Kapitel 46 – Koloss im Licht

Nach dem Applaus

Der offizielle Teil löste sich auf wie eine schlecht programmierte Holo-Simulation.
Kaum war das letzte Protokoll unterschrieben, rückten die ersten Anzugträger schon ab – schnell, fast erleichtert, als hätten sie Angst, jemand könnte sie noch bei echter Arbeit erwischen.

Die Kameradrohnen summten ein letztes Mal über die Köpfe hinweg, nahmen noch ein paar dekorative Schwenks, dann verschwanden sie Richtung Schleuse.
Ein PR-Assistent sammelte hastig die glänzenden Deko-Banner ein, ein anderer kämpfte damit, ein Display zu schließen, das „ZUKUNFT BEGINNT HIER“ blinkte und sich weigerte, aufzuhören.

Amanda sah dem Treiben mit verschränkten Armen zu. „Unglaublich,“ murmelte sie. „Zehn Minuten Rampenlicht, dreißig Leute zum Einpacken.“

„Standardprotokoll,“ sagte Rosie trocken. „So macht man Fortschritt handlich.“

Holland schnaubte leise. „Ich nenn’s Fluchtreflex.“

Der Repräsentant von Zorgon Peterson – der mit der spiegelnden Uniform – versuchte noch, Haltung zu bewahren, während sein Team längst in Bewegung war.
Er drehte sich ein letztes Mal um, nickte bedeutungsvoll in Geraldines Richtung. „Commander Cailloux-Delaurent, möge Ihr Beitrag in die Geschichte eingehen.“

„Tut er bestimmt,“ erwiderte sie ruhig. „Spätestens in der Buchhaltung.“

Er verstand den Unterton nicht, lächelte nur mechanisch und verschwand durch die Schleuse.

Geraldine blieb, den Blick auf das große Tor gerichtet, bis die letzte Uniform darin verschwunden war.
Die Geräusche verstummten langsam – Schritte, Funksprüche, das Klacken von Ausrüstung.
Dann fiel Stille über den Hangar, so dicht, dass man das Summen der Reaktoren wieder hörte.

Amanda atmete hörbar aus. „Na endlich.“

Rosie griff sich eine der übrig gebliebenen Holo-Platten, betrachtete sie kritisch. „Ich hätte schwören können, die bauen das noch ab, während du redest.“

„Wollten sie sicher,“ sagte Geraldine. „Aber PR-Timing ist heilig.“

Die Crew lachte leise, erschöpft und erleichtert zugleich.
Vor ihnen stand das Schiff – still, massiv, makellos – und zum ersten Mal gehörte der Moment wirklich ihnen.

Sie gingen die Rampe hinauf.
Der Boden vibrierte leicht, das gedämpfte Summen der Systeme klang, als würde das Schiff atmen.
Kein Staub, kein Ölgeruch – nur dieser sterile, metallische Geruch, den neue Schiffe haben, bevor sie das erste Mal richtig leben.

„Wie aus dem Labor,“ murmelte Amanda.

„Wart’s ab,“ sagte Geraldine. „In zwei Wochen riecht es hier nach Arbeit.“

Der Gang führte sie direkt in den Maschinenraum.
Breite Leitungen zogen sich wie Muskeln durch die Wände, dazwischen Kontrollfelder, die in kühlem Blau leuchteten.
Im Zentrum stand der Hauptantrieb – kein klassischer Reaktorkern, sondern ein kompaktes Energiefeld, umgeben von einer schwebenden Stabilisierungsstruktur.

Liora blieb stehen, sah zu dem schimmernden Rahmen hinauf. „Das ist also der adaptive Stützrahmen. Ich dachte, das wär nur Konzepttechnik.“

„War’s,“ sagte Geraldine. „Bis Zorgon Peterson beschlossen hat, dass sie’s riskieren. Der Rahmen stabilisiert sich selbst, je nach Last und Schubrichtung. Keine fixen Halterungen, kein klassischer Träger. Das Ding denkt mit.“

Amanda legte den Kopf schief. „Und wenn’s mal nicht mitdenkt?“

„Dann lernen wir, wie’s klingt, wenn ein Milliardenprojekt auseinanderfällt,“ antwortete Geraldine trocken.

Liora grinste. „Mutig.“

„Alternativlos,“ erwiderte Geraldine. „So baut man Schiffe, die’s vorher nicht gab.“

Sie gingen weiter, durch den hinteren Verbindungsgang. Das Summen wurde leiser, die Luft kühler.
Eine Schleuse öffnete sich automatisch – und der Raum dahinter verschluckte alles.

Der Frachtraum.

Ein endloser Schacht, in dem selbst Stimmen klein wirkten.
Die Wände glänzten matt, kein fester Rahmen, nur eine gewaltige, modulare Struktur, die sich wie ein Netz durch den Raum spannte.
Überall pulsierte schwaches Licht – Sensorfelder, die Bewegung und Masse simulierten.

Geraldine blieb stehen. „Das sind sie. Die variablen Frachtgestelle.“

Amanda hob den Blick. „Sieht aus wie ein halbfertiges Spinnennetz.“

„Das ist Absicht,“ sagte Geraldine. „Jedes Segment kann sich bewegen, verdichten, ausdehnen. Die Module passen sich der Ladung an. Keine toten Räume mehr, kein Schwerkraftbruch.“

Liora trat näher, die Hand auf der kalten Oberfläche. „Also … wenn du zehn Container lädst, schiebt das System sie zusammen?“

„Genau. Es reagiert auf Dichte, Material und Gewicht. Engineerte Nanostruktur, gekoppelt an die Gravitationsmatrix.“
Geraldine sah zu, wie die Sensoren aufleuchteten, als das System ihre Anwesenheit registrierte.
„Das ist keine Lagerhalle,“ sagte sie leise. „Das ist eine Maschine, die atmet.“

Amanda sah sie kurz an. „Klingt, als wärst du schon verliebt.“

„Vielleicht,“ erwiderte Geraldine. „Aber diesmal ist’s wenigstens ein gesundes Verhältnis.“

Sie folgten dem zentralen Korridor, der sich nach oben öffnete wie ein Schacht.
Zwei Aufzüge führten zu den oberen Decks, doch Geraldine ging den Weg zu Fuß – langsam, prüfend, als würde sie das Schiff erst fühlen wollen, bevor sie es kennenlernte.

Die Wände wirkten noch unberührt, zu glatt, zu neu.
Kein Kratzer, kein Griff, der schon zu oft benutzt worden war. Nur glattes Metall, eingelassene Lichter, ein fast klinischer Glanz.

„Man merkt, dass hier noch keiner geschwitzt hat,“ sagte Amanda und strich mit der Hand über die Wand.

„Das ändert sich bald,“ erwiderte Geraldine.

Liora blieb an einem Sichtfenster stehen, das den Blick in den oberen Hangar freigab. „Du kannst von hier aus halbe Missionen leiten. Das Ding ist eher eine Station als ein Schiff.“

„Genau das ist es,“ meinte Geraldine. „Eine fliegende Basis. Alles, was ich sonst verteilt hatte, ist hier drin.“

Sie erreichten das Brückendeck.
Die Schleusentür glitt zur Seite – und öffnete den Blick in einen Raum, der jede Vorstellung sprengte.

Das Cockpit war kein Cockpit mehr.
Es war eine Halle aus Glas, Metall und Licht.
Vier Sitze, angeordnet in einem weiten Halbkreis. Jeder von ihnen mit eigenem Interface, eigener Steuerlogik.
Davor eine Sichtfront, so groß, dass man eine Sidewinder hätte parken können, ohne den Himmel zu verdecken.

Amanda blieb stehen, die Hände in den Hüften. „Heilige Scheiße.“

Geraldine lächelte schmal. „Nicht ganz die Reaktion aus dem Prospekt, aber treffend.“

„Da drin fliegst du nicht – du wohnst.“

Liora trat nach vorne, fast ehrfürchtig. „Das ist … unfassbar. Ich hab Brücken gesehen, aber das hier fühlt sich an, als wärst du direkt Teil des Schiffs.“

Geraldine nickte. „Das war wohl die Idee. Kein Steuerpult mehr zwischen dir und dem Raum.“

Sie trat an den Hauptsitz heran, legte eine Hand auf die Lehne.
Das Material war kühl, leicht rau – echtes, strukturiertes Verbundgewebe, nicht dieses sterile Konzernplastik.

„Vier Sitze,“ murmelte Amanda. „Wozu?“

„Zwei für Navigation und Steuerung, einer für Systemkontrolle, einer Reserve. Oder für Gesellschaft,“ sagte Geraldine.

Amanda grinste. „Also darf ich vorne sitzen, wenn du die erste Runde drehst?“

„Nur wenn du nicht ans Funkgerät gehst.“

„Versprochen.“

Liora lachte leise. „Ihr klingt, als hättet ihr hier schon fünf Jahre Dienstzeit.“

„Vielleicht fühl ich mich deshalb so,“ sagte Geraldine ruhig.
Sie trat an die Frontscheibe, sah hinaus – das Licht der Citadel spiegelte sich auf dem Glas, und dahinter: Sterne.
Keine Deko, kein Hintergrund – echt, unendlich.

Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Nur das tiefe, gleichmäßige Brummen des Reaktors vibrierte durch den Boden, als hätte das Schiff verstanden, dass es endlich jemand ansah, der bleiben würde.

Geraldine blieb vor der Frontscheibe stehen, das Licht der Sterne auf ihrem Gesicht.
Lange genug hatte sie nur zugesehen.
Jetzt juckte es ihr in den Fingern.

„Ich frag mich,“ sagte Amanda leise hinter ihr, „wie sich das Ding wohl anfühlt, wenn’s losgeht.“

Geraldine sah über die Schulter. „Du willst’s wirklich wissen?“

„Ich bin hier, oder?“ Amanda grinste. „Ich flieg ungern nur als Deko.“

Liora hob eine Braue. „Ihr wollt doch nicht ernsthaft heute abheben? Das Schiff wurde vor einer Stunde erst übergeben.“

„Und?“ fragte Geraldine. „Alles, was zählt, ist, ob sie läuft. Der Rest ist Formalität.“

„Das sagen alle kurz vor einem Triebwerksbrand,“ murmelte Liora, aber man hörte das Lächeln.

Amanda trat neben Geraldine. „Ich sag, wir probieren’s. Ein kleiner Rundflug, keine Show. Nur du, ich, und… die da.“
Sie nickte Richtung Schiffshülle.

„Ich könnte mich breitschlagen lassen,“ sagte Geraldine, die Hand noch immer auf der Lehne des Pilotensitzes. „Ein Systemflug. Raus, wenden, zurück. Keine Risiken.“

„Sagt jede Testpilotin kurz bevor sie Geschichte schreibt,“ bemerkte Liora trocken.

Geraldine lachte leise. „Dann schreib mit.“

„Ich bin Logbuch gewohnt, kein Nachruf.“

„Dann bleib nah dran.“

Amanda klopfte auf den Sitz neben Geraldine. „Na los, Commander. Du weißt, dass du’s sowieso tust. Also tu’s mit Stil.“

Geraldine drehte sich langsam zu ihnen um. „Ihr habt beide keine Ahnung, was das hier bedeutet.“

„Dann zeig’s uns,“ sagte Amanda ruhig.

Ein Moment Stille. Dann ein Nicken.
Geraldine berührte das Interface – und das Schiff erwachte.
Ein tiefes, sattes Grollen lief durch den Boden, als hätte das Metall selbst geantwortet.
„Na gut,“ sagte sie leise. „Dann sehen wir mal, was sie kann.“

Erstflug

„Citadel, hier Clipper-01. Startvorbereitung läuft,“ sagte Geraldine ruhig ins Headset.

Ihre Stimme hallte kurz durch den Cockpitraum, ehe Rosie antwortete – professionell, aber man hörte das Lächeln.
„Bestätigt, Clipper-01. Ich hoffe, du weißt, was du da tust.“

„Ich tu nie, was ich weiß,“ erwiderte Geraldine. „Ich teste es lieber.“

„Klassisch,“ murmelte Holland im Hintergrund. „Ich richte schon mal die Sensoren auf dich aus. Wenn’s knallt, will ich schöne Daten.“

„Sehr witzig,“ sagte Geraldine. „Halte bitte das Tritium-Netz stabil, bis wir raus sind.“

„Läuft schon,“ kam es zurück. „Die Plattform ist in Bewegung.“

Ein leises Grollen vibrierte durch den Boden, als sich das Schiff hob.
Die Hangarlampen wurden kleiner, das Licht wanderte über die glänzenden Flächen der Clipper, während die massive Startplattform sie nach oben trug.

Amanda lehnte sich im Copilotensitz zurück, die Hände locker auf den Knien. „Das fühlt sich an, als würde man einen Berg heben.“

„Das ist kein Berg,“ sagte Geraldine, den Blick fest nach vorn gerichtet. „Das ist eine Entscheidung.“

Neben ihr prüfte Liora die Anzeigen. „Alle Systeme stehen auf grün. Reaktormatrix stabil. Steuerung reagiert verzögert, aber sauber.“

„Das ist normal,“ sagte Geraldine. „Sie muss erst merken, dass sie lebt.“

Die Plattform stoppte mit einem dumpfen Schlag.
Über ihnen öffnete sich die äußere Schleuse, ein Riss aus Licht und Staub, dahinter der kalte Raum.
Der Triebwerkskern begann leise zu singen, tief und klar – ein Klang, der durch Mark und Metall ging.

Amanda grinste. „Na dann, Commander – lass sie atmen.“

Geraldine legte die Hände auf die Steuerung. „Citadel, hier Clipper-01. Antrieb aktiviert. Wir heben ab.“

„Viel Glück,“ sagte Rosie leise.

Das Licht der Schleuse fiel über die Cockpitfront, und das Schiff begann sich zu bewegen – träge, majestätisch, als würde die Gravitation selbst zögern, es loszulassen.
Die Panther Clipper stieg auf, langsam, mit der Ruhe eines Wesens, das sich seiner Kraft bewusst war.

Geraldine atmete tief durch. „Triebwerk nominal. Systeme stabil. Willkommen im Leben, mein Großer.“

Amanda lachte leise. „Ich glaub, du hast grad dein neues Lieblingsspielzeug gefunden.“

„Ich würd’s eher Zuhause nennen,“ sagte Geraldine.

Liora sah hinaus, das Sternenlicht spiegelte sich in ihren Augen. „Dann sieht dein Zuhause ziemlich beeindruckend aus.“

Das Schiff löste sich vollständig vom Träger.
Freier Raum. Kein Rauschen mehr, keine Grenzen – nur Stille und Macht.

Geraldine legte Schub an. „Na gut,“ murmelte sie. „Zeig mir, wie du fliegst.“

Der Übergang von Bewegung zu Schweben war kaum spürbar.
Einen Moment lang schien das Schiff in der Luft zu stehen, als prüfe es selbst, ob es bereit war.
Dann lösten sich die letzten Schwerkraftanker, und die Clipper glitt hinaus – lautlos, mühelos.

Vor dem Cockpit lag der Raum.
Nichts als Dunkelheit, Staub und Sterne – aber durch das riesige Sichtfeld wirkte selbst das All kleiner als das Schiff.

Amanda atmete leise aus. „Ich glaub, ich hab noch nie erlebt, dass sich Masse so elegant bewegt.“

Geraldine reagierte nicht sofort. Ihre Finger ruhten auf den Kontrollen, minimaler Druck, kaum Bewegung.
Der Triebwerkschub kam weich, fast organisch. Kein Zerren, kein Brummen – nur dieses tiefe, gedämpfte Pulsieren, das man eher fühlte als hörte.

„Antwortverhalten liegt bei null Komma eins,“ sagte Liora, die Anzeigen prüfend. „Für diese Größe… absurd direkt.“

„Sie kompensiert Masseträgheit mit interner Feldsteuerung,“ erklärte Geraldine, ohne den Blick zu heben. „Das war der Trick. Sie fliegt nicht gegen ihr Gewicht – sie nutzt es.“

Amanda lachte leise. „Das klingt, als hättest du sie schon gebaut, bevor sie fertig war.“

„Nur im Kopf.“

Sie drehte das Steuer leicht. Die Clipper reagierte – sanft, aber spürbar. Der Bug glitt zur Seite, die Trägheit verschwand wie verschluckt.
Kein Schiff dieser Größe sollte sich so bewegen.

„Verdammt,“ murmelte Amanda. „Ich hab schon Corvetten gesehen, die sich schwerer anfühlten.“

„Das ist das Beeindruckende,“ sagte Liora. „Du erwartest Trägheit, bekommst aber Instinkt.“

Geraldine grinste. „Dann hat sie was mit mir gemeinsam.“

Das Licht der Citadel verblasste hinter ihnen, nur ein heller Punkt in der Ferne.
Die Panther Clipper lag nun frei im Raum, umgeben von der Stille, die nur neue Schiffe haben – dieses unberührte Schweigen zwischen ersten und zweiten Atemzug.

Geraldine beschleunigte leicht.
Der Schub kam linear, sauber. Kein Zittern, keine Vibration. Das Massendisplay blieb ruhig, die Energieverteilung stabil.

„Alles im grünen Bereich,“ meldete Liora. „Selbst die Temperaturkurve bleibt flach. Ich glaub, du könntest sie stundenlang fliegen.“

„Das hab ich vor,“ sagte Geraldine.

Amanda grinste. „Wenn du so weitermachst, vergisst du zu landen.“

„Wäre nicht das Schlechteste,“ meinte Geraldine, während sie den Kurs leicht drehte.
Vor der Frontscheibe glitt ein Planet vorbei, im diffusen Licht eines nahen Sterns.

Einen Moment lang sprach niemand.


Das Schiff bewegte sich, als würde es tanzen – und alle drei wussten, dass sie gerade etwas erlebten, das sich nicht wiederholen ließ: den ersten Flug.

„Genug Bewunderung,“ sagte Geraldine, während sie die Hand an die Schubregelung legte. „Zeit, rauszufinden, ob sie auch hält, was sie verspricht.“

Amanda grinste. „Ich dachte, das hättest du schon beschlossen.“

„Ich entscheide ungern blind. Jetzt gibt’s Daten.“

Liora seufzte leise, aber man hörte das Knistern von Neugier in ihrer Stimme. „Ich zeichne alles mit. Bitte versuch, das Schiff nicht gleich zu überfordern.“

„Ich hab’s gekauft, nicht adoptiert.“

Sie kippte den Steuerhebel leicht nach vorn.
Die Clipper reagierte sofort. Kein träger Schub, kein langsames Anspringen – sie schoss nach vorn, mit einem Druck, der in der Brust vibrierte.

Amanda lachte. „Heilige Sterne! Du nennst das leicht?“

„Ich sag doch – sie fliegt, als hätt sie vergessen, wie groß sie ist.“

Die Anzeigen flimmerten. Energiefluss stabil. Vektoren präzise.
Geraldine zog das Schiff leicht nach links, ließ es in eine weite Kurve gleiten. Der Bewegung folgte kein Ziehen, kein Rollen – nur reines, sauberes Drehen.

„Reaktionszeit unter einer halben Sekunde,“ sagte Liora. „Für ein Schiff mit dieser Masse … physikalisch beleidigend.“

„Und wunderschön,“ ergänzte Amanda, die Hände auf der Lehne. „Das Ding tanzt.“

Geraldine nickte, konzentriert. „Okay, sehen wir, was passiert, wenn man sie provoziert.“
Sie zog den Steuerhebel scharf zurück, aktivierte die Gegenvektoren.
Die Clipper bremste – abrupt, aber kontrolliert. Die Trägheitskompensation arbeitete perfekt, kein Ruck, kein Druck auf den Körper.

Liora starrte auf die Messwerte. „Unmöglich. Kein Schock, keine Stressspitzen. Die interne Matrix absorbiert alles.“

„Also doch keine Theorie,“ sagte Geraldine ruhig. „Sie macht, was sie soll.“

Amanda grinste breit. „Ich will nicht unken, aber wenn du jetzt noch einen Rollenversuch machst, glaub ich offiziell an Zauberei.“

Geraldine drehte sich leicht zu ihr. „Festhalten.“

„Was?“

Bevor Amanda reagieren konnte, kippte das Schiff sanft um die eigene Achse.
Kein Schlingern, kein Kreischen – nur eine lautlose Drehung, so sauber, dass selbst der Sternenblick ruhig blieb.

„Verdammt,“ flüsterte Amanda, als sie wieder stabilisierten. „Ich hab Cutter geflogen, Corvette, sogar die Imperialen Brocken – aber das hier…“

„Das hier ist Evolution,“ sagte Geraldine.

Sie schob den Schubregler weiter. Das Licht draußen zog zu Linien, der Antrieb summte in einem Ton, der eher vibrierte als klang.
„Daten?“ fragte sie, ohne hinzusehen.

„Energiefluss nominal,“ sagte Liora. „Strukturspannung minimal. Reaktionszeit unverändert. Ich kann dir keine Grenze nennen, weil sie sich noch nicht zeigt.“

Geraldine lächelte knapp. „Dann fliegen wir, bis sie sich meldet.“

„Das war klar,“ murmelte Amanda, hielt sich aber fest – und lachte.

Das Schiff zog an, geschmeidig, kraftvoll, wie ein Tier, das endlich laufen darf.
Die Citadel wurde zu einem Punkt hinter ihnen. Nur Sterne und Bewegung.
Geraldine spürte, wie der Griff des Steuerhebels fast warm wurde – oder ihre Hände.

„Jetzt,“ sagte sie leise, „fühlt es sich wirklich an wie meins.“

Amanda hatte sich gerade angeschnallt, als der Schub langsam nachließ.
„Na schön,“ sagte sie, halb atemlos, halb beeindruckt. „Ich schätze, das war’s für heute. Wir drehen um, bevor du den Wartungsvertrag sprengst?“

Geraldine reagierte nicht sofort. Sie sah hinaus, über die gewölbte Planetenkante, wo dünnes Licht über ein blassblaues Wolkenband wanderte.
„Wir könnten auch was anderes tun,“ sagte sie schließlich.

Amanda blinzelte. „Was heißt das?“

„Sie ist leer,“ meinte Geraldine leise, eher zu sich selbst. „Noch kein Kratzer, kein Staub, kein echter Boden unter den Stützen.“

Amanda drehte sich zu ihr. „Du willst landen.“

„Ich will sehen, ob sie’s kann.“

„Sie ist drei Stunden alt.“

„Dann lernt sie schnell.“

Liora lehnte sich hinten zurück, die Hände verschränkt. „Ich sag nur, ich hab keine Uniform an, falls das hier ein offizieller Test ist.“

„Ist keiner,“ erwiderte Geraldine. „Nur eine Übung. Leicht, kontrolliert, atmosphärisch.“

Amanda starrte sie an. „Atmosphärisch? Du willst mit dem größten Frachter im Sektor einfach so in eine Atmosphäre fliegen?“

„Genau genommen: sinken. Kontrolliert.“

„Du bist komplett irre.“

„Das sagst du immer, kurz bevor’s klappt.“

Amanda lachte trocken. „Und irgendwann irrt sich einer von uns beiden. Ich hoffe, es bist du.“

Geraldine grinste, prüfte die Sensoranzeige. „Druckdaten stabil, Hitzeschutz aktiv, Triebwerksmuster angepasst. Sie ist dafür gebaut, Amanda. Nur hat’s noch keiner ausprobiert.“

„Aus gutem Grund,“ murmelte Amanda, aber sie lehnte sich zurück, die Arme verschränkt. „Na los. Mach’s. Ich will wenigstens eine gute Geschichte, falls wir verglühen.“

Liora schüttelte leicht den Kopf, aber man sah ihr das Lächeln an.
Geraldine gab Kurskoordinaten ein, die Ringe des Planeten vergrößerten sich im Sichtfeld, dann der wolkige Schein der Atmosphäre.

„Clippers erster Landeflug,“ sagte Geraldine ruhig. „Schauen wir, wie sie atmet, wenn’s warm wird.“

Amanda griff nach der Lehne. „Und ich schwör, wenn du anfängst zu philosophieren, bevor wir unten sind, steig ich aus.“

Geraldine lachte leise, aber ihre Augen blieben ernst. „Keine Sorge. Ich hab genug damit zu tun, nicht zu sterben.“

Das Schiff neigte sich, und der Planet kam näher.
Das Licht wurde heller, das Blau dichter. Die ersten Atmosphärenpartikel glühten an der Hülle, winzige Feuerfunken auf Metall.

Die Rumpfbeleuchtung schaltete sich automatisch ein, als das Schiff in die obere Atmosphäre eintauchte.
Das Blau des Planeten flutete durchs Cockpit, überlagert vom rötlichen Glühen an den Flügelkanten.
Warnanzeigen blinkten kurz auf, verschwanden wieder.

Geraldine hielt den Griff fester. „Reibung bei 62 Prozent. Temperatur steigt, aber im Soll.“

Amanda warf einen Blick auf die Außenkamera. „Das sieht nicht nach Soll aus.“

„Solange nichts abfällt, ist alles gut.“

Ein tiefes Dröhnen vibrierte durch den Boden, als die Clipper die dichte Luftschicht erreichte.
Die Triebwerke kompensierten automatisch, kleine Korrekturdüsen feuerten in kurzen Pulsen. Das Schiff fing an zu schwanken – nicht gefährlich, aber unruhig.

„Ich spür jede Tonne,“ murmelte Geraldine.

„Ich auch,“ sagte Amanda. „Vor allem, wenn sie gerade auf mich fällt.“

Geraldine reagierte nicht. Ihr Blick war fest auf die Instrumente gerichtet.
Das Steuer lag schwer in ihren Händen, das Trägheitsfeld kämpfte gegen wechselnde Luftdichten, die Systeme passten sich im Sekundentakt an.

„Atmosphärenwiderstand stabilisiert,“ sagte sie. „Triebwerke auf 40 Prozent. Ich nehme manuell runter.“

Amanda lehnte sich vor. „Wie weit?“

„Bis sie aufhört zu schreien.“

Ein weiteres Rucken – dann beruhigte sich das Schiff.
Das Glühen an der Hülle verblasste, wurde zu Streifen aus Licht, dann zu Schatten.
Wolken zogen vorbei. Ein kurzer Moment aus Dunkel und Helligkeit, dann brach der Blick auf die Oberfläche frei – ein weitläufiges Plateau aus metallisch schimmerndem Gestein, durchzogen von Rillen und Sandbändern.

„Da,“ sagte Geraldine. „Flach genug, keine thermischen Anomalien.“

Amanda nickte langsam. „Du meinst: Da, wo wir am wenigsten sterben.“

„Präzise.“

Sie nahm den Schub zurück.
Die Clipper sank, majestätisch und schwer.
Staub wirbelte auf, als die Triebwerke die letzten Meter abfingen.
Ein dumpfer Schlag lief durch die Struktur – nicht hart, aber ehrlich.

Geraldine atmete langsam aus, löste den Griff und lehnte sich zurück.
„Setzpunkt erreicht. Systemsafe aktiv.“

Amanda lachte leise. „Ich hätte wetten können, dass wir entweder explodieren oder durch den Planeten brechen. Beides nicht passiert. Ich bin beeindruckt.“

„War keine Kunst,“ sagte Geraldine ruhig. „Nur Physik und Vertrauen.“

Liora trat an die Frontscheibe, blickte hinaus.
Der Himmel schimmerte in mattem Orange, Staub wirbelte um die Hülle, das Licht der Triebwerke spiegelte sich im Boden.
„Ich glaub, das war das erste Mal, dass dieses Schiff echten Boden gesehen hat.“

„Dann hat’s sich gelohnt,“ meinte Geraldine.

Amanda stand auf, streckte sich. „Na gut, Commander. Du hast offiziell bewiesen, dass du sogar einen Stern landen könntest, wenn du wolltest. Was jetzt?“

Geraldine sah hinaus. „Jetzt… sehen wir uns an, wo wir gelandet sind.“

Der Staub hatte sich gelegt.
Nur das leise Knistern der Triebwerke war noch zu hören, während das Schiff in der dünnen Atmosphäre abkühlte.

Geraldine löste das Headset, legte es neben die Konsole. Einen Moment blieb sie einfach sitzen, die Hände noch auf den Knien, als müsse sie erst begreifen, dass sie wirklich gelandet waren.

Amanda drehte sich zu ihr, die Augen immer noch wach. „Ich geb’s ungern zu, aber das war beeindruckend.“

„Das war riskant,“ erwiderte Geraldine. „Beeindruckend kommt erst, wenn man’s überlebt.“

Liora grinste. „Dann darfst du dich jetzt beeindrucken.“

Geraldine lachte kurz, stand auf und streckte sich. „Wir haben viel gesehen – aber nicht alles. Ich will mir den Quartierbereich anschauen.“

„Natürlich,“ sagte Amanda und folgte ihr. „Erst landen, dann wohnen. Logische Reihenfolge.“

Der Weg führte durch einen breiten Mittelgang. Das Licht war wärmer hier, weicher. Keine technische Kälte mehr, sondern ein Versuch von Gemütlichkeit – soweit man das bei fabrikneuen Modulen erwarten konnte.

Vier Kabinentüren, alle identisch, nummeriert statt beschriftet.
Der Raum dahinter: spartanisch, aber sauber. Bett, Schrank, eine kleine Konsole an der Wand. Kein Luxus, aber funktional – wie alles an diesem Schiff.

Amanda sah sich um. „Ich weiß nicht, was mich mehr irritiert – dass es vier Kabinen gibt oder dass du wahrscheinlich alle für dich beanspruchst.“

„Statistisch korrekt,“ sagte Geraldine. „Aber ich nehm Bewerbungen an.“

„Gut zu wissen,“ murmelte Amanda.

Sie gingen weiter in den Aufenthaltsbereich.
Ein kompakter Raum mit einer eingebauten Küchenzeile, einem Tisch und zwei Bänken.
Die Oberflächen glänzten noch, keine Kratzer, keine Gebrauchsspuren. Auf den Regalen standen leere Container, die Maschine für Kaffee und Nahrungsausgabe war noch versiegelt.

Amanda öffnete die obere Klappe, schaute hinein – und schloss sie wieder. „Leer. Absolut leer. Ich bin beleidigt.“

„Zorgon liefert nur Stahl, keine Lebensfreude,“ sagte Geraldine.

Liora öffnete den Kühlschrank. „Nicht mal Wasser.“

„Dann müssen wir den emotionalen Durst stillen,“ meinte Amanda, setzte sich und lehnte sich zurück. „Ich hoffe, du hast wenigstens Geschichten gelagert.“

Geraldine nahm auf der Bank gegenüber Platz.
Die Wände summten leise, irgendwo lief noch ein Kühlkreislauf nach.
„Geschichten?“ sagte sie. „Wir haben gerade das größte Schiff der Galaxis eingeweiht und auf einem Planeten gelandet. Ich würd sagen, das reicht für heute.“

„Ich meinte eher, wie sich’s anfühlt,“ sagte Amanda.

Geraldine schwieg kurz. „Anders. Ich hab in den letzten Jahren viele Schiffe geflogen – jedes mit seiner eigenen Stimme. Aber das hier …“ Sie sah zur Decke. „Das ist kein Schiff mehr. Es ist fast zu still. Zu perfekt. Ich hab das Gefühl, ich muss ihm erst beibringen, wie man lebt.“

„Das klingt nach dir,“ meinte Amanda trocken. „Zuerst retten, dann erziehen.“

Liora lächelte, lehnte sich gegen den Türrahmen. „Ich mag die Ruhe. Dieses Gefühl, als würde das Universum gerade mal kurz die Luft anhalten.“

„Vielleicht tut’s das,“ sagte Geraldine leise. „Oder vielleicht bin ich’s, die das tut.“

Einen Moment lang sprach niemand.
Nur das Summen der Systeme blieb, gleichmäßig, beruhigend, wie Atmen in Metall.

Amanda griff schließlich nach einem der leeren Container. „Ich schlag vor, wir nehmen das als Erinnerung. Erster Abend, kein Kaffee, kein Essen, aber wir sind gelandet.“

Geraldine nickte. „Das reicht mir. Der Rest kommt später.“

„Wenn du sagst ‚der Rest‘,“ meinte Amanda, „meinst du vermutlich Arbeit, nicht Wein.“

„Ich kenn meine Prioritäten.“

Amanda lachte leise. „Leider.“

Zurück auf der Citadel

Der Rückflug verlief unspektakulär.
Keine Experimente, keine Protokolle – nur Routine.
Geraldine flog mit der Gelassenheit von jemandem, der das Schiff inzwischen verstanden hatte. Amanda kommentierte nur noch halb im Spaß, Liora beobachtete still, während der Planet langsam hinter ihnen verschwand.

Der Wiedereintritt in den Orbit verlief glatt.
Die Citadel kam in Sicht – winzig gegen den Hintergrund der Sterne, aber für Geraldine war es der vertrauteste Punkt im Universum.

„Citadel an Clipper-01, willkommen zurück,“ meldete sich Rosie. „Ich hab deine Flugbahn gesehen. Du hast wohl die Werksgarantie gleich selbst getestet?“

„Sie lebt noch,“ sagte Geraldine. „Und wir auch.“

„Dann bist du offiziell Pilotin des Wahnsinns des Monats. Hangarplatz ist frei, Landeerlaubnis erteilt.“

„Verstanden, Citadel.“

Das Andocken verlief so ruhig, dass selbst Amanda nichts mehr zu sagen hatte.
Kaum waren die Triebwerke aus, breitete sich eine angenehme Stille im Cockpit aus.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage,“ murmelte Amanda, „aber mir reicht’s für heute. Ich brauch festen Boden.“

„Du hattest ihn gerade,“ sagte Geraldine.

„Ich meine meinen Boden.“

Liora lachte leise. „Ich bin froh, dass ich keine Verantwortung für das Ding hab. Ich würd keine Nacht schlafen.“

Geraldine stand auf, streckte sich. „Das kommt mit der Zeit.“

Wenig später verließen sie das Schiff, der metallische Geruch wich dem vertrauten Duft des Carriers – recycelte Luft, Maschinenwärme, Routine.
Rosie wartete bereits am Hangareingang, das Pad in der Hand.

„Willkommen zurück, Commander,“ sagte sie. „Ich hoffe, du hast die Gravitation nicht beleidigt.“

„Nur getestet,“ erwiderte Geraldine.

„Dann gute Nachrichten: Für dich ist morgen wieder Alltag. Die Lieferung für Lioras Python ist eingetroffen. Ersatzleitungen, Kühlmodule, sogar die Außenpanels. Wenn alles läuft, ist sie in zwei, drei Tagen wieder flugbereit.“

Liora hob überrascht den Kopf. „Das ging schnell.“

„Brewer arbeitet gern für Legenden,“ meinte Rosie und zwinkerte. „Und für Commander, die auf Werksvideos landen.“

„Danke, Rosie,“ sagte Geraldine. „Ich geb’s weiter an Holland. Sie soll die Dockzeit reservieren.“

„Mach ich. Und jetzt geh schlafen, du siehst aus, als hättest du einen Stern getragen.“

Geraldine nickte knapp und sah zu Liora. „Na? Freust du dich schon auf die Abreise?“

Liora zögerte, dann lächelte sie. „Freuen ist das falsche Wort. Aber ich bin froh, dass ich bald wieder fliegen kann.“

Amanda lehnte an der Wand. „Natürlich bist du das. Wir alle wissen, dass du keine zwei Wochen stillhältst.“

„Wahrscheinlich,“ gab Liora zu. „Aber ehrlich – die Tage hier … taten gut. Ich hätt nicht gedacht, dass Stillstand sich so richtig anfühlen kann.“

Geraldine nickte, leise. „Stillstand ist manchmal nur Anlauf in Zeitlupe.“

„Dann war das hier der beste Anlauf, den ich je hatte.“

Amanda grinste. „Na, wenn das kein Kompliment ist.“

Liora sah sie beide an, ehrlich und ruhig. „Vielleicht bleib ich noch ein paar Tage – nur um sicherzugehen, dass ihr keinen Unsinn anstellt, bevor ich gehe.“

„Zu spät,“ sagte Amanda trocken. „Das haben wir schon geschafft.“

Alle drei lachten, und für einen Moment war der Hangar wieder dieser kleine, geschlossene Kosmos aus Licht, Metall und Vertrautheit.
Nur diesmal stand in der Mitte ein Schiff, das alles verändert hatte.

Die Lounge war halbdunkel, nur das matte Licht der Panoramascheibe fiel über den Tisch.
Draußen glitt langsam die Citadel vorbei, während sich der Hangar darunter schloss.

Amanda stellte drei Gläser auf den Tisch – improvisiert, halb gefüllt mit einem synthetischen Ersatz, der wenigstens nach Feierabend roch.
„Nicht der beste Tropfen,“ sagte sie, „aber verdient.“

„Besser als die Luft aus dem Frachtraum,“ meinte Geraldine und hob ihr Glas. „Auf den ersten Flug.“

„Und auf den ersten Überlebensbericht,“ ergänzte Liora, bevor sie anstießen.

Der synthetische Alkohol brannte leicht, schmeckte nach Metall und Zitrus – wie fast alles auf einem Trägerschiff.
Amanda verzog das Gesicht. „Ich schwör, die Föderation mischt da Schmieröl rein.“

„Dann hält’s länger,“ sagte Geraldine trocken.

Einen Moment lang schwiegen sie. Nur das leise Summen der Systeme lag in der Luft.
Dann stellte Liora ihr Glas ab und sah hinaus. „Ich hab’s fast vergessen, wie das ist – dieses Gefühl, unterwegs zu sein und gleichzeitig irgendwo hinzuwollen.“

Amanda nickte. „Zielst du auf was Bestimmtes, oder fliegst du einfach los?“

„Noch weiß ich’s nicht,“ sagte Liora. „Vielleicht ins Grenzgebiet, vielleicht ein paar alte Handelsrouten abklappern. Ich will wieder selbst entscheiden, wann ich starte und wann ich ankomme. Keine Station, kein Plan, nur Raum.“

Geraldine lehnte sich zurück, ein leises, anerkennendes Lächeln im Gesicht. „Das klingt gesund. Und gefährlich. Also genau richtig.“

„Ich hab gelernt, dass man selten gleichzeitig frei und sicher sein kann,“ meinte Liora. „Ich nehm das Erste.“

Amanda drehte ihr Glas in der Hand. „Wenn du wirklich Richtung Rand fliegst, pass auf dich auf. Da draußen ist’s ruhiger, aber auch leerer. Und die Leere hat ein Gedächtnis.“

Liora grinste. „Das klingt, als hättest du’s erlebt.“

„Mehrmals,“ sagte Amanda, der Blick kurz in die Ferne gerichtet. „Ich war die letzten Wochen in den Randsektoren unterwegs. Ein paar Patrouillen, ein Transportauftrag für die Föderation, dann eine Schießerei, die keiner wollte. Nichts Besonderes – aber genug, um sich wieder zu fragen, warum man’s tut.“

„Und was war die Antwort?“ fragte Geraldine.

Amanda zuckte mit den Schultern. „Weil’s in mir steckt. Ich kann friedlich sein, aber nicht zu lange. Ich brauch Bewegung – oder Lärm.“

„Ich kenn das,“ sagte Geraldine leise. „Nur dass mein Lärm meistens aus Triebwerken kommt.“

Sie grinsten alle drei – müde, ehrlich, erleichtert.

Liora hob ihr Glas noch einmal. „Dann auf Triebwerke. Auf Lärm. Und auf den Luxus, sich zu fragen, wohin man eigentlich will.“

„Und auf den Mut, trotzdem zu fliegen,“ ergänzte Amanda.

Geraldine nickte, hob ihr Glas und lächelte. „Darauf kann ich trinken.“

Sie stießen an, diesmal ohne Worte.
Draußen zog der Raum langsam vorbei, friedlich und endlos.
Und irgendwo tief im Schiff summte die Panther Clipper leise vor sich hin – als würde sie schon auf den nächsten Flug warten.

Das Gespräch plätscherte weiter, lose Fetzen über alte Flüge, Schiffe, Stationen.
Amanda erzählte eine Anekdote über einen Auftrag, der in einer Kneipenschlägerei endete, Liora lachte – echt, erleichtert, fast gelöst.

Geraldine sagte nichts.
Sie saß leicht abgewandt, das Glas in der Hand, den Blick auf den Sternenhimmel draußen gerichtet.
Man sah, dass sie nicht wirklich zuhörte. Irgendetwas arbeitete in ihr.

Amanda bemerkte es zuerst. „Alles gut da drüben, Commander? Du wirkst, als würdest du gerade einen Flugplan schreiben.“

Geraldine blinzelte, drehte den Kopf und lächelte schwach. „Nicht ganz. Ich hab nachgedacht.“

„Das passiert dir öfter,“ meinte Amanda trocken. „Worüber diesmal?“

Geraldine sah kurz auf das Glas, dann wieder nach draußen. „Über einen Namen.“

Liora richtete sich auf. „Für die Clipper?“

Ein Nicken. „Ich glaub, ich hab ihn gefunden.“

Amanda grinste. „Jetzt bin ich gespannt. Nach all dem würdest du sie doch nicht Projekt Logistik 2 nennen.“

Geraldine lachte leise. „Nein. Penelope Celeste.

Einen Moment war es still. Nur das Summen der Systeme und das ferne Rauschen des Lebens auf dem Carrier.

Liora wiederholte den Namen langsam, fast prüfend. „Penelope Celeste… das klingt weich. Nach etwas, das unterwegs ist, aber weiß, woher es kommt.“

„Genau das,“ sagte Geraldine leise.

Amanda lehnte sich zurück, ein Lächeln im Gesicht. „Passt zu dir. Elegant, zielstrebig, ein bisschen zu groß für jede Landebucht.“

„Dann passt’s,“ meinte Geraldine, hob ihr Glas und sah wieder hinaus.
Draußen schimmerte das Licht der Sterne auf der Hülle des riesigen Schiffs, das unten im Hangar ruhte.

„Willkommen in der Familie,“ murmelte sie.

Und diesmal klang es nicht wie ein Witz.

Aufbruch

Drei Tage waren vergangen, seit der erste Flug der Penelope Celeste Geschichte geschrieben hatte.
Der Alltag war zurückgekehrt – oder etwas, das sich so nannte.

Amanda war längst wieder unterwegs, quer durch halbe Systeme, irgendwo zwischen Routineeinsätzen und dem Bedürfnis nach Bewegung.
Geraldine hatte sie nur kurz gesehen, bevor sie abdockte – eine flüchtige Umarmung, ein Spruch über „nicht zu viel Papierkram“, dann war sie verschwunden.

Jetzt saß Geraldine mit Liora in der kleinen Messe der Citadel.
Der Raum war still, nur das leise Brummen der Lebenserhaltung und das rhythmische Klacken des Bestecks auf Metallschalen.
Kaffee, Frühstück, keine Eile.

„Ich hatte fast vergessen, wie sich geregelte Mahlzeiten anfühlen,“ sagte Liora, halb schmunzelnd. „Normalerweise ess ich, wenn das Cockpit mich erinnert.“

„Das erklärt, warum du immer so blass warst,“ meinte Geraldine trocken.

Liora lachte leise. „Ich nenn’s Effizienz.“

Geraldine wollte gerade antworten, da vibrierte ihr Pad.
Sie wischte über die Oberfläche, las die Nachricht und hob die Brauen.
„Da haben sich ein paar übertroffen,“ murmelte sie.

„Was gibt’s?“

„Nachricht von Holland,“ sagte Geraldine. „Die Crew hat an deiner Python in Doppelschichten gearbeitet. Sie wird in zwei Stunden fertig sein.“

Liora sah sie kurz an, überrascht. „Zwei Stunden? Ich dachte, das dauert noch Tage.“

„Das dachten sie auch,“ sagte Geraldine. „Aber anscheinend hat Rosie den Hangar im Schichtbetrieb laufen lassen. Heute Mittag kannst du schon starten.“

Liora blieb still, nur ein kleines, ungläubiges Lächeln glitt über ihr Gesicht.
„Dann wird’s wohl Zeit, zu packen.“

Geraldine nickte. „Ich geb Holland Bescheid, dass du kommst.“

Die nächsten zwei Stunden vergingen leise.
Kein Drama, kein großer Abschied. Nur Routine – und genau das machte es schwerer.
Liora verschwand in ihr Quartier, sammelte ihre wenigen Sachen ein: Fluganzug, Datenpad, ein Paar Handschuhe, das schon bessere Tage gesehen hatte.
Geraldine erledigte noch kurz ein paar Freigaben, prüfte Dockzeiten, unterschrieb zwei Frachtpapiere, die längst hätten abgelegt werden können.

Als sie sich im Hangarkorridor trafen, sagte keine von beiden sofort etwas.
Sie gingen nebeneinander, der Boden vibrierte unter den gedämpften Schritten, irgendwo brummten Generatoren.
Das große Hangartor stand offen, und im diffusen Licht wartete die Python.

Liora blieb stehen.
„Verdammt,“ murmelte sie. „Sie haben’s wirklich getan.“

Die Python glänzte, als käme sie gerade aus der Werft.
Neue Paneele, frisch gesetzte Nieten, polierte Triebwerke.
Sogar die Lackierung war aufgearbeitet – das matte Dunkelgrau wirkte jetzt tiefer, ruhiger, fast stolz.

Geraldine trat neben sie. „Siehst du? Ich hab’s dir gesagt – meine Crew ist gründlich.“

Liora ging langsam um das Schiff herum, fuhr mit den Fingern über die Außenhülle, blieb an der Triebwerksverkleidung stehen.
„Ich hätte nie gedacht, dass sie das so schnell hinkriegen. Oder dass ich mich so drüber freu.“

„Dann hast du vergessen, wie’s ist, wenn etwas wieder läuft,“ sagte Geraldine ruhig.

Liora drehte sich zu ihr um, und in ihrem Gesicht lag dieses ehrliche Staunen, das man nur einmal hat – wenn etwas Vertrautes zurückkehrt, aber besser ist als zuvor.
„Sie sieht wirklich aus wie neu,“ sagte sie. „Nicht mal die Werft damals hat das so hingekriegt.“

„Das liegt daran, dass hier Leute arbeiten, die dich kennen,“ meinte Geraldine. „Nicht nur dein Schiff.“

Liora schwieg einen Moment, strich über den Rumpf, und das Lächeln, das sie dabei zeigte, war klein, aber echt.

Liora stand noch immer neben der Python, als das letzte Wartungsteam den Hangar verließ.
Die Halle wurde stiller, nur das Summen der Schotts blieb.

Sie fuhr mit den Fingern über den Rumpf, zögerte kurz, dann drehte sie sich zu Geraldine um.
„Sag mal… was schulde ich dir eigentlich?“

Geraldine hob die Brauen. „Für was?“

„Na für das hier.“ Liora machte eine vage Geste in Richtung Schiff. „Die Überholung, die Teile, die Arbeit. Das kann ich nicht einfach so stehen lassen.“

Geraldine schüttelte leicht den Kopf. „Doch. Kannst du.“

„Geraldine—“

„Das hier war kein Auftrag, Liora. Es war richtig. Mehr nicht.“

Liora sah sie an, als wollte sie widersprechen, aber die Stimme blieb hängen.
Stattdessen atmete sie tief ein, dann langsam wieder aus.

„Ich weiß nicht, wann mir das zuletzt jemand einfach so gesagt hat.“

„Dann wurd’s Zeit.“

Einen Moment lang standen sie einfach da, zwischen den beiden Schiffen, im gedämpften Licht der Hangarbeleuchtung.

Liora trat einen Schritt näher. „Du hast mir mehr gegeben, als du glaubst. Ich kam hier an, weil ich einen kaputten Antrieb hatte – und geh mit einem klaren Kopf wieder weg.“

Geraldine sah sie ruhig an. „Dann hat’s sich gelohnt.“

„Ja,“ sagte Liora leise. „Hat es.“

Sie reichte Geraldine die Hand – nicht formell, sondern fest, warm, wie jemand, der sich wirklich bedankt.
Geraldine nahm sie ohne Worte.

„Pass auf dich auf,“ sagte sie schließlich.

„Mach ich,“ erwiderte Liora. „Und du? Versuch nicht, das ganze Universum zu reparieren. Es funktioniert auch ohne dich.“

„Kommt drauf an, wen man fragt.“

Liora lachte leise, ließ die Hand los und ging zur Python hinüber.
Die Einstiegsluke öffnete sich mit einem kurzen Zischen, kaltes Licht fiel auf das Deck.

Sie blieb noch einmal in der Tür stehen, sah zu Geraldine zurück. „Danke, für alles. Und falls du mich irgendwann brauchst – du weißt, wo du mich findest.“

„Ich find dich sowieso,“ sagte Geraldine.

Liora grinste. „Das glaub ich dir sofort.“

Dann stieg sie ein, und kurz darauf erwachte das Schiff zum Leben.
Triebwerkslichter glühten auf, der Hangar füllte sich mit diesem tiefen, vertrauten Brummen.
Geraldine blieb stehen, bis die Python abhob, sich drehte und durch das äußere Schott verschwand.

Als das Licht erlosch, war der Hangar wieder leer.
Nur der Geruch von Metall und Staub blieb – und das leise Summen, das nie ganz verstummte.

Geraldine stand noch eine Weile da, bevor sie sich umdrehte.
„Gute Reise, Liora,“ murmelte sie. „Mach was draus.“

Dann ging sie langsam den Gang hinunter, während draußen der Funkverkehr der Citadel wieder anlief – Alltag, nach einer dieser Begegnungen, die bleiben.

Kapitel 47