Kapitel 51 – Zu klein für dich

Die Fertigstellung der großen Orbitalstation ließ das System für ein paar Tage in einem eigenen Licht stehen.
Geraldine genoss den Moment — aber sie blieb nie lange stehen. Kaum waren die Betriebsdaten stabil, dachte sie schon weiter.

„Die Prime steht,“ sagte sie zu Rosie, während sie die Holokarte des Systems öffnete. „Jetzt will ich, dass der Rest genauso funktioniert. Mehr Wirtschaft, mehr Produktion, mehr Vielfalt. Die Märkte sollen brummen.“

Rosie grinste knapp. „Du willst das System vollmachen.“
„Komplett,“ bestätigte Geraldine. „Starke Infrastruktur, volle Lieferketten. Kein toter Fleck mehr.“

Sie zog die Ansicht auseinander: Orbitalstrukturen, Bodenstationen, Satelliten. Alle leuchteten in sauberem Weiß.
„Wir brauchen noch… was? Ein zweites Industriehabitat? Einen Außenposten an der Mondseite? Vielleicht sogar eine Forschungsnadel, wenn—“

„Stop.“
Rosies Stimme war ruhig, aber sie legte ihr die Hand auf den Arm.

„Schau noch mal hin.“

Geraldine blinzelte, vergrößerte die Karte.
Alle Bauanker waren markiert.
Jedes einzelne.
Kein grauer Punkt. Keine offene Stelle.

„Nein,“ murmelte sie. „Das kann nicht sein.“

Rosie verschränkte die Arme. „Doch. Wir haben jede Bauzone besetzt. Orbit voll. Bodensektoren voll. Sogar die Mikroknoten für Mini-Installationen sind ausgereizt.“

Geraldine starrte auf die Karte, als wäre sie falsch geladen worden.
Ihr System.
Das, was sie aus dem Nichts geschaffen hatte.
Und plötzlich… keine Luft mehr zum Wachsen.

„Ich wollte eine Asteroidenstation bauen,“ sagte sie schließlich, fast tonlos.
„Ich weiß,“ antwortete Rosie.
„Ich hab extra Material dafür gesammelt. Ich hab… Pläne im Kopf gehabt.“

Rosie nickte. „Aber selbst wenn du Platz hättest… der Ring erfüllt nicht die Anforderungen.“
„Welche?“
„Stabiler Ressourcenpuls. Geologische Verankerungspunkte. Das ganze wissenschaftliche Gedöns.“
„Und wir haben…?“
„Nichts davon.“

Geraldine ließ sich in den nächsten Sitz fallen, die Hände im Nacken verschränkt.
Das Kartenlicht spiegelte sich auf ihrem Gesicht — klar, kalt, endgültig.

„Also war’s das,“ sagte sie leise.
„Nein,“ korrigierte Rosie. „Es heißt nur: Dieses System ist fertig.“

Geraldine sah sie an. „Fertig.“
„Fertig,“ bestätigte Rosie mit einem kleinen, stolzen Lächeln. „So fertig, wie ein System überhaupt sein kann.“

Ein paar Sekunden lang herrschte Stille.
Kein Triumph. Keine Ohnmacht.
Nur diese Erkenntnis, die langsam, tief in ihr sank:
Sie hatte wirklich etwas vollendet.
Etwas Großes.
Etwas, das bleibt.

Und gleichzeitig — dieses leise Ziehen hinter den Rippen.
Wenn alles fertig ist… wohin geht man dann?

Geraldine saß noch immer im Kartenzimmer, die Projektion des Systems vor ihr, jede Bauzone markiert, jedes Modul online, jeder verdammte Punkt belegt.
Sie starrte darauf, als könnte sie irgendwo noch ein verstecktes Feld finden, eine vergessene Nische.

Die Tür öffnete sich leise.
Amanda trat ein, ohne Worte, beobachtete sie einen Moment.

„Du sitzt hier schon seit zehn Minuten und atmest nicht,“ sagte sie schließlich.

Geraldine schnaubte. „Ich atme.“
„Nicht so, wie man eigentlich sollte.“
Amanda kam näher, verschränkte die Arme. „Was ist los?“

Geraldine lehnte sich zurück, ließ die Projektion drehen.
„Das war nicht der Plan,“ murmelte sie. „Ich wollte eine Orbitalstation, gut. Aber ich wollte noch mehr: Infrastruktur, Wirtschaft, Präsenz. Eine Asteroidenstation. Ein ganzes Netz. Ein System, das lebt. Und jetzt… ist einfach Schluss.“

Amanda hob eine Augenbraue. „Weil du fertig bist?“
„Weil es keine Bauplätze mehr gibt. Keine Bodenzonen. Keine Orbitanker. Nichts.“ Geraldines Stimme war ruhig, aber hart. „Ich hab hier alles gebaut, was möglich war. Und es fühlt sich nicht an wie ein Sieg. Es fühlt sich an wie… Ende.“

Amanda stellte sich neben sie, betrachtete die Projektion.
Für einen Moment sagte sie nichts. Dann ganz ruhig:

„Vielleicht ist das System einfach zu klein für dich.“

Geraldine sah zu ihr rüber, irritiert und getroffen zugleich.
„Wie meinst du das?“

Amanda zuckte die Schultern. „Du baust, bis nichts mehr geht. Du füllst jede Lücke, jeden Orbit, jede Station. Und wenn der Raum voll ist – dann fühlst du dich eingesperrt.“
Sie neigte den Kopf leicht. „Warum sollte das dein letzter Horizont sein?“

Geraldine öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Amanda trat einen Schritt näher, nicht dominant, sondern leise sicher.
„Such dir ein neues System, Geraldine.“

Stille.

Die Worte hingen im Raum, klar und einfach wie eine mathematische Wahrheit.
Geraldine sah wieder auf die Projektion – ihr Reich, ihr Werk, abgeschlossen. Zu klein.

„Ein neues System…“ flüsterte sie.
Amanda nickte nur. „Du bist nicht dafür gebaut, irgendwo stehenzubleiben.“

Geraldine atmete aus. Ein langer, befreiender Atemzug.
„Vielleicht hast du recht.“

Amanda grinste schmal. „Ich hab immer recht.“

Geraldine schmunzelte. „Das ist das Problem.“

Die beiden standen nebeneinander, blickten auf das vollendete System – und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich die Zukunft nicht eng, sondern weit an.

Amanda schwieg einen Moment, während Geraldine noch vor der voll belegten Systemkarte stand.
Dann geschah etwas, das Amanda schon oft gesehen hatte – dieses winzige Aufblitzen in Geraldines Blick.
Der Moment, in dem kein Zweifel mehr existierte.

Geraldine atmete einmal tief durch.
„Ich fliege morgen los.“

Amanda blinzelte. „Wohin?“
„Weg von hier. Raus aus bekannten Routen. Ich suche mir ein neues System.“

Keine Zögerlichkeit, kein Hadern – nur dieser Ton, der immer kam, wenn in ihr der Schalter umgelegt wurde.

„Und mit welchem Schiff?“ fragte Amanda, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.

Geraldine drehte sich zu ihr um.
Ein kleines, schiefes, entschlossenes Lächeln.
„Mit der Mandalay. Dafür ist sie gebaut.“

Amanda musste lachen – leise, warm, fast ungläubig.
„Natürlich mit der Mandalay… warum frag ich überhaupt.“

Geraldine nickte.
„Sie ist schnell, sie hat Reichweite, sie hat Geschichte. Und ich vertraue ihr.“

Amanda sah sie an – wirklich sah sie an – und in diesem Blick lag eine Tiefe, die kaum Worte brauchte.
„Soll ich mitkommen?“

Geraldine erstarrte für einen Herzschlag lang. Nicht aus Schreck – sondern aus dieser besonderen Mischung aus Überraschung und Freude, die ihr wie eine Welle durchs Brustbein schoss.

„Du willst?“

Amanda trat einen Schritt näher.
„Ich lass dich nicht allein rausfliegen, wenn du dir dein nächstes Zuhause suchst.“
Dann, leiser:
„Und… ich will dabei sein.“

Geraldine spürte, wie sich etwas in ihr löste, das sie gar nicht bemerkt hatte.
Sie legte ihre Hand auf Amandas Arm, ohne groß darüber nachzudenken.

„Ja,“ sagte sie. „Bitte. Komm mit.“

Amanda lächelte – kein Grinsen, kein Spruch, sondern etwas Seltenes, Verletzliches.
„Dann fliegen wir morgen zusammen.“

Geraldine nickte langsam.
„Zusammen.“

Es fühlte sich nicht an wie ein Aufbruch.
Es fühlte sich an wie ein Versprechen.

Der nächste Morgen war ungewöhnlich still.
Das Summen der Citadel Geraldine lag weich in der Luft, und der Hangar war fast menschenleer — nur vereinzelte Crewmitglieder in der Ferne, gedämpfte Schritte, ruhige Stimmen.

Geraldine war früh wach.
Viel zu früh, aber sie fühlte sich seltsam klar.
Nicht nervös.
Nicht aufgedreht.
Sondern… bereit.

Die Mandalay wartete im Hangar.
Elegant. Dunkel. Kraftvoll.
Ein Schiff, auf das man sich immer verlassen konnte – und das sich anfühlte wie ein stiller Begleiter, nicht wie ein Werkzeug.

Geraldine trat näher, legte die Hand auf die Hülle.
„Es geht wieder los,“ murmelte sie. „Nur du und ich. Und Amanda.“

„Ich hoffe, ich bin nicht nur das Anhängsel da hinten.“

Geraldine drehte sich um.
Amanda stand am Steg, Tasche geschultert, noch halb zerzaust vom Aufstehen – aber mit diesem typischen, wachen Blick, der immer zu früh sah, was in ihr vorging.

„Du bist früh dran,“ sagte Geraldine.
„Ich verpasse doch nicht den Startschuss in dein nächstes Abenteuer.“

Geraldine lachte leise. „Stimmt. Wäre ja untypisch.“

Amanda trat neben sie. Beide sahen auf die Mandalay.
Zwischen ihnen lag Stille – aber diese gute, warme Art von Stille, die entsteht, wenn man sich absolut vertraut.

„Also,“ sagte Amanda, „bereit?“
„Mehr als das,“ antwortete Geraldine. „Ich hab das Gefühl, wir müssten längst unterwegs sein.“

Amanda neigte den Kopf.
„Und ich hab das Gefühl, dass ich genau da sein sollte, wo du bist.“

Ein kurzer Moment.
Tief. Ehrlich.
Nicht groß, aber bedeutend.

Geraldine berührte kurz Amandas Hand. Nicht geplant – einfach richtig.
„Dann fliegen wir zusammen.“
„Natürlich,“ sagte Amanda nur.

Sie stiegen ein.
Die Mandalay erwachte, als hätte sie gewusst, dass heute ein besonderer Tag war:
Cockpitlichter flammten auf, das Triebsystem vibrierte, die Anzeigen füllten sich mit sanftem Blau.

Geraldine aktivierte den Funk.
„Citadel Tower, Mandalay meldet Abflug.“
„Freigegeben. Gute Reise, Commander.“

Amanda schnallte sich an.
„Ein kleiner Hinweis, bevor wir starten…“
„Ja?“
„Wenn du wieder spontan entscheidest, dass wir irgendwo landen oder jemanden retten oder ein System übernehmen… dann sag’s vorher.“
„Ich entscheide nie spontan.“
„Geraldine… bitte.“

Geraldine grinste.
„Na gut. Vielleicht ein bisschen spontan.“

Die Hangartore öffneten sich, die Sterne warteten wie immer – aber heute fühlten sie sich größer an.

„Bereit?“
„Zusammen,“ sagte Amanda.

Und die Mandalay glitt hinaus ins Schwarz – nicht auf der Suche nach einem Ziel, sondern auf der Suche nach einem Gefühl.

Ein neues System.
Ein neuer Anfang.
Und zwei Menschen, die begriffen:
Manchmal ist die Suche wichtiger als das Finden.

Geraldine löste die Mandalay sanft vom Carrier und gab Schub. Die Sterne zogen sich auseinander, das System lag bald hinter ihnen wie ein Punkt, der kaum noch Bedeutung hatte.
Amanda lehnte sich zurück, die Füße halb unter sich geschlagen, das Navigationspad im Schoß.

„Gut“, sagte sie. „Ich such uns jetzt Kandidaten raus.“
„Grenzsysteme“, ergänzte Geraldine. „Bewohnt, aber nicht zu sehr, und drumherum bitte nichts außer Dunkelheit.“
„Du willst also Einsamkeit mit Aussicht.“
„Genau.“
„Gut. Mag ich.“

Ein paar Minuten später.

„System Nummer eins: drei Sonnen, ein Planet, zwei Staubklumpen. Viel Spaß.“
„Weiter.“

Amanda wischte. „System Nummer zwei: eine Sonne. Und… sonst nichts.“
Geraldine stöhnte. „Großartig. Ein leuchtender Ball, der in der Leere hängt. Ich bau doch keine Station an einen Pfannkuchen.“
„Also nein?“
„Amanda.“
„Okay, okay. Weiter.“

Sie flogen den ersten Kandidaten an.
Nichts.
Ein System wie ein leerer Schuhkarton.

Der nächste Versuch.

„Hier“, sagte Amanda, „das sieht doch halbwegs— Moment. Nein. Planeten ohne Atmosphäre. Ringe ohne Substanz. Rohstoffgehalt… minimal.“
Geraldine zog die Augenbraue hoch. „Minimal heißt?“
„Erde, Kies und Traurigkeit.“
„Wunderbar. Weiter.“

Sie sprangen erneut.

System drei.

Sie durchbrachen die Transition, die Anzeigen flackerten, und vor ihnen lag… nichts, was Geraldine begeisterte.

„Ich werde wahnsinnig“, murmelte sie. „Die Galaxie ist vierhundert Milliarden Sterne groß und wir finden nur interstellaren Sperrmüll.“
Amanda grinste. „Immerhin ist er ruhig.“
„Ich will keine Ruhe, ich will Substanz.“
„Gut, dann streich das System. Da hinten ist ein weiterer Kandidat. Vielleicht mit… zwei Planeten? Drei? Lebewesen? Einem funktionierenden Kühlschrank?“
„Du machst dich über mich lustig.“
„Nur ein bisschen.“

Sie sprangen weiter.
Das Schiff vibrierte kurz als sie die Barycenter durchquerten.

Nächstes System.

„Okay“, sagte Amanda. „Das sieht doch gut aus. Eine Sonne, vier Planeten, und-“
„Keine Ringe“, unterbrach Geraldine, als die Datenreihen einrollten.
„Ja. Keine Ringe.“
„Ich will Ringe.“
„Ich weiß, dass du Ringe willst. Ich suche Ringe. Ich träume mittlerweile von Ringen.“
„Dann such welche.“
„Ich suche doch! Das ist die Galaxie, nicht der Lieferservice von Port Geraldine!“

Nächstes System.

„Zwei Ringe!“, rief Amanda plötzlich.
Geraldines Herz machte einen kleinen Sprung. „Wirklich?“
Amanda: „Ja! Ringe! Aber…“
Geraldine: „Aber?“
Amanda: „Sie bestehen aus… Gas. Nur Gas. Kein Gestein, keine Ressourcen. Einfach nur ein hübscher Nebel, der so tut, als wäre er nützlich.“
Geraldine warf den Kopf zurück und lachte verzweifelt. „Ich fasse es nicht. Wir suchen einen neuen Ort im größten verdammten Universum und bekommen nur Deko.“
„Immerhin schöne Deko.“
„Amanda…“
„Okay, okay. Ich such weiter.“

Sie flogen eine halbe Stunde von System zu System.
Immer wieder dieselbe Leere, dieselben Enttäuschungen.
Geraldine wurde stiller, Amanda sarkastischer.

„Ich schwöre, wenn das nächste System wieder nur einen Klumpen Fels hat, dreh ich um und bau einfach doch noch irgendwo eine Station auf den Toiletten der Citadel.“
„Ich unterstütze das nicht offiziell, aber ich würd’s feiern.“
„Du hilfst null, weißt du das?“
„Ich helfe sehr wohl. Wenn ich nicht hier wäre, würdest du längst anfangen, mit der Galaxiekarte zu streiten.“
„Tue ich doch schon.“
„Eben.“

Noch ein Scan.
Noch ein System.

Geraldine seufzte.
„Ich glaub’s nicht. Milliarden Sterne. Milliarden. Und wir finden… Scheiße.“
Amanda nickte ernsthaft. „Premium-Scheiße. Extra ausgewählt.“
Geraldine lachte trotz allem. „Du bist unmöglich.“
„Ich weiß. Und trotzdem flieg ich weiter für dich.“

Nach weiteren drei Sprüngen ohne Erfolg brach Geraldine schließlich ab.

„Ich brauch eine Pause,“ murmelte sie.
„Ich brauch ein Bett,“ ergänzte Amanda. „Oder eine Couch. Oder irgendwas, das nicht vibriert wie ein schlecht installierter Generator.“
„Dann such uns was.“
„‚Was‘ ist ein großes Wort in diesem Quadranten.“

Amanda tippte auf die Navigationskonsole, scrollte, verzog das Gesicht.

„Okay… ich hab da was.“
„Klingt nicht vertrauenserweckend.“
„Ist es auch nicht. Aber es ist das Einzige, was es hier gibt.“

Ein kleiner Punkt erschien.
Ein Außenposten.
Karg. Abgelegen. Minischiffswerft, Bar, Schlafquartiere.
Vor allem aber: Atmosphäre.

„Wir nehmen den,“ sagte Geraldine.
„Ich hoffe, du magst Abenteuer.“
„Ich hab dich an Bord, Amanda. Offensichtlich mag ich Abenteuer.“

Die Mandalay setzte auf der Plattform auf, die aussah, als würde sie seit Jahrzehnten dringend jemanden brauchen, der sie repariert.

„Das wackelt,“ kommentierte Amanda.
„Das gehört so.“
„Aber es wackelt zu viel.“
„Wir leben noch.“
„Das ist kein Argument.“

Geraldine grinste, öffnete die Luke – und warme, trockene Luft schlug ihr entgegen, gepaart mit einem Duft nach Schmieröl, altem Metall und… etwas Frittiertem.

„Es riecht nach Pommes,“ stellte Amanda fest.
„Wir bleiben.“
„Das dachte ich mir.“

Innen war es überraschend belebt.
Mechaniker, Frachterpiloten, ein paar Reisende, die aussahen, als hätten sie seit Monaten kein echtes Bett mehr gesehen.
Die Bar war klein, beleuchtet von einem flackernden Neonstreifen, und hatte das charmante Flair von „wir hatten kein Budget, wir nehmen was rumliegt“.

Geraldine und Amanda bestellten zwei Getränke.
Der Barkeeper stellte ihnen Gläser hin, die aussahen, als hätten sie Kratzer aus drei Zeitaltern.

„Was ist das?“ fragte Amanda.
„Trink’s einfach,“ meinte er.
„Das macht mir Sorgen.“
Geraldine hob ihr Glas. „Das macht mich neugierig.“

Sie stießen an.
Das Getränk brannte wie flüssige Sonne und schmeckte gleichzeitig wie eine Gewürzmischung, die jemand aus Versehen ins Feuer geworfen hatte.

Geraldine hustete.
Amanda prustete los.

„Das ist das Schlimmste, was ich je getrunken habe!“ keuchte Geraldine.
„Das Beste Schlimmste,“ korrigierte Amanda. „Ich spüre bereits, wie es mich innerlich desinfiziert.“

Sie setzten sich an einen kleinen Tisch, der aus irgendeinem ausgedienten Frachttürsegment gefertigt war.
Ein Pilot am Nebentisch schielte rüber.

„Seid ihr die beiden, die mit der schicken Mandalay gelandet sind?“
Geraldine nickte vorsichtig.
„Ja.“
Er hielt zwei Daumen hoch.
„Mutig.“
Amanda: „Warum mutig?“
Der Pilot:
„Weil die Hälfte unserer Landeplattform unebenen Boden hat und euer Fahrwerk vom guten Typ scheint. Das Ding steht wahrscheinlich gerade auf zwei Zentimetern Hoffnung.“

Amanda sah Geraldine an.
„Ich hab es dir gesagt.“
Geraldine rollte die Augen. „Es steht doch noch.“
Der Pilot: „Noch.“

Sie blieben bis spät, hörten Geschichten von Piloten, die behaupteten, im Nebel dahinter würden Schiffe verschwinden (Amanda murmelte: „Das wart garantiert ihr zwei“), und lachten über die seltsamen Details dieses Außenpostens.

Es war leicht, es war menschlich, es war völlig unbedeutend –
und genau das machte es zu einem der Momente, die man später nicht vergisst.

Die beiden waren irgendwann in eine ruhigere Ecke der Bar gewandert, fern vom Lärm der Mechaniker und dem Summen der Displays.
Geraldine saß mit halb geleertem Glas da, starrte auf die Karte des Sektors, die auf dem Pad zwischen ihnen flimmerte.

„Ich versteh’s nicht,“ sagte sie leise. „So viele Sterne. So viele Systeme. Und wir finden… nichts. Gar nichts.“
Sie klang nicht wütend — eher leer.
Wie jemand, der seit Stunden gegen eine unsichtbare Wand läuft.

Amanda lehnte sich zurück, musterte sie einen Moment.
„Du bist frustriert.“
„Ja.“
„Gut.“

Geraldine blinzelte. „Gut?“

„Ja.“ Amanda zog die Braue hoch. „Wenn du frustriert bist, bedeutet das, dass du noch willst. Dass du noch suchst. Dass du nicht abgestumpft bist.“
Sie tippte mit dem Finger gegen Geraldines Pad. „Weißt du, was mich stören würde? Wenn du die Schultern zuckst und sagst ‚passt schon‘. Dann wär was kaputt.“

Geraldine sah sie an, überrascht – das war nicht der Trost, den sie erwartet hatte.
Es war besser.

„Du glaubst also, Frust ist gut?“
„Bei dir? Ja.“
Amanda deutete auf das Sektoren-Holo. „Du suchst nicht irgendein System. Du suchst dein System. Und sowas findest du nicht nach zwanzig Sprüngen.“

„Ich weiß…“
„Nein, du vergisst es.“ Amanda beugte sich ein Stück vor. „Geraldine, du bist eine, die ganze Systeme baut. Du willst Perfektion. Aber Perfektion ist selten. Und schwer. Und wertvoll. Also hör auf zu tun, als würdest du hier die schnelle Tour fahren.“

Geraldine presste die Lippen zusammen.
„Vielleicht hab ich’s mir zu leicht vorgestellt.“
„Vielleicht,“ sagte Amanda, „war es Zeit, wieder mal etwas zu suchen, das nicht sofort funktioniert.“

Geraldine lachte kurz, bitter. „Ich werd langsam alt für sowas.“
„Du? Alt?“ Amanda schnaubte. „Der Tag, an dem du alt wirst, ist der Tag, an dem du freiwillig im Carrier bleibst und mir sagst, ich soll allein fliegen. Und der Tag kommt nie.“

Geraldine senkte den Blick — ein kleines, echtes Lächeln.
Eines, das Amanda sofort bemerkte.

„Hey,“ sagte Amanda leise, aber mit dieser Stimme, die immer traf. „Ich bin hier. Egal wie viele Systeme wir abklappern müssen. Egal wie lange es dauert. Ich flieg das mit dir, bis wir’s gefunden haben.“

Geraldine hob den Kopf.
Ihre Augen waren nicht traurig — nur offen.

„Warum?“
Amanda zuckte mit einem Schulterheben, das zu ehrlich war, um lässig zu wirken.
„Weil du nie aufhörst, nach etwas Besserem zu suchen. Und ich will sehen, wohin dich das diesmal führt.“
Dann, leiser:
„Und weil ich dich nicht allein lassen will, während du versuchst, die Galaxie zu überreden, dir ein Zuhause zu geben.“

Geraldine atmete aus — langsam, tief.
Der Frust war nicht weg.
Aber er war… leichter.
Geteilt.

„Danke.“
Amanda nickte, als wäre das selbstverständlich. „Gern. Und jetzt gehen wir schlafen, bevor du anfängst, die Bar umzubauen, weil sie nicht ‚optimal‘ ist.“

Geraldine grinste. „Ich hab kurz drüber nachgedacht.“
„Ich weiß.“

Sie standen auf.
Und in der langsamen, wortlosen Bewegung zwischen Bar und Quartieren entstand dieser Funke — kein Kitsch, keine Romantik.
Nur das Gefühl, dass zwei Menschen genau dort waren, wo sie sein sollten.

Der Morgen begann grau und still – so still, wie Außenposten im Nirgendwo nun mal waren.
Geraldine und Amanda frühstückten kurz, schnappten sich ihren Kram und starteten die Mandalay, als wäre die Nacht zuvor nur ein kleiner Boxenstopp gewesen.

Die nächsten Stunden vergingen im Zeitraffer.
Sprung um Sprung, Stern um Stern.
Ein System ohne Atmosphäre.
Ein System ohne Planeten.
Ein System mit Planeten, aber ohne irgendetwas Nützliches.
Ein System, das aussah wie eine Müllhalde aus alten Asteroiden.

Amanda kommentierte jedes zweite System nur noch mit:
„Nein.“
Geraldine kommentierte jedes dritte mit:
„Ich geb’s langsam auf.“

Und dann – ein Sprung, ein Schimmer, ein Eintrag, der anders wirkte.

Synuefe NG-J b55-1

Die Anzeigen liefen voll.

„Warte,“ sagte Amanda.
Geraldine stoppte den Kurs.
„Was?“
„Schau dir das an.“

Sie holte die Systemkarte groß auf den Schirm.
Gasriesen.
Monde.
Ringe.
Noch mehr Monde.
Noch mehr Ringe.
Und über 80 mögliche Bauplätze.

Kurz war es vollkommen still.

Geraldine flüsterte:
„Das… ist perfekt.“

Amanda nickte. „Das ist mehr als perfekt. Das ist verrückt. Das ist ein ganzes Universum zum Bauen.“

Sie drehten ab, um weiterzufliegen.
Nur aus Neugier.
Nur ein letzter Blick in die Region.

Synuefe VB-S b50-1

Der nächste Sprung war Routine – aber die Daten, die hereinkamen, nicht.

„Okay… interessantes System,“ sagte Amanda.
„Interessant wie?“
„Groß. Sehr groß. Keine Ringe, aber drei metallreiche Monde.“
„Wie metallreich?“
Amanda gab Werte ein. Blätterte. Pfiff.
„Geraldine… das ist ein Geschenk. Keine Schmuckkästchen wie im letzten System, aber dafür voll mit Material.“

Geraldine biss sich auf die Lippe.
„Verdammt.“
„Ich weiß,“ sagte Amanda. „Das ist… auch gut.“

Noch ein paar Klicks.
Noch ein paar Werte.
Stille.

Geraldine knurrte: „Ich hasse Entscheidungen.“
„Ich auch. Und diesmal kann ich dir keine abnehmen.“

Geraldine starrte auf die Karte.
Links: Ringe, Schönheit, Bauwunder.
Rechts: Rohstoffe, industrielle Möglichkeiten, solide Strukturen.

Amanda verschränkte die Arme.
„Also… System A oder System B?“

Geraldine atmete ein.
Aus.
Dann lehnte sie sich zurück und sagte in ihrem typischen, völlig selbstverständlichen Tonfall:

„Ich nehm beide.“

Amanda blinzelte zweimal.
„Beide.“
„Ja.“
„Wie… beide?“
„Na beide. Ich setze den Claim im ersten System sofort und baue dort den Außenposten. Und sobald der online ist, claim ich das zweite auch.“

Amanda fuhr sich durchs Haar.
„Geraldine… das ist… das ist unfassbar groß gedacht. Das ist-“
„Konsequent,“ fiel Geraldine ein.

Amanda starrte sie an, zwischen Fassungslosigkeit und Bewunderung.
„Weißt du, die meisten wären froh, ein System zu kriegen, das funktioniert.“
„Ja.“
„Und du nimmst zwei.“
„Ja.“
„Weil du kannst.“
„Na endlich verstehst du mich.“

Amanda lachte – dieses helle, ehrliche Lachen, das sie so selten zeigte.
„Okay. Gut. Klar. Dann eben zwei. Ich wusste ja, dass du größenwahnsinnig bist, aber das hier setzt neue Maßstäbe.“
„Ich nenne es Vision.“
„Ich nenne es… anstrengend.“
„Du liebst es.“
Amanda schnaubte. „Leider ja.“

Geraldine richtete die Mandalay aus.
„Also. Wir fliegen zurück und setzen sofort den Außenposten.“
Amanda nickte.
„Und dann?“
Geraldine grinste.
„Dann wird’s richtig groß.“

Die Mandalay drehte ab – zwei Systeme hinter ihnen, zwei Claims vor ihnen.
Und Geraldine wusste:
Jetzt wurde es spannend.

Die Mandalay schob sich in den äußeren Docks der nächstgelegenen Station – einer dieser neutralen Verwaltungsplattformen, die niemand beachtet, bis man sie braucht.
Geraldine landete, sprang die Rampe herunter und war in weniger als zwei Minuten am Terminal.

Amanda lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, die Jacke halb offen, als wäre sie hier schon zehnmal gewesen.

„Lass mich raten,“ sagte sie, „du bist in Rekordzeit durch alle Formulare gerannt?“
„Es waren nur drei Bildschirme.“
„Und du hast alle übersprungen.“
„Natürlich.“

Geraldine legte ihre Identifikation ans Pad. Sekunden später erschien der Hinweis:

Systemregistrierung erfolgreich.
Besitzanspruch für Synuefe NG-J b55-1 bestätigt.

Geraldine atmete aus.
„So. Einer steht.“
„Und der andere?“
„Sobald der Außenposten online ist.“

Amanda grinste. „Du bist unmöglich.“
„Danke.“

Nachdem der Claim gesetzt war, flogen Geraldine und Amanda direkt in Richtung des äußeren Gasriesen.
Die Sonne lag tief hinter dem Planeten, sein Schatten zog ein blaues Band über die Ringe.

„Da drüben,“ sagte Geraldine und markierte eine Stelle über dem äquatorialen Orbit.
„Gute Sicht, stabile Gravitation, keine Störungen.“

Amanda nickte. „Gefällt mir. Und es sieht verdammt gut aus.“

Geraldine aktivierte das Konsolenpanel.
Die Boje schwebte wie ein kleiner, unscheinbarer Zylinder aus dem Laderaum, drehte sich kurz, kalibrierte die Sensoren – und raste dann in Position.

Ein Ping.
Ein zweites.
Dann der klare, hell aufleuchtende Datensatz:

Navigationsboje verankert.
Außenposten-Bauplatz registriert.

Geraldine atmete erleichtert aus.
„Gut. Der erste Punkt steht.“
Amanda grinste.
„Dann lass uns heimfliegen und die Bombe platzen lassen.“

Der Carrier schwebte wie ein schlafender Gigant über dem System.
Die Mandalay tauchte in den Hangar ein, das Licht der Dockstrahler glitt über die Hülle.

Kaum hatten die Triebwerke abgeschaltet, war Rosie schon da.

„Ihr wart lange weg,“ sagte sie, ohne Begrüßungsfloskeln. „Habt ihr irgendwas gefunden?“
Geraldine streifte die Handschuhe ab.
„Zwei Systeme.“

Rosie blinzelte.
„Zwei?“
„Ja. Beide groß. Beide leer. Beide perfekt.“

Amanda trat neben Geraldine.
„Und bevor du fragst – ja, sie meint wirklich zwei.“

Rosie schnaufte, als müsste sie die Info sortieren.
„Okay… das ist… viel.“
„Ich weiß.“
Geraldine schaltete ihr Pad ein, projizierte die Kartendaten in die Luft.

„Synuefe NG-J b55-1 ist bereits geclaimt,“ erklärte sie.
„Synuefe VB-S b50-1 folgt, sobald der Außenposten im ersten System steht.“

Rosie sah von einer zu anderen.
„Und… womit fangen wir an?“

Geraldine lächelte.
„Mit dem Offensichtlichen: Wir setzen zuerst die Außenposten. In beiden Systemen.“

„Beide gleichzeitig?“
„So schnell, wie möglich.“

Amanda verschränkte die Arme.
„Es bringt nichts, sofort mit Großbauten anzufangen. Erst Fuß fassen. Dann expandieren.“

Geraldine nickte.
„Genau das. Ein Außenposten pro System. Dann sehen wir weiter. Wir haben genug andere Baustellen – der Carrier, der Handel, die laufenden Missionen. Wir müssen nicht sofort alles hochziehen.“
Sie sah in die Runde.
„Aber wir legen den Grundstein.“

Rosie ließ den Blick über die Projektion gleiten und grinste langsam.
„Damit fängt’s also an… Geraldines neues Universum.“

Amanda sah zu Geraldine.
„Und diesmal hast du mich dabei.“

Geraldine hielt ihrem Blick stand.
„Ich weiß.“
Und in ihrem Ton lag mehr als nur Zuversicht.

Die folgenden Tage rauschten vorbei wie im Halbschlaf.
Geraldine war kaum auf dem Carrier zu sehen – sie flog, baute, koordinierte.
Der erste Außenposten entstand fast im Stillen: Fundamente, Energiezelle, Kommunikationsmast.
Nichts Besonderes, aber genau das, was ein System braucht, um offiziell zu leben.

Kaum war er online, setzte sie den Claim im zweiten System.
Kein Konkurrenzmarker.
Keine fremden Daten.
Das System war noch jungfräulich frei.
Geraldine sah die Bestätigungsmeldung auf dem Display, atmete erleichtert aus und sagte nur leise:
„Meins.“

Amanda kommentierte es trocken.
„Natürlich. Ich würde mich wundern, wenn du’s nicht auch noch genommen hättest.“
Geraldine grinste. „Wo du Recht hast…“

Der Alltag kehrte einen Moment lang zurück.
Routinetransporte.
Koordination.
Ein bisschen Ruhe.

Bis auf einmal ein Fenster am Navigationsdisplay aufblinkte.

GALNET – NEUE ANKÜNDIGUNG
„Drake Mining Corporation kündigt brandneues Miningschiff an.“
„Prototyp mit spezialisierten Lasern, erweitertem Material-Speicher und kompaktem Aggregat.“
„Erste Auslieferungen geplant für die kommenden Wochen.“

Geraldine starrte auf die Meldung.
Mehr als einen Herzschlag.
Vielleicht zwei.

Dann sagte sie nur:
„Verdammt.“

Amanda war hinter ihr aufgetaucht, lehnte am Rahmen der Konsole.
„Was denn jetzt wieder…?“
Geraldine deutete auf die Nachricht.
Amanda überflog sie, schnaubte trocken.

„Ach super. Noch ein neues Schiff. Genau das, was du brauchst. Ein Grund mehr, wieder alles umzubauen.“
„Das ist ein neues Miningschiff, Amanda.“
„Ja. Und du hast nicht schon drei Schiffe, die du dafür hättest nehmen können?“
„Nicht so.“
„Natürlich nicht so.“ Amanda rollte die Augen. „Bei dir ist nie etwas ‚so‘.“

Geraldine dachte nach.
Zu oft war Mining für sie ein notwendiges Übel gewesen.
Nicht langweilig, aber zäh.
Immer knapp an Effizienz vorbei.
Nie ganz fließend.

Ein Schiff, das das besser konnte…
Ein Schiff, das für sie gebaut war…

Amanda erkannte den Blick sofort.
„Nein. Du denkst schon wieder nach.“
„Ich denke immer nach.“
„Das ist das Problem.“
Geraldine grinste. „Na los, sag’s ruhig.“
Amanda seufzte dramatisch.
„Du wirst es kaufen.“
„Vielleicht.“
„Geraldine.“
„… okay, wahrscheinlich.“

Amanda schüttelte den Kopf, doch ihr Blick blieb warm.
„Du bist unmöglich.“
„Und du bist trotzdem hier.“
„Tja,“ sagte Amanda, „irgendwer muss ja aufpassen, dass du nicht plötzlich zwei Miningschiffe kaufst.“

Geraldine hob eine Augenbraue.
„Ich hab zwei neue Systeme.“
Amanda: „Sag es nicht.“
Geraldine: „Für zwei Systeme braucht man…..“
„Sag es NICHT!“

Geraldine lachte.
Und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich alles wieder leicht an.

Der Abend fühlte sich anders an als sonst.
Nicht schwer, nicht beladen – sondern angenehm voll.
Geraldine lag halb auf der Couch ihres Quartiers, die Jacke offen, die Haare ein wenig zerzaust.
Vor ihr schwebte das Hologramm ihrer beiden frisch geclaimten Systeme.

„Zwei Systeme,“ murmelte sie zufrieden. „In einem Tag. Nicht schlecht.“

Die Tür summte leise und Amanda kam herein, ein Drink in der Hand.
Sie musterte Geraldine und grinste.
„Du siehst aus, als hättest du gerade die Galaxie repariert.“
„Hab ich doch quasi.“

Amanda setzte sich neben sie, legte ihre Beine lässig auf den Tisch.
„Und dann kündigen die auch noch ein neues Miningschiff an. Wenn du heute noch glücklicher wirst, musst du anfangen zu schweben.“

Geraldine lachte.
Ein echtes, warmes Lachen.
„Ja, heute läuft’s.“

Sie saßen eine Weile einfach so da.
Geraldine entspannt wie selten.
Amanda leise beobachtend, zufrieden damit, sie so zu sehen.

Irgendwann sagte Amanda:
„Du… weißt du, woran ich heute gedacht habe?“

Geraldine drehte sich leicht zu ihr.
„Sag’s.“

„An die Zeit, als wir deinen richtigen Namen rausgefunden haben.“

Geraldine blinzelte – nicht irritiert, sondern überrascht.
„Daran denkst du?“
„Nur so. Es ist mir eingefallen.“

Geraldine lehnte sich zurück, schloss kurz die Augen.
Ihr Lächeln blieb.
„Das war eine verrückte Phase. Aber irgendwie schön. Wir waren mitten im Chaos und haben trotzdem gesessen wie zwei Schüler über einem alten Datensatz.“

Amanda lachte leise.
„Ja. Und du warst damals viel… ich weiß nicht… verletzlicher? Oder offener. Vielleicht beides.“

„Ich war neugierig,“ korrigierte Geraldine. „Und überrascht. Und froh, dass du dabei warst.“

Amanda stupste sie mit der Schulter an.
„Ich fand’s auch gut.“

Ein Moment Stille – aber angenehm, warm.

Dann fragte Amanda ganz nebenbei:
„Sag mal… willst du eigentlich nie wissen, wo der Name herkommt? Also wirklich herkommt?“

Geraldine öffnete die Augen und sah zur Decke, als würde sie dort den Faden finden.
Sie war nicht angespannt.
Nicht traurig.
Nur nachdenklich.

„Ich hab lange nicht mehr darüber nachgedacht,“ sagte sie ruhig.
„Weil so viel los war. So viele Entscheidungen, Systeme, Missionen… immer irgendwas.“

Amanda nickte.
„Ja. Aber jetzt hast du mal diesen Moment. Und irgendwas sagt mir… du wärst nicht die Erste, die plötzlich wissen will, wo ihre Wurzeln liegen.“

Geraldine drehte den Kopf zu ihr, ohne eine Spur Anspannung.
„Du meinst, ich sollte es herausfinden?“

„Ich meine,“ sagte Amanda und sah sie offen an, „dass du es vielleicht willst. Und dass du’s nie zu Ende gedacht hast. Nicht verdrängt. Einfach… abgebrochen, weil das Leben dazwischengekommen ist.“

Geraldine ließ das sacken.
Und zum ersten Mal seit vielen Monaten spürte sie ein leichtes Ziehen im Bauch – nicht unangenehm, eher wie ein alter Gedanke, der sich zurückmeldete.

„Vielleicht hast du recht,“ murmelte sie.
„Vielleicht sollte ich nachsehen. Ob irgendwo etwas über meine Herkunft existiert.“

Amanda lächelte – nicht überheblich, sondern stolz.
„Wenn du das willst… ich bin dabei. So wie damals.“

Geraldine drehte das Hologramm der Systeme weg.
Sie brauchte nur noch sie.
Nur den Moment.

„Weißt du was, Amanda?“
„Was?“

„Ich glaube… ich will es wissen. Endlich wirklich wissen.“

Amanda nickte zufrieden.
„Dann finden wir’s raus. Morgen?“

Geraldine grinste.
„Morgen.“

Und damit war die Entscheidung gefallen.
Nicht aus Schmerz.
Nicht aus Druck.
Sondern aus einem ruhigen Moment heraus, der alles veränderte.

In Geraldines Kopf entstand zum ersten Mal ein echtes Ziel, das nicht mit Ringen, Rohstoffen oder Schiffen zu tun hatte:

„Wo komme ich her?“

Und das würde sie nicht mehr loslassen.

Kapitel 52