gelockert. „Dann funken wir ihn an…“
Echo nickte einmal. „Ja. Und wenn er klug ist, antwortet er schnell…“
Echo setzte sich ans Funkpult, als wäre das der einfachste Teil des Tages… und irgendwie war es das auch.
Sie tippte eine Kennung ein, die Amanda sofort kommentieren wollte, und ließ es dann doch. Geraldine sagte nichts. Sie stand nur da, zu still, als würde sie sich selbst nicht trauen.
Ein kurzes Rauschen… dann ging der Ping raus.
Echo wartete. Kein Theater, kein Seufzen. Nur dieses starre, konzentrierte Warten von Leuten, die gewohnt sind, dass Systeme entweder antworten oder schweigen.
„Wenn er nicht rangeht…“, begann Amanda.
„Dann geh ich persönlich hin“, sagte Echo. „Und dann wird er rangehen.“
Geraldine verzog den Mund. „Das ist deine diplomatische Version…“
Echo zuckte mit einer Schulter. „Ich hab ihm mal den Arsch gerettet. Das ist bei ihm ein Vertrag.“
Sie warteten noch einen Moment. Nichts.
Echo schaltete das Funkgerät aus, als hätte sie entschieden, dass Schweigen keine Niederlage ist, sondern nur eine Verzögerung. „Okay. Wir lassen das über Nacht liegen. Er ist nicht schnell… aber er ist zuverlässig…“
Amanda nickte. „Und morgen…“
„Morgen“, sagte Echo.
Am nächsten Tag kam die Antwort, kurz und überraschend klar… als hätte der Absender nur drei Wörter übrig.
Komm vorbei. Bring alles.
Echo sah zu Geraldine rüber. Diesmal grinste sie nicht. Sie nickte nur.
„Dann wissen wir, was wir tun“, sagte sie…