Kapitel 48 – Port Geraldine

Der Anfang von Port Geraldine

Der erste Tag roch nach Arbeit.
Kein Startschuss, kein Applaus – nur die sachten Schläge der Greifarme, das rhythmische Zischen der Druckventile, das Surren der Containerverriegelung.

Geraldine flog. Nicht am Schreibtisch, sondern selbst, in der Panther Clipper.
Das Schiff trug sich anders, wenn es voll war – träge, tief atmend.
Frachtmodule, Stützrahmen, Isolationsmaterial, Struktursegmente – alles, was eine Station brauchte, die noch nicht wusste, dass sie einmal ein Zuhause sein würde.

Rosie meldete sich über Funk.
„Fracht A und B gesichert. Nächste Ladung steht bereit, sobald du zurück bist.“

„Bestätigt,“ antwortete Geraldine. „Wie läuft’s an der Baustelle?“

„Schlepper sind im Zeitplan. Der Kernrahmen steht bis morgen.“

Geraldine nickte, obwohl sie niemand sah. „Gut. Ich bring die nächste Charge direkt raus.“

Penelope Celeste glitt aus dem Hangar, ließ den Carrier kleiner werden, bis er nur noch ein heller Punkt war.
Die Baustelle schwebte voraus – ein Netzwerk aus Stahl, Drohnenlicht und magnetischen Ankern, das sich wie ein wachsender Kreis über der Oberfläche drehte.

Flug, Entladung, Rückweg.
Tag um Tag.

Amanda kam oft kurz vorbei, zwischen ihren eigenen Missionen.
„Du schläfst eigentlich gar nicht mehr, oder?“
„Nur zwischendurch.“
„Ich würd’s ja Romantik nennen, wenn du nicht dauernd nach Staub riechen würdest.“
Geraldine grinste. „Staub ist Fortschritt.“

Nach fünf Tagen begann die Station sich zu verändern.
Die Lichter brannten gleichmäßiger, die äußeren Module bekamen Struktur.
Geraldine sah das alles von oben – das Wachsen, das Schwingen, das kleine Wunder aus Ordnung.
Sie wusste, dass es noch Monate dauern würde. Aber es sah bereits nach Zukunft aus.

Am siebten Tag stand sie wieder im Hangar der Citadel, der Frachtraum leer, der Körper müde, der Kopf hellwach.
Rosie und ihr Team überprüften die Listen.
„Das waren heute sechzehn Container,“ sagte Rosie. „Wenn du so weitermachst, bist du in zwei Wochen durch.“
„Oder tot,“ murmelte Geraldine.
„Beides beeindruckend.“

Sie wollte gerade das Pad ausschalten, als es vibrierte.
Persönliche Kennung. Kathleen Maxillon.

Geraldine öffnete die Verbindung.

Kathleen erschien im Holo – erschöpft, aber strahlend.
Hinter ihr eine Halle voller Stimmen und blinkender Anzeigen.

„Ich hab bestanden,“ sagte sie, und man hörte, wie sie dabei ausatmete. „Alle Prüfungen durch. Ich starte morgen früh mit dem Kolonialkonvoi.“

Geraldine lehnte sich zurück. „Ich wusste, dass du’s schaffst.“

„Ich weiß nicht, ob ich’s schon realisiert hab,“ meinte Kathleen. „Der Container ist verladen, alles unterschrieben. In zwei Wochen steh ich bei euch.“

„Dann wird hier alles bereit sein,“ sagte Geraldine ruhig. „Du kommst nicht in ein Baustellenzelt, versprochen.“

Kathleen lächelte. „Ich glaub dir. Und danke, dass du’s möglich gemacht hast.“

„Danke, dass du kommst.“

Hinter Kathleen rief jemand eine Startzeit durch. Sie drehte sich halb um, dann wieder zu ihr. „Ich melde mich, sobald wir unterwegs sind.“

„Mach das,“ sagte Geraldine leise. „Und flieg vorsichtig.“

Die Verbindung endete.
Das Licht der Anzeige verblasste, aber ihr Lächeln blieb.

Amanda trat in den Hangar, zog den Helm unter dem Arm. „Kathleen?“

„Morgen früh startet sie“ sagte Geraldine.

Amanda nickte. „Dann ist sie bald hier.“

„Ja,“ erwiderte Geraldine leise. „Endlich.“

Einen Moment lang sahen sie beide hinaus in den Hangar – auf das gedämpfte Licht, das über den Rumpf von Penelope Celeste glitt.
Es war still, aber nicht leer.
Man konnte fast glauben, das Schiff wüsste bereits, dass jemand unterwegs war, für den es mitgebaut worden war.

Zwei Wochen, die alles verändern

Die Sonne über dem Außenring schimmerte flach und kalt, als Geraldine die Panther Clipper in eine enge Wende zog.
Es war nicht mehr der erste Flug. Nicht der zweite.
Zwei Wochen lagen hinter ihr – voll Staub, Lärm, endlosen Routen und diesem ständigen Summen, das nur Baustellen hatten.

In dieser Zeit hatte sich Port Geraldine verändert.
Aus einem Rahmen war Struktur geworden.
Aus Struktur ein Versprechen.

Wo anfangs bloß ein leuchtender Rahmen im Nichts hing, drehte sich jetzt eine wachsende Struktur – massive Andocksektoren, ringförmige Korridore, erste Habitatmodule.
Überall blinkten Positionslichter, Frachtgleiter kreuzten zwischen Drohnen, und aus dem Chaos war etwas geworden, das nach Ordnung roch.

Rosies Stimme kam über Funk.
„Panther Clipper, hier Citadel. Deine letzte Lieferung ist bestätigt. Das Außenfeld ist geschlossen, Segment E aktiv.“
„Verstanden,“ antwortete Geraldine. „Das ging schneller als gedacht.“
„Sag das nicht zu laut. Das Schicksal hört mit.“
„Zu spät,“ meinte Geraldine, und Rosie lachte im Hintergrund.

Sie stellte die Schubregler zurück, ließ die Clipper auf den Kurs zur Citadel einschwenken.
Draußen glitten die Linien der Station vorbei – das Licht brach sich in den Oberflächen, wie eine Stadt, die noch vergessen hatte, dass sie bald leben würde.

In diesem Moment vibrierte das Kommunikationspanel.
Eine private Kennung. Kathleen.

Geraldine nahm den Kanal, und Kathleens Stimme erfüllte das Cockpit – hell, aufgeregt, voller Atem.
„Geraldine! Ich wollte’s dir selbst sagen – wir erreichen morgen Sol. Der Konvoi ist pünktlich, wir liegen voll im Kurs.“

Einen Moment lang sagte Geraldine nichts.
Sie hatte mit allem gerechnet – nicht damit, dass zwei Wochen einfach verschwinden konnten.

„Morgen schon?“
„Ja,“ lachte Kathleen. „Ich fass es selbst kaum. Ich wollte dich vorwarnen – sobald wir die Sprungfreigabe haben, melde ich mich wieder.“
„Mach das,“ sagte Geraldine leise. „Und… willkommen in der Blase, bald.“
„Ich freu mich drauf.“

Die Verbindung brach ab, bevor Geraldine antworten konnte.
Nur das Nachleuchten der Anzeige blieb.

Sie saß einen Moment still da, die Hände auf den Kontrollen, das Herz irgendwo zwischen Überraschung und Freude.
Morgen.

Geraldine öffnete einen zweiten Kanal – Amandas Frequenz.
Rauschen. Kein Signal. Nur das leere Summen eines überlasteten Relais.
Sie versuchte es zweimal, dann drei Mal. Nichts.

Also diktierte sie eine Nachricht.
„Hey, Amanda. Kathleen kommt morgen an – früher als gedacht. Wenn du irgendwo in Reichweite bist, wär’s schön, wenn du mitkommst, um sie abzuholen. Ich starte bei Sonnenaufgang. Sag Bescheid, wenn du kannst.“

Sie schickte die Nachricht ab, lehnte sich zurück und sah hinaus.
Zwischen all dem Metall und Licht spürte sie plötzlich etwas, das sie kaum benennen konnte – diese Mischung aus Erleichterung, Aufregung und einem Anflug von Ungeduld.

Morgen.
Nach all den Monaten kam endlich jemand, für den das alles Sinn machte.

Der nächste Tag begann ruhig, fast zu ruhig.
Geraldine saß in der Anflughalle, das Licht der Anzeigen spiegelte sich in ihrer Uniform, während sie den Flugplan überprüfte.
Die Anaconda stand bereit – frisch gewartet, vollgetankt, mit leerem Laderaum für den Container, der irgendwo in Sol auf sie warten würde.

Es war lange her, dass sie mit diesem Schiff geflogen war.
Die großen Triebwerke hatten ihren eigenen Ton, dieses tiefe, vibrierende Summen, das man mehr spürte als hörte.
Kein anderes Schiff hatte je so viel Distanz zwischen Sternen und Gedanken überbrückt wie dieses.

Sie schob die letzte Frachtfreigabe durch, prüfte den Kurs und atmete kurz durch.
Kathleen war unterwegs.
Nach all den Wochen, nach all dem Bauen und Planen, fühlte sich das plötzlich echt an.
Nicht mehr wie eine entfernte Idee, sondern wie eine Ankunft, die tatsächlich passieren würde.

„Citadel an Dock-02,“ kam Rosies Stimme über Funk. „Commander, Startfreigabe erteilt. Dein Flugfenster ist für die nächsten fünf Minuten reserviert.“
„Verstanden,“ antwortete Geraldine. „Ich starte gleich.“

Sie wollte gerade aufstehen, da öffnete sich die Tür zum Hangar mit einem metallischen Zischen – und Amanda kam herein, noch im Fluganzug, die Augen wach wie immer nach einem langen Flug.

„Ich hoffe, du wolltest nicht ohne mich los,“ sagte sie, atemlos.
Geraldine blinzelte überrascht. „Du hast die Nachricht bekommen?“
„Gerade so. Funk war weg, ich bin durchs halbe System geflogen, um rechtzeitig hier zu sein.“

Geraldine schüttelte den Kopf, aber das Lächeln verriet sie. „Ich hätt’s wissen müssen.“
„Na komm,“ meinte Amanda, trat neben sie und sah zur Anaconda. „Ich steig nicht jeden Tag in ein fliegendes Museum. Also, Commander – ist noch Platz für mich?“
„Wenn du leise bist.“
„Keine Chance.“

Amanda lachte, griff sich einen Helm und folgte ihr zur Einstiegsrampe.
Das gedämpfte Licht fiel über die metallene Flanke der Anaconda, und irgendwo tief im Schiff erwachten die Triebwerke – ein vertrautes Grollen, das wie ein Herzschlag durch die Luft ging.

Kathleen war fast da.
Und diesmal würden sie sie gemeinsam abholen.

Willkommen zurück

Die Triebwerke liefen bereits auf Standby, als Amanda plötzlich wieder stehen blieb.
„Warte,“ sagte sie. „Ich brauch fünf Minuten.“

Geraldine blinzelte. „Wofür?“

„Zum Überleben.“
Amanda deutete auf sich selbst. „Ich hab seit drei Tagen nicht mehr geduscht. Wenn ich so rieche, glaubt Kathleen, du hättest mich aus einem Asteroiden geborgen.“

„Klingt realistisch.“

„Sehr witzig.“ Amanda stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin in zehn Minuten zurück. Keine Sekunde früher, keine Sekunde später.“

„Ich starte in neun.“

Amanda war schon halb auf dem Weg zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. „Wenn du ohne mich abhebst, verfluche ich deine gesamte Schiffsflotte.“

„Tu das ruhig. Die Hälfte davon hört sowieso nicht mehr auf mich.“

Amanda grinste. „Dann passt du ja gut dazu.“

Die Tür schloss sich hinter ihr, und Geraldine schüttelte leicht den Kopf.
Ein kurzes, müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Zehn Minuten,“ murmelte sie. „Natürlich.“

Sie sah zum Timer auf der Konsole. Acht Minuten und dreißig Sekunden.
Amanda würde pünktlich sein. Auf ihre Art.

Amanda kam zurück, diesmal frisch und zufrieden, das nasse Haar im Nacken zusammengebunden.
Geraldine warf ihr einen Blick zu. „Jetzt riechst du wenigstens nicht mehr nach Raumschrott.“

„Bitte, das war ehrlicher Schweiß. Ich hab ihn in Kämpfen verdient.“

„Du hast dir jetzt eine Pause verdient.“

Die Rampe schloss sich, ein dumpfer Schlag vibrierte durch die Struktur, und die Anaconda löste sich vom Dock.
Draußen glitt die Citadel unter ihnen vorbei – vertrautes Licht, vertraute Linien – und dann nur noch Sterne.

Amanda ließ sich in den Copilotensitz fallen. „Ich bin offiziell bereit, neue Menschen nicht mehr mit meinem Geruch zu verschrecken. Du kannst loslegen.“

Geraldine grinste, griff nach den Steuerungen.
Die Anaconda schob sich in den Frameshift, das Licht der Sterne zog zu Linien, die Bewegung war weich und kräftig zugleich.

Sie flogen. Stunden, Sprünge, das vertraute Brummen unter den Füßen.
Zwischendurch lief Musik über den Bordkanal – ein altes Stück, das Amanda ausgesucht hatte. Irgendwo zwischen melancholisch und zu laut.

„Ich hätt nicht gedacht, dass du wirklich so entspannt wirst,“ sagte Amanda nach einer Weile.

„Ich bin nicht entspannt,“ erwiderte Geraldine. „Ich bin fokussiert.“

„Sieht bei anderen wie gute Laune aus.“

„Vielleicht bin ich einfach schlecht gelaunt mit Stil.“

Amanda lachte. „Das war’s. Ich nehm den Spruch in mein Logbuch.“

Geraldine sah aus dem Cockpit. „Mach das. Dann liest wenigstens jemand deinen Unsinn.“

Sie grinsten beide, während das Sternenlicht durch die Scheibe wanderte.
Die Strecke nach Sol war lang, aber sie fühlte sich leicht an – getragen von Vorfreude, von diesem seltenen Gefühl, dass das Ziel nicht nur ein Punkt im All war, sondern jemand, der dort wartete.

Nach den letzten Sprüngen begann das Navigationsfeld zu glühen.
System: Sol.
Die Anzeigen wechselten auf Gelb, Schub drosselte automatisch.

Amanda lehnte sich vor. „Da wären wir. Sieht aus wie in den alten Schulbüchern – nur weniger romantisch.“

Geraldine nickte, prüfte die Koordinaten. „Und jetzt?“

„Jetzt suchen wir sie.“

„Ich hab keine Ahnung, wo genau der Konvoi andockt.“

„Dann fliegen wir dahin, wo jeder irgendwann landet.“

Geraldine grinste. „Jameson Memorial.“

„Natürlich.“

Sie legte den Kurs an, und die Anaconda drehte ruhig in Richtung des ikonischen Rings.
Die Sonne brannte golden durch die Panoramascheibe, und für einen Moment schien selbst das Schiff stiller zu werden – als wüsste es, dass etwas Wichtiges bevorstand.

Jameson Memorial hing vor ihnen wie ein leuchtender Planet aus Stahl.
Ringe, Lichter, das stetige Treiben tausender Schiffe. Der Funk war ein einziges Flimmern aus Stimmen.

Geraldine lenkte die Anaconda durch den dichten Verkehr, die Hände ruhig auf den Steuerkontrollen, aber der Puls zu schnell.
„Dock 67, Einflugsektor B, Andockerlaubnis bestätigt,“ kam es vom Tower.
„Verstanden,“ sagte sie – und hörte sich selbst an, als spräche jemand anders.

Die Landeklauen griffen, das Schiff sank in den gedämpften Lärm der Station.
Neonlicht, Stimmen, der Geruch von Treibstoff und Metall. Nach Wochen im Grenzraum fühlte sich das hier fast unwirklich an – zu hell, zu belebt, zu nah.

Amanda trat neben sie, als sich die Rampe öffnete. „Ich frag mich, ob sie schon da ist.“

„Der Konvoi sollte erst später eintreffen,“ sagte Geraldine, aber sie klang nicht überzeugt.

Sie gingen durch das Terminal, zwischen Menschen, Robotern, Dockarbeitern. Die Anzeigen über ihnen flackerten, Schiffe kamen und gingen.
Geraldine fragte am ersten Schalter, dann am zweiten. Niemand wusste etwas Genaues.
„Kolonialkonvoi aus Colonia?“, wiederholte ein gelangweilter Angestellter. „Da kommen jeden Monat welche.“

Amanda seufzte leise. „Hilfreich.“

„Versuch’s bei den Frachtdisponenten,“ schlug der Mann vor. „Oder im Passagierbereich C.“

Geraldine bedankte sich knapp. Ihre Stimme war ruhig, aber sie merkte, wie ihre Hände zitterten.
Passagierbereich C war voller Menschen, Lichter, Stimmen. Namen auf Anzeigetafeln.
Sie gingen die Reihe entlang. Kein Hinweis auf den Transport.

„Vielleicht sind sie umgeleitet worden,“ sagte Amanda.
Geraldine schüttelte den Kopf. „Nein. Das wär gemeldet.“

Sie blieb stehen. Ihr Blick wanderte über die Anzeigetafel, Zeile für Zeile, bis sich plötzlich ein Eintrag veränderte.
Kolonialkonvoi C-47 – Ankunft in Kürze – Dock 89.

Amanda sah es gleichzeitig. „Da ist er.“

Geraldine sagte nichts.
Nur der Atem stockte kurz.

All die Wochen – die Planung, der Bau, die Flüge, das Warten. Alles lief auf diesen Moment zu.
Sie hatte es unzählige Male gedacht, geplant, visualisiert.
Aber jetzt, hier, im Licht dieser Halle, wurde ihr klar, dass es wirklich passierte.

Amanda legte ihr eine Hand auf den Arm. „Hey.“

Geraldine sah sie an.
In ihren Augen spiegelte sich das warme Licht der Ankunftsanzeige.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll,“ flüsterte sie.

„Dann sag nichts,“ meinte Amanda leise. „Guck einfach hin.“

Geraldine nickte langsam.
Draußen, hinter den Panoramascheiben, schob sich eine Reihe Lichter in die Dockschleuse – das erste Schiff des Konvois.
Das, was einmal nur ein Plan gewesen war, hatte endlich Gestalt bekommen.

Und sie merkte, wie ihr Herz das erste Mal seit Langem nicht mehr arbeitete, sondern fühlte.

Die Halle vibrierte vor Stimmen und Bewegung.
Ein Warnsignal ertönte, gefolgt vom tiefen Grollen hydraulischer Schleusen.
Der Kolonialkonvoi war gelandet.

Amanda und Geraldine standen dicht nebeneinander am Rand des Sichtbereichs, wo sich die Tore zum Andocksektor öffneten.
Erst nur Dampf. Dann Licht.
Dann die ersten Schritte – Menschen, Taschen, Stimmen, ein Schwall aus Leben, der sich in die sterile Luft ergoss.

Geraldine suchte mit den Augen die Menge ab.
Jede Bewegung, jedes Gesicht, jedes Lachen. Ihr Herz schlug zu laut, zu schnell.
Neben ihr war Amanda still geworden, die Hände in den Taschen, aber man sah, dass auch sie atmete, als stünde sie im Sprint.

Ein weiterer Strom von Ankommenden drängte durch die Schleuse, die Uniformen der Crew, Reisende, Familien, junge Forscher, Kolonisten.
Geraldine wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort heraus.
Ihre Kehle war trocken, ihre Hände kalt.

Und dann – zwischen den Körpern, den Stimmen, dem flackernden Licht – sah sie sie.
Kathleen.

Keine Täuschung, kein Zweifel.
Sie stand dort mit einem kleinen Rucksack, das Haar lose, die Augen weit, suchend.
Und im gleichen Moment fand ihr Blick sie.

„Da,“ flüsterte Geraldine.

Amanda folgte ihrem Blick, lächelte. „Ich seh sie.“

Kathleen blieb einen Moment wie versteinert stehen.
Dann löste sich etwas in ihrem Gesicht, und sie rannte los.
Zwischen all den Menschen, den Stimmen, den Rufen – einfach los.

Geraldine reagierte instinktiv. Sie ging ihr entgegen, erst zögernd, dann schneller, dann rannte sie selbst.
Und als sie sich in der Mitte der Halle fanden, blieb keine Distanz übrig.

Kein Wort.
Nur Arme, die sich fanden, und ein Griff, der all das festhielt, was Worte nie geschafft hätten.
Kathleen lachte, weinte, redete durcheinander – Sätze, die im Lärm verloren gingen.
Geraldine hielt sie einfach fest, das Gesicht in ihrem Haar, der Geruch nach Metall und Reisestaub und etwas Neuem.

Amanda blieb ein paar Schritte zurück, den Blick weich, ein stilles Lächeln, das mehr sagte als alles andere.
Sie wischte sich über die Wange, halb überrascht von der eigenen Reaktion, und sah zu, wie die beiden sich einfach festhielten.

Kathleen trat schließlich einen Schritt zurück, die Hände noch immer auf Geraldines Schultern.
„Ich hab’s geschafft,“ flüsterte sie. „Ich bin da.“

Geraldine nickte, aber ihre Stimme brach, bevor sie sie nutzen konnte.
Also nickte sie einfach nochmal.

Amanda trat schließlich näher, legte Kathleen die Hand auf den Rücken. „Willkommen zurück im Chaos.“

Kathleen lachte, wischte sich über die Augen. „Ich hab’s vermisst.“

Geraldine atmete tief durch, und für einen Moment schien die ganze Halle stillzustehen –
das Summen der Luftschleusen, die Rufe, das metallische Dröhnen im Hintergrund.

Nur sie drei – mitten im Strom der Ankommenden, fest verankert in diesem winzigen, überwältigenden Augenblick,
an dem endlich alles da war, was so lange gefehlt hatte.

Die Menge hatte sich längst weiterbewegt, aber um die drei herum blieb die Luft aufgeladen — wie nach einem Sturm, der noch in den Kleidern hing.
Kathleen redete ohne Punkt und Komma.

„Also ehrlich, ich wusste ja, dass Kolonialflüge lang sind, aber niemand hat mich auf das vorbereitet! Zwei Wochen auf engstem Raum, überall Leute, die glauben, sie hätten den spannendsten Grund für ihre Reise! Die Hälfte war betrunken, die andere Hälfte hat Vorträge über Terraforming gehalten!“

Amanda grinste breit. „Klingt, als hättest du den Bildungsurlaub deines Lebens gebucht.“

„Wenn Bildung heißt, alles über die Nervenstärke von Mitreisenden zu lernen — absolut.“
Kathleen lachte, sprach aber gleich weiter. „Und dann diese Durchsagen! ‚Wir bitten um Ruhe und Gelassenheit während des Routinechecks.‘ Routine, ja klar — jedes Mal kam Rauch aus irgendeinem Panel! Ich hab irgendwann angefangen mitzuzählen, und bei zwölf hab ich aufgehört, weil ich mich sonst nicht mehr beruhigen konnte!“

Geraldine versuchte gar nicht erst, sie zu stoppen. Sie stand nur da, hörte zu, ließ die Wucht der Stimme wirken.
Kathleen hatte diese Art, den Raum sofort zu füllen — nicht laut, sondern lebendig, voller Bilder, voller Bewegung.

„Und das Essen! Ich schwör, ich hab mehr Varianten von synthetischem Reis gesehen, als ein Mensch verarbeiten sollte. Es war immer Reis — manchmal mit Farbe, manchmal mit Struktur, aber immer Reis.“

Amanda stützte sich an der Wand ab, lachte. „Also, falls du je hier kochst: kein Reis.“

„Nie wieder! Ich träum schon von Reiskörnern mit kleinen Gesichtern, die mich auslachen!“

Geraldine schüttelte den Kopf, konnte das Lächeln aber nicht unterdrücken.
Kathleen war nervös, überdreht, erschöpft — aber in jeder Bewegung war Leben.

„Und das Schlimmste,“ fuhr sie fort, „war dieser Sicherheitsalarm zwei Tage vor Sol. Kein echter Angriff, nur ein kaputter Sensor. Aber in der Kabine war sofort Panik. Ich hab einfach nur da gesessen und gehofft, dass niemand schreit, weil ich sonst auch angefangen hätte!“

Amanda grinste. „Willkommen zurück im Chaos.“

„Ich hab’s vermisst,“ sagte Kathleen, und zum ersten Mal klang es nicht mehr hektisch, sondern ehrlich.
Ihre Schultern sanken, sie atmete tief durch.
„Ich kann’s kaum glauben, dass ich wirklich da bin.“

Geraldine nickte langsam. „Ich auch nicht. Aber es fühlt sich an, als hätt’s genau so passieren müssen.“

Kathleen lächelte, und in diesem Moment war von den zwei Wochen Transit nichts mehr zu spüren — nur Nähe, Erleichterung und dieses warme, unübersehbare Chaos, das jetzt endlich angekommen war.

Die Ankunftsebenen waren ein einziges Labyrinth aus Stimmen, Anzeigen und Orientierungslosigkeit.
Drei Frauen, ein Ziel — und kein Hinweis, wo ein übergroßer Container aus Colonia abgeblieben war.

„Ich schwör, jedes Mal wenn ich denke, ich hab die richtige Richtung, steht da plötzlich Frachtannahme B–West statt C–Ost,“ murmelte Amanda und drehte sich zum dritten Mal um die eigene Achse.

„Wir hätten einfach jemanden fragen sollen,“ meinte Geraldine trocken.

Kathleen hob eine Hand. „Hab ich. Dreimal. Der erste schickte mich zu den Passagierabfertigungen, der zweite wollte meine Autogrammkarte, und der dritte meinte, ich soll’s beim Interstellaren Kulturgutlager versuchen.“

Amanda lachte. „Klingt plausibel. Du bist ja praktisch Kulturgut.“

„Ich fühl mich eher wie verlorenes Gepäck,“ seufzte Kathleen.

Schließlich fanden sie den richtigen Schalter – ein müder Angestellter mit Datapad und Augenringen, der die Kennung aufrief und nur brummte:
„Container C–47–MX, korrekt? Kommt von Colonia, richtig? Ja … der steht in Warteschlange für Ausgangstransfer. Verladung dauert, heute ist Hochbetrieb.“

Geraldine nickte, ruhig. „Wie lange?“

„Schwer zu sagen. Zwei, drei Stunden mindestens. Wenn Sie Glück haben, weniger.“

„Gut. Ich will nur, dass der Container vollständig bleibt. Ich übernehme persönlich die Freigabe.“

Er nickte mechanisch. „Unterschrift digital reicht. Ich geb Ihnen Bescheid, sobald’s soweit ist.“

Sie traten wieder hinaus in den Terminalgang.
Kathleen atmete hörbar aus. „Zwei, drei Stunden. Perfekt. Ich bin hungrig genug, ein Raumschiff zu essen.“

Amanda grinste. „Gibt’s bestimmt als Menü hier. Cobra à la carte.

„Oder Python-Salat,“ warf Geraldine ein.

Kathleen verdrehte die Augen. „Solange kein Reis dabei ist.“

Amanda blieb abrupt stehen, sah sie mit gespieltem Ernst an. „Zu spät. Ich hab schon was mit Reis gerochen.“

„Du wagst es nicht!“

Geraldine lachte, und der ganze Druck der letzten Stunden fiel ab.
„Komm,“ sagte sie, „wir suchen was, das dich rehabilitiert. Ohne Reis, ohne Rauchmelder, ohne Kolonialküche.“

„Also was Echtes,“ meinte Amanda.

„Genau,“ sagte Geraldine und deutete Richtung Promenadendeck. „Echtes Sol-Futter. Bevor hier noch jemand Reis serviert.“

Kathleen lachte, diesmal freier, entspannter.
Die drei verschwanden im Gewirr der Gänge, zwischen Stimmen, Gerüchen und dem leisen Summen der Station – und für einen Moment war alles einfach nur normal.

Das Restaurant lag auf der obersten Promenadenebene, mit Blick auf die rotierende Ringstruktur und das Dockfeld darunter.
Ein Ort, an dem man das Gefühl bekam, das Universum würde einem gerade beim Arbeiten zusehen.

„Ich glaub, ich hab noch nie irgendwo gegessen, wo das Licht so teuer aussieht,“ murmelte Kathleen, als sie sich setzten.

Amanda grinste. „Das ist der Trick. Je teurer das Licht, desto kleiner die Portion.“

Geraldine bestellte direkt. „Drei Menüs des Tages. Und Getränke, irgendwas ohne Algenbasis.“

Der Kellner nickte höflich und verschwand. Kathleen sah ihr erstaunt nach. „Einfach so?“

„Ich bin müde,“ meinte Geraldine. „Ich will was Warmes, das nicht aus der Tube kommt. Und ich lade ein.“

Amanda hob eine Braue. „Das sag nicht zu laut, sonst fangen hier alle an, dich zu mögen.“

„Das wäre neu,“ sagte Geraldine trocken, und Amanda lachte.

Als das Essen kam, roch es tatsächlich nach etwas, das keine Erinnerung an Kolonialflüge weckte. Frisch, würzig, fast nostalgisch.
Kathleen nahm den ersten Bissen, schloss kurz die Augen – und grinste dann. „Oh, das ist besser als mein ganzes Menü der letzten zwei Wochen.“

Amanda nickte. „Ich sag ja, Sol mag überlaufen sein, aber kochen können sie.“

„Und ohne Reis,“ ergänzte Kathleen feierlich.

„Noch,“ warf Geraldine ein. „Ich hab gelernt, dass das Universum Humor hat.“

Sie lachten, und das Gespräch floss weiter – leicht, vertraut.
Dann wurde Kathleen etwas ruhiger, sah zwischen ihnen hin und her.
„Und… wo soll ich eigentlich hin?“

Geraldine sah kurz auf. „Du meinst, wohnen?“

„Ja. Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, wo mein Platz jetzt ist. Du hast von der Station gesprochen – ist die schon fertig?“

Geraldine nickte langsam. „Fast. Der Innenausbau läuft. Aber bis sie übergeben wird, bleibst du erst mal bei uns. Auf der Citadel.“

Kathleen blinzelte. „Bei euch… auf dem Carrier?“

„Genau. Du kriegst deine eigene Kabine, brauchst dich um nichts zu kümmern. Und du kannst dich schon mal an das System gewöhnen. Wenn die Forschungsstation fertig ist, ziehst du um.“

Kathleen lächelte unsicher. „Das klingt nach Luxus.“

„Eher nach Hausordnung,“ sagte Amanda trocken. „Aber du wirst dich dran gewöhnen.“

Geraldine lehnte sich zurück, nahm einen Schluck. „Mach dir keine Sorgen. Der Carrier ist groß genug für alle Eigenheiten.“

„Sogar für meine?“ fragte Kathleen, halb im Scherz.

„Vor allem für deine,“ sagte Geraldine mit einem Lächeln, das ehrlich blieb.

Draußen zog langsam ein Schiff am Sichtfenster vorbei, sein Licht spiegelte sich in den Gläsern auf dem Tisch.
Kathleen folgte dem Blick, und für einen Moment schien alles genau da zu sein, wo es hingehörte.

Der Container war endlich verladen – ein gewaltiger Klotz aus Metall, fest verzurrt im Laderaum der Anaconda.
Kathleen stand mit dem Datapad daneben, überprüfte jede Position, als hinge ihr Leben davon ab.

„Hier ist wirklich alles drin?“ fragte Amanda skeptisch.

„Alles,“ bestätigte Kathleen und tippte auf die Liste. „Laborausrüstung, Datenarchive, persönliche Sachen, sogar mein Pflanzenmodul. Ich hab es lieber hier als irgendwo in einem Frachthangar.“

Geraldine sah über ihre Schulter. „Das sieht nach einem kompletten Leben aus.“

Kathleen nickte langsam. „Ist es auch.“

Amanda pfiff leise. „Ich hatte schon Ex-Beziehungen mit weniger Volumen.“

Kathleen lachte auf, aber Geraldine verzog keine Miene. „Ich sag dazu nichts.“

„Wie edel,“ grinste Amanda.

Sie stiegen die Rampe zur Brücke hinauf. Die Lichter flackerten kurz, dann erwachte das Schiff mit einem tiefen Summen.
Geraldine prüfte die Systeme, Routine in jeder Bewegung.

„Sol-Hafen, hier Anaconda Citadel-04, Startfreigabe erbeten.“
„Citadel-04, Freigabe erteilt. Flugfenster vier Minuten.“

Geraldine legte das Pad beiseite, als Amanda sich auf den Copilotensitz fallen ließ – nur um nach einer Sekunde den Kopf zu heben.

„Weißt du was?“

„Nein,“ antwortete Geraldine, schon ahnend, was kommt.

„Lass mich fliegen.“

Geraldine drehte sich halb zu ihr. „Du willst meine Anaconda fliegen?“

„Ich hab sie schon geflogen. Und ehrlich gesagt – ich vermiss das Gefühl. Sie reagiert so träge, dass man sich fast überlegen fühlt, wenn sie endlich tut, was man will.“

„Das ist kein Kompliment für sie.“

„Doch. Ich mag Dickschiffe mit Haltung.“

Geraldine musterte sie kurz, dann nickte. „Na gut. Aber wenn du mir das Seitenleitwerk an der Docköffnung abkratzt, darfst du es selber polieren.“

Amanda grinste breit. „Deal.“

Sie übernahm die Steuerung, und die Anaconda antwortete mit einem sanften Schub.
Kathleen saß hinten, sah fasziniert auf die Anzeigen.
„Ich glaub, ich hab noch nie verstanden, wie riesig das Ding wirklich ist.“

Amanda lachte leise. „Wart’s ab. Wenn du drin sitzt, fühlt sich jede Bewegung wie ein eigenes Wetterereignis an.“

Geraldine lehnte sich zurück, beobachtete die Anzeigen – und Amanda, die mit auffälliger Präzision arbeitete.
Die Triebwerke dröhnten tief, das Schiff löste sich vom Dock, und Sol blieb langsam hinter ihnen zurück.

Der Rückflug verlief ruhig — zu ruhig für Amanda, die sich spätestens nach dem dritten Sprung gelangweilt über die Konsole lehnte.

„Ich glaub, das hier ist die Definition von friedlich,“ meinte sie.

„Perfekt,“ murmelte Geraldine, halb im Dämmern.

„Ich meinte langweilig.“

„Perfekt,“ wiederholte Geraldine.

Kathleen grinste von hinten. „Wie lange schläft sie schon?“

Amanda sah kurz rüber. „Zehn Minuten offiziell, fünfzehn inoffiziell. Wenn sie gleich anfängt zu schnarchen, nehm ich das auf.“

„Mach das nicht,“ sagte Kathleen leise, obwohl ihr Lächeln verriet, dass sie’s gerne hören würde.

„Doch. Für den Fall, dass sie mir mal wieder erklärt, sie wäre unersetzlich.“

Geraldine öffnete ein Auge. „Ich hör dich.“

„Ich weiß,“ sagte Amanda. „Deshalb macht’s ja Spaß.“

Geraldine richtete sich auf, streckte sich, die Stimme noch rau. „Status?“

„Alles ruhig,“ antwortete Amanda. „Wir sind im letzten Sprung, Citadel in zehn Minuten Reichweite. Ich würd fast sagen, du hast den besten Teil verpasst.“

„Das war Absicht,“ murmelte Geraldine. „Ich wollte dich auf die Probe stellen.“

„Und?“

„Durchgefallen. Du hast geredet.“

Amanda lachte auf. „Dann war’s wenigstens nicht leise.“

Das letzte Frameshift-Fenster öffnete sich, der vertraute Tunnel aus Licht zog vorbei, und Sekunden später fiel die Anaconda in Normalraum.
Vor ihnen schwebte die Citadel — ruhig, gewaltig, ihr metallischer Körper im sanften Glühen der Systemsonne.

Kathleen beugte sich nach vorn, der Blick weich, fast ehrfürchtig.
„Da ist sie also wieder,“ sagte sie leise.

Geraldine nickte. „Citadel Geraldine. Hat dich vermisst.“

Kathleen lächelte. „Ich sie auch.“

Amanda griff in die Steuerung, leitete das Andockmanöver ein. „Dock 3 bestätigt. Keine Warnungen. Du hast Glück — die Carriersteuerung schläft wohl auch.“

„Dann pass auf, dass du sie nicht weckst,“ sagte Geraldine.

„Ich bin sanft.“

„Das behauptest du immer kurz vor einem Kratzer.“

„Ich nenn’s Charakter.“

Die Anaconda glitt sanft durch das Hangarfeld, die Schubdüsen flackerten ein letztes Mal auf, dann senkte sie sich auf die Landefläche.
Hydraulik zischte, das Licht wurde wärmer, weicher.

Kathleen saß still. Die Hände auf den Knien, die Augen weit.
Geraldine drehte sich zu ihr. „Bereit?“

Kathleen nickte, aber man sah ihr an, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

Amanda löste den Gurt, stand auf und grinste. „Dann los, Forscherin. Zeit, dein neues Kapitel zu beginnen.“

Die Rampe senkte sich. Warmes Licht fiel herein, der vertraute Geruch von Metall, Treibstoff, Zuhause.
Kathleen trat einen Schritt hinaus, atmete tief ein.

„Das fühlt sich… echt an,“ sagte sie leise.

Geraldine stellte sich neben sie, die Hände in den Taschen. „Das ist es auch.“

Kathleen sah sie an, ein Lächeln zwischen Erleichterung und Ungläubigkeit. „Danke.“

Geraldine nickte, kaum hörbar. „Willkommen zu Hause, Kathleen.“

Für einen Moment war es still — kein Funk, kein Maschinenklang, nur das leise Atmen von drei Menschen, die wussten, dass sie angekommen waren.

Heimkehr

Der nächste Morgen roch nach frischem Kaffee und warmem Metall.
Geraldine saß in der Messe, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, während draußen durch das Panoramafenster das fahle Licht des Systems fiel.
Amanda und Kathleen kamen fast gleichzeitig – Amanda mit einem zerknitterten Berichtspad, Kathleen mit dieser fast schon kindlichen Neugier, die selbst eine einfache Mahlzeit wie ein Experiment wirken ließ.

„Das ist also Frühstück auf einem Carrier,“ meinte Kathleen, während sie das Tablett abstellte.
„Technisch gesehen: Nahrungsaufnahme mit Aussicht,“ sagte Amanda, nahm Platz und rührte in ihrem Becher. „Aber Geraldine nennt es Entschleunigung.“

„Ich nenn’s Routine,“ erwiderte Geraldine und schenkte Kaffee nach. „Wenn man sie sich gönnt.“

Einen Moment war es still. Nur das Summen der Systeme und das ferne, rhythmische Klackern einer Wartungsschleuse drangen durch die Wände.
Kathleen sah kurz zu Geraldine, dann zu Amanda. „Ich hab fast vergessen, wie sich das anfühlt – einfach zu sitzen, zu reden, nicht ständig im Kopf zu rechnen.“

„Gewöhn dich nicht zu sehr dran,“ sagte Amanda mit einem Seitenblick. „Sobald du auf deiner Station bist, rechnet der Kopf wieder von selbst.“

„Ich weiß,“ lächelte Kathleen. „Aber heute darf’s noch still sein.“

Geraldine sah die beiden an – vertraut, müde, irgendwie vollständig.
Es war das erste gemeinsame Frühstück seit Monaten, und sie wusste, dass es das letzte dieser Art für eine ganze Weile sein würde.

„Port Geraldine braucht noch ein paar Flüge,“ sagte sie schließlich, eher zu sich selbst. „Wenn das Material steht, kann der Innenausbau anlaufen.“

Amanda lehnte sich zurück, das Bein übergeschlagen. „Ich hätt nicht gedacht, dass du das so schnell schaffst. Du machst Bauphasen, als wär’s ein Wettbewerb.“

„Vielleicht ist es das,“ sagte Geraldine ruhig. „Gegen die Zeit. Gegen Routine.“

Amanda grinste. „Dann führst du haushoch.“

Kathleen sah zu ihr. „Du fliegst heute wieder raus?“

„Ja,“ antwortete Amanda und schob den Becher beiseite. „Routineeinsatz. Zwei, drei Systeme, vielleicht länger. Aber diesmal werd ich nicht so lange wegbleiben.“

Sie stand auf, legte Kathleen eine Hand auf die Schulter. „Mach dich bereit, Forscherin. Bald wird’s ernst.“

Kathleen erwiderte das Lächeln, warm und ein bisschen wehmütig. „Ich bin bereit. Und… danke. Für alles.“

„Ich hab nichts gemacht,“ sagte Amanda. „Ich war nur laut genug, dass du dich getraut hast.“

„Manchmal reicht das,“ meinte Geraldine leise.

Amanda sah sie an – ein kurzer, fester Blick, wie eine unausgesprochene Vereinbarung. Dann zog sie ihre Jacke an, schnappte das Pad und ging Richtung Schleuse.

Kathleen sah ihr nach, bis sich die Tür schloss.
„Sie hat sich nicht verändert,“ sagte sie schließlich.

„Doch,“ antwortete Geraldine und nahm einen Schluck Kaffee. „Aber nie in die falsche Richtung.“

Draußen flammte das Triebwerkslicht von Amandas Fer-de-Lance auf – ein kurzes, orangefarbenes Aufleuchten, bevor sie verschwand.
Geraldine blieb still sitzen, das Becherlicht in der Hand, und sah hinaus auf die wachsende Karte ihres Systems.

Der Alltag würde bald zurückkehren.
Aber für diesen einen Morgen fühlte sich alles vollkommen an.

Geraldine drehte die Tasse in der Hand, als hätte sie darin gerade eine Entscheidung gefunden.
„Weißt du was,“ sagte sie leise, „die Frachtroute kann warten. Wir machen einen Abstecher.“

Kathleen hob den Blick. „Wohin?“

„Zur Forschungsstation. Deinem Platz.“
Ein kurzes, warmes Lächeln. „Sie steht. Innen ist noch nicht alles fertig, aber genug, um sie zu fühlen.“

Kathleen blinzelte, als müsse sie die Worte erst sortieren. „Heute?“

„Jetzt.“ Geraldine stand auf. „Penelope Celeste ist startklar. Ich zeig dir den Weg – bevor der Alltag ihn wieder zudeckt.“

Kathleen atmete aus, das unsichere Lächeln kippte in reines Leuchten. „Ich… ja. Ja, bitte.“

„Pack nur das Nötigste,“ sagte Geraldine. „Kein Reis.“
Sie zwinkerte.

Kathleen lachte auf, die Anspannung wich. „Abgemacht.“

Sie gingen los. Der Gang zur Rampe füllte sich mit diesem leisen, elektrischen Knistern, das nur Aufbruch macht.
Draußen erwachte der Hangar, die Panther Clipper stand im Licht wie ein Versprechen.

Geraldine blieb einen Schritt vor der Rampe stehen und sah zu Kathleen hinüber.
„Bereit, dein Zuhause zum ersten Mal zu sehen?“

Kathleen nickte, die Stimme kaum hörbar. „Mehr als bereit.“

Die Rampe senkte sich, warmes Triebwerksrauschen legte sich wie Atem unter die Szene.
Und als sie gemeinsam an Bord gingen, fühlte es sich an, als würde nicht nur ein Schiff starten –
sondern genau der Teil Zukunft, für den sie so lange gearbeitet hatten.

Kathleen blieb wie angewurzelt stehen, kaum dass sie den Hangar betrat.
Vor ihr ragte die Panther Clipper auf – gewaltig, elegant, fast unwirklich in den Lichtstrahlen, die durch die Deckfenster fielen.
Jede Kontur schien zu atmen, jedes Glühen im Rumpf ein Herzschlag aus Metall.

„Das… das ist dein Schiff?“
Ihre Stimme war ein Flüstern, irgendwo zwischen Ehrfurcht und Unglauben.

Geraldine blieb neben ihr stehen, verschränkte die Arme und sah nach oben, als würde sie das Ding selbst noch immer begreifen.
„Ja. Und manchmal glaub ich’s auch erst, wenn sie sich bewegt.“

Kathleen lachte leise, schüttelte den Kopf. „Ich hab die Pläne gesehen, Daten, Modelle… aber das hier ist anders. Sie wirkt… lebendig.“

„Ist sie auch,“ sagte Geraldine. „Man muss ihr nur zuhören.“

Kathleen trat langsam an die Rampe, ließ die Hand über die kalte Außenhaut gleiten.
„Ich glaub, ich würd mich hier tagelang verlaufen.“

„Kann passieren,“ meinte Geraldine trocken. „Aber keine Sorge – sie hat gute Akustik. Man hört, wenn jemand flucht.“

Kathleen grinste. „Dann wird sie mich schnell kennenlernen.“

„Das wird sie.“ Geraldine öffnete das Zugangsterminal, die Rampe senkte sich.
Ein sanftes Grollen lief durch den Boden – der Sound eines Riesen, der wach wird.

„Willkommen an Bord,“ sagte Geraldine, und zum ersten Mal klang es, als meine sie nicht nur das Schiff, sondern auch alles, was mit diesem Moment kam.

Sie waren kaum durch den Eingangsbereich, als Geraldines Pad vibrierte.
Sie warf einen Blick darauf, seufzte leise.

„Was ist?“ fragte Kathleen.

„Nachricht vom Logistikzentrum,“ murmelte Geraldine. „Port Geraldine braucht dringend Nachschub. Baustoffe, Strukturverbund – die Vorräte reichen sonst nicht über das Wochenende.“

Kathleen hob eine Braue. „Also keine Sightseeing-Tour?“

„Doch,“ sagte Geraldine, mit einem kurzen Lächeln. „Nur mit Frachtbegleitung.“

„Ich beschwer mich nicht,“ grinste Kathleen. „Solange ich Fensterplatz hab.“

„Bei dem Schiff hast du Panoramadeck,“ erwiderte Geraldine, startete die Systeme und sah nach vorn auf die Displays.
„Zuerst ins Nachbarsystem, volltanken – dann zur Station. Und wenn du Glück hast, kriegst du noch eine Landung im Sonnenuntergang gratis.“

Kathleen lehnte sich an die Wand, der Blick glitt durch das endlose Cockpit.
„Ich hab das Gefühl, das hier wird kein gewöhnlicher Tag.“

„Ist bei mir selten einer,“ sagte Geraldine ruhig – und aktivierte die Triebwerke.

Der Flug ins Nachbarsystem verlief ruhig – zu ruhig für Geraldines Geschmack.
Kein Funkverkehr, keine unerwarteten Meldungen, nur das gleichmäßige Brummen der Triebwerke und das leise Sirren der Systeme.
Kathleen saß auf dem Copilotensitz, die Hände im Schoß, den Blick gebannt auf die Frontscheibe gerichtet.

„Es fühlt sich gar nicht an wie Fliegen,“ sagte sie irgendwann. „Eher wie… getragen werden.“

Geraldine grinste. „Das ist sie. Elegant genug, um dich glauben zu lassen, du hättest alles unter Kontrolle.“

„Hast du nicht?“

„Noch nie,“ antwortete sie, und Kathleen lachte leise.

Die Frachtaufnahme ging reibungslos – Container um Container, sauber verriegelt, alles Routine.
Doch als sie später die Baustelle von Port Geraldine anflogen, änderte sich etwas.

Schon von Weitem schimmerte die halbfertige Coriolis-Station im Licht des Sterns, ein gewaltiges Sechseck aus glänzendem Metall, umgeben von einem Wirrwarr aus Frachtmodulen, Konstruktionsarmen und Versorgungsschiffen.
Das künstliche Licht flackerte an einigen Stellen, und doch wirkte alles schon lebendig.

Kathleen beugte sich vor, als das Bild größer wurde.
„Das… ist sie?“

Geraldine nickte, langsam. „Das wird sie. Port Geraldine.“

Kathleen sagte nichts mehr. Man sah ihr an, dass sie versuchte, die Dimension zu begreifen – die schiere Größe, die Bewegung, das Gewimmel aus Schiffen und Robotern.

„Ich hätte nicht gedacht, dass sie schon so weit ist,“ flüsterte sie schließlich.

„Ich auch nicht,“ sagte Geraldine ehrlich. „Aber manchmal wächst sowas schneller, als man’s planen kann.“

Die Panther Clipper glitt zur vorgesehenen Andockbucht, und kaum hatte sie angedockt, begann der Ladevorgang – schwere Greifarme, magnetische Halterungen, das rhythmische Klacken der Entladung.
Geraldine und Kathleen beobachteten kurz das Treiben, bevor sie die Schleuse öffneten und hinaustraten.

Drinnen war alles Lärm und Bewegung.
Bauteams schoben Materialkisten durch Korridore, Funken sprühten von Schweißnähten, Kabel hingen aus offenen Paneelen.
Überall roch es nach Metall, Schmierstoff und dieser typischen Mischung aus Staub und Energie, die nur halbfertige Stationen hatten.

Kathleen drehte sich langsam im Kreis. „Ich weiß nicht, ob das chaotisch oder großartig ist.“

„Beides,“ sagte Geraldine. Sie klang nicht abgeklärt, sondern aufrichtig bewegt.
Ihr Blick wanderte über die Wände, die Rohstrukturen, die offenen Schächte.
Hier war nichts glatt oder perfekt – und gerade das ließ es echt wirken.

„Vor ein paar Wochen war das nur eine Datei,“ murmelte sie. „Jetzt steht sie. Und sie atmet.“

Kathleen lächelte. „Das tust du auch, wenn du so redest.“

Geraldine sah zu ihr, kurz überrascht, dann nickte sie.
„Vielleicht, weil’s sich anfühlt, als hätt ich endlich was gebaut, das bleibt.“

Kathleen legte eine Hand an die Wand, spürte das leise Vibrieren darunter.
„Dann hast du dir selbst ein Denkmal gesetzt.“

„Nein,“ erwiderte Geraldine leise. „Ein Zuhause für andere. Das ist mir lieber.“

Für einen Moment blieb die Welt still – zwischen Baulärm und Stimmen, inmitten von Rohmetall und Zukunft.
Und Geraldine spürte, dass sie diesen Moment nie vergessen würde.

Der Flug zur Forschungsstation war kurz, aber still.
Kathleen hatte kaum ein Wort gesagt, seit sie Port Geraldine hinter sich gelassen hatten – zu viel, was sie noch verarbeiten musste.
Geraldine kannte diese Art von Stille. Nicht leer, sondern voll – wie ein Raum, in dem zu viele Gedanken gleichzeitig reden wollten.

Die karge Oberfläche des Planeten erschien im Sichtfeld: lange Schatten über rötlichem Gestein, ein feines Schimmern, wo Sonnenlicht auf Metall traf.
In der Ferne glomm die Station – kompakt, klar strukturiert, und doch lebendig.
Ein kleines Funkfeuer blinkte ihnen entgegen.

„Da ist sie,“ sagte Geraldine ruhig.
Kathleen atmete hörbar aus. „Meine Station.“

„Unsere Arbeit,“ korrigierte Geraldine. „Aber dein Platz.“

Die Landung verlief ruhig. Staub stieg auf, legte sich wie ein Schleier über die Außenkameras.
Als sich die Rampe senkte, stand bereits ein Empfangstrupp bereit – keine Formalität, eher eine spontane Begrüßung.
Techniker, ein paar Wissenschaftler, sogar der Bauleiter, alle mit diesem verschmitzten Stolz, der sich einstellt, wenn etwas endlich fertig wird.

„Commander Cailloux-Delaurent,“ rief der Bauleiter über das Windrauschen hinweg, „wir dachten schon, Sie kommen gar nicht mehr, um sich Ihr Meisterwerk anzusehen!“

Geraldine grinste. „Ich lass ungern andere die Schleifen schneiden.“

Er lachte. „Dann kommen Sie rein – aber Vorsicht, an manchen Stellen ist noch Farbe nass!“

Kathleen folgte ihr ins Innere, und mit jedem Schritt weiteten sich ihre Augen.
Die kühlen Metallwände waren sauber verkleidet, Kabel verschwunden, Lichtleisten in sanftem Weiß statt dem grellen Baulicht.
Man roch noch frisches Dichtungsmaterial und Isolierung, aber der Ort fühlte sich bereits bewohnbar an.

„Das ist unglaublich,“ flüsterte Kathleen, während sie den Korridor entlangging.
„Das hier… das war mal ein Plan in meiner Tasche.“

„Und jetzt ist es deine Adresse,“ sagte Geraldine.

Sie wurden durch das Hauptlabor geführt – glänzende Konsolen, modulare Arbeitsplätze, Geräte noch in Schutzfolien.
Ein Techniker justierte einen Energieknoten, nickte kurz, als sie vorbeigingen.
Kathleen blieb immer wieder stehen, sah, roch, lauschte – jeder Atemzug ein neuer Beweis, dass es real war.

„Wenn du so weitermachst, musst du am Ende für Luftsteuer zahlen,“ neckte Geraldine leise.

Kathleen lachte nervös. „Ich… ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

„Gar nichts,“ sagte Geraldine. „Einfach ankommen.“

Der letzte Stopp war ihr Quartier.
Die Tür öffnete sich lautlos, und Kathleen blieb in der Schwelle stehen.
Ein großer Raum, hell, mit breiten Fenstern Richtung Westen.
Ein Schreibtisch, ein eigenes Dateninterface, Regale, ein Bett, das nicht nach Kapsel aussah.
Sogar eine kleine Sitzecke.

„Das ist… doppelt so groß wie in Colonia,“ murmelte sie. „Und das ist meins?“

„Deins,“ bestätigte Geraldine. „Sofern du’s aushältst.“

Kathleen trat hinein, ging langsam an der Wand entlang, berührte sie mit den Fingerspitzen, als wollte sie sicherstellen, dass das alles nicht holografisch war.
„Ich… weiß nicht, wie ich dir danken soll.“

Geraldine verschränkte die Arme, lehnte sich an den Türrahmen.
„Tu’s nicht mit Worten. Mach was draus.“

Kathleen drehte sich zu ihr um. In ihren Augen glitzerte ehrliche Rührung, gemischt mit dieser unruhigen Freude, die aus einem neuen Anfang spricht.
„Ich verspreche, dass ich das hier verdiene,“ sagte sie leise.

„Das tust du längst,“ antwortete Geraldine.

Einen Moment lang standen sie einfach da – zwischen Zukunft und Gegenwart, zwischen all dem, was gebaut war und dem, was erst entstehen würde.
Und für das erste Mal seit langer Zeit hatte Geraldine das Gefühl, dass alles an seinem Platz war.

Der Rückflug verlief wortlos.
Nicht, weil es nichts zu sagen gab – sondern, weil alles schon gesagt war.
Die Panther Clipper glitt durch die dünne Atmosphäre, Staub wirbelte auf, und die Forschungsstation schrumpfte unter ihnen zu einem leuchtenden Punkt.

Kathleen saß still auf dem Copilotensitz, die Hände um eine Tasse, die längst leer war.
Geraldine steuerte ruhig, konzentriert, aber mit diesem kaum merklichen Ausdruck von Zufriedenheit im Gesicht, den man nur nach einem gelungenen Kapitel trägt.

Die Sterne wurden heller, das Licht der Station verblasste, bis nur noch Dunkelheit blieb – diese vertraute, beruhigende Schwärze, in der Geraldine sich zu Hause fühlte.

Wenig später tauchte die Citadel Geraldine im Sichtfeld auf.
Gigantisch, ruhig, vertraut.
Kathleen lächelte. „Ich glaub, ich hab sie vermisst, obwohl ich sie kaum kannte.“

„Dann passt du rein,“ sagte Geraldine.

Der Hangar nahm sie auf, wie er es immer tat – ein tiefes Grollen, ein kurzes Vibrieren, dann Stille.
Als die Triebwerke erstarben, lehnte sich Geraldine zurück und atmete tief aus.

„Das war ein guter Tag,“ sagte Kathleen.

„Ein wichtiger,“ korrigierte Geraldine.

Später, in der Lounge, saßen sie nebeneinander – zwei Gläser, kein Wort zu viel.
Kathleen sprach irgendwann über Pläne, Ideen, Forschungen.
Geraldine hörte zu, halb anwesend, halb schon woanders.
Ihr Blick blieb an der Sternenkarte hängen, die langsam über den Holoprojektor wanderte.
Punkte, Linien, Systeme – und dazwischen Raum, der gefüllt werden wollte.

Kathleen bemerkte die Stille, folgte ihrem Blick. „Woran denkst du?“

Geraldine schob das Glas beiseite, lehnte sich vor. „An das, was fehlt.“

„Fehlt?“

„Wir haben Außenposten, Forschungsstationen, sogar Port Geraldine wächst… aber alles hängt noch lose. Kein Zentrum. Kein Herz.“
Sie sah auf die Karte, der Finger glitt über die Linien.
„Ich will’s ändern.“

Kathleen schwieg, dann lächelte sie leicht. „Du meinst – “

„Ja.“ Geraldines Stimme war ruhig, entschlossen. „Die Orbitalstation. Ich baue sie.“

Für einen Moment war alles still. Nur das Summen der Citadel, gleichmäßig, vertraut.
Kathleen legte eine Hand auf Geraldines Arm. „Dann wird sie echt. So wie alles, was du anfasst.“

Geraldine sah hinaus in die Sterne, wo irgendwo schon der Ort existierte, an dem sie zu bauen beginnen würde.
Ein winziger, unscheinbarer Punkt –
der nächste Anfang.