Kapitel 59 – Lucille

Seit Kathleens Prüfung war eine Woche vergangen. Für Geraldine war wieder Alltag eingekehrt. Der Carrier lief, Arbeit blieb Arbeit, und die Tage füllten sich wie von selbst mit dem, was eben anlag.

Geraldine war gerade im Hangar, als die Meldung über das interne Display lief.

Anflugfreigabe erbeten. Dolphin-Klasse. Kennung registriert.

Sie sah nur kurz hin, wollte schon weitergehen – und blieb dann doch stehen. Die Kennung kannte sie.

„Das ist nicht wahr“, murmelte sie.

Der Carrier war erst seit wenigen Stunden überhaupt wieder in diesem System. Geraldine selbst hatte eigentlich nicht vorgehabt, den Rest des Tages noch irgendwen zu sehen. Und Kathleen hatte sich nicht angekündigt. Natürlich nicht.

Die Dolphin setzte sauber an, fast ein wenig zu schnell für reinen Routineverkehr, und glitt in den Hangar, als hätte sie ein Ziel, das keinen Aufschub duldete. Geraldine blieb stehen, die Arme locker an den Seiten, und wartete, bis die Systeme runterfuhren und die Luke aufging.

Kathleen kam heraus, und schon in den ersten zwei Sekunden war klar, dass das kein normaler Besuch war.

Sie sah nicht panisch aus. Nicht einmal wirklich unordentlich. Aber zu wach. Zu direkt. Als hätte sie den ganzen Flug über nur auf den Moment hingearbeitet, endlich aus diesem Schiff zu steigen und zu reden.

„Du hast Glück“, sagte Geraldine, noch bevor Kathleen ganz unten war. „Der Carrier ist überhaupt erst seit heute wieder hier.“

„Ich weiß“, sagte Kathleen und kam die letzten Schritte schnell herunter. „Und du auch.“

Geraldine hob eine Braue. „Das klingt unangenehm zielgerichtet.“

„Ist es auch.“

Damit blieb Kathleen direkt vor ihr stehen, noch mit dem Rest von Flug und Eile im Gesicht, und Geraldine wusste schon, bevor ein weiterer Satz fiel, worum es ging.

„Bachelet?“ fragte sie.

Kathleen nickte.

Nur einmal. Aber es reichte.

„Ich hab eine Nachricht bekommen“, sagte sie. „Und ich glaube, du solltest dich setzen, bevor ich weiterrede.“

Ja. Dann klein und sauber, direkt ab da weiter:

Geraldine hielt ihren Blick noch einen Moment auf Kathleen, dann nickte sie knapp.

„Komm.“

Sie gingen wortlos aus dem Hangar und die paar Korridore hoch zur Privatlounge. Geraldine öffnete die Tür und ging rein. Amanda war schon da, mit einem Becher in der Hand, und sah sofort an ihren Gesichtern, dass das hier kein normaler Besuch war.

„Was ist los?“

Kathleen blieb erst stehen, als hätte sie noch zu viel Schwung vom Flug in sich. Geraldine deutete nur auf einen Sessel.

„Lass uns setzen.“

Kathleen und Geraldine setzten sich, Amanda lehnte sich schon vor.

„Also?“ fragte Amanda.

Kathleen atmete einmal durch. „Ich hab eine Nachricht bekommen.“

„Von wem?“ fragte Geraldine.

Kathleen sah erst sie an, dann Amanda. „Von meinem Kontakt aus Colonia.“

Eine kleine Pause.

„Jolene Bachelet“, sagte sie dann.

Kathleen rieb einmal kurz mit dem Daumen über die Kante ihres Pads, als müsste sie den Faden erst genau an der richtigen Stelle greifen.

„Sie war unterwegs“, sagte sie. „Nicht nur ein paar Tage. Richtig weg. Exploring-Tour, weit draußen, mit so einem Kommunikationsfenster, das eher aus Hoffnung als aus Verlässlichkeit besteht.“ Ein kleiner, fast entschuldigender Zug um ihren Mund. „Meine Nachricht ist wohl irgendwann mitgelaufen, aber nicht so, dass sie sauber reagieren konnte.“

Amanda sagte nichts, aber man sah ihr an, dass sie jedes Wort festhielt.

„Sie hat mir geschrieben, sobald sie wieder halbwegs im normalen Raum war“, fuhr Kathleen fort. „Erst kurz. Dass sie sich erinnert. Dass sie sich freut, von mir zu hören.“

Geraldine blieb still. „Und dann?“

Kathleen hob den Blick. „Dann haben wir gesprochen.“

Kathleen hielt den Blick auf Geraldine, als wollte sie sicher sein, dass sie sauber anfing und nichts zu früh falsch setzte.

„Erst war es ganz normal“, sagte sie. „So normal, wie ein Call nach Jahren eben ist. Colonia. Studium. Wer wohin verschwunden ist. Was aus Leuten geworden ist, an die man zwischendurch gar nicht mehr gedacht hat.“ Ein kurzes Ausatmen. „Sie war offen. Wirklich offen. Nicht misstrauisch, nicht ausweichend. Eher… froh, dass da jemand aus einer alten Zeit anruft, die nicht völlig weg ist.“

Amanda sagte nichts. Geraldine auch nicht.

„Ich hab’s nicht sofort auf dich gezogen“, sagte Kathleen weiter. „Erst nur vorsichtig. Dass ich nicht aus Nostalgie schreibe. Dass ich auf einen Namen gestoßen bin, der mir bei ihr wieder begegnet ist. Und dass es mit einer Suche zusammenhängt.“

Geraldines Stimme blieb ruhig. „Und sie?“

Kathleen sah kurz auf ihr Pad, obwohl da nichts Neues stand. „Da wurde sie still. Nicht unangenehm. Nur plötzlich sehr aufmerksam.“ Sie hob den Blick wieder. „Und dann hat sie gefragt, um wen es geht.“

Kathleen schüttelte leicht den Kopf. „Ich hab nichts drum herumgebaut. Ich hab ihr einfach gesagt, warum ich mich melde.“

Geraldine sah sie still an.

„Dass du auf einer alten Station an Daten gekommen bist“, sagte Kathleen. „Dass dabei der Name Bachelet in Unterlagen aus L-57 aufgetaucht ist. Und dass ich wissen will, ob sie damit irgendetwas anfangen kann. Ob da irgendeine Verbindung sein könnte.“

Amanda zog die Brauen leicht zusammen. „Und?“

Kathleen hielt den Blick auf Geraldine. „Da wurde sie still.“

Sie ließ ein paar Sekunden verstreichen, als würde sie den Wortlaut noch einmal sauber sortieren.

„Dann hat sie gesagt, es könnte ihre Mutter gewesen sein“, sagte sie. „Lucille Bachelet.“

Amanda hob leicht den Kopf. Geraldine rührte sich nicht.

„Könnte“, wiederholte Geraldine.

Kathleen nickte. „Ja. Weil in deinen Unterlagen nur das L. stand. Kein Vorname. Und Jolene weiß weder noch, wie die Station hieß, noch in welchem System das damals genau war. Aber vom Zeitpunkt her…“ Sie zog den Mund schmal. „Es könnte passen. Genau das war ihr Punkt.“

Sie sah kurz auf ihr Pad, dann wieder zu Geraldine.

„Sie war vorsichtig damit“, sagte Kathleen. „Nicht ausweichend. Eher ehrlich. Kein ‘das war sicher sie’. Nur: es kann gut sein.“

Kathleen strich sich einmal über die Stirn, als würde sie die nächsten Sätze vorsichtiger anfassen.

„Ich hab sie dann gefragt, was sie über ihre Mutter weiß“, sagte sie. „Nicht alles. Nur grob. Warum sie damals weggegangen ist. Und da meinte Jolene, dass ihre Mutter mit dem ganzen System irgendwann nicht mehr klargekommen ist.“ Sie hielt kurz inne. „Nicht im Sinn von überfordert. Eher… dass sie es nicht mehr ertragen hat. Wie dort mit Menschen umgegangen wurde. Wie Dinge geregelt wurden. Was man stillschweigend hinnimmt, wenn keiner widerspricht.“

Amanda sagte nichts. Geraldine auch nicht.

„Jolene hat gesagt, ihre Mutter sei dann versetzt worden“, fuhr Kathleen fort. „Danach hat sie sich ziemlich zurückgezogen. Nicht völlig von der Welt. Aber deutlich. Weniger Leute, weniger Nähe, mehr Abstand zu allem, was nach alten Strukturen roch.“

Geraldine hob leicht den Blick. „Und Jolene?“

„Mit ihr war es anders“, sagte Kathleen sofort. „Nicht kalt. Gar nicht. Eher im Gegenteil. So wie Jolene es erzählt hat, war das Verhältnis gut. Wirklich gut. Nur eben nicht leicht.“ Ein kleiner Zug um ihren Mund. „Später ist der Kontakt dünner geworden. Nicht wegen Streit. Eher, weil beide ihr eigenes Leben hatten und Jolene viel unterwegs war. Arbeit, Projekte, Exploration. So was eben.“

Sie sah Geraldine an.

„Aber sie hat nicht so geklungen, als wäre da irgendwas zerbrochen“, sagte Kathleen. „Nur… ausgedünnt.“

Geraldine hatte sich bis dahin kaum bewegt. Jetzt hob sie den Kopf ganz.

„Lebt sie noch?“

Kathleen nickte sofort. „Ja.“

Geraldine hielt den Blick auf ihr. „Und wo?“

Kathleen schüttelte den Kopf. „Das kann Jolene dir im Moment nicht sagen. Nicht genau. Sie hat Kontakt zu ihr, aber nur gelegentlich. Nicht so, dass sie einfach jederzeit weiß, wo ihre Mutter gerade steckt.“

Geraldines Mund wurde schmal. „Ich muss sie treffen.“

„Ich weiß“, sagte Kathleen leise. „Und Jolene weiß das jetzt auch.“ Sie hob eine Hand, noch bevor Geraldine etwas sagen konnte. „Sie wollte ihre Mutter direkt kontaktieren. Nicht irgendwann. Gezielt. Und sie nach dir fragen. Ob sie sich erinnert. Ob der Name Geraldine etwas in ihr auslöst.“

Amanda lehnte sich ein Stück vor. „Also wirklich konkret.“

„Ja“, sagte Kathleen. „Kein vorsichtiges Antasten mehr. Jolene will es direkt wissen.“

Geraldine sagte nichts.

Kathleen wurde noch etwas ruhiger. „Es ist noch kein Ort. Noch kein Treffen. Aber es ist nicht mehr nur eine Spur. Jetzt fragt jemand sie direkt nach dir.“

Amanda ließ die Stille einen Moment stehen, sah erst Kathleen an, dann Geraldine.

„Es klingt schlüssig“, sagte sie schließlich. „Noch nicht sicher. Aber schlüssig. Der Zeitpunkt passt. Der Name passt. Und dass Lucille da rauswollte, passt leider auch.“

Kathleen nickte sofort. „Genau das war mein Gefühl.“ Sie strich sich einmal über die Stirn, jetzt, wo der erste Druck langsam aus ihr rausging. „Ich wollte das nicht über Comms machen. Nicht mit Verzögerung und halben Sätzen. Ich war so aufgeregt, dass ich einfach los bin und gehofft hab, dass der Carrier überhaupt noch hier ist.“

Geraldine sah sie an. Richtig an. „Gut, dass du’s gemacht hast.“

Kathleen zog einen kleinen, schiefen Mundwinkel. „Ja?“

„Ja“, sagte Geraldine. „Danke.“

Das war so schlicht, dass es fast schwerer wog als alles andere davor.

Kathleen hielt den Blick einen Moment, und diesmal sagte sie nichts Trockenes darauf. Nur ein kurzes Nicken, als würde ihr das gerade reichen.

Geraldine lehnte sich langsam zurück und atmete einmal aus. „Ich brauch einen Drink.“

Amanda hob leicht eine Braue. „Das ist vermutlich die vernünftigste Reaktion in diesem Raum.“

Kathleen schnaubte leise. „Ich bin schon froh, dass du nicht direkt losrennst.“

„Ich hab drüber nachgedacht“, sagte Geraldine trocken.

Amanda griff nach ihrem Becher. „Dann ist jetzt genau der Moment, in dem wir dafür sorgen, dass du erst trinkst und dann denkst.“

Geraldine nickte nur. „Ein guter Plan.“

Geraldine hielt das Glas einen Moment in der Hand, ohne zu trinken. Dann sah sie Kathleen an.

„Wie geht’s jetzt weiter?“

Kathleen lehnte sich im Sessel etwas zurück. Der erste Schub Aufregung war raus, aber ganz weg war er noch lange nicht. „Im Moment nicht aktiv“, sagte sie ehrlich. „Wir müssen abwarten, bis Jolene ihre Mutter erreicht. Mehr kann ich gerade nicht anschieben, ohne dass es wieder ins Leere läuft.“

Geraldine nickte langsam. Nicht zufrieden. Aber sie sah ein, dass es stimmte.

„Ich hasse warten“, sagte sie.

„Ich weiß“, sagte Kathleen.

Amanda schnaubte leise in ihr Glas. „Das ist das Harmloseste, was heute gesagt wurde.“

Geraldine verzog kurz den Mund, dann sah sie wieder zu Kathleen. „Kannst du noch bleiben?“

Kathleen hob eine Braue. „Hier?“

„Ja.“

„Kann ich“, sagte sie. „Ich hab nichts geplant, außer dir diese Nachricht persönlich an den Kopf zu werfen.“

„Gut.“

Das eine Wort war schlicht, aber es trug genug.

Amanda stellte ihr Glas ab und sah zwischen beiden hin und her. „Dann haben wir ja einen erstaunlich seltenen Zustand erreicht. Alle wichtigen Leute sind da, niemand muss gerade sofort weg, und Geraldine rennt ausnahmsweise nicht in einen Hangar, um etwas Dummes zu tun.“

„Noch nicht“, sagte Geraldine.

„Fortschritt“, murmelte Amanda.

Kathleen schnaubte leise. „Wenn das der ruhige Teil ist, will ich den unruhigen gar nicht kennenlernen.“

„Zu spät“, sagte Amanda trocken. „Du kennst sie schon.“

Das brachte Kathleen immerhin zu einem kleinen, müden Lächeln. Geraldine nahm endlich einen Schluck und ließ den Drink einen Moment wirken, als könnte er das, was in ihr arbeitete, wenigstens in eine Form bringen, die erträglicher war.

Fürs Erste war das genug.

Kathleen blieb bis in den Abend.

Nicht, weil noch viel gesagt werden musste. Eher, weil es gut war, dass niemand sofort wieder auseinanderlief. Später standen sie noch einmal zusammen im Hangar, und als Kathleen zur Dolphin hinübersah, lag in ihrem Blick etwas, das vor zwei Wochen noch nicht da gewesen war. Nicht Stolz. Eher diese stille, fast ungläubige Selbstverständlichkeit darüber, dass sie jetzt einfach loskonnte, wenn sie wollte.

„Meld dich, sobald Jolene was hat“, sagte Geraldine.

„Mach ich“, sagte Kathleen. Dann legte sie eine Hand an die Außenkante der Luke und sah noch einmal zu ihr zurück. „Und falls nicht, flieg ich dir halt wieder unangekündigt in den Hangar.“

„Bedrohung angekommen“, sagte Geraldine.

Kathleen grinste kurz, stieg ein und brachte die Dolphin wenig später sauber aus dem Carrier. Geraldine sah ihr nach, bis das Schiff nur noch Licht und dann nichts mehr war.

Zwei Tage später sprach auf dem Carrier plötzlich jeder über dasselbe.

Nicht laut. Nicht hysterisch. Eher so, wie Leute über etwas reden, das noch neu genug ist, um nach Gerücht zu klingen, und konkret genug, um Arbeit daraus werden zu lassen. Zwischen Hangar, Werkstatt und Brücke fiel immer wieder derselbe Name: T11.

Geraldine hörte ihn zuerst nur im Vorbeigehen. Ein neues Mining-Schiff. Größer, spezieller, mit einem Laser, der genau für effizientes Mining gedacht war. Noch bevor sie sich dazu eine Meinung bilden konnte, blieb sie im Hangar an einer Diskussion zwischen zwei Technikern hängen, die klangen, als hätten sie das Schiff entweder schon geheiratet oder wollten es erschießen.

Es war eine willkommene Ablenkung.

Etwas, das sich messen ließ. Vergleichen. Einordnen. Kein Warten, keine halben Antworten, keine Namen, die irgendwo zwischen Hoffnung und Akte hingen. Nur Technik, Zahlen und die Frage, ob dieses Schiff wirklich hielt, was alle gerade darüber erzählten.

Am Ende stand Geraldine vor einem Terminal, sah noch einmal auf die Konfiguration und schickte die Bestellung raus, bevor sie zu lange darüber nachdenken konnte. Nicht feierlich. Eher mit dem stillen Trotz, mit dem sie Dinge manchmal tat, wenn sie merkte, dass sie sie eigentlich schon entschieden hatte.

„Na dann“, murmelte sie.

Genau in dem Moment vibrierte ihr Pad.

Keine Verbindung. Kein Call. Nur eine Textnachricht von Kathleen.

Jolene hat sich gemeldet. Gute Nachrichten.
Lucille ist die Richtige.
Sie erinnert sich an dich.
Ich kann gerade nicht aus dem Labor weg. Kannst du vorbeikommen?
Details heute Abend.

Geraldine las die Nachricht zweimal. Nicht, weil sie sie nicht verstanden hätte. Eher, weil die Worte zu klar waren, um sofort bequem in den Kopf zu passen.

Lucille ist die Richtige.
Sie erinnert sich an dich.

Geraldine hob langsam den Blick vom Display, als wäre der Hangar um sie herum plötzlich einen halben Schritt weiter weggerückt.

Dann tippte sie zurück.

Ja. Ich komme.

Geraldine stand noch einen Moment mit dem Pad in der Hand da, als könnte sie die Nachricht durch längeres Ansehen weiter aufziehen.

Lucille ist die Richtige.
Sie erinnert sich an dich.

Es war genau die Sorte Satz, auf die sie seit Wochen gewartet hatte. Und genau die Sorte Satz, die ihr sofort den Boden unter den Füßen schmaler machte.

Sie tippte Amanda an, noch bevor sie sich dazu irgendetwas Vernünftiges sagen konnte.

Die Verbindung brauchte einen Augenblick. Dann kam Amanda rein, erst nur als Ton, mit Triebwerksrauschen irgendwo im Hintergrund.

„Wenn das nichts ist, bin ich beleidigt“, sagte sie.

„Lucille ist die Richtige“, sagte Geraldine ohne Einleitung. „Und sie erinnert sich an mich.“

Am anderen Ende war es abrupt still.

Nicht leer. Nur plötzlich ganz wach.

„Was?“

„Kathleen hat gerade geschrieben. Jolene hat sich gemeldet. Lucille ist es. Und sie erinnert sich.“

Amanda atmete einmal hörbar aus. „Wo bist du?“

„Noch auf dem Carrier. Kathleen steckt im Labor fest und will, dass ich rüberkomme. Details heute Abend.“

„Ich komme dazu.“

Geraldine lehnte sich mit der Schulter gegen das Terminalgehäuse. „Du bist unterwegs.“

„Ist mir egal.“

„Amanda.“

„Nein.“ Jetzt war ihre Stimme klarer, fester. „Ich will dabei sein.“

Geraldine sagte nichts sofort. Sie musste es auch nicht. Amanda war längst an dem Punkt vorbei, an dem man sie mit Vernunft noch elegant ausbremsen konnte.

„Wie lange?“ fragte sie schließlich.

Im Hintergrund ein kurzer Tastenton, dann Amandas Stimme wieder, etwas weiter weg, als würde sie parallel schon an einem Kurs arbeiten. „Knapp drei Stunden. Vielleicht etwas drunter, wenn mir niemand dumm kommt.“

Geraldine nickte, obwohl Amanda es nicht sehen konnte. „Gut.“

„Flieg nicht vorher los.“

„Ich hab nur gesagt, ich komme.“

„Geraldine.“

„Ich meine es ernst.“

Amanda schwieg einen Moment. Dann, ruhiger: „Drei Stunden. Dann bin ich da.“

Geraldine sah auf die Nachricht auf ihrem Pad, als hätte sie sich in der Zwischenzeit verändert.

„Okay“, sagte sie.

„Okay?“ Amanda zog die Silbe leicht in die Länge. „Das klingt nicht gesund.“

„Nichts daran ist gesund.“

„Nein“, sagte Amanda trocken. „Aber wir machen es trotzdem ordentlich.“

Diesmal kam bei Geraldine ein schmaler Zug um den Mund. „Du klingst, als würdest du mich kennen.“

„Leider ja.“ Ein kurzes Rauschen. Dann wieder dieser festere Ton. „Warte auf mich.“

Geraldine sah hinaus in den Hangar, auf Licht, Metall, Bewegung. Alles war noch da. Und gleichzeitig gar nicht mehr richtig bei ihr.

„Mach ich“, sagte sie.

„Gut. Bis gleich.“

Die Verbindung brach ab, und Geraldine blieb noch einen Moment stehen, das Pad in der Hand, den Blick auf nichts Bestimmtes gerichtet.

Drei Stunden.

Zum ersten Mal seit Langem kam ihr Warten nicht leer vor. Nur scharf.

Die drei Stunden gingen vorbei, ohne dass Geraldine irgendetwas Sinnvolles mit ihnen anzufangen wusste. Sie arbeitete nichts weg, das hängenblieb. Sie stand zu lange im Hangar, lief zu kurze Wege, sah zu oft auf dieselbe Nachricht, als würde dort zwischen den Zeilen noch mehr stehen.

Als Amanda schließlich ankam, war es schon später geworden. Ihre Python setzte hart genug auf, dass Geraldine noch vor dem Öffnen der Luke sehen konnte, wie sehr das Schiff in den letzten Tagen gearbeitet hatte. Die Außenhaut trug frische Narben. An der Steuerbordseite zog sich eine dunkle Schramme über zwei Platten, und an einer der vorderen Verkleidungen fehlte der Lack in einer Weise, die nicht nach Alter, sondern nach Kontakt aussah.

Amanda kam herunter, sah Geraldines Blick und zuckte nur mit einer Schulter.

„Die andere Seite sieht schlimmer aus“, sagte sie.

Geraldine musterte das Schiff noch einmal. „Du bringst sie danach in die Werkstatt.“

„Hallo auch.“

„Amanda.“

Amanda blieb neben ihr stehen und sah selbst kurz hoch. „Ich wollte sowieso.“

„Gut.“

„Du bist heute wirklich charmant.“

„Ich wachse über mich hinaus.“

Das brachte Amanda immerhin zu einem schmalen Zug um den Mund. Dann wurde ihr Blick wieder klarer. „Können wir?“

Geraldine nickte.

Wenig später saßen sie in der Python. Amanda flog. Geraldine sagte nichts dagegen. Das Schiff hob mit diesem tiefen, schweren Zug ab, den nur Maschinen hatten, die gebaut worden waren, um notfalls auch durch Dummheit anderer Leute noch lebend zu kommen.

Geraldine sah noch einmal zu der aufgerissenen Stelle an der inneren Verkleidung über Amandas Schulter. „Werkstatt“, sagte sie.

Amanda schnaubte leise. „Ja, Mutter.“

„Sehr witzig.“

„Ich mein’s ernst. Ich bring sie danach runter. Einmal komplett durchsehen, Panzerung, Leitungen, die ganze lästige Wahrheit.“

„Gut“, sagte Geraldine.

Amanda warf ihr einen kurzen Blick zu. „Du bist heute noch schlechter im Smalltalk als sonst.“

„Ich weiß.“

„Dann flieg ich jetzt einfach“, sagte Amanda. „Du darfst so lange aus dem Fenster starren und kompliziert sein.“

Geraldine lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne und sah hinaus in die Dunkelheit vor ihnen. „Klingt nach einem Plan.“

Amanda sagte nichts mehr. Die Python lief ruhig, trotz der Spuren, die sie trug, und zog sie Kurs für Kurs näher an Kathleen heran.

Als sie in den Hangar der Station glitten, fiel Geraldines Blick fast sofort auf die Dolphin.

Sie stand ein Stück seitlich, sauber in ihrer Bucht, die Linien klar im Licht, die Hülle gepflegt, nichts daran wirkte vernachlässigt oder nur eben benutzt. Kein Staubrand an den Kanten, keine schlampig übergangenen Stellen, keine halbherzige Nachlässigkeit. Kathleen behandelte das Schiff nicht wie ein Geschenk, das irgendwo herumstand. Sie behandelte es wie etwas, das ihr wirklich gehörte.

Geraldine blieb einen Moment länger stehen, als nötig gewesen wäre.

Amanda sah erst zu ihr, dann zur Dolphin. „Sie kümmert sich gut.“

„Ja“, sagte Geraldine.

Mehr kam erst nicht. Aber der Blick blieb auf dem Schiff. Auf der ruhigen, hellen Hülle. Auf diesem seltsamen, sehr stillen Gefühl dazwischen: dass sie Kathleen etwas gegeben hatte, das nicht nur benutzt wurde, sondern angekommen war. Es war nicht ganz Stolz. Nicht ganz Freude. Eher beides, nur in einer Form, die Geraldine nie besonders laut machte.

Amanda zog einen Mundwinkel hoch. „Du guckst, als hätte sie sie gerade persönlich adoptiert.“

Geraldine sah noch immer zur Dolphin. „Hat sie ja auch.“

Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. „Komm. Bevor ich hier noch rührselig werde.“

Amanda schnaubte leise und ging neben ihr her. „Zu spät.“

Sie fanden Kathleen im Labortrakt schneller als erwartet.

Schon von Weitem war klar, dass sie sie gesehen hatte. Sie kam nicht gelaufen – dafür war zu viel Arbeit um sie herum –, aber doch schnell genug, dass jeder Schritt verriet, wie sehr sie auf genau diesen Moment gewartet hatte. Als sie bei ihnen war, blieb von der Laborfassung nicht mehr viel übrig.

„Ihr seid da“, sagte sie, und es war fast absurd, wie erleichtert drei so schlichte Worte klingen konnten.

Geraldine nickte nur, aber ihr Blick hielt Kathleen schon fest.

Kathleen machte keinen weiteren Versuch, das kleiner zu halten. Sie trat direkt an Geraldine heran und umarmte sie kurz, fest, ohne Vorsicht. Dann löste sie sich wieder und wandte sich sofort Amanda zu, die sie genauso knapp, aber nicht weniger herzlich in die Arme schloss.

„Hallo auch“, sagte Amanda trocken, als sie sich lösten.

Hinter Kathleen lief das Labor weiter, Bildschirme, gedämpfte Stimmen, das Summen von Geräten, die keinerlei Respekt vor persönlichen Offenbarungen hatten. Kathleen sah einmal kurz über die Schulter in den Raum, als müsste sie sich vergewissern, dass nichts in genau dieser Sekunde Feuer fing, und dann wieder zu ihnen.

„Nicht hier“, sagte sie leiser. „Ich hab Feierabend erzwungen, aber das hier ist trotzdem ein denkbar schlechter Ort dafür.“

Geraldine hob leicht das Kinn. „Dein Apartment?“

Kathleen nickte sofort. „Ja. Kommt.“

Sie ging diesmal voraus, schnell, aber nicht hektisch. Amanda und Geraldine folgten ihr durch die hellen Korridore der Station, vorbei an Türen, Anzeigen und vereinzelten Leuten, die Kathleen im Vorbeigehen grüßten und an ihrem Gesicht offenbar erkannten, dass sie heute besser keine neuen Probleme an sie herantrugen.

Erst als sie in ihrem Apartment war und die Tür hinter ihnen zuglitt, ließ Kathleen die Spannung in den Schultern ein Stück sinken.

„Gut“, sagte sie und drehte sich zu ihnen um. „Jetzt kann ich’s euch richtig erzählen.“

Kathleen blieb einen Moment stehen, als müsste sie die Reihenfolge der Sätze erst noch einmal in sich sortieren, damit keiner zu früh zu schwer wurde.

„Also“, sagte sie dann, leiser als noch im Labor. „Das Wichtigste zuerst: Lucille ist die Richtige.“

Geraldine sagte nichts. Sie saß nur da, still genug, dass jeder weitere Satz sofort Gewicht bekam.

„Und sie erinnert sich an dich“, fuhr Kathleen fort. „Nicht vage. Nicht so, dass man sich irgendwas zurechtlegen müsste. Als Jolene sie auf dich angesprochen hat, wusste sie offenbar sofort, wer gemeint ist.“

Amanda zog nur ganz leicht die Brauen zusammen. „Sofort?“

Kathleen nickte. „Ja.“

Geraldines Blick blieb fest auf ihr. „Was genau hat Jolene gesagt?“

Kathleen setzte sich jetzt auch, aber nur halb, als hätte sie noch immer zu viel Spannung in sich für richtiges Sitzen. „Dass ihre Mutter inzwischen im Randbereich von Colonia lebt. Nicht komplett abgeschieden, aber weit genug draußen, dass man da nicht mal eben zufällig vorbeikommt.“ Sie hielt kurz inne. „Und dass sie Geraldine treffen würde. Gern.“

Der Satz blieb im Raum stehen.

Nicht laut. Aber groß genug, dass niemand ihn sofort berührte.

Geraldine atmete erst dann wieder hörbar aus. „Sie würde mich treffen.“

„Ja“, sagte Kathleen. „Das war keine Höflichkeitsformulierung. Jolene klang sehr klar damit.“

Amanda sah kurz zu Geraldine, dann wieder zu Kathleen. „Hat Lucille irgendwas darüber gesagt, warum?“

Kathleen schüttelte den Kopf. „Noch nicht im Detail. Nur dass sie sich erinnert. Und dass sie bereit wäre, Geraldine zu sehen.“

Geraldine senkte den Blick für einen Moment, nicht lange, nur genau lang genug, dass man merkte, wie hart dieser eine Satz sie getroffen hatte.

„Okay“, sagte sie schließlich.

Es war ein kleines Wort. Aber diesmal war genug darin.

Geraldine hob den Blick wieder. „Dann flieg ich nach Colonia.“

Der Satz stand einen Moment im Raum, schlicht genug, dass er zuerst fast vernünftig klang.

Dann schüttelte Geraldine selbst schon den Kopf, kaum merklich. „Nein.“ Sie lehnte sich zurück und fuhr sich einmal über den Mund. „Geht nicht.“

Amanda sagte nichts. Kathleen auch nicht.

„Die nächsten Wochen hängen mir zu viele Termine am Carrier“, sagte Geraldine. „Abnahmen, Freigaben, dieser ganze Dreck, bei dem plötzlich immer alles an mir klebt, wenn ich nicht da bin.“ Ein schiefer Zug um ihren Mund, ohne jeden Humor. „Ausgerechnet jetzt.“

Kathleen wartete, bis sie wieder zu ihr aufsah. „Jolene würde mit ihrer Mutter kommen“, sagte sie dann.

Geraldine wurde still.

„Sie würde sie begleiten“, fuhr Kathleen fort. „Aber sie kann auch nicht einfach weg. Nicht im Moment. Und alleine ist Lucille das nicht geheuer.“

Amanda lehnte sich ein Stück vor. „Also sitzen im Moment alle am falschen Ende fest.“

„So ungefähr“, sagte Kathleen. „Es ist nicht gescheitert. Es ist nur gerade noch nicht beweglich.“

Geraldine sah einen Moment auf ihr Glas. „Ich hasse so was.“

„Ich weiß“, sagte Kathleen leise. „Aber es ist trotzdem mehr als vorher.“

Geraldine hob den Blick wieder. „Hat Jolene noch mehr gesagt?“

Kathleen zog den Mund leicht schmal. „Nicht viel, das wirklich belastbar wäre. Eher… wie ihre Mutter über dich gesprochen hat.“ Sie hielt kurz inne. „Du warst für Lucille offenbar nie einfach irgendein Kind aus einem Protokoll.“

Amanda sagte nichts. Geraldine auch nicht.

„Jolene meinte, ihre Mutter habe ihr nie alles erzählt“, fuhr Kathleen fort. „Aber genug, dass klar war: Du warst ihr wichtig. Und sie hat dir wohl an ein paar Stellen Dinge leichter gemacht. Heimlich. Kleine Vorteile, wo sie konnte. Ohne dass es auffällt. Ohne dass es offiziell zu ihr zurückführt.“

Geraldines Blick blieb fest auf ihr. „Welche Vorteile?“

Kathleen schüttelte den Kopf. „Das wusste Jolene nicht. Nur dass es so etwas gegeben haben muss. Und dass es damals nicht hätte rauskommen dürfen.“ Sie lehnte sich ein wenig vor. „So wie sie es gesagt hat, war da nicht nur Mitgefühl. Lucille hat auf dich geachtet.“

Im Raum wurde es still.

Dann sagte Kathleen leiser: „Und sie ist froh, dass es dir gut geht.“

Geraldine rührte sich nicht.

„Wirklich froh“, sagte Kathleen. „Jolene meinte, das sei der Punkt gewesen, an dem ihre Mutter zum ersten Mal im ganzen Gespräch weicher geworden ist. Dass du deinen Weg gemacht hast. Dass aus dir etwas geworden ist. Dass du…“ Sie suchte kurz nach dem richtigen Ton. „…nicht untergegangen bist.“

Amanda sah zu Geraldine, sagte aber nichts.

Geraldine atmete langsam aus. „Okay“, sagte sie.

Es war wieder nur ein kleines Wort. Aber diesmal lag mehr darin als vorher.

Der Rest des Abends wurde leiser.

Nicht, weil das alles plötzlich weniger geworden wäre. Eher, weil nach einer Weile nichts mehr dazukam, das man mit noch mehr Fragen besser gemacht hätte. Also ließen sie das Thema liegen, ohne es wegzuschieben. Amanda erzählte ein paar trockene Sätze von unterwegs, Geraldine kommentierte sie genau so knapp, Kathleen fing sich langsam wieder in ihrem eigenen Rhythmus. Zwischendurch wurde sogar gelacht. Nicht oft. Aber ehrlich genug.

Es tat gut, dass niemand den Abend retten wollte.

Dass keiner aus jeder Pause gleich ein neues Gespräch machte. Sie saßen einfach zusammen, tranken noch etwas, aßen später irgendetwas halbwegs anständiges aus Kathleens kleiner Küche und ließen die Spannung Stück für Stück aus dem Raum.

Erst als es deutlich später geworden war, standen Amanda und Geraldine wieder auf.

Kathleen brachte sie bis in den Hangar. Dort war es ruhiger als zuvor, die Wege leerer, das Licht flacher. Amandas Python stand noch immer da wie eine Maschine, die sich ihre letzten Einsätze nicht hatte ausreden lassen.

„Meld dich, sobald Jolene was hat“, sagte Geraldine.

„Mach ich“, sagte Kathleen. Diesmal ganz ohne Umweg. „Sofort.“

Geraldine nickte. Das reichte.

Amanda blieb einen Moment an der Rampe stehen und sah noch einmal zu Kathleen zurück. „Und du sagst Jolene, dass sie sich mit ihrer Antwort bitte nicht wieder auf eine halbe Expedition verabschiedet.“

Kathleen zog einen kleinen Mundwinkel hoch. „Ich formuliere es etwas diplomatischer.“

„Dann nicht zu diplomatisch“, sagte Amanda.

„Ich geb mir Mühe.“

Für einen Augenblick standen sie einfach nur da. Nach allem, was gesagt worden war, fühlte sich genau das richtig an.

Dann trat Kathleen einen halben Schritt zurück. „Kommt heil wieder an.“

„Das ist der Plan“, sagte Amanda.

„Bei euch beiden weiß man nie“, gab Kathleen trocken zurück.

Geraldine sah sie noch einmal an. „Danke.“

Kathleen hielt den Blick ruhig. „Jederzeit.“

Mehr brauchte es nicht.

Amanda stieg zuerst ein. Geraldine folgte ihr, blieb oben an der Luke aber noch einmal kurz stehen und sah zu Kathleen hinunter. Die stand mit verschränkten Armen im Hangarlicht, müde, wach, ganz bei sich.

Dann schloss sich die Luke, und wenig später löste sich die Python von der Station. Kathleen blieb unten stehen, bis das Schiff nur noch Licht war und dann nichts mehr.

Am nächsten Tag passierte fast nichts, was sich nicht auch auf jeder anderen Stationsrotation hätte ereignen können.

Für Geraldine war das fast eine Erleichterung. Routinekram. Listen. Kurze Wege zwischen Hangar, Brücke und Terminal. Ein paar Rückfragen, die beantwortet werden wollten, ein paar Dinge, die nur dann nicht lästig waren, wenn man sie schnell genug erledigte. Es war genug zu tun, um nicht die ganze Zeit an Lucille zu denken, und nicht genug, um es wirklich zu verhindern.

Erst am Abend kam Kathleen.

Nicht persönlich. Nur per Call. Aber schon beim ersten Bild war klar, dass sie nicht wegen Smalltalk anrief. Sie sah müde aus, auf diese scharfe, drahtige Art, die Menschen bekamen, wenn sie eigentlich längst hätten schlafen sollen und stattdessen angefangen hatten, Ideen ernst zu nehmen.

„Bitte sag mir, dass du wenigstens gegessen hast“, sagte Geraldine.

Kathleen zog einen Mundwinkel hoch. „Das klingt fast fürsorglich.“

„Das war keine Antwort.“

„Dann nein.“

Geraldine schnaubte leise. „Gut…. Nein, nicht gut! Was ist los?“

Kathleen hob ein Pad an, ließ es wieder sinken. „Ich hab die halbe Nacht über etwas gesessen.“

„Das sehe ich.“

„Und ich glaube, ich hab einen Weg.“

Geraldine wurde stiller. „Für was?“

„Für Jolene.“

Kathleen lehnte sich ein Stück zurück, als müsste sie den Gedanken erst einmal in eine Form bringen, die nicht nur nach Schlafmangel klang.

„Es gibt da einen Forschungsauftrag“, sagte sie. „Nichts Neues. Kein Kunstgriff. Eher ein altes Modell, das alle paar Jahre wieder hochkommt, wenn irgendwer in der Bubble merkt, dass Colonia nicht nur weit weg ist, sondern auch nützliche Leute hat.“

Geraldine sagte nichts. Nur dieser kleine Blick, der hieß: weiter.

„Gastforschung. Zeitlich begrenzt. Datenaufbereitung, Auswertung, manchmal auch Feldabgleich, je nachdem, worum es geht.“ Kathleen hob kurz das Pad. „Ich bin über etwas Ähnliches damals selbst in die Bubble geraten. Nicht derselbe Auftrag, aber dieselbe Art Tür.“

„Und Jolene passt da rein?“

Kathleen nickte. „Möglicherweise sehr gut sogar. Sie war auf Exploring-Tour, hat frische Daten, wahrscheinlich auch Proben und Kartierungen, und genau so etwas wird für diesen Durchlauf gerade gesucht.“ Ein kurzer Zug um ihren Mund. „Nicht offiziell für Geraldines Familiengeschichte, bevor du fragst. Offiziell, weil sie fachlich sinnvoll wäre.“

Geraldines Blick blieb ruhig auf ihr. „Und inoffiziell.“

„Inoffiziell“, sagte Kathleen, „wäre sie in der Bubble.“

Für einen Moment sagte keine von beiden etwas.

Dann fragte Geraldine: „Wie real ist das?“

Kathleen lehnte sich ein Stück zurück, als müsste sie den Gedanken erst einmal in eine Form bringen, die nicht nur nach Schlafmangel klang.

„Es gibt da einen Forschungsauftrag“, sagte sie. „Nichts Neues. Kein Kunstgriff. Eher ein altes Modell, das alle paar Jahre wieder hochkommt, wenn irgendwer in der Bubble merkt, dass Colonia nicht nur weit weg ist, sondern auch nützliche Leute hat.“

Geraldine sagte nichts. Nur dieser kleine Blick, der hieß: weiter.

„Gastforschung. Zeitlich begrenzt. Datenaufbereitung, Auswertung, manchmal auch Feldabgleich, je nachdem, worum es geht.“ Kathleen hob kurz das Pad. „Ich bin über etwas Ähnliches damals selbst in die Bubble geraten. Nicht derselbe Auftrag, aber dieselbe Art Tür.“

„Und Jolene passt da rein?“

Kathleen nickte. „Möglicherweise sehr gut sogar. Sie war auf Exploring-Tour, hat frische Daten, wahrscheinlich auch Proben und Kartierungen, und genau so etwas wird für diesen Durchlauf gerade gesucht.“ Ein kurzer Zug um ihren Mund. „Nicht offiziell für Geraldines Familiengeschichte, bevor du fragst. Offiziell, weil sie fachlich sinnvoll wäre.“

Geraldines Blick blieb ruhig auf ihr. „Und inoffiziell.“

„Inoffiziell“, sagte Kathleen, „wäre sie in der Bubble.“

Für einen Moment sagte keine von beiden etwas.

Dann fragte Geraldine: „Wie real ist das?“

Kathleen hob eine Braue. „Sehr real.“

Geraldine sagte nichts. Sie wartete nur.

„Ich hab den Antrag heute Morgen direkt eingereicht“, sagte Kathleen. „Nicht elegant. Aber mit genug Nachdruck, dass niemand auf die Idee kommt, so zu tun, als wäre das ein Thema für nächsten Monat.“ Ein kleiner, trockener Zug um ihren Mund. „Ich hab ihnen sehr klar erklärt, dass man nicht mal eben von Colonia in die Bubble reist und dass Entscheidungen auf dieser Distanz nur dann was taugen, wenn sie fallen, solange die Leute noch existieren.“

Geraldine schnaubte leise. „Charmant.“

„Effizient.“

„Und?“

Kathleen hob das Pad noch einmal an. „Genehmigt.“

Für einen Moment war es still.

„Schon?“

„Ja.“ Diesmal lag trotz Müdigkeit ein echter Funke in Kathleens Gesicht. „Offizieller Gastforschungsauftrag. Zeitlich befristet, sauber begründet, fachlich plausibel und mit genug Priorität versehen, dass niemand es im Stapel verschwinden lassen konnte.“

Geraldine lehnte sich langsam zurück. „Jolene weiß es?“

„Ja. Ich hab sie direkt informiert.“ Kathleen sah sie fest an. „Sie muss jetzt nur noch zustimmen. Und ihre Mutter mitbringen.“

Geraldines Mund wurde schmal. Nicht aus Zweifel. Eher aus der plötzlichen Nähe von etwas, das eben noch nur Theorie gewesen war.

„Nur noch“, wiederholte sie.

Kathleen zog leicht eine Schulter hoch. „Ja, gut. Du weißt, wie ich das meine.“

„Leider.“

Kathleen ließ das durchgehen. „Aber es ist ein echter Weg, Geraldine. Kein Trick. Kein Gefallen, der später irgendwo platzt. Wenn Jolene ja sagt, kommt sie offiziell in die Bubble. Und dann bringt sie Lucille mit.“

Geraldine nickte einmal. Langsam. Dann sagte sie, als wäre es der einfachste Teil der Welt: „Ich übernehme alle Unkosten.“

Kathleen blinzelte. „Das war schnell.“

„Das war logisch.“

„Jolene hat noch gar nicht zugesagt.“

„Trotzdem.“

Kathleen sah sie einen Moment an, dann kam dieses kleine, müde, sehr Kathleen-hafte Schnauben. „Du bist wirklich unfassbar, wenn du einen Weg siehst.“

„Ja.“

„Ich sag’s ihr nicht gleich so“, murmelte Kathleen. „Sonst glaubt sie noch, sie wird hier eingeflogen wie Staatsbesuch.“

„Sie soll einfach kommen“, sagte Geraldine. „Den Rest regel ich.“

Kathleen musterte sie noch einen Moment, als würde sie prüfen, ob irgendwo noch Widerstand in diese Sache reinzureden wäre. Offenbar fand sie keinen.

„Gut“, sagte sie. „Dann warten wir jetzt auf ihr Ja.“

„Ich hasse warten.“

„Ich weiß“, sagte Kathleen. „Aber diesmal ist der Weg schon gebaut.“

Kathleen sah sie noch einen Moment an, müde und wach zugleich, als hätte sie die halbe Nacht etwas gebaut, das erst langsam wirklich wurde.

Danach wurde das Gespräch kleiner. Noch ein paar Sätze darüber, was Jolene ungefähr brauchen würde, falls sie zusagte. Ein kurzer, trockener Streit darüber, wie viele Dinge Geraldine parallel sofort organisieren wollte. Dann war irgendwann alles gesagt, was man an diesem Abend sagen konnte.

Als die Verbindung abbrach, blieb Geraldine noch einen Moment sitzen, den Blick auf dem dunklen Display.

Am nächsten Morgen war Kathleen die Erste.

Keine Verbindung. Kein Call. Nur eine kurze Nachricht auf Geraldines Display.

Sie kommt.

Kapitel 60