Kapitel 47 – Arbeitslicht

Arbeitslicht

Der Alltag kam zurück – leise, aber hartnäckig.
Keine Delegationen, keine Kameras, kein metallischer Glanz in Hangars, der nach Bedeutung roch. Nur Arbeit.

Geraldine hatte die letzten Tage damit verbracht, Flugrouten zu prüfen, Lagerlisten zu sortieren und Frachträume neu zu belegen.
Die Penelope Celeste stand ruhig im Dock der Citadel, noch fast unberührt, während auf dem Carrier selbst wieder das Rattern der Routine begann.

Der Funkverkehr klang wie früher: knappe Meldungen, keine Emotion.
Treibstoff, Wartungszyklen, Missionsstatus.
Nur dass diesmal jeder Handgriff eine Spur anders wirkte – präziser, konzentrierter. Vielleicht lag es an ihr.

Kathleens Station war fast fertig.
Monate aus Transport, Planung, Materialengpässen und Improvisation liefen auf ihr Ende zu.
Jetzt fehlte nur noch der letzte Schub – der finale Nachschub, der aus einem Außenposten eine funktionierende Station machen würde.

Geraldine sah auf den Holo-Plan vor sich.
Frachtlisten, Zielkoordinaten, Lieferwege.
Die Daten glühten in weichem Orange – vertraut, beruhigend.
Es war wieder Zeit, etwas zu tun, das Sinn ergab.

„Letzter Bauabschnitt,“ murmelte sie. „Danach steht sie wirklich.“

Draußen blinkte das Andocksignal des Frachtdecks.
Ein neuer Tag, eine neue Lieferung, diesmal für Kathleen – und für das, was sie beide begonnen hatten.

Geraldine nahm das Headset, aktivierte den Kanal.
„Citadel an Außenposten Kathleen. Hier Cailloux-Delaurent. Wir starten die finale Runde.“

Die ersten Tage mit  Penelope Celeste verliefen erstaunlich ruhig.
Trotz ihrer Größe reagierte das Schiff präzise – fast zu präzise.
Geraldine hatte mehr erwartet: Trägheit, Nachlauf, das mühsame Gefühl, gegen Masse zu kämpfen.
Stattdessen war da diese stille Eleganz. Die Clipper ließ sich führen wie ein Schiff, das längst wusste, was sie wollte.

Die ersten Frachtflüge liefen sauber. Andocken, Beladen, Kurs setzen, Schub geben.
Routine, nur in größerem Maßstab.
Die Anzeigen reagierten träge, aber zuverlässig; die Systeme kompensierten das Gewicht, bevor man es spüren konnte.
Selbst der Autopilot arbeitete wie ein stiller Copilot, der nicht störte.

Geraldine gewöhnte sich schneller daran, als sie gedacht hatte.
Zuerst hatte sie das Gefühl, die Kontrolle mit der Größe zu teilen – doch mit jedem Flug fand sie den Rhythmus wieder.
Die Bewegungen, die kleinen Korrekturen, das Gespür für den Punkt, an dem Masse und Absicht ineinander übergingen.

Am vierten Tag kam Amanda zurück.
Sie dockte mit der Python an, brachte Staub, Geschichten – und dieses selbstverständliche Grinsen, das immer kurz vor Ärger auftauchte.

„Ich hab gehört, du hast die Panther Clipper schon zum Tanzen gebracht,“ sagte sie beim Einstieg.

„Eher zum Schweben,“ erwiderte Geraldine, ohne aufzusehen. „Aber ja. Läuft besser, als ich dachte.“

Amanda ließ den Blick über die Halle schweifen. „Besser als ich dachte, meinst du. Ich wollt sehen, ob du mich noch brauchst.“

„Ich brauch niemanden,“ sagte Geraldine, „aber ich hab nichts dagegen, wenn du mitfliegst.“

„Dann nenn’s Teamarbeit.“

Sie grinste, zog die Handschuhe an und folgte ihr ins Cockpit.
Das Licht der Konsolen spiegelte sich auf dem Glas, draußen glühte das Andocksignal.

„Also,“ fragte Amanda, während sie sich anschnallte, „was steht an?“

„Kathleens Station. Letzte Fracht. Danach ist das Ding fertig.“

„Und du willst das persönlich abliefern?“

„Ich hab’s gebaut, Amanda. Natürlich flieg ich’s selbst.“

Amanda lehnte sich zurück. „Gut. Ich will sehen, wie du mit einem halben Kontinent unter dir manövrierst.“

„Dann halt dich fest,“ sagte Geraldine ruhig. „Die Penelope Celeste hat keine Lust auf Zuschauermodus.“

Das Schiff erwachte, tief und gleichmäßig.
Geraldine legte den Schub an – und wieder dieses Gefühl: kein Widerstand, kein Drängen.
Nur Kraft, die sich bewegen ließ, als hätte sie keine Masse.

Amanda grinste. „Na schön. Ich nehm alles zurück. Das Biest tanzt.“

„Und diesmal mit Takt,“ erwiderte Geraldine.

Der Flug ins Nachbarsystem verlief unspektakulär – bis zum Anflug auf die Station.
Die Penelope Celeste hing ruhig im Antrieb, alles lief sauber, keine Alarme, keine Überraschungen.

„Zielstation in Sichtweite,“ meldete Amanda. „Dock Eins bis Vier für Großschiffe frei. Ich würd sagen, du hast die Wahl.“

„Vier sieht geräumiger aus,“ meinte Geraldine und korrigierte den Kurs.
„Geräumiger,“ wiederholte Amanda trocken. „Das sagst du jedes Mal, bevor’s knapp wird.“

„Ich hab Maßgefühl.“

„Du hast Größenvertrauen.“

Geraldine grinste und nahm den Schub zurück. Die Station füllte das Sichtfeld, die Docks glühten in bläulichem Licht. Alles sah nach einem normalen Anflug aus – bis das Leitsystem plötzlich auf Gelb schaltete.

„Ähm,“ murmelte Amanda, „die Anzeige meint, du bist etwas… überkalibriert.“

„Ich weiß.“ Geraldine tippte auf die Steuerung, brachte den Winkel leicht nach unten. „Der Sensor denkt, wir sind breiter, als wir sind.“

„Oder wir sind breiter, als du denkst.“

Noch bevor sie antworten konnte, kam das Geräusch.
Ein dumpfes, langgezogenes Schrrrch vibrierte durch die Struktur – nicht laut, aber eindeutig.
Die ganze Brücke wurde still.

Amanda blinzelte. „Sag bitte, das war nur optisch.“

Geraldine hielt den Kurs. „Optisch. Akustisch. Minimalistisch.“

Ein zweites, sanfteres Kratzen folgte, als das Schiff sich durch die Docköffnung drückte – langsam, aber bestimmt.
Ein leises Knacken, dann Stille.

„So,“ sagte Geraldine ruhig. „Andocken abgeschlossen.“

Amanda starrte sie an. „Das war kein Andocken. Das war… Polieren.“

Geraldine löste den Gurt. „Dann glänzt sie jetzt wenigstens gleichmäßig.“

„Ich glaub, die Station glänzt mit.“

Die beiden sahen sich an – und brachen in Lachen aus.
Es war dieses Lachen, das man nur kriegt, wenn’s gerade so gutgegangen ist, dass man nicht weiß, ob man dankbar oder wahnsinnig sein soll.

„Ich sag’s dir,“ meinte Amanda zwischen zwei Atemzügen, „die Dinger sind nicht für Menschen gebaut. Die sind für Götter.“

„Dann ist ja gut, dass ich übe,“ sagte Geraldine trocken, stand auf und überprüfte die Anzeigen.
Kein Schaden. Keine Warnungen. Nur ein leicht gestiegener Puls.

„Na los,“ meinte sie schließlich. „Ladung holen, bevor uns jemand fragt, ob wir das Tor breiter bestellt haben.“

Das Beladen zog sich.
Container um Container, mechanische Greifarme, endlose Routine.
Geraldine wusste, dass das dauern würde – eine Penelope Celeste füllte man nicht in einer Stunde.

Also beschlossen sie, sich wenigstens einen Kaffee zu gönnen.
Die Stationslounge war laut, stickig, überfüllt. Arbeiter, Piloten, Techniker – das übliche Durcheinander aus Stimmen und Funksprüchen.
Amanda ergatterte zwei Becher, stellte sich neben Geraldine ans Panoramafenster.

„Ich sag’s dir,“ meinte sie, „wenn du einmal dieses Schiff geflogen bist, fühlst du dich in jeder anderen Brücke wie in einer Abstellkammer.“

„Deshalb brauch ich jetzt Platz,“ sagte Geraldine und nahm einen Schluck. „Und Koffein.“

Sie standen schweigend da, sahen auf die Landebucht hinaus, wo die Penelope Celeste unter grellem Licht ruhte.
Und dann hörten sie es.

Am Nebentisch, kaum zwei Meter entfernt, saßen drei Männer in Werkanzügen – Dockarbeiter, dem Ton nach nicht neu im Geschäft.
Einer von ihnen lachte laut. „Habt ihr gesehen, wie die Riesenschüssel da reingekommen ist? Ich schwör, ich dacht, das Ding bleibt stecken.“

Der zweite schnaubte. „Das war knapp. Wenn man zu blöd ist, ’n Kursassistenten zu benutzen, sollte man halt kleinere Schiffe fliegen.“

„Oder gar keine,“ ergänzte der dritte. „Ich mein, wer lässt so ’ne Trümmerkiste von einer Frau steuern? Die kratzt sich da durch wie’n Bagger auf Glatteis.“

Amanda drehte sich langsam um.
Ihre Stimme war ruhig, aber gefährlich still. „Was hast du gerade gesagt?“

Die Männer sahen auf, kurz irritiert. Einer grinste. „Hab ich was Falsches gesagt?“

Geraldine legte ihr die Hand auf den Unterarm. „Lass. Ist nicht wichtig.“

„Doch,“ sagte Amanda leise, ohne den Blick abzuwenden. „Ich find’s gerade sehr wichtig.“

Der Größte der drei lehnte sich zurück. „Na, guck mal einer an. Ihr gehört zu der Clipper-Pilotin, hm? Dann richt ihr aus, sie soll sich beim nächsten Mal ’ne Brechstange sparen. Wir putzen die Docks nicht gern nach Amateuren.“

Amandas Gesicht blieb ausdruckslos, aber ihre Haltung änderte sich – ganz leicht, Schultern angespannt, Blick kalt.
Geraldine trat einen halben Schritt vor.

„Wenn ihr was gegen mein Andocken habt,“ sagte sie ruhig, „könnt ihr euch gern beim Stationsleiter beschweren. Der kriegt meine Logs, die waren sauber.
Aber wenn ihr einfach nur reden wollt – tut das bitte leiser. Ich mag’s nicht, wenn Müll zu laut wird.“

Der größte der drei richtete sich auf.
Das Grinsen war weg. „Was hast du gesagt?“

Geraldine blieb ruhig. „Ich glaub, du hast mich verstanden.“

Er kam näher, schwerfällige Schritte, zu viel Testosteron in zu wenig Verstand.
„Na hör mal,“ sagte er, „wer so redet, sollte auch Rückgrat haben. Oder’n Begleitschutz.“
Er sah kurz zu Amanda – zu lang.
„Oder wenigstens was Hübsches zum Ablenken.“

Amanda bewegte sich kaum, nur der Blick veränderte sich. „Falsche Richtung, Freund.“

Er lachte, trat noch einen Schritt heran – und legte ihr tatsächlich eine Hand an die Schulter. „Ich wollt nur höflich sein.“

Die Antwort kam schneller, als er blinzeln konnte.
Ein kurzer, sauberer Schlag – kein Ausholen, kein Drama, einfach präzise.
Die Faust traf ihn seitlich am Kiefer.
Das dumpfe Klack war lauter als das anschließende Keuchen.

Er taumelte zurück, riss beinahe seinen Stuhl mit.
Die beiden anderen sprangen auf, hielten aber sofort inne, als Geraldine sich langsam aufrichtete.

„Noch einer von euch?“ fragte sie ruhig. „Oder habt ihr’s kapiert?“

Keiner antwortete. Einer starrte nur auf seinen Kollegen, der versuchte, wieder gerade zu stehen.

Amanda schüttelte kurz die Hand, als wäre nichts passiert. „Ich hasse es, wenn Männer denken, ihre Arme sind ein Argument.“

Geraldine sah sie an – halb streng, halb belustigt. „Fertig?“

„Kommt drauf an, ob er noch was sagen will.“

Der Mann hob beide Hände, Blut an der Lippe, kein Wort mehr.

„Gut,“ sagte Geraldine. „Dann trink deinen Kaffee aus, bevor’s kalt wird.“

Sie nahm ihren Becher, drehte sich um und verließ die Lounge. Amanda folgte, ruhig, ohne sich umzusehen.

Draußen auf dem Gang atmete Geraldine einmal tief durch. „Ich hätt das diplomatischer gelöst.“

„Ich weiß,“ sagte Amanda. „Deshalb hat’s ja funktioniert.“

Sie verließen die Station ohne weitere Zwischenfälle.
Der Funk blieb still, die Startfreigabe kam schneller als erwartet – offenbar wollte niemand die Sache unnötig erwähnen.

Geraldine steuerte Penelope Celeste mit gewohnter Ruhe aus dem Dock.
Amanda saß daneben, den Kaffee noch in der Hand, das Kinn leicht erhoben – halb zufrieden, halb stolz auf ihr Werk.

„Du weißt schon,“ sagte Geraldine schließlich, „dass das auf einer zivilen Station offiziell Körperverletzung war.“

Amanda nippte gelassen. „Dann war’s eine zivilisierte.“

Geraldine musste grinsen, sagte aber nichts mehr.
Die Clipper glitt aus der Docköffnung, drehte sich in den Sprungantrieb, und Sekunden später verschluckte der Hyperraum alles.

Der Flug zur Baustelle verlief ruhig.
Nur das tiefe Summen der Systeme und das bläuliche Leuchten des Frameshift-Antriebs begleiteten sie, während draußen die Sterne zu Strichen wurden.
Amanda hatte sich zurückgelehnt, halb dösend, halb über den Vorfall kichernd.
Geraldine ließ sie gewähren. Es war besser so – sie mochte den leisen Lärm um sich.

Nach wenigen Sprüngen erreichten sie das Zielsystem.
Die Navigationsanzeigen zeigten die Koordinaten: Bauabschnitt Alpha.
Die letzten Materialien für Kathleens Station.

„Da ist sie,“ murmelte Amanda, als die Strukturen im Sichtfeld auftauchten.

Geraldine schaltete auf visuelle Ansicht.
Unter ihnen lag die halbfertige Station – ein klares, geometrisches Gebilde aus silbernen Segmenten, die sich bereits zu einem erkennbaren Komplex formten.
Rundherum trieben Frachtmodule, Andockschiffe, Schlepper.
Dazwischen blinkten Drohnenlichter, die sich wie kleine Insekten um die unfertigen Module bewegten.

„Das ging schneller als gedacht,“ sagte Geraldine leise.

„Sieht aus, als würden sie bald fertig sein,“ meinte Amanda. „Ich hätt nicht geglaubt, dass der Außenring schon steht.“

„Die Baucrew hier weiß, was sie tut,“ sagte Geraldine und öffnete den Kanal. „Panther Clipper an Loading Dock. Wir bringen die letzte Ladung.“

„Klingt gut,“ kam die Antwort. „Ihr habt den perfekten Moment erwischt – der letzte Abschnitt wird gerade vorbereitet.“

Geraldine lehnte sich im Sitz zurück.
Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich alles wieder nach Richtung an.
Arbeit, Struktur, Ziel.

„Na dann,“ sagte Amanda, „bringen wir das Ding zu Ende.“

Geraldine nickte. „Genau das.“

Der Moment, in dem es echt wird

Sie landeten auf einer provisorischen Plattform neben dem Hauptmodul.
Staub wehte über die metallene Oberfläche, durchsetzt von dünnen Energieleitungen, die im Licht der Sonne flimmerten.
Der Rest war still – kein Baulärm mehr, nur das Summen der Generatoren und das entfernte Klackern von Werkzeug, irgendwo im Inneren.

„Also das nenn ich Fortschritt,“ meinte Amanda, als die Einstiegsluke sich öffnete. „Vor drei Monaten war hier nix außer Geröll und Hoffnung.“

Geraldine trat hinaus. Der Boden vibrierte leicht unter ihren Stiefeln, die Luft roch nach Metall und warmem Staub.
Vor ihr erhoben sich die Module der Station – geometrisch, sauber, verbunden durch schmale Korridore und Energiekanäle.

„Sieht gut aus,“ sagte sie knapp. „Alle Hauptsektionen stehen: Habitat, Labor, Relay, Energiezentrum.“

Amanda ging neben ihr her, sah sich um. „Und sogar Licht. Ich bin beeindruckt. Das ist fast wohnlich.“

„Fast,“ erwiderte Geraldine. „Innen fehlen noch die Systeme. Lebenserhaltung, Kommunikation, Werkbänke. Aber die Struktur ist fertig. Das ist der Punkt, an dem es real wird.“

Sie gingen zwischen den Modulen entlang.
Ein Techniker nickte ihnen im Vorbeigehen zu, eine Gruppe schleppte Material durch eine Schleuse.
Überall summten kleine Wartungsdrohnen, die letzte Paneele einsetzten oder Kabel prüften.

Amanda blieb vor einem der größeren Gebäude stehen. „Das hier wird also Kathleens Arbeitsplatz?“

„Ja. Forschungsbereich. Zwei Stockwerke, Labor unten, Analyse oben.“

Amanda sah sie an. „Und du hast das alles hier hochgezogen?“

„Mit etwas Hilfe. Und viel Beharrlichkeit.“

„Klingt nach dir,“ sagte Amanda trocken.

Geraldine lächelte leicht. „Ich nenn’s Zielstrebigkeit.“

Sie gingen weiter bis zum zentralen Platz, wo ein breiter Verbindungstunnel in Richtung Energiezentrum führte.
Aus einem der Eingänge trat ein Techniker mit Helm und Pad, wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Commander Cailloux-Delaurent?“ fragte er.

„Ja.“

„Energieversorgung läuft stabil. Wir gehen heute Nachmittag in den Finaltest. Danach nur noch Innenausbau.“

Geraldine nickte zufrieden. „Gut. Dann sind wir wirklich auf der Zielgeraden.“

Amanda sah sich um, die Hände in die Hüften gestützt. „Unglaublich, dass du das alles ausgerechnet hier gebaut hast. In der Leere, wo sonst keiner hinfliegt.“

„Genau deshalb,“ sagte Geraldine ruhig. „Weil keiner hinfliegt.“

Amanda grinste. „Du und deine einsamen Ideen.“

„Irgendwer muss sie umsetzen.“

Kathleens Lab

Sie kamen spät zurück.

Die Panther Clipper setzte weich im Hangar der Citadel auf, Hydraulik zischte, Staub rieselte von der Rampe, als sie sich senkte. Das Licht war gedämpft, die Betriebsamkeit des Tages schon deutlich abgeklungen.

Amanda streckte sich, kaum dass sie den Fuß auf den Boden setzte.
„Ich geh erst mal duschen und sehen, was mein Postfach mir wieder anhängen will“, murmelte sie. „Wenn noch eine Sicherheitsauswertung reinkommt, schmeiß ich den Absender persönlich aus der Luftschleuse.“

„Mach das erst nach der Dusche,“ erwiderte Geraldine trocken.

Amanda grinste schief. „Keine Sorge. Ich fang mit den Mails an.“
Sie tippte ihr leicht gegen den Oberarm. „Ruh dich auch mal aus. Du läufst seit Tagen auf Reserve.“

„Ich überleg’s mir.“

„Du überlegst es nie“, kommentierte Amanda, drehte sich aber bereits zur Ausgangsschleuse und verschwand zwischen den Gängen.

Der Hangar wurde stiller.

Geraldine blieb einen Moment neben der Clipper stehen, die Hand an der kalten Außenhaut. Die Bilder des Rundgangs hingen ihr noch im Kopf – Module, Korridore, der Techniker mit dem „Finaltest“-Kommentar.

Es war weit genug, um jemandem davon zu erzählen.

Sie zog das Pad aus der Tasche, lehnte sich gegen eine Frachtkiste und öffnete das Kommunikationsmenü.
Ihre Finger zögerten nur kurz, dann tippte sie den bekannten Eintrag an.

Kathleen Maxillon – direkte Verbindung.

Sie tippte Kathleens Eintrag in der Kontaktliste an und startete eine Holo-Verbindung.

Das Pad blinkte, der Verbindungsversuch lief an.
Ein leises, regelmäßiges Signal. Warten.

Geraldine atmete einmal tief durch, schob die Müdigkeit zur Seite und richtete sich ein Stück auf.

Wenn jemand sehen musste, was heute passiert war, dann Kathleen.

Das Statuslicht sprang von „Verbindungsaufbau“ auf „Kanal aktiv“.

Die Projektion begann zu flimmern, dann schärfte sich das Bild.

Kathleen erschien im Holo – in einem schmalen Raum, der mehr nach Übergang als nach Zuhause aussah. Die Schultern leicht angespannt, die blauen Haare notdürftig nach hinten gebunden, Augenringe, aber wacher Blick.

„Hey,“ sagte sie, kaum dass der Kanal stand. „Du siehst aus, als hättest du einen Kampf mit einer Frachtliste gewonnen.“

Geraldine zog einen Mundwinkel hoch. „Hab ich auch. Und der Gegner war schwerer als du.“

Ein kurzes Lächeln huschte über Kathleens Gesicht, fiel dann wieder in Ernst zurück. „Ich… hab heute die letzte Prüfung geschrieben.“

„Und?“ fragte Geraldine.

Kathleen atmete hörbar aus. „Ich weiß es noch nicht. Ergebnisse kommen die nächsten Tage. Ich hab das Gefühl, mein Kopf läuft immer noch im Prüfungsmodus. Wenn mich noch jemand nach Kennzahlen fragt, beiß ich in den Tisch.“

„Dann hoffen wir, dass niemand den Tisch fragt, wie’s ihm geht,“ erwiderte Geraldine trocken.

Kathleen lachte leise, aber man sah, wie viel Spannung dahinter hing. „Wie ist es bei dir? Du warst auf der Station, oder?“

Geraldine nickte. „Ja. Finaltest der Energieversorgung steht an. Hauptmodule sind fertig, Außenstruktur ist durch. Innen fehlt noch der Feinschliff, aber… es steht.“

Kathleen wurde sofort aufmerksamer, der Blick klemmte sich an ihre Worte. „Das klingt, als wäre es plötzlich real.“

„Ist es,“ sagte Geraldine. „Es ist nicht mehr nur ein Plan in deinem Antrag.“

Kathleen biss sich kurz auf die Lippe. „Ich würde das so gern sehen. Nicht nur die Pläne. Wirklich sehen, wie es aussieht.“

Geraldine senkte den Blick auf ihr Pad. Die Aufnahmen vom Rundgang lagen noch offen – Gänge, Module, der zentrale Platz, aufgenommen heute, Staub noch in der Luft.

„Kannst du,“ sagte sie schlicht.

Sie schob die Datei in den aktiven Kanal, markierte die Bildreihe und bestätigte die Übertragung.

„Ich schick dir die neuesten Aufnahmen rüber. Von heute. Die Station, wie sie jetzt aussieht.“

Die Holoanzeige flackerte kurz, dann legten sich die Bilder wie ein halbtransparenter Vorhang über Kathleens Projektion.

Sie verstummte mitten im Satz.

Hinter ihr verschwand der enge Raum, stattdessen stand sie plötzlich vor dem äußeren Modulring, als würde sie selbst dort im Vakuum treiben.
Der zentrale Korridor, noch blankes Metall, die Lichtleisten an den Wänden.
Der Forschungsbereich, zwei Ebenen, Treppenlauf, offene Rahmen, durch die später Scheiben eingesetzt würden.
Ein Blick auf den Hauptknoten, Kabelstränge sauber verlegt, der Boden provisorisch markiert.

Kathleens Augen folgten jeder Bewegung, als hätte jemand die Zeit für sie verlangsamt.

„Das…“ Sie schluckte. „Das ist wirklich… meine Station?“

„Deine Station,“ bestätigte Geraldine leise. „Zumindest der Teil, den man dir offiziell zugeordnet hat. Der Rest gehört dem Chaos.“

Ein atemloses Lachen, irgendwo zwischen Erleichterung und Überforderung. „Ich hab die ganze Zeit nur Zahlen gesehen. Pläne. Genehmigungen. Und jetzt…“

Sie brach ab, suchte einen Moment nach Worten.
In der Projektion spiegelte sich der Blick in einem der Gänge, als stünde sie schon dort.

„Ich sehe gerade zum ersten Mal einen Ort,“ sagte sie schließlich. „Nicht nur ein Projekt.“

Geraldine schwieg, ließ sie schauen.

Kathleens Blick blieb an der Aufnahme des Laboreingangs hängen – einfache Tür, provisorisches Schild, noch kein Name.
Sie hob unwillkürlich die Hand, als könnte sie ihren Namen dort schon lesen.

„Hier… soll ich arbeiten? Wirklich?“

„Ja,“ sagte Geraldine. „Hier baust du auf, was du in Colonia angefangen hast. Mit mehr Platz und weniger Leuten, die dir reinreden.“

Ein feines Zittern lag in Kathleens Stimme. „Ich weiß gar nicht, ob ich mich mehr freue oder mehr Angst hab.“

„Beides ist normal,“ meinte Geraldine. „Wenn du nur eins von beidem fühlst, ist es meistens Zeit, umzudrehen.“

Das brachte ihr ein schiefes, dankbares Lächeln ein.

„Weißt du, was verrückt ist?“ Kathleens Stimme wurde leiser. „Ich hab monatelang gelernt, gerechnet, simuliert… und ich hab mir immer vorgestellt, dass ich irgendwo lande, wo alles schon fertig ist. Und jetzt seh ich das hier, halb gebaut, roh… und es fühlt sich richtiger an als alles, was ich mir ausgemalt hab.“

„Weil du von Anfang an dabei bist,“ sagte Geraldine. „Nicht als Gast. Sondern als jemand, der dazugehört.“

Kathleen blinzelte, einmal, zu lang. Als sie den Blick wieder hob, glänzten ihre Augen.

„Danke, dass du mir das gezeigt hast,“ sagte sie leise. „Ich… hab gerade zum ersten Mal das Gefühl, dass das nicht nur ein Traum ist, den man mir jederzeit wieder wegnehmen kann.“

Geraldine hielt ihren Blick.
„Das hier nimmt dir keiner mehr weg. Dafür hab ich zu viel hochgeschleppt.“

Ein kurzes, brüchiges Lachen. „Und zu viel geflucht, wahrscheinlich.“

„Auch das,“ bestätigte sie.

Kathleen atmete tief durch. Man konnte fast sehen, wie sich die Anspannung ein Stück aus ihren Schultern löste.

„Okay,“ sagte sie, und zum ersten Mal klang es wie ein Anfang. „Dann geb ich mir Mühe, das hier wert zu sein.“

„Du bist es schon,“ erwiderte Geraldine ruhig. „Der Rest ist nur Papierkram.“

Kathleen lächelte – müde, überwältigt, aber warm.
„Dann hoffen wir mal, dass das Papier das auch einsieht.“

Kathleen hielt den Blick einen Moment, als müsste sie sich vergewissern, dass die Verbindung wirklich stabil war und Geraldine nicht einfach nur eine Stimme im Hintergrund blieb.
„Ich kann es kaum erwarten, da oben zu stehen“, sagte sie schließlich. „Nicht nur als Besuch. Sondern… angekommen.“


„Das wirst du“, erwiderte Geraldine ruhig. „Und bis du hier bist, wächst das weiter. Du verpasst nichts – du kommst mitten rein.“
Ein leises Lächeln huschte über Kathleens Gesicht. „Dann speicher mir genau diese Ansicht. Die will ich wiedersehen, wenn ich das erste Mal durch den Korridor gehe.“
„Versprochen“, sagte Geraldine.


Einen Moment sagten beide nichts. Die Bilder der Station schwebten noch halbtransparent im Holo zwischen ihnen, wie eine geteilte Erinnerung aus der Zukunft.
„Ruh dich ein bisschen aus“, meinte Geraldine dann leiser. „Der Kopf braucht auch Pausen, bevor er neue Orte erträgt.“
„Ja“, flüsterte Kathleen. „Du auch.“
„Ich arbeite dran.“
Das brachte ihr noch einmal dieses kleine, warme Lächeln ein, das mit keinem Datenpaket zu fassen war.
„Bis bald, Geri.“
„Bis bald.“
Die Projektion verblasste langsam, statt einfach abzubrechen, und der Hangar fiel wieder in sein gewohntes, gedämpftes Licht zurück.
Geraldine behielt das Pad noch in der Hand. Auf dem Display lag das letzte Standbild der Station, und irgendwo dahinter Kathleens Gesicht.
Zum ersten Mal fühlte es sich an, als würde sie nicht nur eine Einrichtung bauen, sondern jemanden erwarten.

Die Tür öffnete sich mit einem dumpfen Zischen, noch bevor Geraldine das Pad wegsteckte.
Amanda trat ein, die Jacke halb über die Schulter geworfen, ein Datenpad unter dem Arm.
„Na toll“, sagte sie, als sie sie sah. „Du hast genau den Blick, den du hast, wenn irgendwas Wichtigeres passiert ist als alles, was in meinem Postfach liegt.“
Geraldine hob den Kopf. „Ich wusste nicht, dass du dein Postfach so ernst nimmst.“
Amanda kam näher, blieb neben der Frachtkiste stehen. „Ich nehm alles ernst, was mich davon abhält, zu fliegen.“
„War ein Call“, sagte Geraldine.
„Kathleen?“
Geraldine nickte.


Eine Sekunde lang sagte Amanda nichts, nur ihr Gesicht wurde weicher. „Und?“
„Ich hab ihr die Station gezeigt“, antwortete Geraldine. „Die aktuellen Aufnahmen. Module, Laborkern, der ganze Rahmen.“
Amanda schnaubte leise. „Wurde Zeit. Sonst denkt sie am Ende, du hättest dir das nur ausgedacht, um sie hierher zu locken.“
„Sie glaubt mir“, sagte Geraldine. „Aber sehen ist was anderes.“
„Wie hat sie reagiert?“
Geraldine dachte kurz nach. „Still. Dann… zu viele Gefühle auf einmal. Es hat sie erwischt.“
Amanda lächelte leicht. „Gut. Soll es auch. Man kriegt nicht jeden Tag seine eigene Station vor die Nase gesetzt.“
„Sie nennt es ihren Platz“, murmelte Geraldine.
„Ist es doch auch“, meinte Amanda. „Du hast das Ding doch nicht gebaut, um es leer glänzen zu lassen.“


Geraldine zuckte mit einer Schulter. „Offiziell hab ich es gebaut, weil das System eine Forschungsstruktur braucht.“
Amanda legte den Kopf schief. „Und inoffiziell?“
Geraldine sah aufs Pad. „Inoffiziell… ertrag ich leere Räume schlecht.“
Amanda grinste. „Du erträgst leere Listen, leere Tanks, leere Speicher schlecht. Jetzt also auch leere Stationen. Konsequent.“
Sie lehnte sich mit der Hüfte gegen die Kiste, betrachtete sie einen Moment. „Weißt du, dass du gerade klingst wie jemand, der nicht nur Fracht bewegt, sondern Leute irgendwohin holt?“
„Das stand in keinem Vertrag“, sagte Geraldine.
„Nein“, gab Amanda zurück. „Aber es steht dir besser als du denkst.“

Amanda schwieg einen Moment, dann zog sie das Pad unter ihrem Arm ein Stück hoch.
„Sag mal… ist das eigentlich schon offiziell? Also, dass sie dort auch wirklich auf der Crewliste steht? Oder baust du gerade eine Station für jemand, den irgendein Büro noch wegstempeln kann?“

Geraldine öffnete den Mund, um automatisch „Ja“ zu sagen – und schloss ihn wieder.
Ein kurzer Stich, irgendwo zwischen Magen und Verstand.

Sie hatte Pläne gesehen, Organigramme, Vorschlagslisten.
Sie hatte mit Leuten gesprochen, Druck gemacht, Namen fallen lassen.
Aber ein fester Eintrag, eine bestätigte Zuweisung mit Kathleens Kennung drauf?
Den hatte sie nicht. Noch nicht.

„Sie steht… in den Entwürfen“, sagte sie schließlich langsam. „Aber nicht offiziell im finalen Crewset.“

Amanda hob eine Braue. „Heißt übersetzt: Wenn irgendein Verwaltungsgenie schlecht schläft, fliegt sie raus.“

„Heißt übersetzt: Dass ich das nicht zulasse“, erwiderte Geraldine, knapper als beabsichtigt.

Sie merkte, wie sie den Griff um das Pad etwas zu fest zog.
Es gefiel ihr nicht, wenn etwas so Wichtiges nur auf Hoffnung und guten Absichten stand.

Am nächsten Tag fühlte sich die Citadel ungewohnt leise an. Kein Alarm, keine Sonderladungen, nur das normale Grundrauschen des Carriers. Geraldine stand im Kommandodeck und starrte auf die Statusanzeigen, sah sie aber kaum.

Der Gedanke ließ sie seit dem Abend nicht los:
Kathleen gehörte in diese Station. Aber gehörte sie dort auch offiziell hin?

Sie tippte eine Anfrage ins Interface, ließ sich die Projektstruktur der Forschungsstation anzeigen. Namen, Kennungen, Funktionen. Crewvorschläge, Prioritätslisten, Anmerkungen.

Kathleens Eintrag war da.
Rubrik: „Empfohlene Besetzung – wissenschaftlicher Bereich“.
Keine finale Zuweisung. Kein Häkchen, kein „bestätigt“.

Sie schob den Ärger zur Seite und öffnete einen neuen Kanal.

„Verbindung zur Projektkoordination Forschungsstation“, sagte sie ins System. „Verantwortliche Stelle Besatzungsplanung.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis das Holo aufging. Ein Mann erschien, mittleres Alter, dunkler Anzug, der Blick knapp wach:
Verantwortlicher für die wissenschaftliche Projektseite. Verwaltungsseite statt Staub und Lärm.

„Commander Cailloux-Delaurent“, begrüßte er sie. „Überraschend, Sie so früh auf der Leitung zu haben. Gibt es Probleme auf der Baustelle?“

„Nein“, sagte sie knapp. „Deshalb rufe ich an.“

Er zog eine Braue hoch. „Das ist… ungewöhnlich beruhigend. Worum geht es dann?“

Geraldine verschränkte die Arme. „Um die Besatzungsliste. Genauer: um die wissenschaftliche Leitung vor Ort.“

Er schob ein Datapad beiseite. „Wir sind noch in der finalen Abstimmung. Es gibt mehrere Kandidaten, die“

„Kathleen Maxillon steht in Ihren Unterlagen als Empfehlung“, fiel sie ihm ruhig ins Wort. „Sie ist nicht als gesetzt markiert.“

Er blätterte sichtbar durch seine Anzeigen. „Korrekter Eintrag. Frau Maxillon ist in der engeren Auswahl, ja. Ihre Qualifikationen sind… ungewöhnlich, aber interessant. Allerdings gibt es andere Bewerber mit mehr Zeit in etablierten Strukturen.“

„Und keiner davon war in Colonia in vorderster Linie in einem aktiven Forschungsbetrieb, der kurz vor dem Einsturz stand“, erwiderte Geraldine. „Niemand von denen kennt die Bedingungen außerhalb der Kernsysteme so, wie sie es tut.“

Er musterte sie. „Sie sprechen mit Nachdruck.“

„Ich spreche aus Erfahrung“, sagte Geraldine. „Sie haben eine Station in einem System, in das keine Lehrbuchkarriere freiwillig versetzt werden will. Sie brauchen jemanden, der schon bewiesen hat, dass er in der Peripherie denken kann.“

Er war einen Moment still. „Es geht Ihnen also konkret um Frau Maxillon.“
„Genau“, sagte Geraldine. „Sie baut gerade ihr ganzes Leben um diese Entscheidung herum – und in Ihren Unterlagen ist sie noch immer nur ein Vorschlagsposten.“

Er atmete leise aus. „Commander, verstehen Sie mich nicht falsch – ihre Akte ist bemerkenswert. Aber wir können Personalentscheidungen nicht nur nach persönlicher Nähe treffen.“

„Tun Sie auch nicht“, sagte Geraldine. „Sie treffen sie nach Eignung. Ich baue die Infrastruktur, ich sehe, wie diese Station gedacht ist. Und ich sage Ihnen: Sie wird besser laufen, wenn dort jemand sitzt, der nicht nur Messwerte verwaltet, sondern versteht, was es heißt, in der Leere zu leben.“

Er schwieg länger, sah kurz zur Seite, als würde er intern etwas überprüfen. „Sie erwarten, dass wir Frau Maxillon als…?“

„Leitende wissenschaftliche Verantwortliche vor Ort“, sagte Geraldine ohne Zögern. „Sie reden von einem Forschungsknoten, nicht von einem Laboranhängsel. Geben Sie ihr die Funktion, die sie braucht, um Entscheidungen zu treffen, ohne jede Anfrage durch drei Gremien zu schleusen.“

„Das ist ein großer Vertrauensvorschuss“, meinte er.

„Und eine kleine Gegenleistung“, erwiderte sie kühl. „Angesichts dessen, was ich hier logistisch, finanziell und sicherheitsseitig aufspanne, damit Ihre Forschungsprogramme überhaupt einen Boden unter den Füßen haben.“

Es klang nicht wie eine Drohung. Eher wie eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Er sah sie lange an. „Sie verbinden das Projekt sehr stark mit dieser Person.“

„Ich verbinde diese Person mit dem Projekt“, antwortete Geraldine. „Die Station wird so oder so laufen. Die Frage ist, ob sie lebt.“

Ein kaum hörbares Seufzen. Dann nickte er langsam.

„Gut. Ich kann Ihnen keine sofortige Unterschrift geben – aber ich kann den Vorschlag zu einer priorisierten Besetzung machen. Mit Ihrer operativen Empfehlung und den bisherigen Berichten aus Colonia hat das Gewicht.“
Er tippte etwas in sein Interface. „Wenn der Rat nicht völlig den Verstand verliert, wird Frau Maxillon in der finalen Liste als leitende Wissenschaftlerin geführt.“

„Ich mag Systeme, in denen der Verstand eine Chance hat“, sagte Geraldine.

Ein dünnes Lächeln zuckte über seine Lippen. „Ich notiere Ihre… Formulierung lieber nicht wörtlich. Aber ich habe verstanden, Commander. Ich melde mich, sobald die Bestätigung vorliegt.“

„Tun Sie das.“

Die Verbindung brach ab, das Holo erlosch. Zurück blieb die Karte ihres Systems, die über dem Kommandotisch schwebte.

Geraldine sah einen Moment auf den Marker der Forschungsstation. Er war nicht größer geworden. Aber er fühlte sich fester an.

Es war noch nichts unterschrieben. Noch kein offizielles Dokument, kein finaler Datensatz.

Aber es war nicht mehr nur Hoffnung.

Ein paar Tage später merkte Geraldine, dass das System ihr eine andere Art von Frage stellte.

Sie stand auf dem Kommandodeck, vor ihr schwebte die Holo-Karte:
Citadel Geraldine leicht versetzt im System, die kleine Ikone von Outpost Geraldine im Orbit, dazu die Markierung der Forschungsstation weiter draußen. Dazwischen Linien: Frachtwege, Patrouillen, Versorgung.

Rosies Stimme kam von der Seite. „Du starrst das an, als würde es gleich beißen.“

„Tut es ja auch“, murmelte Geraldine. „Nur langsam.“

Rosie legte ein Pad auf den Rand des Projektors. „Tagesübersicht. Outpost Geraldine läuft am Limit. Die Dockplätze sind dauerbelegt, Lager voll, Schleusen am Anschlag. Wenn noch ein Großfrachter auf die Idee kommt, hier herkommen zu wollen, dürfen wir ihm freundlich erklären, dass er in Einzelteilen anlegen muss.“

„Outpost Geraldine hat nur kleine und mittlere Pads“, sagte Geraldine. „Dafür hab ich ihn ausgelegt – Versorgung, nicht Großverkehr.“

„„Ja“, erwiderte Rosie. „Aber er ist eben nur ein Außenposten. Ein paar mittlere Pads, begrenztes Lager, ein bisschen Infrastruktur – das reicht für unsere eigenen Flottenbewegungen und die Forschungsversorgung. Aber nicht für ernsthaften Handel.“

Geraldine ließ sich das anzeigen: Frachtstatistiken, ankommende Anfragen, abgelehnte Dockingwünsche. Ein dünner, aber wachsender Balken bei „abgewiesen“.

„Die ganzen Bauvorhaben bisher waren Infrastruktur“, sagte sie leise. „Relay, Minen, Outpost, Forschungsstation. Alles, damit das System funktioniert.“

„Genau“, nickte Rosie. „Damit wir arbeiten können. Aber jetzt haben wir Zeug, das mehr wert ist als nur ‘funktioniert’. Und niemand sieht es, weil es im Niemandsland hängt.“

Amanda lehnte am Türrahmen, eine Tasse in der Hand, und mischte sich ein. „Übersetzung: Du hast dir ein System gebaut, das brüllt ‘Nutz mich’, und der Rest der Galaxis sieht nur einen kleinen Außenposten und einen Carrier, den sie nicht anfliegen wollen, weil er deinem Namen gehört.“

Geraldine sagte nichts. Sie wusste, dass sie Recht hatten.

Sie zoomte die Karte weiter raus, blendete Testvarianten ein. Stationstypen, die das System theoretisch aufnehmen könnte. Symbole für Orbitalstrukturen tauchten auf: kleine Plattformen, Ocellus, Orbis, Coriolis.

Ihr Blick blieb kurz an einer Orbis hängen. Der Ring, die eleganten Strukturen, ein eigenes kleines Universum im Orbit. Sie rief die Daten auf: Baukosten, Materialbedarf, Genehmigungslage. Alle Anzeigen waren ehrlich.

Es war ein Traum. Und genau das: zu groß, zu früh.

„Nein“, sagte sie halblaut. „Die frisst uns auf, bevor wir sie füllen.“

„Was?“ fragte Amanda.

„Orbis“, antwortete Geraldine. „Schön. Aber im Moment reine Selbstüberschätzung.“

Sie schloss das Fenster und scrollte weiter.

Die Coriolis wirkte daneben fast schlicht. Ein sechseckiger Klotz, kompakt, funktional. Große und mittlere Landeplätze, modular erweiterbare Lager, vollwertiger Marktplatz, klar definierter Energie- und Verkehrsbedarf. Kein Prestigeobjekt. Ein Arbeitstier.

Rosie lehnte sich ein Stück näher an die Projektion. „Das da macht mehr Sinn. Große Schiffe rein, raus, eigener Markt, Anbindung in alle Richtungen. Und flexibler als die Orbis.“

„Und im Rahmen dessen, was wir stemmen können“, ergänzte Geraldine. Sie rief die Materialliste auf und legte sie neben die aktuellen Ressourcen. Strukturverbund, Stationsteile, Reaktorsegmente, Dockrahmen. Viel. Aber nicht „unmöglich“.

„Wir haben schon einen Outpost im Orbit“, fuhr Rosie fort. „Der hält die Infrastruktur zusammen. Aber was uns fehlt, ist ein echter Hafen. Ein Ort, an dem man ankommt, wenn man ‘nach Geraldine’ fliegt – und nicht direkt vor deinem Carrier steht.“

„Eine Station, die zu groß ist, um übersehen zu werden“, sagte Amanda. „Aber klein genug, dass du sie dir leisten kannst, ohne dich umzubringen.“

Geraldine betrachtete die Coriolis-Projektion über dem System, positionierte sie gedanklich. Nicht dort, wo der Outpost hing – der blieb Infrastrukturknoten –, sondern etwas versetzt, auf einer Umlaufbahn, die logisch zwischen Planeten, Outpost und Carrier lag.

Die Karte wirkte plötzlich anders.
Outpost Geraldine: Technik, Versorgung, Betrieb.
Forschungsstation: Wissen.
Citadel: mobile Basis, Heimat.
Coriolis: Port.

„Port Geraldine“, sagte Rosie leise, als würde sie testen, wie der Name schmeckte.

Geraldine sah sie an. „Du verteilst Namen, ohne gefragt zu werden.“

„Jemand muss anfangen“, konterte Rosie. „Du tust es sonst nie laut.“

Geraldine blickte wieder auf die Projektion. Die Coriolis drehte sich langsam um ihre Achse, nüchterne Geometrie, kein Glanz. Aber in ihrem Kopf füllten sich die Pads schon mit Schiffen, deren Transponder sie noch nicht kannte.

„Port Geraldine“, wiederholte sie. Diesmal klang es weniger wie ein Vorschlag, mehr wie eine Feststellung.

Sie öffnete ein neues Projektfenster. Station: Coriolis-Klasse. Rolle: Handel / Verkehr / Markt. Standort: Orbit. Darunter: Materialbedarf, Bauphasen, logistische Zuordnung. Sie begann, die ersten Werte einzutragen, Ressourcen zu markieren, Reserven umzuschichten.

Amanda beobachtete sie mit hochgezogener Braue. „Also… wir tun jetzt einfach so, als wäre das beschlossene Sache?“

„Ist es“, sagte Geraldine ohne aufzusehen.

„Du hast noch nicht mal eine offizielle Anfrage gestellt.“

„Ich hab schon Sachen gebaut, bevor jemand gemerkt hat, dass sie genehmigt werden müssen“, erwiderte sie trocken. „Im Zweifel ziehen sie später ein Formular nach.“

Rosie schnaubte leise. „Gut. Dann fang ich schon mal an, die Frachtpläne zu verfluchen. Wenn du eine Coriolis in den Orbit stellen willst, wird Penelope Celeste die nächsten Monate nicht viel Pausen kriegen.“

„Die kriegt mehr Flugzeit“, korrigierte Geraldine. „Pausen sind überbewertet.“

Sie speicherte das neue Projekt. Auf der Holo-Karte erschien ein zusätzlicher Marker – klein, grau, noch ohne Details. Aber er war da: PORT – ORBITAL.

Sie blieb noch einen Moment davor stehen. Outpost, Forschungsstation, Carrier, der neue Marker.
Zum ersten Mal sah ihr System nicht mehr nur nach Infrastruktur aus, sondern nach einem Ort, der Handel, Forschung und Alltag gleichzeitig halten konnte.

„In Ordnung“, sagte sie schließlich. „Outpost für die Basis. Forschungsstation für Kathleen. Port Geraldine für den Rest der Galaxis.“

Amanda grinste. „Und die große Orbitalstation?“

Geraldine ließ den Blick kurz dorthin schweifen, wo eben noch die Orbis-Silhouette gewesen war.
„Die wartet“, sagte sie ruhig. „Bis wir bereit sind. Und bis das hier zu klein wird.“

Sie schaltete das Interface zurück auf Normalansicht. Der neue Marker blieb.

Der Entschluss stand.
Jetzt musste sie ihn nur noch mit Metall füllen.

Auf dem Weg zur Tür vibrierte ihr Pad. Eine Systemmeldung blendete sich am Rand des Displays ein, unscheinbar: „Forschungsstation – aktualisierte Besatzungsliste“.

Sie öffnete sie halb im Gehen – Routine, nichts Besonderes. Bis ihr Blick an einer Zeile hängen blieb.

Leitung wissenschaftlicher Betrieb vor Ort:

Kathleen Maxillon – verantwortliche wissenschaftliche Koordination.

Kein „vorgeschlagen“. Kein „in Prüfung“. Einfach gesetzt.

Geraldine blieb kurz stehen, atmete einmal langsam durch. Etwas in ihr gab den Widerstand auf, den sie nicht mal als Anspannung wahrgenommen hatte.

„Gut“, murmelte sie nur.

Sie steckte das Pad weg und sah ein letztes Mal auf die Systemkarte.

Outpost Geraldine. Die Forschungsstation. Der neue Marker für Port Geraldine.

Struktur. Schiffe. Menschen.

Zum ersten Mal fühlte es sich an, als würde dieses System nicht nur gebaut werden –

sondern tatsächlich anfangen, jemandem zu gehören.

Kapitel 48