Sie kommt.
Geraldine sah die Worte an, als würden sie sich verändern, wenn man nur lange genug hinsah.
Taten sie nicht.
Sie kommt.
Mehr stand da nicht. Kein Zusatz. Kein Zeitfenster. Kein „aber“. Nur diese zwei Worte, und genau das machte sie beinahe unerträglich.
Geraldine reagierte sofort.
Sie tippte den Rückruf an, noch bevor sie richtig darüber nachgedacht hatte.
Nichts.
Nur das trockene Signal einer Verbindung, die nicht zustande kam.
Sie versuchte es ein zweites Mal. Dann noch einmal. Beim vierten Versuch wusste sie längst, dass es sinnlos war, ließ den Ruf aber trotzdem laufen, als könne Beharrlichkeit Entfernung oder Verpflichtungen irgendwie beeindrucken.
Am Ende blieb ihr nur die Mailbox.
„Verdammt“, murmelte sie.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Einfach ehrlich.
Sie tippte eine kurze Nachricht.
Ruf mich an, sobald du kannst.
Dann stand sie einen Moment reglos da, das Pad noch in der Hand, und merkte, wie sich die Unruhe bereits in ihr festsetzte. Nicht panisch. Eher zu wach. Zu sehr auf Spannung, ohne dass es etwas gab, woran sie etwas ändern konnte.
Sie kommt.
Und sie wusste nicht einmal, was das jetzt genau bedeutete.
Nur, dass irgendetwas in Bewegung geraten war, das lange stillgestanden hatte.
Geraldine zwang sich, das Pad wegzulegen und weiterzumachen.
Der Carrier lief nicht langsamer, nur weil zwei Worte plötzlich schwerer wogen als alles andere. Anzeigen wollten geprüft werden, Freigaben brauchten Entscheidungen, irgendwo warteten Listen, die ihr nicht den Gefallen tun würden, sich von selbst zu erledigen.
Sie arbeitete sich durch den Vormittag, aber der Kopf blieb woanders.
Einmal las sie dieselbe Zeile dreimal und hätte hinterher nicht sagen können, was darin gestanden hatte. Ein anderes Mal öffnete sie ein Statusfenster, starrte hinein und schloss es wieder, ohne den eigentlichen Grund dafür noch zu wissen.
Zwischendurch griff sie immer wieder zum Pad.
Keine Antwort.
Noch ein Versuch.
Nichts.
Sie schickte keine zweite Nachricht. Das hätte nichts beschleunigt. Kathleen würde sich melden, sobald sie konnte — falls sie konnte. Geraldine wusste das. Gerade deshalb machte es sie so unruhig.
Gegen späten Vormittag kam schließlich eine automatische Statusmeldung zurück, kühl und unerquicklich wie nur Stationssysteme es konnten:
Kontakt derzeit nicht erreichbar.
Geraldine las die Zeile und atmete einmal langsam durch.
„Natürlich“, sagte sie leise.
Das passte zu Kathleen. Wenn sie einmal in Arbeit versank, dann vollständig. Dann verschwand der Rest der Welt hinter Prioritäten, Terminen, Leuten, die etwas von ihr wollten, und Aufgaben, die nicht bis morgen warten durften. Geraldine kannte das gut genug, um es nicht persönlich zu nehmen.
Es half nur nicht.
Also wartete sie weiter.
Nicht untätig. Aber auch nicht wirklich bei der Sache.
Immer wieder wanderte ihr Blick zum Pad. Immer wieder glaubte sie, ein Vibrieren gespürt zu haben, das gar nicht da gewesen war. Die Minuten dehnten sich auf diese lästige Weise, die Zeit nur dann beherrscht, wenn man auf etwas Konkretes wartet.
Mittags, als sie gerade wieder versuchte, sich auf etwas Banales zu konzentrieren, vibrierte das Pad endlich wirklich.
Eingehender Call – Kathleen Maxillon
Geraldine nahm sofort an.
Kathleen erschien nur halb im Bild, als hätte sie das Pad zwischen zwei Wegen hochgezogen, ohne wirklich stehenzubleiben. Hinter ihr lief irgendetwas mit Anzeigen und Lichtbalken, irgendwo sprach jemand zu laut, und Kathleen selbst sah genau so aus, wie Geraldine sie erwartet hatte: konzentriert, übermüdet und mit dem Kopf noch zur Hälfte bei drei anderen Dingen gleichzeitig.
„Ich hab nur kurz Zeit“, sagte sie ohne Einleitung. „Bevor du was sagst: Ja, ich hab deine Nachricht gesehen. Nein, ich konnte vorher nicht zurückrufen.“
Geraldine lehnte sich leicht gegen die Konsole. „Das hatte ich befürchtet.“
„Zu Recht.“ Kathleen strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. „Seit heute Morgen brennt hier alles auf die langweiligste Art.“
„Das klingt nach Verwaltung.“
„Schlimmer. Menschen mit Rückfragen.“
Trotz allem zuckte etwas an Geraldines Mund.
„Also?“ fragte sie. „Was heißt sie kommt?“
Kathleen atmete einmal durch, und für einen Moment war sie ganz da, nicht mehr halb in irgendeiner anderen Aufgabe.
„Es heißt genau das“, sagte sie. „Jolene hat mir eben geschrieben. Sie hat zugesagt. Und ihre Mutter kommt mit. Jolene will sich so eine Chance nicht entgehen lassen, zumal sie noch nie in der Bubble war“
Geraldine sagte nichts.
Kathleen kannte dieses Schweigen inzwischen gut genug, um es nicht zu unterbrechen, sondern sauber weiterzugehen.
„Sie brechen noch heute Abend auf“, sagte sie. „Nicht irgendwann in den nächsten Tagen. Wirklich heute Abend.“
Geraldines Finger spannten sich einmal gegen die Kante der Konsole.
„Heute.“
„Ja.“
„Und Lucille will das?“
Kathleen nickte. „Jolene klang nicht so, als müsste sie sie überreden. Eher so, als hätte die Entscheidung einfach einmal ausgesprochen werden müssen. Jetzt, wo sie gefallen ist, wollen sie offenbar keine weitere Zeit verlieren.“
Geraldine ließ langsam die Luft aus.
„Gut.“
„Ja“, sagte Kathleen leise. „Das dachte ich auch.“
Für einen Moment sagte keine von beiden etwas. Das Rauschen in Kathleens Hintergrund klang plötzlich unnötig laut.
Dann fragte Geraldine: „Wie lange?“
„Ungefähr zwei Wochen“, sagte Kathleen. „Vielleicht ein bisschen mehr, wenn unterwegs irgendetwas klemmt. Aber grob zwei Wochen. Jolene hat das nicht vage gesagt, eher wie jemand, der die Strecke schon im Kopf durchgerechnet hat.“
„Zwei Wochen“, wiederholte Geraldine.
Diesmal nicht, weil sie die Zahl nicht verstanden hätte.
Eher, weil sie sie irgendwo in sich festmachen musste.
„Ja“, sagte Kathleen. „Nicht sofort. Aber auch nicht offen. Es ist jetzt wenigstens ein echter Zeitraum.“
Geraldine nickte langsam. „Hat sie sonst noch was gesagt?“
„Nur, dass sie sich wieder meldet, sobald sie sauber unterwegs sind. Ich krieg dann vermutlich noch genauere Daten und geb sie dir direkt weiter.“ Kathleen verzog kurz den Mund. „Ausführlicher war sie nicht. Ich hatte ehrlich gesagt auch nicht die Zeit, daraus ein langes Gespräch zu machen.“
„Schon gut.“
„Nein, ist es nicht wirklich“, sagte Kathleen trocken. „Aber es reicht fürs Erste.“
Geraldine sah sie an. Müde Augen, zu viele Dinge gleichzeitig, und trotzdem hatte Kathleen angerufen, sobald sie ein Fenster gefunden hatte.
„Danke“, sagte sie.
Kathleen blinzelte kurz, fast überrascht über den Tonfall.
„Wofür genau?“
„Dass du dich sofort gemeldet hast.“
„Bevor du mich den halben Nachmittag weiter anrufst?“
„Unter anderem.“
Das brachte Kathleen ein kurzes, erschöpftes Schnauben ab.
Dann glitt ihr Blick schon wieder kurz aus dem Bild, dorthin, wo ihr anderer Tag offensichtlich wartete.
„Ich muss gleich wieder rein“, sagte sie. „Hier stapelt sich gerade alles.“
„Ich hab’s gesehen.“
„Man sieht’s mir also an?“
„Du wirkst wie jemand, der seit Stunden nur aus Pflicht aufrecht ist.“
„Charmant wie immer.“
„Präzise.“
Kathleen schüttelte ganz leicht den Kopf, und für einen Herzschlag war da trotz allem etwas Weicheres in ihrem Gesicht.
„Zwei Wochen“, sagte sie noch einmal. „Ungefähr. Ich meld mich, sobald ich mehr habe.“
„Gut“, sagte Geraldine. „Ich bin da.“
„Ich weiß.“
Wieder nur dieser kurze Blick zwischen ihnen. Nicht groß. Nicht sentimental. Aber fest genug, um alles Wichtige stehenzulassen.
Dann kappte Kathleen die Verbindung.
Das Holo verschwand, und zurück blieb nur das dunkle Display in Geraldines Hand.
Zwei Wochen.
Noch immer Warten.
Aber nicht mehr dieses leere, haltlose Warten von vorher.
Jetzt hatte es eine Richtung.
Sie legte das Pad neben die Konsole, sah trotzdem noch einmal hin, als könnte die Zahl sich ändern, wenn man sie nur lang genug anstarrte, und zwang sich dann zurück in den Rest des Tages.
Es half nicht viel.
Die Arbeit lief weiter, wie Arbeit immer weiterlief. Freigaben. Statusfenster. Lieferketten. Meldungen, die gelesen werden wollten, obwohl keine davon auch nur im Ansatz wichtig genug war, um gegen das Gewicht von zwei Wochen anzukommen. Geraldine erledigte alles, was vor ihr lag, sauber genug, um später keinen Ärger damit zu haben, aber nicht mit dem Kopf, den sie dafür sonst hatte.
Zwischendurch griff sie immer wieder nach dem Pad.
Keine neue Nachricht.
Natürlich nicht.
Am Abend lag die Citadel stiller im Orbit, nur das tiefe Summen der Systeme zog sich durch die Wände wie ein zweiter Herzschlag. Geraldine stand eine Weile an der Scheibe ihrer Kabine und sah in die Schwärze hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen.
Zwei Wochen.
Sie hatte schon auf vieles länger gewartet.
Auf Genehmigungen. Auf Material. Auf Menschen, die sich nicht entscheiden konnten. Auf Schiffe, die nicht fertig wurden, obwohl jemand fest versprochen hatte, sie würden gestern schon fliegen.
Aber das hier war anders. Es war kein Warten auf Arbeit. Kein Warten auf Zahlen. Kein Warten auf etwas, das sich notfalls mit genug Druck beschleunigen ließ.
Es war einfach nur Zeit.
Und Zeit war unerquicklich, wenn man sie nicht in irgendetwas hineinzwingen konnte.
Sie schlief schlecht. Nicht unruhig, nicht einmal richtig wach – nur oberflächlich, als würde irgendein Teil von ihr ständig darauf achten, ob das Pad vibrierte.
Am Morgen war sie früh wieder auf den Beinen, zu früh, und ließ sich ohne große Begeisterung durch den nächsten Tag treiben. Kaffee. Anzeigen. Routen. Ein kurzer Blick in offene Projektlisten, die sie wieder schloss, ohne eine Entscheidung zu treffen. Nichts daran war dramatisch. Es war nur zäh.
Gegen Mittag meldete sich Amanda.
Nicht per Besuch, nicht einmal mit Bild. Nur ein eingehender Call, während Geraldine gerade mit halber Aufmerksamkeit einen Warenstatus durchsah, den sie ohnehin später noch einmal würde lesen müssen.
Sie nahm an.
„Du klingst bestimmt gerade begeistert“, sagte Amanda zur Begrüßung.
„Das ist meine natürliche Ausstrahlung.“
„Dann hat sie heute schlechte Tage.“
Geraldine lehnte sich ein Stück zurück. „Was gibt’s?“
„Nicht viel. Ich bin in der Gegend und erledige ein paar Aufträge.“ Im Hintergrund rauschte Antriebslärm, dann wurde es kurz stiller. „Zwei kurze Lieferungen, ein Transfer, wahrscheinlich noch ein dritter Job, wenn mich vorher keiner erschießt.“
„Ambitioniert.“
„Ich hab Standards.“ Ein kurzer Beat. „Und du klingst, als würdest du seit gestern dieselbe Wand ansehen.“
Geraldine schwieg eine Spur zu lang.
Amanda atmete leise aus. „Also ja.“
„Ich arbeite.“
„Das ist nicht ganz dieselbe Aussage.“
„Für heute schon.“
Ein kaum hörbares Schnauben am anderen Ende. Nicht spöttisch. Eher vertraut.
„Noch was von Kathleen?“
„Nein.“
„Hm.“
„Das war ein sehr gehaltvoller Beitrag.“
„Ich bin unterwegs. Du kriegst nur die mobile Version meiner Weisheit.“
„Dann spar Akku.“
Amanda ließ das einen Moment stehen. „Ich bleib die nächsten Tage hier draußen. Nichts Spannendes, nur Zeug, das bezahlt werden will. Falls du also spontan auf die dumme Idee kommst, irgendwas allein durchzuziehen, bin ich nicht weit weg.“
Geraldine sah auf das dunkle Panel ihrer Konsole. „Wie beruhigend.“
„Ich weiß. Ich bin ein Geschenk.“
Diesmal zuckte tatsächlich etwas an Geraldines Mund.
„Meld dich, wenn irgendwas ist“, sagte Amanda noch, und der Ton war leicht, aber nicht beiläufig genug, um bedeutungslos zu sein.
„Mach ich.“
„Und jetzt tu wenigstens so, als würdest du nicht jede halbe Stunde auf dein Pad starren.“
„Ich starre nur effizient.“
„Das glaubst auch nur du.“
Die Verbindung endete, bevor Geraldine noch etwas darauf erwidern konnte.
Danach wurde der Tag wieder leiser.
Nicht besser. Nur leiser.
Sie arbeitete sich durch den Nachmittag und Abend, ließ sich von Zahlen und Abläufen lang genug beschäftigen, um nicht ständig an zwei Wochen zu denken, und scheiterte trotzdem regelmäßig daran. Immer wieder wanderte ihr Blick zum Pad. Immer wieder hoffte ein völlig unvernünftiger Teil von ihr auf eine Nachricht, obwohl sie genau wusste, dass es nichts Neues geben konnte. Nicht so schnell. Nicht mitten im Nichts zwischen zwei Enden der Galaxis.
Der zweite Tag verlief kaum anders.
Der Carrier summte. Die Systeme liefen. Menschen gingen ihrer Arbeit nach, Schiffe kamen und gingen, irgendjemand wollte eine Bestätigung, irgendetwas musste priorisiert werden, und Geraldine tat, was sie immer tat, wenn Stillstand sie zu sehr auf die Nerven ging: Sie funktionierte.
Aber es war eben nur das.
Funktionieren.
Am frühen Nachmittag saß sie wieder an einer Konsole, las eine Meldung zweimal und nahm beim zweiten Mal immer noch nichts davon auf, als das Pad vibrierte.
Diesmal kein privater Kanal.
Werftmeldung.
Geraldine öffnete sie mit halber Aufmerksamkeit – und brauchte einen Augenblick, bis der Inhalt in ihrem Kopf ankam.
Abholung freigegeben.
Transferfenster bestätigt.
Type-11 Heavy Miner bereit zur Übergabe.
Shinrarta Dezhra.
Sie starrte auf die Zeilen.
Dann lehnte sie sich langsam zurück.
„Stimmt“, murmelte sie.
Der T11.
Für einen Moment war da nichts als dieses seltsame, fast trockene Gefühl, dass die Welt einfach beschlossen hatte, ihr jetzt den nächsten konkreten Gegenstand auf den Tisch zu legen. Als hätte sie in den letzten zwei Tagen lang genug bewiesen, dass sie mit Ungewissheit nichts Nützliches anfing, und jetzt zur Strafe wieder etwas bekam, das Gewicht hatte, Maße, Systeme, Übergabeprotokolle.
Sie las die Meldung noch einmal.
Abholung freigegeben.
Bereit zur Übergabe.
Shinrarta.
Kein Pathos. Keine Bedeutung. Nur eine Werft, die sachlich mitteilte, dass ein Schiff fertig war und abgeholt werden wollte.
Genau das machte es plötzlich angenehm.
Geraldine rief die Navigationsdaten auf, prüfte die Strecke beinahe automatisch und stand schon auf, bevor sie den Gedanken wirklich zu Ende gedacht hatte.
Gut. Dann holte sie es eben.
Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Sie griff nach dem Pad und wählte Amanda.
Die Verbindung stand schnell.
„Lass mich raten“, sagte Amanda. „Du klingst, als hättest du eine Idee, die dir selber gerade erst eingefallen ist.“
„Ich hol ein Schiff ab.“
Kurze Stille.
Dann: „Ach?“
„Der T11 ist fertig. Shinrarta. Abholung freigegeben.“
Amanda brauchte einen Herzschlag länger, dann kam dieses hörbare Grinsen durch die Leitung.
„Na siehst du. Ein echter Plan.“
„Übertreib’s nicht.“
„Ich bin in der Nähe“, sagte Amanda. „Noch ein System weiter draußen, aber das ist kein Problem. Wo willst du hin?“
„Ich setz den Carrier ins Nachbarsystem. Von da weiter nach Shinrarta.“
„Gut. Dann treff ich dich dort.“
„So einfach?“
„Du holst ein neues Schiff ab“, sagte Amanda trocken. „Und glaubst ernsthaft, ich lass mir das entgehen?“
Geraldine sah wieder auf die Werftmeldung.
Zum ersten Mal seit zwei Tagen fühlte sich etwas nicht nur wie Warten an.
„Dann beeil dich“, sagte sie.
„Ich bin schon unterwegs.“
Als die Verbindung abriss, blieb Geraldine noch einen Moment stehen. Die Meldung schwebte weiterhin über dem Display, sachlich, kühl, vollkommen unbewegt.
Type-11 Heavy Miner bereit zur Übergabe.
Sie atmete einmal aus, steckte das Pad ein und machte sich auf den Weg.
Zwei Wochen blieben zwei Wochen.
Aber jetzt stand wenigstens etwas dazwischen, das man abholen konnte.
Geraldine ließ die Werftmeldung noch einen Moment offen, dann schloss sie sie und ging zur Brücke.
Der Entschluss brauchte keinen zweiten Gedanken. Wenn sie den T11 holen wollte, musste die Citadel erst ins Nachbarsystem. Alles andere ergab keinen Sinn.
Auf der Brücke war es still, nur das tiefe Summen der Systeme lag wie immer in den Wänden. Geraldine trat an die Konsole, rief die Navigationskarte auf und zog die Route nach Shinrarta nur kurz groß, bevor sie den Blick auf das angrenzende System legte.
Nah genug.
Sauber genug.
Genau richtig.
Sie tippte die Zielkoordinaten ein, ließ die Daten einmal durchlaufen und prüfte den Eintrag noch ein zweites Mal. Nicht, weil es nötig gewesen wäre. Eher, weil eine klare Bewegung gerade besser war als jeder weitere Gedanke.
Dann öffnete sie den Carrier-Kanal.
„Citadel, Sprungvorbereitung. Neues Zielsystem wird aufgespielt. Standardfenster.“
Die Bestätigung kam sofort.
Das Holo flackerte kurz, als die Route übernommen wurde. Unter ihren Füßen veränderte sich das tiefe Brummen der Citadel fast unmerklich, wurde dichter, gespannter, als würde das Schiff sich sammeln.
Geraldine blieb an der Konsole stehen und sah zu, wie die Anzeigen nacheinander auf Grün gingen. Energieverteilung. Kursverriegelung. Freigabe.
Ein System weiter.
Keine große Reise. Nur der erste Schritt.
„Sprung freigeben“, sagte sie ruhig.
Die Sequenz lief an. Die Brücke blieb still, aber das Schiff nicht mehr. Irgendwo tief im Rumpf baute sich die vertraute Spannung auf, dieses langsame Anziehen, bevor ein Carrier den Raum losließ.
Geraldine legte die Hand flach auf die Konsole und wartete, bis auch die letzte Anzeige sauber stand.
Dann nickte sie kaum sichtbar.
Wenigstens etwas bewegte sich jetzt.
Als die Citadel im Nachbarsystem von Shinrarta Dezhra wieder in den Normalraum fiel, blieb Geraldine noch einen Moment auf der Brücke stehen.
Dann zog sie das Pad heraus und wählte Amanda.
Die Verbindung stand fast sofort.
„Bist du angekommen“, sagte Amanda.
„Bin ich“, antwortete Geraldine. „Die Citadel steht.“
Wenig später lief die Python ein und setzte auf der Citadel auf.
Geraldine wartete bereits im Hangar, bis die Systeme herunterfuhren und die Rampe ausklappte. Amanda kam mit dem Helm unter dem Arm herunter, noch ganz im Flug, und blieb vor ihr stehen.
Geraldines Blick glitt kurz an der Python vorbei.
„Die sollte jetzt wirklich in die Werkstatt“, sagte sie.
Amanda drehte sich halb um, sah selbst noch einmal zu ihrem Schiff zurück und nickte dann.
„Ja“, sagte sie. „Wird Zeit.“
Hinter ihnen setzte sich schon das erste Serviceteam in Bewegung.
Amanda wandte sich wieder Geraldine zu. „Dann holen wir jetzt deinen T11.“
Die Python war kaum in der Werkstatt verschwunden, da blieb Amanda schon wieder neben Geraldine stehen und sah in Richtung Hangar.
„Sag mal“, meinte sie dann, „können wir mit Ashley fliegen?“
Geraldine warf ihr einen Blick zu. „Können wir.“
Amanda hob leicht eine Braue. „Das war jetzt überraschend unkompliziert.“
„Ich kann’s auch schwieriger machen, wenn dir was fehlt.“
„Nein, nein.“ Amanda schob die Hände in die Jackentaschen. „Ich dachte nur, du willst vielleicht erst noch so tun, als müsstest du darüber nachdenken.“
„Muss ich nicht. Die Python ist weg, wir müssen nach Shinrarta, also fliegen wir mit Ashley.“
Amanda grinste schief. „Und ganz zufällig würd ich sie gern mal wieder steuern.“
Geraldine sah sie kurz an. „Aha. Da ist also der eigentliche Punkt.“
„Natürlich ist das der eigentliche Punkt.“
„Du hättest auch direkt ehrlich sein können.“
„War ich doch.“
Geraldine schnaubte leise.
Amanda nickte schon in Richtung Ausgang. „Komm schon. Ist ewig her.“
„Übertreib nicht.“
„Gefühlt“, sagte Amanda. „Und das zählt auch.“
Ein schmaler Zug ging über Geraldines Mund.
„Na schön“, sagte sie. „Dann fliegen wir mit Ashley.“
Amanda grinste breiter. „Siehst du. Manchmal bist du doch vernünftig.“
„Gewöhn dich nicht dran.“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
Ashley hob ruhig aus dem Hangar und glitt aus der Citadel, als wäre sie nie etwas anderes gewesen als genau dafür gebaut.
Amanda hatte die Hand an der Steuerung, konzentriert, aber nicht ganz so selbstverständlich wie sonst. Die ersten Korrekturen waren etwas zu breit, der Schub einen Tick zu früh, dann wieder zu spät abgefangen.
Geraldine sagte erst nichts.
Sie saß daneben, beobachtete die Anzeigen und ließ Amanda ein paar Sekunden mit dem Schiff allein.
Als Ashley in den freien Raum kam und Amanda die Nase sauber auf Kurs nahm, hob Geraldine dann doch leicht eine Braue.
„Du erinnerst dich schon, dass sie keine Python ist.“
Amanda verzog den Mund. „Danke. Das war mir fast entgangen.“
„Ich wollte nur helfen.“
„Mit Kritik warst du schon immer großzügig.“
Geraldine lehnte sich ein Stück zurück. „Ashley verzeiht viel. Aber nur, wenn man nicht versucht, sie wie was Kleineres zu fliegen.“
Amanda ließ den nächsten Kurswechsel bewusst ruhiger laufen. Die Anaconda reagierte schwerer, satter, mit dieser trägen Masse, die erst widerspenstig wirkte und dann plötzlich genau da blieb, wo man sie haben wollte.
„Ja“, murmelte Amanda. „Sie will erst überzeugt werden.“
„Sie will, dass man aufhört, mit ihr zu diskutieren.“
Das brachte Amanda ein kurzes Grinsen ein.
„Klingt erstaunlich vertraut.“
Geraldine warf ihr einen Seitenblick zu. „Konzentrier dich.“
„Mach ich doch.“
Und tatsächlich: Nach ein paar Minuten war es wieder da. Dieses Gefühl, dass Amanda sich in ein Schiff hineinfand, statt gegen es anzusteuern. Die Bewegungen wurden sauberer, die Korrekturen kleiner, der Schub ruhiger gesetzt.
Geraldine sah auf die Fluglage, dann wieder nach vorn.
„Na also“, sagte sie. „Es geht doch noch.“
Amanda schnaubte leise. „Du sagst das, als wärst du überrascht.“
„Ich sag das, weil du am Anfang aussahst, als würdest du Ashley beleidigen wollen.“
„Unsinn. Ich musste mich nur wieder einlesen.“
„Mit den Händen?“
„Unter anderem.“
Geraldine ließ das mit einem kaum sichtbaren Zug um den Mund stehen.
Der Rest des Flugs verlief ruhig. Ashley lag sauber auf Kurs, Shinrarta kam näher, Verkehr und Freigaben liefen routiniert durch, und bis sie in den Anflug gingen, flog Amanda das Schiff wieder so, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
Als sie schließlich sauber andockten und die Systeme herunterfuhren, blieb Geraldine noch einen Moment sitzen.
Amanda löste bereits die Gurte. „Was?“
Geraldine sah nicht sofort zu ihr rüber. „Ich überlege nur, ob es eine gute Idee ist, dich später allein mit Ashley zurückzuschicken.“
Amanda hielt in der Bewegung kurz inne, dann drehte sie den Kopf.
„Ach?“ sagte sie. „Jetzt auf einmal Bedenken?“
„Du hast am Anfang gebraucht.“
„Am Anfang hab ich mich erinnert.“ Amanda grinste schief. „Danach lief’s.“
Geraldine sah sie jetzt doch an. „Ich weiß.“
„Das klingt nicht wie Vertrauen.“
„Das klingt wie gesunde Vorsicht.“
Amanda schob sich aus dem Sitz und griff nach ihrem Helm. „Dann sei vorsichtig. Ich flieg sie dir trotzdem zurück.“
Geraldine stand ebenfalls auf.
„Wir reden nach dem Testflug noch mal drüber“, sagte sie.
Amanda grinste nur. „Natürlich tun wir das.“
Sie brauchten länger bis zur Schiffsübergabe, als der Flug gedauert hatte.
Natürlich.
Schon der erste Schalter war nicht für Übergaben zuständig, sondern nur für Voranmeldungen zu Übergaben, was Geraldine mit genau dem Blick quittierte, den Amanda inzwischen gut genug kannte, um lieber nichts dazu zu sagen. Danach kam ein Terminal, das ihre Kennung zwar erkannte, aber die Freigabe nicht. Dann ein zweites, das die Freigabe erkannte, aber plötzlich noch eine Bestätigung der Werft wollte, die natürlich nur ein Mensch geben konnte, der gerade nicht am Platz war.
Amanda lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, und beobachtete Geraldine dabei, wie sie sich mit der stoischen Geduld von jemandem durch Bürokratie arbeitete, der sehr genau wusste, dass Wut daran nichts beschleunigte.
„Du siehst aus, als würdest du gleich jemanden bei lebendigem Leib in ein Formular falten“, murmelte sie.
Geraldine hob nicht einmal den Blick vom Display. „Nur geistig.“
„Beruhigend.“
„Für mich vielleicht.“
Ein paar Minuten später wurden sie weitergeschickt. Ein anderer Schalter, eine andere Kennung, ein anderer Mensch mit der Ausstrahlung eines schlecht gelaunten Zugriffsprotokolls. Wieder Datenabgleich, wieder ein Blick auf Übergabecodes, wieder das kurze Warten, während irgendwo im Hintergrund etwas geprüft wurde, das Geraldine längst bezahlt hatte.
Amanda sah zur Seite. „Neue Schiffe haben schon was Romantisches.“
„Wenn man Papierkram erotisch findet, ja.“
Das brachte Amanda immerhin zu einem schiefen Grinsen.
Am Ende bekam Geraldine ein Pad gereicht, auf dem sie drei Stellen signieren, eine Haftungsbestätigung lesen und bestätigen musste, dass ihr bewusst war, dass Werftkonfigurationen nicht für individuelle Einsatzprofile optimiert waren.
„Wie aufmerksam“, murmelte sie.
„Sie sorgen sich nur um dich“, sagte Amanda.
„Nein“, erwiderte Geraldine trocken. „Sie sorgen sich um ihre Zuständigkeit.“
Noch eine Tür. Noch ein kurzer Check. Dann endlich ein Freigabecode, der nicht sofort wieder ein neues Fenster öffnete.
Die Servicetür glitt auf.
Dahinter wurde es schlagartig stiller.
Kein Schalterlicht mehr, kein Stimmengewirr, keine Terminals. Nur der breite Zugang zum Übergabebereich und dahinter der Hangar, kühl beleuchtet, metallisch, fast zu sauber.
Geraldine trat als Erste durch die Tür.
Amanda folgte ihr, jetzt ebenfalls stiller.
Ein paar Schritte lang sagte keine von beiden etwas.
Dann blieb Geraldine stehen.
Vor ihnen stand der T11.
Massig. Breit. Ehrlich gebaut.
Kein Schiff, das Eindruck machen wollte. Kein schöner Linienzug, kein eleganter Winkel, nichts daran leicht. Es stand einfach da wie ein Gerät, das für Arbeit gedacht war und sich nicht dafür entschuldigte.
Amanda sah zu ihm hinauf und legte leicht den Kopf schief.
„Na ja“, sagte sie schließlich. „Hübsch ist anders.“
Geraldine antwortete nicht sofort.
Ihr Blick glitt langsam über die Silhouette, über die Schwere des Rumpfs, die aufgesetzten Strukturen, die ganze unverhohlene Zweckmäßigkeit dieses Schiffs.
Dann trat ein kaum sichtbarer Zug um ihren Mund.
„Ja“, sagte sie. „Aber er meint es ernst.“
Amanda trat einen halben Schritt vor und ließ den Blick weiter über den T11 wandern.
„Er meint es wirklich sehr ernst“, murmelte sie. „Fast schon beleidigend ernst.“
Geraldine ging langsam ein Stück weiter in den Hangar hinein. Sie wollte sich das Schiff erst einmal in Ruhe ansehen. Nicht nur hinstarren, sondern wirklich lesen: Übergänge, Halterungen, Zugangspunkte, alles, was einem sagte, wie so ein Ding später arbeiten würde.
„Lass uns einmal rumgehen“, sagte sie.
Amanda nickte. „Endlich der Teil ohne Formulare.“
Sie kamen nicht weit.
„Commander Cailloux-Delaurent?“
Die Stimme kam von schräg hinter ihnen, knapp und deutlich genug, dass schon im Tonfall lag, dass hier niemand ein entspanntes Übergaberitual plante.
Geraldine drehte sich um.
Ein Werftmitarbeiter kam zügig auf sie zu, Pad in der Hand, das Gesicht in genau jener Mischung aus Routine und Ärger, die man nur bekam, wenn ein Zeitplan schon vor Stunden gestorben war und jetzt jemand den Körper identifizieren sollte.
„Ja?“
Er blieb vor ihnen stehen und warf einen kurzen Blick auf sein Display. „Gut. Dann sind Sie endlich da.“
Amanda hob leicht eine Braue. Geraldine nicht.
„Klingt, als hätten Sie mich früher erwartet.“
„Vor Stunden“, sagte er. „Der Slot hätte längst geräumt sein sollen.“
Geraldine sah ihn einen Moment an. „Davon weiß ich nichts.“
„Die Abholung war für das erste Übergabefenster angesetzt.“
„In meiner Meldung stand nur, dass das Schiff zur Übergabe bereit ist.“
Der Mann tippte bereits auf seinem Pad herum, als müsse das allein reichen, um sie in Verzug zu setzen. „Das System hat Ihnen ein Standardfenster zugewiesen.“
„Dann hat das System vergessen, mir das mitzuteilen.“
Amanda verschränkte die Arme. „Beliebt unter Systemen.“
Der Werftmitarbeiter ignorierte sie komplett. „Wie auch immer, wir brauchen den Platz frei. Der nächste Transfer hängt bereits in der Schleife.“
Geraldines Blick kühlte merklich ab. „Sie sagen also, mein Schiff hätte vor Stunden abgeholt werden sollen, ohne dass ich davon wusste, und jetzt soll ich mich beeilen, weil Ihre Planung davon ausgegangen ist, dass ich Gedanken lesen kann?“
„Ich sage, dass der Hangarblock nicht für Besichtigungen vorgesehen ist.“
Amanda schnaubte leise. „Das klang jetzt fast persönlich.“
„Es ist nicht persönlich“, sagte der Mann.
„Das beruhigt mich überhaupt nicht“, erwiderte Geraldine trocken.
Er hob das Pad ein Stück an, als würde es ihm Autorität verleihen. „Commander, ich brauche von Ihnen entweder sofortige Übernahme und Ausflug aus dem Hangar oder einen dokumentierten Verzicht auf den Slot mit Neuansetzung. Beides jetzt.“
Einen Moment sagte Geraldine nichts.
Dann trat sie einen halben Schritt näher.
„Ich verzichte auf gar nichts“, sagte sie ruhig. „Und ich werde sicher kein Schiff übernehmen, das ich nicht einmal fünf Minuten in Ruhe ansehen durfte, nur weil Ihre Werft ihre eigene Benachrichtigung nicht sauber verschickt hat.“
„Die Konfiguration ist Standard. Es gibt nichts—“
„Falsch“, schnitt Geraldine ihm trocken das Wort ab. „Es gibt immer etwas.“
Stille.
Nicht groß. Nur lang genug, dass Amanda den Kopf minimal senkte, um ihr Grinsen zu verbergen.
Der Mann atmete einmal kontrolliert durch. „Dann machen wir es einfach. Sie bestätigen die Übernahme jetzt, verlassen den Hangarblock und prüfen den Rest außerhalb.“
Geraldine sah an ihm vorbei kurz zum T11 zurück.
Dann wieder zu ihm.
„Nein“, sagte sie.
Diesmal kam das Grinsen bei Amanda hörbar durch.
Der Werftmitarbeiter blinzelte. „Nein?“
„Nein“, wiederholte Geraldine. „Sie geben mir die Zeit, die für eine Übergabe nötig ist. Nicht ewig. Nicht eine Stunde. Aber genug, damit ich nicht blind etwas übernehme, das ab jetzt mein Problem ist und nicht mehr Ihres.“
Er setzte zu etwas an, ließ es wieder. Offenbar rechnete er im Kopf gerade durch, ob Diskussion oder Nachgeben die schnellere Variante war.
Amanda legte freundlich nach. „Ganz ehrlich? Sie sollten die fünf Minuten investieren. Wenn sie jetzt schlecht gelaunt unterschreibt, dauert’s hinterher länger.“
Der Mann sah sie an, als hätte er kurz überlegt, ob das hilfreich oder eine Drohung war.
„Fünf Minuten“, sagte er dann schließlich. „Danach fliegt das Schiff. Ohne weitere Verzögerung.“
Geraldine hielt seinen Blick noch einen Herzschlag länger, dann nickte sie knapp.
„Fünf Minuten.“
Er trat zurück, sichtlich unzufrieden, aber klug genug, fürs Erste Ruhe zu geben.
Als er außer Hörweite war, ließ Amanda langsam die Luft aus.
„Charmanter Empfang.“
Geraldine wandte sich wieder dem T11 zu. „Jetzt gefällt er mir schon besser.“
Amanda blinzelte. „Wegen des Schiffs oder wegen des Ärgers?“
Geraldine ging los.
„Beidem“, sagte sie.
Geraldine verlor keine weitere Zeit.
Sie ging einmal zügig um den T11 herum, strich den Blick über Verriegelungen, Übergänge, Zugangspunkte und die äußeren Module, als könnte sie dem Schiff in fünf Minuten zumindest die gröbsten Wahrheiten abringen. Nichts sprang sie an. Keine lose Verkleidung, kein schiefer Sitz, keine offensichtliche Schlamperei. Nur Werftgeruch, frische Systeme und diese unbeirrbare, ehrliche Schwere, die das Schiff schon im Stand ausstrahlte.
Amanda folgte ihr einen Schritt versetzt. „Und?“
Geraldine blieb kurz unter der Bugsektion stehen, sah noch einmal an der Hülle hoch und zog dann den Mund leicht schief.
„Er ist hässlich“, sagte sie.
Amanda nickte. „Das wussten wir schon.“
„Ja. Aber ordentlich hässlich.“
„Das klingt fast wie Zuneigung.“
„Übertreib’s nicht.“
Sie gingen die Rampe hoch. Drinnen war alles noch zu sauber, zu neu, zu unberührt. Geraldine ließ die Anzeigen einmal anlaufen, überflog die Grundwerte, sah die Werkseinstellungen, das nüchterne Standardprofil, und schnaubte leise.
„Na schön“, murmelte sie. „Dann sehen wir mal, was du wirklich kannst.“
Amanda lehnte am Rahmen und sah ihr dabei zu.
„Reicht dir das?“
Geraldine nickte. „Für jetzt schon.“
„Dann ist der Mann da draußen vermutlich kurz vor einer religiösen Erfahrung.“
„Soll er haben.“
Sie stand wieder auf, drehte sich zu Amanda und nickte Richtung Ausgang.
„Mach du dich schon mal auf den Weg.“
Amanda hob eine Braue. „Und du?“
Geraldine warf noch einen Blick über die Konsole des T11.
„Ich komm direkt nach“, sagte sie. „Sofern er unterwegs nicht explodiert.“
Amanda grinste sofort. „Das ist beruhigend vage.“
„Ich versuche, ehrlich zu bleiben.“
„Tu das. Aber bitte erst nach dem Start.“
Geraldine ging mit ihr die Rampe wieder hinunter. Am Fuß der Stufen blieb Amanda kurz stehen und sah noch einmal zum T11 zurück.
„Ich geb Ashley schon mal Bescheid, dass sie heute Gesellschaft kriegt.“
„Droh ihr nicht.“
„Würde ich nie.“
Geraldine musterte sie einen Moment. „Das war gelogen.“
„Nur leicht.“
Amanda setzte sich schon in Bewegung, warf ihr aber im Gehen noch einen Blick über die Schulter zu.
„Wenn du nach zehn Minuten nicht auftauchst, komm ich zurück und rette dich vor deinem neuen Arbeitstier.“
„Wenn ich nach zehn Minuten nicht auftauche, rettest du höchstens die Werft.“
Amanda lachte leise und hob zum Abschied nur zwei Finger.
Dann war sie weg.
Geraldine blieb einen Moment allein im Übergabebereich stehen, sah Amanda nach, bis sie hinter der Servicetür verschwunden war, und drehte sich erst dann wieder zu dem T11 um.
„Na gut“, sagte sie leise.
Dann ging sie zurück an Bord.
Der Rückflug verlief besser, als Geraldine erwartet hatte.
Nicht spektakulär. Nicht elegant. Aber sauber.
Schon nach den ersten Minuten merkte sie, warum sich der T11 nicht völlig fremd anfühlte. Unter der ganzen zusätzlichen Masse und dem breiteren Rumpf lag etwas Vertrautes in der Steuerung. Kein exakter Zwilling, aber nah genug am T8, dass ihre Hände nicht jedes Manöver neu lernen mussten. Die Reaktionen waren schwerer, die Trägheit satter, doch das Grundgefühl war ähnlich genug, um schnell in einen Rhythmus zu kommen.
„Na also“, murmelte sie, während sie den nächsten Kurs sauber stehen ließ. „Du bist wenigstens nicht völlig eigensinnig.“
Der T11 antwortete darauf nur mit seinem tiefen, gleichmäßigen Lauf.
Je länger sie flog, desto klarer wurde ihr aber auch, wo die eigentliche Arbeit noch lag. Die Grundkonfiguration war brauchbar, aber nicht mehr als das. Alles daran war Werftstandard. Solide, vorsichtig, unpersönlich. Für einen ersten Heimflug reichte das. Für Geraldine nicht.
Noch bevor die Citadel auf dem Schirm auftauchte, lief in ihrem Kopf die Liste schon mit.
Schubdüsen.
FSD.
Energieverteilung.
Wahrscheinlich auch die Sensoren, wenn sie schon dabei waren.
Und wenn man das Schiff ernsthaft einsetzen wollte, dann eigentlich das volle Programm.
Als der T11 schließlich im Hangar der Citadel aufsetzte, blieb Geraldine nur kurz im Sitz. Nicht, weil sie sich noch sammeln musste. Eher, weil das Schiff auf dem letzten Stück schon aufgehört hatte, neu zu sein, und angefangen hatte, ein Projekt zu werden.
Kaum war sie draußen, griff sie sich das erste Pad, das in Reichweite war, und zog unterwegs schon die Übersicht auf.
„Ich brauch gleich die Technik“, sagte sie, noch bevor jemand fragen konnte. „Und eine saubere Liste. Keine grobe. Alles.“
Wenig später stand sie mit zwei Technikern an einer Konsole, der T11 noch warm im Hangarlicht hinter ihnen.
„Als Erstes die Schubdüsen“, sagte Geraldine. „Die Standardabstimmung ist nicht schlimm, aber unnötig träge.“
Einer der Techniker nickte und schrieb mit.
„FSD auch“, fuhr sie fort. „Wenn das Ding schon so viel Masse bewegt, will ich nicht auch noch bei der Reichweite Kompromisse machen.“
„Energieverteiler?“, fragte der andere.
„Ja. Und zwar nicht halb. Wenn wir ihn anfassen, dann richtig.“ Geraldine sah noch einmal über die Werte auf dem Display. „Eigentlich alles, was sinnvoll zu engineeren ist. Ich will später nicht wieder von vorn anfangen.“
„Also einmal komplett“, sagte der erste trocken.
Geraldine nickte. „Genau das.“
„Das wird keine kleine Liste.“
„War nicht die Frage.“
Hinter ihnen kamen Schritte näher. Geraldine musste nicht aufsehen, um zu wissen, wer es war.
Amanda blieb neben ihr stehen und sah erst zum T11 hinüber, dann zu Geraldine.
„Na?“, fragte sie.
Geraldine tippte mit dem Finger gegen das Pad. „Fliegt besser als gedacht. Aber die Module müssen alle durchengineert werden.“
Amanda nickte langsam, noch immer mit dem Blick auf das Schiff. „Ja.“
Geraldine sah jetzt doch zu ihr rüber. „Ja was?“
Amanda zog einen Mundwinkel hoch. „Ich geb’s ja ungern zu, aber im Anflug sah er gut aus.“
Geraldine hob leicht eine Braue.
Amanda verschränkte die Arme und sah wieder zum T11. „Imposant. Auf diese stille Art. Und moderner, als ich ihn in der Werft fand.“
„Vor einer Stunde war er noch nur hässlich.“
„War er auch.“ Amanda zuckte mit einer Schulter. „Aber im Raum wirkt er anders.“
Geraldine folgte ihrem Blick einen Moment.
Der T11 stand schwer im Licht des Hangars, breit, kantig, völlig ohne den Ehrgeiz, irgendwen beeindrucken zu wollen.
„Ja“, sagte sie dann leise. „Das tut er.“
Amanda sah sie von der Seite an. „Jetzt magst du ihn langsam.“
„Noch nicht.“
„Aber?“
Geraldine steckte das Pad ein.
„Ich glaube“, sagte sie, „er hat eine Chance.“
Amanda grinste schief. „Für deine Verhältnisse ist das fast schon eine Liebeserklärung.“
Die nächsten Tage vergingen ruhig.
Nicht leer. Nur geordnet.
Der T11 verschwand fast sofort tiefer in der Technik, und mit ihm eine Liste, die lang genug war, um Geraldine zufriedenzustellen. Schubdüsen, FSD, Energieverteilung, alles, was aus Werftstandard ein brauchbares Schiff machen sollte. Fast zeitgleich stand auch Amandas Python wieder in der Werkstattrotation ganz oben, als hätte der Carrier beschlossen, in diesen Tagen wenigstens bei Maschinen kooperativ zu sein.
Amanda selbst war in der Zeit meist mit ihrer alten FDL unterwegs. Keine langen Einsätze, nichts, das sie weit weggezogen hätte. Eher kurze Aufträge, ein paar Flüge, immer in Reichweite. Nah genug, dass sie abends wieder auf der Citadel auftauchte, oft ohne große Ankündigung, als wäre es das Natürlichste der Welt, zwischen zwei Missionen einfach hier zu landen.
Und Geraldine ließ es zu.
Mehr noch: Sie gewöhnte sich daran. Nein – sie genoss es!
An Amandas Schritte im Gang, wenn der Tag längst hätte vorbei sein sollen.
An kurze Gespräche im Hangar, während irgendwo im Hintergrund an Schiffen gearbeitet wurde.
An Kaffee, der zu spät kam, und an Abende, die nicht geplant waren und gerade deshalb funktionierten.
Es war keine große, feierliche Nähe.
Eher etwas, das sich still einschliff.
Arbeit hier, ein Flug dort, ein paar Stunden Abstand, dann wieder dieselbe Präsenz, als hätte Amanda beschlossen, Geraldine in diesen Tagen nicht zu viel Raum mit ihren eigenen Gedanken zu überlassen.
Geraldine bemerkte das natürlich.
Sie sagte nur nichts dazu.
Als der T11 schließlich fast zeitgleich mit der Python wieder aus der Technik kam, wirkte das beinahe verdächtig sauber. Zwei Baustellen weniger. Zwei Schiffe wieder einsatzbereit.
Fast, als würde das System selbst noch schnell Ordnung schaffen, bevor etwas anderes eintraf.
Geraldine stand im Hangar vor der offenen Konsole des T11 und ließ die aktuelle Konfiguration ein letztes Mal durchlaufen.
Die Werte glitten nüchtern über das Display. Schub sauber. FSD so, wie sie ihn haben wollte. Energieverteilung endlich ohne den werftmäßigen Sicherheitsabstand, der alles nur vorsichtig und zäh machte. Auch der neue Mining-Laser stand sauber in der Übersicht, fast schon verdächtig ordentlich für etwas, das in ein paar Minuten beweisen musste, ob es mehr war als teurer Ehrgeiz.
Dann blieb ihr Blick am Frachtraum hängen.
Sie las die Zahl einmal.
Dann noch einmal.
„Na schön“, murmelte sie.
Amanda, die ein Stück weiter mit verschränkten Armen an der Strebe lehnte, sah zu ihr herüber. „Das klang nicht nach Begeisterung.“
„Ist es auch nicht.“ Geraldine tippte mit einem Finger gegen das Display. „Er hat zu wenig Laderaum.“
Amanda stieß sich von der Strebe ab und trat näher. „Zu wenig für was? Für dich oder für normale Menschen?“
„Für mich natürlich.“
„Das beruhigt mich nur begrenzt.“
Geraldine ließ die Übersicht offen. „Mit der aktuellen Konfiguration ist der Frachtraum kleiner, als mir lieb ist. Nicht katastrophal. Aber spürbar.“
Amanda warf einen Blick auf die Zahlen, ohne so zu tun, als müsste sie daraus dieselben Schlüsse ziehen wie Geraldine. „Und? Änderst du’s wieder?“
Geraldine schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“
„Weil?“
Sie sah wieder auf den Eintrag des Lasers.
„Weil ich wissen will, ob der Rest den Kompromiss wert ist“, sagte sie. „Wenn der Laser das hält, was er verspricht, kann ich mit weniger Laderaum leben. Dann holt das Schiff die fehlenden Tonnen über Effizienz wieder rein.“
Amanda zog einen Mundwinkel hoch. „Du klingst, als würdest du mit einer Maschine verhandeln.“
„Tu ich auch.“ Geraldine schloss die Übersicht und sah zum T11 hinauf. „Mehr Schub, besserer Sprung, sauberere Verteilung, dafür weniger Platz. Irgendwo zahlt man immer.“
„Klingt fast vernünftig.“
„Gewöhn dich nicht dran.“
Amanda grinste nur. „Also Testflug.“
„Nein“, sagte Geraldine und griff nach dem Helm. „Diesmal richtiger. Ich will sehen, was er unter Arbeit macht.“
Sie ging zur Rampe, Amanda neben ihr.
„Und wenn der Laser nichts Besonderes ist?“, fragte Amanda.
Geraldine setzte den Fuß auf die erste Stufe. „Dann baue ich den Frachtraum um und ärgere mich ein paar Tage über den Rest.“
Amanda nickte. „Sauberer Plan.“
Geraldine sah noch einmal zurück auf das Schiff.
Breit. Schwer. Zweckmäßig. Nicht schön. Aber inzwischen auch nicht mehr fremd.
„Na los“, sagte sie leise. „Zeig mir, ob du den Platz wert bist.“
Geraldine hatte den Fuß schon auf der Rampe, als hinter ihr schnelle Schritte auf Metall klangen.
„Warte.“
Sie drehte sich halb um.
Amanda kam auf sie zu, noch im Gehen den Reißverschluss ihrer Jacke hochziehend, als hätte sie sich erst im letzten Moment entschieden, nicht nur zuzusehen.
„Ich komm mit“, sagte sie.
Geraldine hob leicht eine Braue. „Du?“
„Ja, ich.“
„Du hasst Mining.“
Amanda verzog den Mund. „Ich hasse stundenlanges Gestein-Anstarren. Das ist was anderes.“
„Aha.“
Sie blieb vor der Rampe stehen und nickte Richtung T11.
„In dem Fall will ich einfach sehen, was das Ding kann.“
Geraldine musterte sie einen Moment. „Seit wann interessiert dich Fördertechnik?“
„Seit du so tust, als wäre das hier nur ein Testflug, obwohl du innerlich längst mit dem Schiff diskutierst.“
Ein kaum sichtbarer Zug ging über Geraldines Mund.
„Ich diskutiere nicht mit Schiffen.“
„Natürlich nicht.“
Amanda setzte einen Fuß auf die unterste Stufe und sah an ihr vorbei ins Innere des T11.
„Außerdem“, sagte sie, „wenn du schon so einen Aufwand betreibst, will ich wenigstens dabei sein, wenn sich entscheidet, ob der Laser was taugt oder ob du nachher beleidigt alles wieder umbauen lässt.“
„Das ist überraschend präzise.“
„Ich hör dir manchmal zu.“
Geraldine schnaubte leise.
„Na schön“, sagte sie dann. „Aber wenn dir nach zehn Minuten langweilig wird, beschwer dich nicht bei mir.“
Amanda grinste schief. „Ich beschwer mich grundsätzlich nicht. Ich kommentiere nur sehr konsequent.“
„Das ist schlimmer.“
„Ich weiß.“
Geraldine drehte sich wieder zur Rampe. „Dann komm.“
Amanda folgte ihr ohne weitere Diskussion.
„Und falls Mining heute doch noch Spaß macht?“, fragte sie beim Hochgehen.
Geraldine warf ihr einen Seitenblick zu. „Dann stimmt etwas mit dir nicht.“
Amanda lachte leise. „Das sagen Leute erstaunlich oft.“
Gemeinsam verschwanden sie im T11.
Ein paar Systeme später hing der Ringplanet endlich vor ihnen.
Nicht spektakulär schön. Eher vertraut. Diese breite, kalte Helligkeit aus Eis, Staub und Gestein, durchzogen von den ruhigen Bögen der Ringe, die aus der Entfernung fast harmlos wirkten. Geraldine kannte das Gebiet. Kein Ort für große Entdeckungen, aber einer, auf den Verlass war. Platin. Saubere Erträge, wenn man wusste, wo man suchen musste.
„Romantisch“, murmelte Amanda und sah durch die Frontscheibe.
„Du hast selbst drauf bestanden, mitzukommen.“
„Ja. Aber ich darf’s trotzdem langweilig finden, bis es interessant wird.“
Geraldine antwortete nicht mehr. Sie hatte den Scanner längst offen und zog die Daten durch, ließ die bekannten Signaturen über das Display laufen, bis der Hotspot sauber markiert war.
Da.
Platin.
Kein Rätsel, kein langes Suchen, keine Lust auf Umwege. Genau das, was sie für heute wollte.
„Wir gehen direkt rein“, sagte sie.
Amanda lehnte sich leicht vor. „Kein vorsichtiges Herantasten?“
„Wozu? Dafür ist der Test da.“
Sie setzte den Kurs neu, und der T11 reagierte so sauber, dass Geraldine den Mundwinkel kaum merklich verzog. Kein Zerren, kein unnötiges Nachschwingen, keine träge Diskussion zwischen Eingabe und Umsetzung. Das Schiff lag satt in der Bewegung, schwer genug, um ernst genommen zu werden, aber nicht schwerfällig. Die neuen Schubdüsen griffen genau da, wo sie es wollten, und selbst bei den kleineren Korrekturen blieb dieses angenehme Gefühl, dass der T11 nicht gegen sie arbeitete.
Amanda bemerkte es natürlich sofort.
„Na also“, sagte sie. „Du guckst schon wieder so.“
„Wie?“
„Als hätte dich gerade etwas positiv überrascht und du wärst noch nicht sicher, ob du das zugeben willst.“
Geraldine ließ den nächsten Kurswechsel sauber auslaufen. „Er fliegt sich gut.“
„Das war fast schon Begeisterung.“
„Nein“, sagte Geraldine. „Das war eine Feststellung.“
Amanda grinste schief. „Natürlich.“
Vor ihnen zog der Ring größer, Details traten hervor, aus Licht wurde Struktur, aus Struktur Bewegung. Einzelne Brocken, dann ganze Felder, dazwischen dieses flimmernde Spiel aus Schatten und Reflexen, das jeden Abbaugürtel gleichzeitig leer und überfüllt wirken ließ.
Geraldine hielt den T11 ruhig im Anflug und spürte dabei, wie sich das Schiff unter ihren Händen immer selbstverständlicher anfühlte.
Das gefiel ihr.
Mehr als sie erwartet hatte.
Der T11 war immer noch kein schönes Schiff. Er würde auch in zehn Flügen nicht schön werden. Aber das musste er nicht. Wichtig war etwas anderes: dass er machte, was er sollte, ohne dabei nach Ausrede zu klingen.
Und genau das tat er gerade.
„Wenigstens das ist schon mal kein Kompromiss“, sagte sie leise.
Amanda drehte den Kopf zu ihr. „Bitte was?“
„Das Flugverhalten.“ Geraldine sah weiter nach vorn. „Mit dem Laderaum kann ich leben, wenn er sich draußen so benimmt.“
„Jetzt redest du wieder, als würdest du einen Vertrag mit ihm aushandeln.“
„Ist im Grunde auch einer.“
„Dann hoff ich für dich, dass der zweite Vertragspartner nicht plötzlich dumm wird.“
Geraldine schnaubte leise.
Der Hotspot lag jetzt direkt vor ihnen. Die Anzeigen zogen sauber auf, Signalstärke stabil, genau die Art von Einflug, die man lieber nüchtern nahm als feierlich. Geraldine reduzierte den Schub, brachte den T11 kontrolliert tiefer in die Ringstruktur und ließ das Schiff in die ersten dichten Brocken gleiten.
Nichts daran fühlte sich falsch an.
Keine nervöse Überreaktion. Keine unangenehme Trägheit im letzten Moment. Nur Masse, gut verteilt. Ein Arbeitsgerät, das endlich so aussah, als wüsste es selbst, wofür es gebaut worden war.
Amanda sah nach draußen, dann wieder auf die Anzeigen.
„Gut“, sagte sie. „Ich nehm alles zurück. Das da wirkt deutlich besser, als ich ihm in der Werft zugetraut hab.“
Geraldine ließ den Scanner anlaufen. „Du warst voreilig.“
„Ich war ehrlich.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Amanda grinste, ließ den Blick wieder hinausgleiten und nickte dann auf die ersten Signaturen.
„Na los“, sagte sie. „Zeig mir, ob dein teurer Laser den Rest wirklich wert ist.“
Geraldine legte die Hand an die Steuerung und brachte den T11 tiefer in den Hotspot.
„Genau das“, sagte sie ruhig, „finden wir jetzt raus.“
Sie brachte den T11 sauber in Position, hielt den Asteroiden ruhig im Visier und aktivierte den Mining-Laser.
Der erste Schuss ließ sie unwillkürlich blinzeln.
Kein durchgehender Strahl. Kein gleichmäßiges Fressen durch Gestein. Der Laser arbeitete in kurzen, harten Salven — helle, präzise Geschosse aus Energie, die in schneller Folge in den Asteroiden hämmerten. Jeder Einschlag riss Material heraus, als würde das Schiff nicht abbauen, sondern den Stein systematisch zerlegen.
„Oh“, machte Amanda.
Geraldine sagte nichts.
Sie sah nur auf den Asteroiden.
Salve um Salve schlug ein. Kurze Lichtblitze. Hartes Aufbrechen. Keine zähe Arbeit, kein langsames Abschälen, sondern ein regelrechtes Wegbrechen von Substanz. Der Brocken hielt dem Beschuss nur Sekunden stand, bevor die ersten Stücke aus der Oberfläche platzten.
Dann ging es plötzlich schnell.
Zu schnell.
Weitere Salven trafen, und der Asteroid gab nach, als hätte jemand irgendwo einen Schalter umgelegt. Überall lösten sich Brocken, erst einzelne, dann gleich ganze Schwärme. Platinfragmente, Gestein, schimmernde Stücke, die im Licht der Frontscheinwerfer auseinanderdrehten, während die ersten Drohnen schon losschossen und sich in das Chaos stürzten.
Geraldine merkte erst jetzt, dass sie die Luft angehalten hatte.
„Was zum Teufel…“, sagte Amanda leise.
Der Asteroid war erschöpft.
Nicht angekratzt. Nicht ordentlich bearbeitet. Erschöpft.
Geraldine nahm langsam die Hand vom Auslöser und starrte auf die Anzeigen. Auf die Zeit. Auf die Ausbeute. Auf die Effizienzwerte, die so aussahen, als hätte irgendjemand beim Kalibrieren den Begriff „vernünftig“ absichtlich übersprungen.
Draußen sammelten die Drohnen bereits ein, während noch immer genug Material zwischen den Brocken glitzerte, um den Raum vor ihnen förmlich voll wirken zu lassen.
„Okay“, sagte Geraldine schließlich.
Amanda drehte den Kopf zu ihr. „Okay?“
Geraldines Blick blieb auf den Werten.
„Das“, sagte sie langsam, „ist völlig absurd.“
Amanda ließ ein kurzes, ungläubiges Lachen hören. „Ja. Aber auf eine sehr überzeugende Art.“
Geraldine sah wieder hinaus, wo die letzten Fragmente des Asteroiden träge auseinanderdrifteten.
„Noch einer“, sagte sie.
Amanda hob eine Braue. „Nur um sicherzugehen?“
„Nein“, sagte Geraldine ruhig. „Um zu sehen, ob das gerade wirklich sein Ernst war.“
Geraldine nahm sich noch ein paar weitere Asteroiden vor.
Nicht viele. Nur genug, um sicherzugehen, dass der erste Treffer kein Zufall gewesen war. Aber auch beim zweiten, dritten und vierten Brocken zeigte der Laser dieselbe brutale Effizienz. Kurze Salven, ein paar Sekunden Arbeit, dann wieder Material im Raum und Drohnen, die kaum hinterherkamen.
Der Laderaum füllte sich schneller, als Geraldine es dem Schiff nach der Konfiguration eigentlich zugetraut hatte.
Als sie schließlich einen Blick auf die Anzeige warf, hob sie leicht die Braue.
„Na schön“, murmelte sie. „Das reicht.“
Amanda sah von den Werten wieder nach draußen. „Schon fertig?“
„Für einen Test ja.“ Geraldine ließ den T11 sauber aus dem Ring ziehen. „Der Rest war nur noch Wiederholung.“
„Das klingt erstaunlich zufrieden.“
„Das ist es auch.“
Amanda grinste schief. „Ich merk’s mir besser sofort. So oft passiert das nicht.“
Geraldine antwortete nicht darauf. Sie steuerte den T11 aus dem Hotspot, brachte das Schiff ruhig auf Kurs und ließ den Ring hinter sich kleiner werden.
Der Rückflug zur Citadel verlief unspektakulär. Kein neues Problem, keine unangenehme Überraschung. Nur dieses immer klarere Gefühl, dass der T11 seinen Platz nicht erst noch beweisen musste.
Als der Carrier schließlich wieder vor ihnen lag und Geraldine den Anflug einleitete, saß die Zufriedenheit nicht laut in ihr. Eher still. Solide. Genau da, wo gute Schiffe hingehörten.
Sie setzte den T11 sauber in den Hangar und fuhr die Systeme herunter.
Amanda löste die Gurte und warf ihr einen kurzen Blick zu. „Also?“
Geraldine sah noch einmal auf die dunkler werdenden Anzeigen.
Dann zog ein schmaler, ehrlicher Zug über ihren Mund.
„Ja“, sagte sie. „Der bleibt.“
Die nächsten Tage waren schon fast wieder die übliche Routine.
Der T11 bekam noch ein paar Einsätze und bestätigte jedes Mal dasselbe Bild: weniger Laderaum, ja — aber genug Leistung, um daraus keinen Verlust zu machen. Geraldine musste nicht mehr rechnen, ob sich der Umbau gelohnt hatte. Das Schiff hatte die Frage längst selbst beantwortet.
Amandas Python war wieder einsatzbereit, Amanda selbst pendelte wie gewohnt zwischen kurzen Aufträgen und der Citadel, mal draußen, mal wieder da, nie lange wirklich weg. Alles funktionierte. Gerade das machte die letzten Tage seltsam.
Denn je näher der angekündigte Zeitpunkt rückte, desto weniger half Beschäftigung noch gegen das Warten.
Am Abend stand Geraldine allein an einer Konsole, halb bei irgendeiner Übersicht, halb längst woanders, als das Pad vibrierte.
Kathleen.
Sie nahm sofort an.
Kathleen erschien im Holo, müde, aber diesmal ohne Hektik. Eher mit dem Gesicht von jemandem, der eine Nachricht nicht länger für sich behalten wollte.
„Ich wollte nur, dass du’s direkt von mir hörst“, sagte sie.
Geraldine richtete sich ein Stück auf. „Dann sag’s.“
Kathleen nickte einmal.
„Sie kommen morgen an.“
Geraldine sagte nichts.
Nicht aus Unverständnis. Nur, weil das Wort plötzlich schwerer war als alles, was in den letzten Tagen wichtig getan hatte.
Kathleen sah sie an und zog leicht einen Mundwinkel hoch.
„Ja“, sagte sie leise. „Jetzt wirklich.“
Geraldine atmete langsam aus.
„Morgen“, wiederholte sie.
„Jolene hat sich gemeldet. Alles planmäßig. Wenn unterwegs nichts mehr dazwischenkommt, sind sie morgen auf Jameson Memorial.“
Geraldine nickte, den Blick einen Moment auf das dunkle Spiegeln der Konsole gerichtet.
„Gut“, sagte sie.
Kathleen schnaubte leise. „Du klingst überhaupt nicht so, als wärst du innerlich gerade völlig durcheinander.“
„Bin ich auch nicht“, sagte Geraldine.
Eine kurze Pause.
„Lügnerin“, meinte Kathleen trocken.
Diesmal zuckte tatsächlich etwas an Geraldines Mund.
„Vielleicht ein bisschen.“
Kathleen wurde wieder ernster. „Ich wollte nur nicht, dass du die letzte Nachricht aus irgendeinem Anflugprotokoll ziehen musst.“
„Danke.“
„Dann versuch wenigstens, heute Nacht ein paar Stunden Schlaf zusammenzukratzen.“
Geraldine sah kurz auf das Pad in ihrer Hand.
„Ich seh, was sich machen lässt.“
„Also gar nichts.“
„Wahrscheinlich.“
Kathleen nickte, als hätte sie genau das erwartet.
Kurz darauf brach die Verbindung ab.
Geraldine blieb noch einen Moment stehen, das Pad in der Hand, während die Citadel um sie herum unbeirrt weiterlief.
Morgen.