Kapitel 56 – Eine Tür mehr

Zwei, drei Tage vergingen, ohne dass irgendwas wirklich leichter wurde. Es wurde nur wieder… benutzbar. Geraldine stand morgens auf, prüfte Systeme, schob Wartungslisten durch, ließ sich von einem zu starken Kaffee die Zunge verbrennen und tat so, als wäre das Absicht. Im Hangar roch alles nach Metall, Kälte und Arbeit.

Einmal öffnete sie die gesicherten Dateien. Der erste Name, das Datum, die sauber gesetzten Zeilen, als hätte jemand versucht, ein Leben in Tabellen zu beruhigen. Sie starrte genau lange genug, um wütend zu werden, und schloss es wieder.

Der Carrier war inzwischen wieder in Geraldines System angekommen.        

Geraldine schob die Kiste mit Ersatzfiltern auf die Palette, als Amanda neben ihr auftauchte. Nicht frontal. Eher so, wie man sich danebenstellt, wenn man nicht stören will, aber bleiben.

„Ich hab einen Lauf reinbekommen“, sagte Amanda. „Ein paar Flüge. Ich bin erstmal weg.“

„Wie lange?“ Geraldine hielt den Blick auf die Kiste, als müsste sie da noch irgendwas ausrichten, obwohl sie längst gerade stand.

„Zwei, drei Tage. Vielleicht mehr.“ Amanda zögerte eine halbe Sekunde, dann kam die Frage ohne Tarnung. „Ist das okay für dich? Gerade jetzt?“

Geraldine atmete aus. Nicht demonstrativ. Nur ehrlich. „Ich bin nicht aus Zucker.“

„Das weiß ich.“ Amanda trat näher, so dass ihre Schulter fast Geraldines Arm streifte. „Ich frag nicht, weil ich dich für schwach halte.“

Geraldine sah endlich hoch. „Weswegen dann?“

„Weil ich weg bin, und du gerade viel allein sortierst.“ Amanda hielt den Blick. Keine Wärme-Show, nur Präsenz. „Sag mir, ob du willst, dass ich’s verschiebe.“

Geraldine schluckte etwas runter, das keine Worte mochte. Dann ein kleiner, schiefer Zug um den Mund. „Ich will, dass du fliegst.“

„Und ich will, dass du mir nicht nur ‘okay’ gibst, damit ich’s leichter hab.“

Geraldine tippte mit den Fingern einmal gegen die Kistenkante, als würde sie sich damit erden. „Es ist nicht schön. Aber es ist okay.“

Amanda nickte langsam. „Gut genug.“

„Meld dich, wenn du’s kannst“, sagte Geraldine.

„Mach ich.“ Amanda blieb noch einen Moment, kurz genug, dass es nicht peinlich wurde. Dann: „Und du meldest dich auch. Nicht erst, wenn’s brennt.“

Geraldine nickte. „Nicht erst dann.“

Amanda ging, und dieses Weggehen hatte keinen Schnitt. Eher eine Kante, an der man sich nicht verletzt, weil man weiß, dass sie wiederkommt.

Als die Schritte verklungen waren, blieb nur das Summen der Station und dieses seltsame Loch, das entsteht, wenn man sich selbst wieder hört. Geraldine stand einen Moment zu lange still. Dann drehte sie sich nicht zu den Dateien um, sondern zum Comms-Panel.

Sie tippte die Verbindung an, wartete das Klicken ab, das sich anfühlte wie eine Entscheidung.

„Kathleen“, sagte sie, sobald die Leitung stand. „Sag mir, dass du gerade Zeit hast und nichts explodiert.“

Ein Atemzug, dann Kathleens Stimme, trocken und nah genug, um den Raum zu verändern. „Explodieren ist für später reserviert. Was ist los?“

Geraldine lehnte die Stirn kurz gegen das kalte Panelgehäuse. „Kann ich vorbeikommen?“

„Jetzt?“

„Morgen.“ Eine Pause. „Wenn’s dir passt.“

„Morgen hab ich ein Fenster.“ Man hörte, wie Kathleen etwas abstellte, als würde sie nebenbei die Welt sortieren. „Komm. Und bring keine romantischen Vorstellungen von Stationskaffee mit.“

„Zu spät“, sagte Geraldine. „Ich trink den hier seit Tagen.“

„Dann wirst du die Reise überleben.“

Geraldine beendete die Verbindung, ohne noch mehr zu sagen, als nötig gewesen wäre. Sie ging in ihr Quartier, packte so wenig, dass es fast trotzig war: ein frisches Shirt, ein kleiner Werkzeugsatz, ein Notizpad.

Am Ende stand sie mit der Tasche in der Hand da, als müsste sie sich selbst beweisen, dass sie wirklich losgeht.

„Morgen“, sagte sie in den leeren Raum.

Am nächsten Morgen stand Geraldine früher im Hangar, als es irgendeinen Sinn machte. Sie ließ die Corvette stehen und nahm die Dolphin. Die stand an ihrem Platz wie ein Versprechen, das man nicht erklären musste: schlank, leise, mehr Reise als Einsatz.

Sie ließ die Systeme hochfahren und blieb einen Moment länger als nötig in der Routine hängen. Anzeigen. Druck. Treibstoff. Alles in Ordnung. Kein Raum für Tabellen, wenn ein Schiff sauber antwortete.

Der Flug war kurz genug, um nicht nachzudenken, und ruhig genug, um es trotzdem zu tun. Geraldine hielt die Dolphin bewusst weich, ließ sie gleiten, als wäre das hier eine Art Erinnerung. Kathleen mochte dieses Schiff. Geraldine war lange nicht mehr einfach nur geflogen.

Die Forschungsstation nahm sie auf, ohne Interesse zu zeigen. Andocken, Druckausgleich, eine grüne Leuchte. Kein Empfang, keine Stimme, keine neugierigen Blicke. Nur ein Korridor mit Licht, das zu ehrlich war, und Luft, die nach Reinigungsmittel und kaltem Metall roch.

Geraldine folgte der Beschilderung bis zum Labortrakt. Unterwegs: Farbcodes, saubere Piktogramme, und zwischen zwei Panels ein handschriftlicher Streifen, schmal und ungeduldig, als hätte jemand dem System nachträglich beigebracht, wie man überlebt. Das sah nach Kathleen aus, ohne dass es ihren Namen trug.

Vor Trakt C hing ein Statusfeld an der Wand. LAUFENDER VERSUCH. ZUTRITT NUR FÜR AUTORISIERTES PERSONAL. Darunter ein Zeitfenster, das sich keine Mühe gab, freundlich zu wirken.

Geraldine blieb stehen, las es zweimal, obwohl es beim ersten Mal klar gewesen war. Dann lehnte sie sich mit der Schulter an die Wand, genau neben die Tür, so dass sie nicht im Weg war und trotzdem da.

Sie zog das Notizpad aus der Jackentasche, klappte es auf, schrieb ein einziges Wort und strich es wieder durch. Dann ließ sie den Stift sinken und starrte nicht auf die Tür, sondern an ihr vorbei, als würde die Station ihr irgendwas anbieten, das kein Kaffee war.

Die Minuten gingen. Schritte kamen und gingen, ohne dass jemand sie ansprach. Ein Techniker schob einen Wagen vorbei, nickte kurz, weil man hier offenbar nickte statt zu fragen.

Geraldine überlegte, Kathleen zu pingen, ließ es dann. Nicht aus Höflichkeit. Eher aus dem Instinkt heraus, Dinge nicht noch voller zu machen, als sie ohnehin waren.

Als die Tür schließlich aufglitt, kam zuerst ein Schwall wärmerer Luft heraus, gemischt mit dem Geruch nach Elektronik und etwas Bitterem, das nach zu langem Kaffee roch.

Geraldine blieb, wo sie war. Nicht, weil sie nicht reindurfte – sondern weil das Schild ihr gerade sehr deutlich erklärte, dass hier der Versuch wichtiger war als ihre Stimmung.

Auf dem Gang gegenüber stand ein schmales Terminal für Besucher: Lageplan, Sicherheitsinfos, Notfallwege. Darunter ein kleiner Hinweis: WARTEN SIE BITTE AUSSERHALB DER SCHLEUSE. DANKE FÜR IHR VERSTÄNDNIS. Geraldine las es, als hätte sie vor, sich daran zu halten, und lehnte sich wieder an die Wand, weil sie ohnehin nichts anderes vorhatte.

Die Station hatte ihren eigenen Takt. Türen glitten auf und zu, Schritte, leises Rollen von Wagen, kurze Stimmenfetzen, die alle klangen, als würden sie seit Stunden dasselbe denken. Niemand fragte, wer sie war. Niemand hatte Zeit für das, was sie in den Augen trug.

Nach einer Weile kam eine junge Laborassistenz aus dem Nachbargang, die Haare zu streng zusammengebunden, die Hände voll mit einem versiegelten Behälter. Sie bremste ab, sah Geraldine an, sah das Docking-Badge an ihrer Jacke, sah das Statusfeld.

„Warten Sie auf Dr. Voss?“ fragte sie.

„Kathleen Maxillon“, sagte Geraldine.

Die Assistenz nickte, als wäre das Antwort und Warnung zugleich. „Laufender Versuch. Sie ist… drin.“ Ein kurzer Blick auf die Zeitanzeige. „Kann dauern.“

„Ich hab Zeit“, sagte Geraldine.

Die Assistenz zog einen Mundwinkel, als würde sie das Wort in diesem Trakt nicht oft hören. „Da drüben ist ein Nischenplatz. Und wenn die Tür aufgeht, bleiben Sie stehen. Die Schleuse spuckt Leute gern aus.“

„Klingt nach Charakter“, sagte Geraldine.

„Eher nach Wartungsbedarf“, murmelte die Assistenz und war schon wieder weg.

Geraldine fand die Nische: eine schmale Bank, ein festgeschraubter Tisch, ein Becherautomat, der so tat, als wäre er hygienisch. Sie setzte sich nicht sofort. Sie betrachtete das Gerät, als könnte sie ihm ansehen, ob es sie beleidigen würde.

Am Ende drückte sie trotzdem. Der Becher kam raus. Der Geruch war… mutig.

Geraldine nahm einen Schluck, verzog keine Miene und stellte den Becher wieder ab, als hätte sie ihn nur getestet. Dann wartete sie weiter, diesmal im Sitzen, die Hände locker auf den Knien, die Augen auf den Gang, nicht auf die Tür.

Als das Statusfeld endlich von LAUFENDER VERSUCH auf ENDE / DEKONTAMINATION sprang, passierte erst mal gar nichts.

Dann ein leises Entlüften. Ein mechanisches Klicken. Und die Tür glitt wieder auf.

Kathleen trat heraus, noch halb im Labor. Handschuhe in der Hand, ein Streifen Tape am Ärmel, der Blick kurz irgendwo zwischen Auswertung und nächstem Schritt – bis er Geraldine fand. Da war erst Überraschung. Dann, ohne dass sie es groß verpackte, Freude.

„Du bist früher als gedacht“, sagte sie, und der Satz klang, als würde er sich selbst kaum glauben.

Geraldine stieß sich von der Wand ab. „Ich konnte es einfach nicht mehr abwarten. Ich wollte los.“

Kathleen ließ die Handschuhe fallen, als wären sie plötzlich unwichtig, und ging auf sie zu. Kein Zögern. Keine Vorsicht. Sie schlang die Arme um Geraldine, fest genug, dass Geraldine einmal richtig ausatmen musste – und dann die Umarmung erwiderte, genauso fest, genauso echt.

„Okay“, murmelte Kathleen irgendwo an ihrer Schulter. „Dann bist du jetzt hier.“

„Ja“, sagte Geraldine, und zum ersten Mal seit Tagen klang es nicht wie Durchhalten, sondern wie Ankommen.

Kathleen löste sich wieder, aber nur so weit, dass sie Geraldine noch ansehen konnte. Ihre Hände blieben einen Moment an ihren Armen, dann glitt ihr Blick an Geraldine vorbei zur Tür, zum Statusfeld, zurück.

„Ich dachte, du bist erst in einer halben Stunde da.“

„War der Plan“, sagte Geraldine. „Dann war ich fertig, zu früh an der Dolphin und hatte keine Lust mehr, noch länger irgendwo rumzustehen. Also bin ich los.“

Kathleen zog einen Mundwinkel hoch. „Das ist fast impulsiv.“

„Mach kein Ereignis draus.“

„Zu spät.“ Kathleen hob die Handschuhe vom Boden auf, stopfte sie in die Seitentasche ihres Kittels und sah Geraldine noch einmal offen an, ohne sich Mühe zu geben, es kleiner zu machen. „Ich freu mich gerade sehr.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Sieht schlimm aus.“

Kathleen lachte, leise und müde, aber echt. „Dann muss ich mich wohl zusammenreißen.“

„Bloß nicht. Ich will sehen, wie weit das noch eskaliert.“

Kathleen schob die Labortür hinter sich ins Schloss und tippte das Statusfeld dunkel. Der Wechsel ging so schnell, als hätte sie schon den ganzen Vormittag auf genau diese Bewegung gewartet.

„Ich bin fertig für heute“, sagte sie. „Du warst nur ein bisschen zu früh. Das Experiment nicht.“

„Dann hab ich ja ausnahmsweise mal nichts kaputtgemacht.“

„Das weißt du noch gar nicht.“ Kathleen zog den Ärmel hoch, unter dem immer noch ein schmaler Klebestreifen hing, bemerkte ihn erst jetzt und zog ihn mit einem genervten Schnauben ab. „Gib mir zwei Minuten, damit ich nicht aussehe, als hätte ich mit einer Schleuse gekämpft, und dann gehörst du mir.“

Geraldine hob eine Braue. „Das klingt in einem Labor seltsam.“

„Gut“, sagte Kathleen trocken. „Dann passt es zu dir.“

Sie gingen den Gang hinunter, und zum ersten Mal seit Geraldines Ankunft fühlte sich die Station nicht mehr nach Warten an. Kathleen lief nicht hastig. Eher mit diesem knappen, energischen Schritt, den sie immer hatte, wenn ihr Kopf noch halb bei der Arbeit war, aber der Rest von ihr längst woanders hinwollte. Zweimal nickte ihr jemand zu. Einmal rief jemand etwas hinter ihr her, halb Frage, halb Bitte. Kathleen hob nur zwei Finger, ohne stehenzubleiben.

„Nicht dein Problem mehr?“ fragte Geraldine.

„Ab jetzt nicht.“ Kathleen drückte eine Seitentür auf. „Ich hab den Rest des Tages frei. Sehr bewusst. Sehr absichtlich. Und wenn jetzt noch irgendwer mit einer Probe vor mir auftaucht, sterbe ich einfach im Flur. Das setzt hoffentlich ein Zeichen.“

Der Raum dahinter war klein, sauber und eindeutig ihrer. Kein offizielles Büro, eher eine Arbeitsnische, die über die Zeit von Kathleen zu Kathleen geworden war. Ein schmaler Tisch. Zwei Becher, die nicht zusammenpassten. Ein Regal mit beschrifteten Kassetten, dazwischen eine Schraube, die nirgendwo hingehörte. An der Wand ein altes Sternenbild, an einer Ecke einmal geknickt und trotzdem aufgehoben.

Geraldine blieb im Türrahmen stehen und ließ den Blick kurz herumgehen.

„Du wohnst praktisch hier.“

„Nein“, sagte Kathleen und legte den Kittel über einen Stuhl. „Aber dieser Raum hat irgendwann aufgegeben, mir zu widersprechen.“

Sie band die Haare neu zusammen, diesmal ordentlich, und sah dabei in die matte Spiegelplatte über dem Waschbecken. „Du kannst übrigens aufhören, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das erkennt man dir auf fünf Meter an.“

„Fünf Meter ist unhöflich präzise.“

„Ich arbeite mit Messwerten.“

Geraldine lehnte sich an den Türrahmen. „Es läuft.“

Kathleen warf ihr über die Schulter einen Blick zu, der nur sagte: Versuch’s gar nicht erst.

Geraldine seufzte leise. „Es läuft benutzbar.“

„Aha.“

„Das ist im Moment fast schon ein Qualitätsmerkmal.“

Kathleen drehte das Wasser auf, hielt kurz die Hände darunter und trocknete sie an einem Tuch, das aussah, als hätte es mehr Geräte als Menschen gesehen. „Benutzbar ist nicht nichts.“

„Hab ich auch nicht behauptet.“

„Nein.“ Kathleen kam zurück, blieb nah vor ihr stehen und musterte sie mit der unverschämten Ruhe von jemandem, der das darf. „Aber du klingst, als würdest du dich schon wieder mit halben Zuständen anfreunden.“

Geraldine sah sie an, lange genug, dass jede bequeme Antwort peinlich geworden wäre. „Ich hatte keine Lust, allein in meinem Hangar zu hocken und die Wände interessant zu finden.“

Kathleen nickte, als wäre das keine kleine Offenheit, sondern einfach eine Information, die man ordentlich ablegt. „Gut. Dann warst du hier genau richtig.“

„Ich weiß.“

„Nein“, sagte Kathleen, und jetzt war da dieses kleine, helle Lächeln, das bei ihr immer etwas Unerlaubtes hatte. „Das wusstest du nicht. Sonst wärst du früher gekommen.“

Geraldine schnaubte. „Ich war früher da.“

„Noch früher.“

Geraldine musste gegen ihren Willen grinsen. „Du wirst anstrengend, wenn du frei hast.“

„Und du bist erstaunlich gesprächig, wenn du mir recht geben musst.“

Kathleen griff nach einem der Becher, hielt kurz inne und stellte ihn wieder ab. „Ich könnte dir Kaffee anbieten. Aber ich mag dich zu sehr.“

„Das ist beruhigend.“

„Tee? Wasser? Etwas, das diese Station nicht als pädagogische Maßnahme ausgibt?“

„Überrasch mich“, sagte Geraldine.

Kathleen nickte zufrieden, als wäre das die einzig vernünftige Antwort, und wandte sich dem kleinen Heizmodul auf der Anrichte zu. Geraldine sah ihr dabei zu, wie sie sich mit wenigen, sicheren Bewegungen durch diesen Raum bewegte, ganz in ihrem Takt, ganz in ihrem Element. Nicht geschniegelt. Nicht geschniegelt sein müssend. Einfach sie.

„Und bei dir?“ fragte Geraldine nach einem Moment. „Wie läuft’s wirklich?“

Kathleen stellte zwei Kapseln auf den Tisch, überlegte, nahm eine wieder weg und entschied sich anders. „Gut“, sagte sie. Dann, nach einer kleinen Pause, die nur bei ihr schon fast ein Bekenntnis war: „Sehr gut sogar. Ich bin müde wie ein Wrack, mein Versuch hat mich heute Morgen fast beleidigt, und ich würde gern drei Leuten sagen, dass sie dumm sind. Aber ich bin gern hier.“

Geraldine nickte langsam. „Ja. Das sieht man.“

Kathleen sah kurz zu ihr auf. „Ist das schlimm?“

„Nein“, sagte Geraldine. „Nur ungewohnt. Im positiven Sinn.“

Das brachte Kathleen zum Lächeln. Nicht groß. Nur klar.

„Gut“, sagte sie. „Dann setzen wir uns jetzt hin, trinken was Anständiges und du erzählst mir den Teil, den du am Comms nicht sagen wolltest.“

Geraldine zog den zweiten Stuhl heran. „Und wenn ich gar nichts erzählen will?“

Kathleen schob ihr den Becher zu, sobald er voll war. „Dann sitzt du eben hier und tust so, als wärst du nur wegen meiner blendenden Gesellschaft gekommen.“

„Das wäre sehr glaubwürdig.“

„Ist es auch.“ Kathleen setzte sich ihr gegenüber und legte die Unterarme auf den Tisch. „Also. Fang mit der schönen Lüge an. Danach sehen wir weiter.“

Geraldine drehte den Becher zwischen den Händen, als müsste sie erst sehen, ob der Inhalt etwas taugte, bevor sie mit dem Rest anfing.

Dann erzählte sie es knapp. Nicht, weil es klein gewesen wäre, sondern weil sie keine Lust hatte, alles noch einmal in voller Länge durch sich hindurchlaufen zu lassen. Von der alten Station. Von Milo Kade und den zerfallenen Datenbeständen. Von den Listen, den Scans, den nüchternen Bestätigungen, die ein Leben plötzlich wieder in Aktenform ausspuckten. Dass ihr Geburtsdatum dort stand, sauber und kalt. Dass der alte Alias nur genau das gewesen war, was er immer gewesen war. Dass ihre Eltern erst als vermisst geführt und später für tot erklärt worden waren. Und dass die Spur nach L-57 sich tatsächlich hatte nachweisen lassen.

Kathleen unterbrach sie nicht. Sie saß nur da, den Becher in beiden Händen, und sah Geraldine mit dieser stillen Genauigkeit an, die nie nach Mitleid roch und gerade deshalb auszuhalten war.

„Und jetzt?“ fragte sie, als Geraldine kurz schwieg.

Geraldine hob eine Schulter. „Jetzt haben wir am Ende genau einen Namen in den Unterlagen. Jemand aus den Protokollen von damals. Mehr nicht.“

„Nur einen?“

„Ja.“ Geraldine verzog den Mund. „Kein sauberer Weg. Keine fertige Antwort. Nur ein Name, der irgendwo in L-57 auftaucht und vielleicht was bedeutet. Vielleicht auch gar nichts.“

Kathleen nickte langsam. „Und natürlich fängst du genau da an zu graben, wo nichts ordentlich beschildert ist.“

„Ordentlich beschilderte Wege haben bei mir noch nie was Gutes gebracht.“

Das brachte Kathleen zu einem kurzen Schnauben. Dann lehnte sie sich etwas zurück.

„Und die Station?“

Geraldine sah zu ihr auf. „Welche?“

„Meine“, sagte Kathleen. „Du hast mir gerade deine halbe Vergangenheit auf den Tisch gelegt. Dann bin ich jetzt dran, bevor du wieder so tust, als wärst du nur zum Schweigen hergekommen.“

Kathleen sagte erst einmal nichts. Sie hielt den Becher in beiden Händen und sah Geraldine einfach nur an, ruhig genug, dass es nicht nach Ausweichen wirkte.

„Du erzählst das sehr ordentlich“, sagte sie dann.

Geraldine hob eine Schulter. „Ist praktischer.“

„Glaub ich dir sofort.“ Kathleen strich mit dem Daumen über den Becherrand. „Klingt trotzdem nicht so, als wäre das irgendwas gewesen, das man mal eben zwischen zwei Terminen macht.“

Geraldine ließ den Blick auf dem Tisch liegen. „War es auch nicht.“

Kathleen nickte nur. Kein Nachsetzen, kein kluges Zerlegen. Sie ließ den Satz da, wo er war, und Geraldine war ihr in diesem Moment dankbarer dafür, als sie gesagt hätte.

„Und jetzt habt ihr einen Namen“, sagte Kathleen nach einer kurzen Pause.

„Ja.“

„Und keine Ahnung, ob er was bringt.“

„Auch ja.“

Kathleen atmete leise aus, mehr durch die Nase als durch den Mund. „Beschissene Mischung.“

Geraldine schnaubte kurz. „Sie hat wenig Charme.“

„Mhm.“ Kathleen stellte den Becher ab und lehnte sich zurück. „Und du sitzt jetzt hier und tust so, als hättest du das alles schon sauber einsortiert.“

„Ich sitze hier und trinke, was auch immer das ist.“

„Das ist ein deutlich schwächeres Ablenkungsmanöver, als du glaubst.“

Geraldine sah auf und traf Kathleens Blick. Da war nichts Weiches im falschen Sinn. Nur diese genaue, unaufgeregte Art, mit der Kathleen Dinge bemerkte, die andere übersahen oder absichtlich liegenließen.

„Es war gut, herzukommen“, sagte Geraldine schließlich.

Kathleens Mundwinkel hob sich ein wenig. „Ja. War es.“

Sie stand auf, nahm ihren Becher und deutete mit dem Kopf zur Tür.

„Komm. Wir gehen hier raus.“

Geraldine hob eine Braue. „Werde ich jetzt aus deinem heiligen Arbeitsraum verbannt?“

„Nein“, sagte Kathleen. „Ich hab nur keine Lust, dass du weiter zwischen Kitteln, Proben und diesem Tisch sitzt, als wärst du ein zusätzlicher Versuch.“ Sie griff nach ihrem Kittel, dachte es sich anders und ließ ihn liegen. „Unten gibt’s eine kleine Bar. Nichts Elegantes, aber die Getränke sind ehrlich, und um diese Uhrzeit sitzen da nur Leute, die entweder Feierabend haben oder so tun, als hätten sie einen.“

Geraldine stand auf. „Das klingt verdächtig brauchbar.“

„Ist es auch.“ Kathleen war schon an der Tür. „Und bevor du fragst: Ja, das ist ein offizieller Vorschlag, dich auf andere Gedanken zu bringen. Ich kann das bei Bedarf auch noch uncharmanter formulieren.“

„Lass es ruhig im Entwurf“, sagte Geraldine und ging mit ihr raus.

Der Weg nach unten führte sie aus dem sauberen Labortrakt heraus und in einen Teil der Station, der weniger streng wirkte, ohne weniger geordnet zu sein. Die Luft war wärmer. Irgendwo lief Musik, leise genug, dass sie niemandem im Weg war. Zwei Leute in grauen Overalls standen vor einem Wanddisplay und diskutierten über eine Lieferliste, als hinge ihr Seelenheil daran. Kathleen ging einfach dazwischen durch, ohne langsamer zu werden, und nickte im Vorbeigehen zwei Menschen zu, die sie offenbar kannten.

Die Bar lag in einer breiten Ecke hinter einer halb offenen Schottwand. Kein schicker Ort, aber ein durchdachter. Ein langer Tresen, klare Linien, saubere Oberflächen, Licht, das zum ersten Mal auf dieser Station nicht nur praktisch sein wollte. Alles war noch einen Hauch zu neu, zu glatt, als hätte der Raum noch nicht ganz entschieden, wie viele Geschichten er einmal aushalten würde. Gerade deshalb wirkte es fast beruhigend.

„Du lebst also wirklich hier“, murmelte Geraldine.

„Nein“, sagte Kathleen. „Aber ich habe mir strategisch genug Gewohnheiten gebaut, dass es so wirkt.“

„Noch schlimmer.“

„Danke.“

Am Tresen bestellte Kathleen ohne Karte, ohne Zögern, mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, der das hier nicht zum ersten Mal tat. Geraldine lehnte sich daneben und sah zu, wie schnell Kathleen in diesem Raum anders wurde. Nicht weicher. Aber gelöster. Als müsste sie hier nichts beweisen.

„Was trinkst du?“ fragte Kathleen.

„Etwas, das dich nicht in Verlegenheit bringt.“

Kathleen warf ihr einen Seitenblick zu. „Das grenzt es erstaunlich wenig ein.“

„Dann nimm etwas, das nicht nach Reue schmeckt.“

„Ambitioniert.“ Kathleen nannte zwei Getränke, beide ohne weitere Erklärung, und bekam als Antwort nur ein kurzes Nicken vom Tresen.

Sie suchten sich einen Tisch an der Seite, nah genug am Geschehen, um nicht für sich zu sein, weit genug weg, um nicht mitreden zu müssen. Geraldine setzte sich, ließ den Blick einmal durch den Raum gehen und merkte erst da, dass ihre Schultern tiefer standen als noch vor zehn Minuten.

Kathleen bemerkte es natürlich.

„Siehst schon weniger aus, als würdest du gleich eine Wand anschreien“, sagte sie.

„Ich war nie bei der Wand“, sagte Geraldine.

„Nein. Aber die Wand war in Gefahr.“

Das Getränk kam. Geraldine nahm einen Schluck, hob kurz die Brauen und sah dann zu Kathleen.

„Okay“, sagte sie. „Das ist tatsächlich gut.“

Kathleen lehnte sich zurück, zufrieden genug, dass sie es nicht versteckte. „Ich sagte ja, unten wird ehrlich gearbeitet.“

„Du klingst, als hättest du den Laden mit aufgebaut.“

„Nein. Aber ich habe mich lange genug darüber beschwert, was sie falsch machen könnten. Irgendwann haben sie angefangen, auf mich zu hören.“

„Das ist eine bedrohliche Entwicklung.“

„Für alle Beteiligten.“

Sie redeten erst über nichts, und genau das tat Geraldine gut. Über einen Techniker, der es geschafft hatte, einen nagelneuen Transportwagen schon in der ersten Woche schief zu fahren. Über eine Lieferung, die falsch etikettiert angekommen war und einen halben Trakt in unnötige Aufregung versetzt hatte. Über einen Kollegen von Kathleen, der brillante Auswertungen schrieb und jedes Mal an einer Kaffeemaschine scheiterte, als wäre sie ein taktischer Gegner.

Geraldine merkte, wie ihr Mund schneller wurde als ihr Kopf. Wie die Antworten leichter kamen. Wie sie Kathleen nicht nur zuhörte, sondern wieder in diese angenehme Bewegung mit ihr geriet, in der ein halber Satz reichte und der Rest sich von selbst sortierte.

Einmal lachte sie wirklich. Kurz, aber ohne Bremsweg.

Kathleen hob sofort den Blick. „Ah. Da bist du ja.“

„Übertreib nicht.“

„Ich übertreibe nie. Ich dokumentiere.“

„Dann dokumentier, dass dein Stationspersonal seltsame Prioritäten hat.“

„Mein Stationspersonal?“

Geraldine nahm noch einen Schluck und lehnte sich zurück. „Du klingst schon so.“

Kathleen schnaubte leise, aber sie widersprach nicht sofort. Und Geraldine saß da, mit einem anständigen Getränk in der Hand und Kathleen ihr gegenüber, und spürte zum ersten Mal seit Tagen, wie etwas in ihr nicht arbeitete, nicht suchte, nicht zog. Es war noch nicht leicht. Aber es war weit genug davon entfernt, um gutzutun.

Geraldine ließ den Blick noch einmal durch den Raum gehen. Ein paar Tische weiter saßen zwei Techniker über irgendetwas Gebratenem und stritten mit ernster Miene über Ersatzteilnummern. Am Tresen lachte jemand zu laut, wurde dafür nicht schief angesehen und machte einfach weiter.

„Gehst du eigentlich auch mal woanders hin?“ fragte Geraldine. „Oder ist das hier schon dein gesamtes Nachtleben?“

Kathleen nahm einen Schluck und zuckte mit einer Schulter. „Ab und zu schon. Aber meistens bleib ich hier.“

„Weil’s so schön ist?“

„Weil’s nah ist“, sagte Kathleen. „Und weil alles andere irgendwann in Shuttleplänen endet.“

Geraldine sah sie an. „So schlimm?“

Kathleen verzog den Mund. „Nicht schlimm. Nur lästig. Du willst irgendwo hin, musst Zeiten erwischen, hoffen, dass nichts voll ist, und wenn du zurückwillst, richtet sich plötzlich wieder alles nach irgendwas, das nicht du bist.“ Sie kreiste den Becher einmal auf dem Tisch. „Für spontane Laune ist das erstaunlich effizienter Stimmungskiller.“

Geraldine nickte erst nur, mehr aus Gewohnheit als aus Nachdenken. Dann blieb der Gedanke hängen.

„Stimmt“, sagte sie nach einem Moment. „Du machst das ja immer noch alles mit Shuttles.“

Kathleen hob eine Braue. „Womit sonst? Mit gutem Willen?“

Geraldine lehnte sich ein Stück zurück und musterte sie, als hätte sie gerade etwas Offensichtliches zum ersten Mal richtig angesehen.

„Warum klingt das für dich so normal?“

Kathleen sah kurz in ihren Becher, dann wieder hoch. „Weil es das für mich ist.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Aber warum?“

Kathleen hielt ihrem Blick stand. Nicht abwehrend. Eher vorsichtig, als würde sie ahnen, wohin das ging.

Geraldine legte den Kopf ein wenig schief. „Wieso hast du dir eigentlich nie ein eigenes Schiff geholt?“

Kathleen atmete einmal durch die Nase aus, als hätte Geraldine gerade eine Schublade aufgezogen, die sonst einfach zu blieb.

„Weil ich keins brauche“, sagte sie zuerst.

Geraldine hob nur eine Braue.

Kathleen sah das, verzog den Mund und gab den Satz sofort wieder her. „Gut. Anders. Weil ich mir nie eins geholt habe und irgendwann aufgehört habe, das für eine Lücke zu halten.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein“, sagte Kathleen. „Das ist die Version, mit der ich sonst durchkomme.“

Geraldine sagte nichts. Sie saß nur da und wartete. Das war schlimmer als Nachfragen.

Kathleen drehte den Becher ein Stück zwischen den Fingern. „Ich hab keine Lizenz.“

Geraldine blinzelte einmal. Nicht, weil sie es nicht verstanden hätte. Eher, weil der Satz so nüchtern kam, dass er einen Moment brauchte, bis er saß.

„Gar keine?“

„Nicht die Art, mit der man sich einfach in ein Schiff setzt und losfliegt.“ Kathleen hob eine Schulter, diesmal kleiner. „Ich kann genug Theorie, um mich in Briefings nicht lächerlich zu machen. Ich weiß, was andere da tun. Aber selbst? Nein.“

Geraldine lehnte sich zurück. „Und darüber hast du dir nie Gedanken gemacht?“

Kathleen lachte kurz, ohne echte Heiterkeit. „Natürlich hab ich das. Nur nie lang genug am Stück.“ Sie tippte mit dem Fingernagel gegen den Becher. „Erst Studium. Dann Arbeit. Dann die nächste Arbeit. Dann Colonia. Dann das hier. Irgendwas war immer dringender, sinnvoller, teurer oder einfach näher als die Frage, ob ich fliegen lernen sollte.“

„Also warst du zu beschäftigt, um frei zu werden.“

Kathleen sah sie an. Der Satz traf, aber nicht unfair.

„Wenn du es unangenehm formulieren willst, ja.“

„Ich formuliere nur präzise.“

„Das ist bei dir oft dasselbe.“

Geraldine nahm einen Schluck. „Und du findest das wirklich normal? Immer Shuttle. Immer nach Fahrplan. Immer warten, ob irgendwer dich mitnimmt oder nicht?“

Kathleen zog eine kleine Grimasse. „Normal nicht. Gewohnt.“

„Das ist fast schlimmer.“

„Danke für die Aufmunterung.“

Geraldine stellte den Becher ab und sah sie weiter an, jetzt nicht mehr nur neugierig. Eher so, als hätte sie gerade etwas entdeckt, das ihr überhaupt nicht gefiel.

„Kathleen.“

„Was.“

„Das ist bescheuert.“

Kathleen lachte diesmal wirklich, leise und überrascht. „Ja, schön. Jetzt, wo du’s sagst, wird mir alles klar.“

Geraldine verzog keine Miene. „Ich mein’s ernst.“

Kathleen lehnte sich zurück und sah sie einen Moment an, als würde sie prüfen, ob da noch irgendwo ein Scherz versteckt war. Offenbar fand sie keinen.

„Das fürchte ich fast“, sagte sie.

Geraldine strich mit dem Daumen einmal über den Rand ihres Bechers. Dann atmete sie aus und schüttelte leicht den Kopf.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich bin da gerade ziemlich rein. War nicht fair.“

Kathleen blinzelte kurz. Nicht wegen der Entschuldigung an sich. Eher, weil Geraldine sie ohne Umweg auf den Tisch legte.

„Du hast mich nicht in eine Ecke gedrängt“, sagte sie.

„Ein bisschen schon.“

„Ein bisschen“, gab Kathleen zu. Dann hob sie eine Schulter. „Aber nicht aus Bosheit. Du hast nur auf etwas reagiert, das für dich völlig absurd klingt.“

Geraldine sah sie an. „Tut es auch.“

„Ich weiß.“ Kathleen spielte mit ihrem Becher, drehte ihn eine halbe Umdrehung und wieder zurück. „Für dich ist ein Schiff kein Luxus. Es ist eine Tür.“

Der Satz blieb einen Augenblick zwischen ihnen stehen. Geraldine nickte langsam.

„Ja“, sagte sie dann. „Genau das.“

Kathleen lächelte, klein und schief, als hätte sie gerade ein Rätsel richtig eingeordnet. „Siehst du. Dann hast du mich schon verstanden. Du bist nur… etwas stürmisch angekommen.“

„Ich bin mit der Dolphin geflogen. Das war sehr kultiviert.“

„Natürlich.“ Kathleen senkte den Blick, und das Lächeln wurde für einen Moment wärmer. „Und zur Beruhigung: Ich bin nicht beleidigt. Ich hab nur nie jemanden gehabt, der mich so ansieht, als wäre das ein Problem, das man tatsächlich lösen könnte.“

Geraldine lehnte sich ein Stück vor. Nicht drängend. Nur klar.

„Weil es eins ist“, sagte sie. „Und weil man es lösen kann.“

Kathleen hob den Blick wieder. Da war Widerstand drin, aber nicht mehr die Sorte, die sofort dichtmachte. Eher die, die sich selbst beim Nachdenken erwischt.

„Du willst mir jetzt erzählen, dass ich eine Lizenz brauche.“

„Ja.“

„Einfach so.“

„Ja.“

Kathleen schnaubte leise. „Du bist unmöglich.“

„Auch ja.“

„Und was genau stellst du dir vor? Dass ich morgen in irgendein Cockpit steige und plötzlich feststelle, dass mir all die Jahre nur ein Schubregler gefehlt haben?“

„Nein“, sagte Geraldine. „Ich stell mir vor, dass du aufhörst, so zu tun, als wäre Abhängigkeit ein Charakterzug.“

Kathleen öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah dann mit einem Ausdruck zu ihr rüber, der irgendwo zwischen Empörung und belustigter Kapitulation lag.

„Das war unverschämt präzise.“

„Ich geb mir Mühe.“

Ein kurzes Schweigen. Kein schweres. Eher eines, in dem etwas still an den richtigen Platz rutschte.

Dann lehnte Kathleen die Unterarme auf den Tisch und musterte Geraldine mit dieser wachen, unerträglich genauen Art, die nie lange danebenlag.

„Du würdest das wirklich machen, oder?“

„Was?“

„Mich da durchbringen.“

Geraldine zuckte mit einer Schulter, als wäre die Antwort offensichtlich. „Ja.“

Kathleen ließ die Luft langsam wieder aus. „Das ist eine furchtbare Idee.“

„Die besten sind das oft am Anfang.“

„Das klingt nicht seriös.“

„Ist es auch nicht. Aber es stimmt.“

Diesmal lachte Kathleen richtig. Nicht laut. Aber offen genug, dass Geraldine sofort mitlachte, einfach weil es ansteckend war und weil die Spannung endlich aus der Szene wich.

Als das Lachen wieder abebbte, blieb etwas Ruhiges zurück. Etwas, das nicht künstlich leicht war, aber leicht genug.

Kathleen nahm ihren Becher wieder in die Hand. „Ich verspreche nichts.“

„Hab ich auch nicht verlangt.“

„Gut.“ Sie sah Geraldine über den Rand hinweg an. „Dann denk ich drüber nach.“

Geraldine nickte. „Reicht fürs Erste.“

Kathleen stellte den Becher ab. „Und jetzt reden wir über etwas anderes, bevor du anfängst, mir heute noch Schiffstypen zuzuweisen.“

Geraldine hob eine Braue. „Ich hätte schon eine Liste.“

„Natürlich hast du die.“

„Sehr gute Liste.“

Kathleen schüttelte den Kopf, immer noch mit diesem kleinen Lächeln. „Du bist wirklich schlimm.“

„Und du brauchst eine Lizenz.“

„Geraldine.“

„Ich hör ja schon auf.“

„Lügnerin.“

„Ja“, sagte Geraldine, lehnte sich zurück und fühlte zum ersten Mal seit Langem, wie sich etwas in ihr nicht mehr festkrallte. „Aber in sehr guter Gesellschaft.“

Kathleen hielt den Blick noch einen Moment auf ihr, dann schnaubte sie leise und hob den Becher.

„Du bist wirklich unerträglich, wenn du eine Idee hast.“

„Ja“, sagte Geraldine. „Aber meistens zu Recht.“

„Das behauptest auch nur du.“

„Stimmt nicht. Amanda behauptet das manchmal mit anderen Worten.“

Kathleens Mundwinkel zuckte. „Das macht es nicht besser.“

Geraldine stellte ihren Becher ab. „Ich kümmere mich drum.“

Kathleen sah sie an. „Worum genau?“

„Darum, was du brauchst. Lizenzweg, Voraussetzungen, der ganze Kram.“ Geraldine hob eine Schulter, als wäre das nichts Besonderes. „Du musst heute gar nichts entscheiden. Ich find nur raus, wie die Tür aussieht. Durchgehen kannst du später immer noch selbst.“

Kathleen schwieg einen Augenblick. Nicht abwehrend. Eher so, als würde sie etwas von allen Seiten ansehen, das sie lange genug ignoriert hatte, um es beinahe für Möbel zu halten.

„Du machst das gerade gefährlich vernünftig“, sagte sie schließlich.

„Gewöhn dich nicht dran.“

„Keine Sorge.“ Kathleen nahm noch einen Schluck. „Ich finde bestimmt bald wieder etwas an dir, das mich beruhigt.“

„Mein Charme ist sehr konstant.“

„Dein Charme ist ein Betriebsrisiko.“

„Und du brauchst eine Lizenz.“

Kathleen schloss kurz die Augen. „Da ist sie wieder.“

Geraldine grinste nur. Nicht breit. Gerade genug.

Sie blieben noch sitzen, länger als Geraldine es geplant hatte und kürzer, als es Kathleen vermutlich recht gewesen wäre. Das Gespräch driftete wieder weg von dem, was schwer gewesen war, und genau das war gut. Ein paar harmlose Geschichten, ein paar Sticheleien, noch ein Getränk, das Kathleen mit derselben selbstverständlichen Sicherheit auswählte wie vorher. Geraldine merkte irgendwann, dass sie nicht mehr ständig mit einem Teil von sich anderswo war. Nicht bei Tabellen. Nicht bei L-57. Nicht bei einer Tür, die vielleicht irgendwo noch offenstand. Nur hier. Nur mit Kathleen. Es war kein großes Wunder. Aber es reichte.

Als sie später wieder durch die hellen Gänge Richtung Dock gingen, war die Station ruhiger geworden. Weniger Stimmen, weniger Schritte, mehr dieses tiefe Summen im Hintergrund, das neue Stationen hatten, wenn noch alles sauber lief und noch nichts sich festgefressen hatte. Kathleen ging neben ihr, nicht voraus, und das allein machte den Weg schon anders.

„Du meldest dich also, wenn du meine Zukunft organisiert hast“, sagte sie.

„Nein“, sagte Geraldine. „Ich meld mich, wenn ich weiß, welche Formulare dich beleidigen werden.“

„Das klingt realistischer.“

Sie erreichten die Schleuse zur Docksektion. Hinter dem Glas lag die Dolphin ruhig an ihrem Platz, blau und glatt im künstlichen Licht, als hätte sie sich den ganzen Abend überlegt, wie man vernünftig auf jemanden wartet.

Kathleen blieb stehen und sah kurz zu dem Schiff hinüber.

„Ich mag dieses Ding wirklich.“

„Ich weiß“, sagte Geraldine.

„Das ist ungünstig. Es unterstützt deine Argumente.“

„Sehr sogar.“

Kathleen drehte sich zu ihr. Das Lächeln war noch da, kleiner jetzt, aber nicht weg. „Danke“, sagte sie.

Geraldine hob eine Braue. „Wofür?“

„Fürs Herkommen. Fürs Nicht-so-tun-als-ob. Für die unverschämt präzise Version von Fürsorge, die du neuerdings gelegentlich ausprobierst.“

Geraldine verzog den Mund. „Sprich da nicht zu romantisch drüber.“

„Keine Angst.“ Kathleen sah sie einen Moment zu lange an, nur weil sie es konnte. „Ich ruinier dir deinen Ruf nicht.“

Geraldine nickte Richtung Schiff. „Ich meld mich wegen der Lizenzsache.“

„Mhm.“

„Und dann nehm ich mir Bachelet wieder vor.“

Kathleens Blick blieb an ihr hängen.

Nur ein Wimpernschlag. Vielleicht zwei.

„Bachelet“, wiederholte sie.

Geraldine wurde sofort stiller. „Ja.“

Kathleen sah nicht mehr direkt sie an, sondern irgendwo knapp an ihr vorbei, in diesen unscharfen Raum, in dem Gedanken gerade erst anfangen, Form zu bekommen.

„Der Name sagt mir was.“

Geraldines Hand, die schon halb an der Schleusenverriegelung gewesen war, blieb in der Luft stehen. „Woher?“

Kathleen schüttelte langsam den Kopf. „Weiß ich noch nicht.“ Sie zog die Stirn leicht zusammen. „Colonia vielleicht. Ich hab da mal mit jemandem gearbeitet oder zumindest kurz zu tun gehabt, die oder der so hieß. Oder ähnlich. Ich krieg es gerade nicht sauber zu fassen.“

„Nur der Name?“

„Im Moment ja.“ Kathleen hob den Blick wieder. „Mehr hab ich nicht. Nur dieses Gefühl, dass mir das schon mal begegnet ist.“

Geraldine sagte nichts. Nur dieser kleine Wechsel in ihrem Gesicht, wenn in ihrem Kopf etwas neu einrastete.

Kathleen bemerkte es natürlich.

„Mach jetzt nicht gleich wieder Jagdblick“, sagte sie leise.

„Zu spät.“

„Geraldine.“

Diesmal lag ein Hauch Lachen in ihrer Stimme, aber auch etwas anderes. Vorsicht. Genauigkeit.

„Ich hab nichts Handfestes. Lass mich in Ruhe drüber nachdenken. Wenn du weg bist, geh ich’s noch mal durch. Colonia, Projekte, Leute. Vielleicht fällt es mir wieder ein. Vielleicht auch nicht.“

Geraldine atmete aus. Nicht enttäuscht. Eher konzentriert. „Okay.“

„Okay?“ Kathleen zog eine Braue hoch. „So schnell gibst du Ruhe?“

„Nein“, sagte Geraldine. „Ich verlagere sie nur.“

Das brachte Kathleen doch noch zum Schnauben. „Gut. Damit kann ich arbeiten.“

Für einen Moment standen sie einfach da. Neue Station. Ruhiger Gang. Die Dolphin hinter Glas. Zwischen ihnen keine große Szene mehr, sondern dieses seltene, feste Gleichgewicht, das nicht dauernd benannt werden musste.

Dann trat Geraldine einen halben Schritt zurück und legte die Hand endlich an die Verriegelung.

„Denk nach“, sagte sie.

Kathleen nickte. „Du kümmerst dich um meine Lizenz. Ich kümmer mich um deinen Namen.“

„Klingt fast fair.“

„Ist es nicht“, sagte Kathleen. „Aber ich lass es durchgehen.“

Geraldine lächelte schmal. „Dann bis bald.“

„Bis bald“, sagte Kathleen.

Die Schleuse glitt auf. Geraldine ging hinüber zur Dolphin, ohne sich zu beeilen. Erst kurz vor dem Einstieg sah sie noch einmal zurück.

Kathleen stand immer noch da.

Nicht winkend. Nicht dramatisch. Nur da, mit diesem nach innen gerichteten Blick, als hätte der Name bereits irgendwo eine alte Schublade aufgezogen.

Als sich die Schleuse hinter Geraldine schloss, war Bachelet wieder da.

Nicht als Spur.

Noch nicht.

Aber auch nicht mehr nur als kalter Name in einer Akte.

Kapitel 57