Kapitel 45 – Wenn Größe Wirklichkeit wird

Nachklang

Drei Tage waren vergangen, seit der Enthüllung – und trotzdem hatte Geraldine das Bild nicht aus dem Kopf bekommen.
Die Panther Clipper war wie ein Echo geblieben, das in allem nachklang: in den leisen Geräuschen des Hangars, im Rhythmus der Frachtrampen, sogar im monotonen Takt der Maschinen auf der Baustelle.

Sie hatte den Tag über Materialflüge erledigt, die Cutter roch nach Öl und Metallstaub. Als sie am Abend die Maschine abdockte und die Verbindung zur Citadel herstellte, war das Funkrauschen fast angenehm vertraut.
Sie ließ sich in der Lounge in einen Sitz fallen, die Stiefel auf dem Tisch, einen Kaffee in der Hand.

Der Holo-Kanal blinkte. Eingehender Ruf – Amanda Lyvierre.

Geraldine grinste und nahm an.

„Na, Fremde,“ sagte Amanda. Das Bild war leicht verrauscht, sie trug wieder den grauen Pilotenanzug, Haare hochgesteckt. „Ich dacht schon, du hättest dich irgendwo eingegraben.“

„Eingegraben? Ich flieg seit Tagen Material im Kreis. Wenn ich noch einmal denselben Container sehe, fang ich an, ihn zu duzen.“

„Das klingt nach dir.“ Amanda grinste. „Ich war auch gut beschäftigt. Drei Aufträge, ein kaputter Schildgenerator und ein Kunde, der glaubt, dringend heißt ‚irgendwann nächste Woche‘.“

„Also ganz normaler Alltag.“

„Genau.“

Beide schwiegen kurz, das Summen des Carriers füllte die Lücke. Dann fragte Amanda: „Und, wie war’s in der Werft?“

Geraldine lehnte sich zurück, der Ausdruck in ihrem Gesicht veränderte sich – diese Mischung aus Staunen und Ungläubigkeit. „Amanda… das Ding ist real. Die Panther Clipper. Ich stand keine fünfzig Meter davor, und sie sah aus, als könnte sie Planeten verschlucken. Keine Übertreibung.“

„Du meinst also, sie existiert wirklich? Ich dachte, das war nur PR.“

„Ich dachte das auch. Aber sie steht da, und sie fliegt. Und ich schwör dir, es gibt nichts Vergleichbares. Wenn du drinstehst, hast du das Gefühl, du bist im Bauch eines Sterns.“

„Du klingst… beeindruckt.“

„Das bin ich.“ Geraldine lachte leise. „Ich hab ganze Frachtrouten durchgerechnet, während ich da stand. Wenn man so ein Schiff in den Systemaufbau einbinden könnte – die Möglichkeiten sind absurd.“

„Da ist sie wieder, die Planerin,“ neckte Amanda. „Kaum was Großes gesehen, schon denkt sie in Logistikdiagrammen.“

„Ich kann halt nicht anders. Das Ding lässt einen nicht los.“

„Also kein einfacher Blickfang.“

„Nein. Mehr so: Zukunft mit Gravitation.“

Amanda lachte, dieser helle, echte Ton, der durchs Rauschen schnitt. „Wenn du so weiterredest, fang ich noch an, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben.“

„Kann schlimmeres geben,“ sagte Geraldine. „Zum Beispiel Routine.“

Amanda grinste noch, aber man merkte, dass sie versuchte, den Faden wieder zu kriegen.
„Also, was macht die Clipper so besonders? Außer, dass du jetzt ernsthaft über sie nachdenkst.“

Geraldine nahm einen Schluck Kaffee, sah irgendwo vorbei, als würde sie das Schiff wieder vor sich sehen.
„Größe. Nicht nur groß – anders. Sie soll um die elfhundert Tonnen tragen können, vielleicht mehr. Niemand weiß es genau, Zorgon hält die Zahlen zurück. Aber sie reden von neuartigen Frachtgestellen, einer Trägerstruktur, die sich anpasst. Keine starren Kammern mehr, sondern flexible Module, die sich verdichten können.“

Amanda pfiff leise. „Das klingt nach Science Fiction.“

„Ja. Aber sie sagen, die Technik stammt aus einem Experiment mit Zero-G-Konstruktionen. Eine Art interner Stützrahmen, der sich automatisch stabilisiert, wenn die Masse steigt.“

„Heißt: mehr Fracht, weniger Risiko?“

„Genau. Und falls das stimmt, ist das hier kein Frachter mehr – das ist mobile Infrastruktur. Du könntest ganze Bauphasen damit versorgen. Keine Schichtsysteme, kein Hin und Her mit dem Carrier.“

Amanda sah sie aufmerksam an, das Lächeln jetzt leiser. „Du redest schon, als hättest du sie bestellt.“

Geraldine schnaubte. „Noch nicht. Aber ich hab mich dabei erwischt, zu überlegen, wo ich sie hinstelle.“

„Das klingt nach einem Problem.“

„Nach einem Ziel,“ erwiderte Geraldine.

„Da ist er wieder,“ sagte Amanda trocken. „Der Blick. Derselbe, den du hattest, als du beschlossen hast, eine ganze Kolonie aus dem Nichts zu bauen.“

Geraldine grinste, aber ihre Augen blieben ernst. „Diesmal wär’s nicht aus dem Nichts. Diesmal wüsste ich genau, wofür.“

„Ich weiß,“ sagte Amanda leise. „Und genau das macht mir ein bisschen Angst.“

Ein Moment Stille zwischen ihnen – nicht unfreundlich, nur voll von allem, was unausgesprochen blieb.

„Du willst sie, oder?“ fragte Amanda schließlich.

Geraldine nickte. „Ich glaub, ich muss.“

Amanda grinste schmal. „Also, wo willst du das Biest hinstellen, wenn’s so weit ist? In deinen Vorgarten?“

Geraldine lehnte sich zurück. „Ich würd’s nicht Vorgarten nennen. Aber ich hab Platz – und endlich genug, um was draus zu machen. Die Station wächst, und Kathleen… sie klingt, als würde sie’s kaum erwarten, hierherzukommen.“

„Sie kommt also wirklich?“

„Ja. Sie hat wieder Pläne. Spricht davon, was sie in der Forschungssektion übernehmen will. Es ist, als wär sie aufgewacht.“

Amanda nickte langsam. „Du hast ihr den Schalter umgelegt.“

„Ich glaub, sie hat ihn selbst gefunden. Ich hab nur Licht gemacht.“

„Wie poetisch.“

„Ich kann auch anders.“

„Bitte nicht,“ sagte Amanda trocken, aber man hörte das Lächeln in ihrer Stimme.

Für einen Moment war nur das Summen der Leitung da – vertraut, ruhig, fast wie Atmen auf Distanz.

„Ich freu mich für sie,“ sagte Amanda schließlich. „Und für dich.“

Geraldine erwiderte nichts, sie lächelte nur leicht. „Danke. Das alles fühlt sich zum ersten Mal nicht an wie wegrennen.“

„Dann bleib da,“ meinte Amanda. „Ich mag dich lieber, wenn du ankommst.“

Das Hologramm flackerte kurz, Amandas Umrisse lösten sich im Signalrauschen auf. Geraldine blieb sitzen, die Tasse in der Hand, und sah in das schwarze Feld der Sterne.
Da draußen wartete etwas Neues – größer, heller, endlich greifbar.

Der Lauf der Tage

Die Woche begann, wie so viele davor.
Transportrouten, Dockzeiten, Routine.
Geraldine flog fast mechanisch: Cutter raus, Cutter rein, Container entladen, nächste Ladung prüfen. Das monotone Brummen der Antriebe war längst wie ein gleichmäßiger Pulsschlag geworden.

Die Station wuchs.
Neue Module, mehr Personal, erste Systeme liefen autark. Rosie meldete Fortschritte, Holland kontrollierte die Energieverteilung, und selbst die Funksprüche aus dem Orbit klangen allmählich nach Alltag.
Geraldine mochte das. Es war dieser kurze, seltene Moment, in dem alles funktionierte, ohne dass sie etwas anschieben musste.

Nach vier Tagen war die Baustelle versorgt. Sie hatte endlich Zeit, im Hangar zu stehen und zuzusehen, wie die letzten Frachtkapseln entladen wurden.
Das Summen der Maschinen, das rhythmische Klicken der Greifarme – alles klang nach Frieden.

Dann, mitten in dieser Ruhe, blinkte das Kommunikationspanel.
Eine neue Nachricht, priorisiert.
Absender: Zorgon Peterson – Head of Corporate Development.

Geraldine runzelte die Stirn, wischte sich die Hände an der Jacke ab und öffnete das Holo.
Die Firmenfarbe – dieses kühle Blau, das sie inzwischen auswendig kannte – füllte den Raum.
Dann erschien der Text.

Commander Geraldine Cailloux-Delaurent,

im Namen der Zorgon Peterson Division danken wir Ihnen für Ihren außerordentlichen Beitrag während der Schutz- und Versorgungsphase der Panther-Clipper-Produktion.
Aufgrund Ihrer Verdienste wurde Ihnen das Privileg zugesprochen, zu den ersten Kommandantinnen zu gehören, die eine Clipper erhalten.
Die Auslieferung erfolgt innerhalb der nächsten Woche. Ein offizieller Vertreter wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.

Geraldine starrte auf den Text, als müsste sie ihn übersetzen.
Die Worte schienen sich selbst zu wiederholen: erste Kommandantin … Auslieferung … innerhalb der nächsten Woche.

Dann lachte sie. Erst leise, dann lauter, bis das Echo zwischen den Metallwänden zurücksprang.

Rosie kam aus dem Nebenraum, irritiert. „Was ist los?“

Geraldine drehte sich zu ihr, das Holo noch in der Hand. „Wir bekommen Besuch. In einer Woche.“

„Von wem?“

„Von der Zukunft,“ sagte Geraldine, und dieses Mal klang das nicht übertrieben.

Rosie brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Dann riss sie die Augen auf. „Nein. Nein, das glaub ich nicht.“

„Doch,“ sagte Geraldine und reichte ihr das Holo. „Offiziell, mit Firmenlogo und allem Drum und Dran. Ich hab’s dreimal gelesen.“

Rosie beugte sich vor, als hätte sie Angst, das Bild zu zerstören, wenn sie zu laut atmete. „Das ist … unfassbar. Du bekommst wirklich eine Panther Clipper.“

„Sieht so aus.“

„Und du sagst das so, als hättest du grad ein neues Werkzeug bestellt.“

Geraldine grinste. „Was soll ich sagen? Ich bin noch im Schockstadium.“

In dem Moment kam Holland aus dem hinteren Teil des Hangars, noch mit einem Datenpad in der Hand. „Was ist hier los? Ich hör euch bis in die Treibstoffsektion.“

„Zorgon Peterson hat sich gemeldet,“ sagte Rosie, ohne den Blick vom Holo zu nehmen. „Geraldine steht auf der Liste der ersten Auslieferungen.“

Holland blieb stehen. „Du verarschst mich.“

„Würd ich nie wagen,“ sagte Geraldine trocken.

Holland brach in ein Lachen aus, das durch den ganzen Hangar hallte. „Ich glaub’s nicht. Du kriegst das Ding wirklich! Das größte Schiff, das je— verdammt, ich fass es nicht.“

Rosie grinste noch immer breit. „Ich hab jetzt schon Angst vor der ersten Ladeliste.“

„Ich auch,“ sagte Geraldine. „Aber wenigstens müssen wir keine neuen Container bestellen. Die passen da alle rein – gleichzeitig.“

Holland klopfte ihr auf die Schulter. „Ich hätt nie gedacht, dass ich das mal sag, aber … du hast’s verdient, Commander.“

Geraldine lächelte leise. „Ich glaub, das sagen heute noch mehr Leute. Aber es fühlt sich trotzdem unwirklich an.“

Rosie nickte. „Dann genieß es. Es gibt im Leben nicht viele Tage, an denen das Universum einem wirklich zuhört.“

Geraldine sah sie an – erst Rosie, dann Holland, dann hinüber zu den stillen, massiven Schiffen im Hangar.
„Ihr zwei habt da auch euren Anteil dran,“ sagte sie ruhig. „Ohne euch wär das alles nur eine Idee geblieben.“

Rosie hob die Hand. „Jetzt werd nicht sentimental. Ich will funktionierende Frachtlisten, keine Tränen.“

Geraldine lachte, das erste Mal richtig an diesem Tag. „Dann fang an, neue Spalten einzubauen. In einer Woche wird’s eng.“

Als Rosie und Holland sich wieder ihren Terminals widmeten, blieb Geraldine noch im Hangar stehen. Die Lichter flackerten träge über den metallischen Boden, irgendwo zischte ein Hydraulikventil.
Der Lärm ebbte langsam ab, bis nur noch das ferne Summen des Carriers übrig war.

Sie öffnete das Holo erneut. Unter der Einladung war inzwischen ein weiterer Datensatz eingegangen – die technische Spezifikation.
Schiffsparameter, Leistungsdaten, Materialoptionen, Dockkompatibilität.

Und darunter, sachlich und ungerührt: Kaufpreis.

Geraldine tippte das Feld an. Das Holo rechnete kurz, warf eine glatte Zahl aus, die fast zu bescheiden aussah für das, was sie bedeutete.
Dann blätterte sie weiter: optionale Ausstattung, modulare Erweiterungen, Transportrahmen, erweiterte Antriebe.
Die Summe wuchs. Und wuchs weiter.

Am Ende stand da: 1.038.000.000 CR.

Sie blieb still, sah auf die Zahl und nickte leicht, als hätte sie genau das erwartet.

„Natürlich,“ murmelte sie. „Kein Traum ohne Preis.“

Sie ließ sich auf die Kiste neben der Laderampe sinken, scrollte durch die Konfiguration.
Triebwerk A8 – Standard. Frachtgestelle, variable Struktur, erweiterte Stabilisierung. Ein Hangarbereich, der drei mittlere Schiffe aufnehmen konnte.
Jede Zeile war ein Versprechen, jeder Zusatz ein leises Pochen im Kopf.

Sie nahm den Stift, den sie für die Frachtdokumente nutzte, und begann, die Konfiguration durchzugehen.
Keine Extravaganz, keine überflüssigen Module. Nur Funktion, Reichweite, Sicherheit. So wie sie es mochte.

Ein paar Minuten später lehnte sie sich zurück, sah auf die fertige Zusammenstellung.
Sie sah nüchtern aus, fast schlicht – aber in ihrem Inneren steckte alles, wofür Geraldine die letzten Jahre geflogen war.

Das Konto konnte es tragen. Sie wusste es.
Aber das war gar nicht der Punkt.
Der Punkt war, dass sie dieses Schiff fliegen würde.

Sie ließ das Holo schließen, lehnte den Kopf zurück und atmete durch.
Für einen Moment war die Citadel still. Nur der ferne Herzschlag der Reaktoren – ihr leises, konstantes Ja.

Countdown

Geraldine hatte eigentlich vorgehabt, die Nachricht noch ein paar Tage für sich zu behalten. Doch als sie später in der Lounge saß, die halbleere Tasse in der Hand, flackerte der Gedanke an Amanda wieder auf – und blieb.

Sie öffnete den Kanal. Das Signal suchte eine Weile, dann erschien Amandas Gesicht im Holo – müde, leicht zerkratzt, aber sofort wachsam.

„Sag bitte, du rufst nicht an, weil irgendwas brennt.“

„Nichts brennt,“ sagte Geraldine. „Im Gegenteil.“

„Dann schieß los.“

„Ich hab Nachricht von Zorgon Peterson bekommen.“

Amanda zog die Brauen hoch. „Und? Wollen sie dich verklagen, weil du zu viele Missionen gewonnen hast?“

„Fast. Ich krieg eine Panther Clipper.“

Einen Moment sagte Amanda gar nichts. Dann blinzelte sie langsam. „Du verarschst mich.“

„Nein.“

„Du meinst, du bekommst sie wirklich?“

„In einer Woche. Offiziell bestätigt.“

Amandas Lachen kam so abrupt, dass das Hologramm kurz flackerte. „Verdammt, Geraldine! Ich dachte, du machst Witze. Du kriegst das Schiff, von dem seit Jahren alle reden?“

„Genau das.“

„Ich hasse dich.“

„Ich weiß.“

Amanda lehnte sich zurück, die Hände hinter dem Kopf. „Ich glaub’s nicht. Ich will dabei sein.“

„Schaffst du das zwischen deinen Missionen?“

„Ich find einen Weg,“ sagte Amanda bestimmt. „Ich nehm mir ein paar Tage Luft. Ich will das sehen. Das Ding, das dich zum Strahlen bringt, als hättest du grad das All erfunden.“

Geraldine grinste. „Ich strahl nicht.“

„Doch. Und das ist das Schönste daran.“

Beide schwiegen kurz, das Summen der Verbindung war das einzige Geräusch.

„Dann sehen wir uns bei der Übergabe,“ sagte Amanda leise.

„Ich zähl drauf.“

„Tu das.“

Das Holo flackerte, das Signal wurde schwächer, aber Geraldine blieb noch sitzen, bis das Bild ganz erlosch.
Draußen zog das Licht der Sterne über die Glaswand, langsam, gleichmäßig, als wüsste das Universum genau, was jetzt kommt.

Die Tage vergingen, als würde die Zeit selbst den Atem anhalten.
Rosie war in ihrem Element – sie prüfte Frachtlisten, koordinierte Dockzeiten, rechnete Übergabeprotokolle durch, während Holland sich um die Treibstoffversorgung und den Hangarplatz kümmerte.

Der Carrier war unruhiger als sonst. Überall liefen Gespräche, Mutmaßungen, Wetten. Selbst die Techniker auf Deck 12 stritten darüber, wie groß das Schiff wirklich sein würde.

Geraldine hielt sich aus dem Trubel heraus. Sie arbeitete mit, sprach wenig, machte sich Notizen. Alles lief, alles passte. Nur innerlich war sie ständig zwei Schritte weiter – beim Moment, wenn sich das Hangartor öffnen würde.

Am dritten Abend stand sie allein auf der Brücke. Die Sterne draußen standen still, wie fixiert.
Sie schaltete das Holo ein. Ein Countdown lief – vier Tage bis zur Ankunft.

Rosie trat leise neben sie, ein Pad in der Hand. „Ich hab die Andockdaten bekommen. Sie kommen direkt zu uns. Escort, Vorführteam, das volle Programm.“

Geraldine nickte. „Also keine halben Sachen.“

„Zorgon macht nie halbe Sachen, wenn Kameras laufen,“ sagte Rosie trocken. Dann, etwas weicher: „Du bist aufgeregt.“

„Ich tu nur so, als wär ich’s nicht.“

Rosie grinste. „Ich kenn den Unterschied.“

Sie standen eine Weile nebeneinander, sahen hinaus in die Dunkelheit, in der irgendwo die Zukunft unterwegs war.

„Amanda hat geschrieben,“ sagte Geraldine nach einer Weile. „Sie schafft’s rechtzeitig. Zwei Tage Puffer. Sie will das nicht verpassen.“

„Das glaub ich sofort.“ Rosie legte das Pad beiseite. „Das hier wird Geschichte, Geraldine. Und du stehst mittendrin.“

Geraldine atmete langsam aus. „Ich weiß. Und trotzdem fühlt es sich noch unwirklich an. Wie ein Traum, der zu viel Platz einnimmt.“

„Dann gewöhn dich dran,“ sagte Rosie leise. „Er gehört jetzt dir.“

Die beiden schwiegen wieder. Nur das Summen der Reaktoren füllte den Raum – ruhig, erwartungsvoll, wie ein Atemzug vor dem nächsten großen Schritt.

Geraldine war gerade dabei, eine Lieferung in den Hangar einzutakten, als die private Frequenz aufblinkte: Eingehender Ruf – Amanda Lyvierre.

„Du bist früh,“ sagte Geraldine, ohne hinzusehen.

„Bin auch noch nicht da, aber fast.“ Amandas Stimme war gedämpft, im Hintergrund klang Stationbetrieb. „Ich hatte gestern einen Auftrag auf LTT-irgendwas, Routinekram. Und da läuft mir jemand über den Weg, der deinen Namen kennt.“

Geraldine sah auf. „Das ist selten ein gutes Zeichen.“

„Dieses Mal schon.“ Eine kleine Pause. „Liora. Sagt dir das was?“

Geraldine nickte langsam. „Python-Pilotin. Dunkle Haare, kritischer Blick, noch kritischere Meinung zum Imperium.“

„Genau die.“ Man hörte Amandas Lächeln durchs Rauschen. „Sie fliegt immer noch ihre alte Python, unverändert. Wir haben uns kurz unterhalten, über Missionen, Routen … und dann fiel dein Name. Sie hat nicht schlecht gestaunt, was du in der Zwischenzeit aus dem Nichts gebaut hast.“

Geraldine zog die Handschuhe aus und lehnte sich gegen die Konsole. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich an mich erinnert.“

„Hat sie. Ziemlich genau sogar. Sie meinte, du wärst die Einzige gewesen, mit der sie mal über Schiffe reden konnte, ohne dass einer versucht, sie zu bekehren.“

Geraldine lächelte schmal. „Das klingt nach ihr.“

„Sie will dich besuchen,“ sagte Amanda. „Kein offizielles Ding. Einfach mal vorbeikommen, sehen, was du da machst.“

Geraldine schwieg einen Moment. In ihrem Kopf tauchte das alte Bild auf – Liora in der Bar, das ruhige Gesicht, die nüchterne Stimme. Jemand, der nie viel redete, aber traf.

„Wenn sie wirklich kommt,“ sagte Geraldine schließlich, „soll sie Bescheid sagen. Ich zeig ihr, dass die Welt auch außerhalb der Python weitergeht.“

„Ich richt’s aus.“ Amanda grinste. „Aber sei nett. Ich glaub, sie hält dich noch für halb Legende, halb Wahnsinn.“

„Dann kennt sie mich ziemlich gut.“

Besuch in Aussicht

Zwei Tage später, Nachmittagsschicht.
Geraldine saß in der kleinen Lounge unterhalb der Brücke, den Kopf voller To-dos: Dockfreigaben, Vorbereitungslisten, der immer noch laufende Countdown für die Ankunft der Panther Clipper. Ihr Pad vibrierte, sie ignorierte es zuerst. Beim zweiten Summen sah sie hin – unbekannte Frequenz, verschlüsselt.

Sie nahm an.

Das Holo flackerte kurz, dann erschien ein vertrautes, schmal geschnittenes Gesicht. Schwarzes Haar, streng gebunden, dieser ruhige Blick, der immer ein bisschen zu direkt war.

„Commander Cailloux-Delaurent?“

Geraldine musste lächeln. „Ich dachte, du sagst Geraldine. Wir haben immerhin schon mal über das Imperium gestritten.“

Liora zog kurz den Mundwinkel hoch. „Ich wollte höflich anfangen.“

„Dann fang jetzt normal an.“

„Na gut,“ sagte Liora. „Ich bin in der Gegend. Wenn man im galaktischen Maßstab von Gegend sprechen kann. Zwei Sprünge entfernt, unterwegs zu einer Forschungsstation. Amanda meinte, du wärst… beschäftigt, aber vielleicht offen für Besuch?“

Geraldine lehnte sich zurück, der Kaffee auf dem Tisch dampfte noch. „Beschäftigt, ja. Offen – meistens. Worum geht’s?“

„Gar nichts Konkretes,“ erwiderte Liora. „Ich hab gehört, was du hier aufgebaut hast. Ich wollt’s sehen, bevor es zu Legende wird.“

„Dann bist du spät dran,“ sagte Geraldine trocken. „Die Legende ist schon im Bau.“

Ein kaum hörbares Lachen. „Dann lass mich wenigstens zusehen.“

Geraldine sah sie einen Moment lang an, prüfend, dann nickte sie. „Komm vorbei. Dock drei, Citadel Geraldine. Ich kann dir keine Führung versprechen, aber ’nen Kaffee kriegst du.“

„Mehr wollt ich nicht.“

Die Verbindung endete, das Holo erlosch. Geraldine blieb noch kurz sitzen, blickte auf die leere Stelle, wo eben Lioras Gesicht geschwebt hatte.

Ein Teil von ihr war neugierig. Der andere hatte schlicht keine Kapazität mehr für noch etwas Neues.
Aber sie wusste, dass sie zusagen musste. Es gehörte sich so – und vielleicht brauchte sie gerade genau das: jemanden, der sie an die Zeit erinnerte, bevor alles groß geworden war.

Der Andockvorgang war ruhig. Keine Funkdramatik, kein Protokollgerede – einfach ein Signal, dann das metallische Rumpeln, als die Python an Dock drei einrastete.
Geraldine stand oben an der Balustrade und sah zu, wie sich die Ladeluke des alten Schiffs öffnete. Die Lackierung war stumpf, die Triebwerksverkleidung fleckig, ein paar Paneele trugen Spuren von Reparaturen, die eindeutig nicht aus einer Werft stammten.

Liora trat heraus, die Jacke locker übergeworfen, den Blick wach und ruhig wie früher.
„Ich hätte nicht gedacht, dass dein Carrier so groß ist,“ sagte sie, während sie die Rampe herunterkam.

„Er ist nicht groß,“ entgegnete Geraldine. „Nur ehrlich proportioniert.“

„So kann man’s auch nennen.“ Liora blieb stehen, sah sich um. „Ich hätte dich nicht mitten im Aufbau erwartet. Ich dachte, du fliegst immer noch quer durch die Bubble und philosophierst über Triebwerksoptimierung.“

Geraldine grinste. „Tu ich ja, nur in größerem Maßstab.“

Beide lachten, und für einen Moment fühlte es sich an, als wären keine Jahre vergangen.

Später saßen sie in der Lounge, zwei Tassen zwischen sich, das leise Summen des Carriers im Hintergrund. Liora erzählte – ohne Pathos, ohne Heldengeschichten.
Von Aufträgen, kleinen Transporten, von Systemen, die niemand kannte und von Orten, an die sie nie wieder zurückfliegen wollte.

„Ich hab gelernt,’s ruhig anzugehen,“ sagte sie. „Keine Karriere, keine Ranglisten. Nur fliegen, handeln, leben. Reicht.“

„Das klingt fast vernünftig,“ meinte Geraldine.

„Ich hab’s lang genug unvernünftig versucht.“

Geraldine nickte, ein ehrliches, warmes Nicken. „Und du kommst klar?“

„Mehr als das.“ Liora lächelte. „Ich hab mir nie viel gewünscht, außer genug, um zu bleiben, wo’s mir gefällt. Und das hab ich geschafft.“

Geraldine nahm einen Schluck, betrachtete sie über den Rand der Tasse. „Kein Understatement, kein Stolz. Du hast’s einfach hingekriegt.“

„Manchmal reicht das,“ sagte Liora.

Es war still für einen Moment. Keine Spannung, kein Druck – nur zwei Menschen, die auf derselben Frequenz schwingen, ohne sich erklären zu müssen.

Geraldine mochte das.
Sie mochte Liora.
Diese Ruhe, diese leise Klarheit, die in ihrem eigenen Leben inzwischen selten geworden war.

Geraldine lehnte sich zurück, die Tasse zwischen den Fingern drehend.
„Und die Python?“, fragte sie schließlich. „Sieht aus, als hättest du sie durch einen Meteorenschauer geflogen.“

Liora grinste schief. „Nur durch ein paar schlechte Entscheidungen. Ich wollt sie längst überholen, aber du weißt ja, wie das ist – immer irgendwas Wichtigeres.“

„Hm.“ Geraldine zog eine Augenbraue hoch. „Die Ausrede kenn ich. Hab sie selbst jahrelang benutzt.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hab ich einen Carrier voller Werkstätten, Techniker und Ersatzteile, die mehr Staub ansetzen als nötig.“ Sie nahm einen Schluck. „Wenn du willst, kannst du die Überholung hier machen lassen.“

Liora hob den Blick, überrascht. „Hier?“

„Ja. Ich hab Platz, du hast ein Schiff, das nach Zuwendung schreit – klingt nach einer logischen Kombination.“

Liora lachte leise. „Ich weiß nicht. Ich bin’s nicht gewohnt, irgendwo zu bleiben. Und du hast grad genug um die Ohren.“

„Das hier ist keine Gefälligkeit,“ sagte Geraldine ruhig. „Ich mag, wenn Schiffe in Ordnung sind. Und du bist hier willkommen, ob du was schraubst oder nicht.“

Liora sah sie an, das Lächeln blieb, aber es wurde weicher. „Ich glaub, ich würd’s mögen, wenn sie mal wieder läuft wie früher.“

„Dann ist das entschieden.“

„Ich hab nicht ja gesagt.“

„Ich weiß,“ erwiderte Geraldine mit einem kaum merklichen Grinsen. „Aber du hast’s auch nicht verneint.“

Liora schüttelte den Kopf, aber man sah, dass der Gedanke ihr gefiel.
„Du bist gefährlich überzeugend, weißt du das?“

„Ich nenn’s Pragmatismus.“

Für einen Moment saßen sie still da, das Summen der Triebwerke tief in den Wänden.
Liora blickte in ihre Tasse, dann wieder zu Geraldine. „Vielleicht bleib ich wirklich ein paar Tage. Nur, bis sie wieder rund läuft.“

„Genau so fängt’s an,“ sagte Geraldine und lächelte.

Hangartour

Die Python stand nun im Wartungsdock, eingehüllt in Licht und Dampf. Zwei Techniker arbeiteten schon an der Triebwerkssektion, während Holland die Checkliste auf einem Pad abzeichnete.
Geraldine hatte sich freigenommen – kein Funk, keine Planung, nur dieser seltene Zustand, in dem sie sich Zeit leisten konnte.

Liora ging neben ihr her, die Hände in den Taschen, der Blick wanderte über den Hangar. Die Luft roch nach Öl und Ozongeruch, das leise Echo von Werkzeugen füllte die Hallen.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal auf einem Carrier rumlaufe, ohne eine Lieferung abzugeben,“ sagte sie.

„Genieß es, bevor du’s wieder tust,“ erwiderte Geraldine. „Hier gibt’s mehr zu sehen als Container.“

Sie zeigte ihr den Hauptbereich – die Schleusen, die Wartungsgänge, den zentralen Hangar. Überall standen Schiffe, glänzend, matt, kampfbereit oder halb zerlegt.
Liora blieb immer wieder stehen, betrachtete jedes von ihnen, stellte kurze, präzise Fragen. Keine Neugier um der Neugier willen – sie verstand, was sie sah.

„Die Cutter ist größer, als ich sie mir vorgestellt hab,“ meinte sie, während sie an der Reling entlangging.

„Und genauso eigensinnig,“ sagte Geraldine. „Perfekt, wenn man Platz will, aber nicht diskutieren.“

„Und die Corvette?“

„Caitlyn. Sie hat Charakter. Und schlechte Laune, wenn man sie zu lange stehen lässt.“

Liora grinste. „Also wie du.“

„Das behaupten manche.“

Sie gingen weiter, bis Liora vor einem etwas abseits geparkten Schiff stehen blieb. Der Rumpf war schlicht, funktional, ohne Zierrat – der T8.

„Das ist dein Transporter?“ fragte sie leise.

„Ja. Mein Arbeitspferd. Kein Prestige, kein Lärm. Aber zuverlässig.“

Liora umrundete das Schiff langsam, legte die Hand an die Außenhülle. „Der hat was. So unauffällig, dass man ihn fast übersieht. Und trotzdem steht er da, als wüsste er genau, was er kann.“

Geraldine nickte. „Das war immer seine Stärke. Kein Drama, nur Leistung.“

„Gefällt mir,“ sagte Liora, und man hörte, dass sie das meinte. „Wenn ich irgendwann genug hab vom kleinen Leben, bau ich mir so einen um. Für mich wär das das perfekte Schiff.“

Geraldine lächelte, schmal, aber echt. „Dann bist du hier genau richtig. Wir haben die Werkzeuge schon warm laufen.“

Liora lachte, dieser ehrliche, helle Ton, der sich im Hangar verfing.
Für einen Moment war alles leicht – zwei Pilotinnen zwischen Schiffen, die mehr Geschichten erzählten als jede Bar in der Bubble.

Als sie den Rundgang beendeten, führte der Weg automatisch an der Werkstatt vorbei.
Der Geruch von Schmieröl und warmem Metall schlug ihnen entgegen, das rhythmische Zischen der Hydraulik mischte sich mit Stimmen aus dem Inneren.

Die Python stand halb zerlegt auf den Stützen, das Heck offen wie eine Schale. Zwei Techniker arbeiteten unter dem Triebwerksrahmen, während Holland auf einem Pad die Messwerte durchging.

„Na, perfekte Timing,“ sagte Geraldine. „Sieht so aus, als hättet ihr sie schon zerlegt, bevor der Kaffee fertig war.“

Holland sah auf, ein dünnes Lächeln im Gesicht. „Fast. Die ersten Checks sind durch. Nichts Dramatisches, aber …“

„Aber?“ fragte Liora, sofort hellwach.

„Ein paar Stellen in der Struktur sind nicht schön. Alter Materialmix, kleine Risse um die Dockverankerung, und die Kühlleitungen hinten sind kurz vorm Aufgeben. Nichts, was wir nicht hinkriegen, aber das dauert.“

„Wie lange?“

Holland tippte auf das Pad, ließ Zahlen über das Display laufen. „Mit Teilebestellung und Montage — knapp eine Woche, wenn alles pünktlich kommt.“

„Eine Woche?“ Liora zog hörbar die Luft ein. „Ich wollte eigentlich morgen wieder weiter.“

Geraldine legte den Kopf leicht schief, musterte sie. „Dann hast du jetzt eine Woche Urlaub. Ich kenn schlechtere Schicksale.“

Liora lachte unsicher, schüttelte dann den Kopf. „Ich bin’s einfach nicht gewohnt, so lange an einem Ort zu bleiben.“

„Dann fang an, es zu üben,“ sagte Geraldine ruhig. „Hier rennt dir keiner weg. Wir haben Platz, Essen, sogar halbwegs trinkbaren Kaffee.“

„Und Arbeit?“

„Wenn du willst, such ich dir was. Aber ehrlich — du darfst auch einfach mal nichts tun.“

Liora sah sie an, noch im Zwiespalt zwischen Fluchtreflex und Erleichterung. Dann atmete sie aus. „Eine Woche also.“

„Mindestens,“ sagte Holland von hinten. „Wenn du Glück hast, zwei.“

Geraldine grinste. „Du siehst, wir lassen dich nicht so schnell los.“

„Ich merk’s,“ murmelte Liora, aber das Lächeln blieb. „Vielleicht ist das gar nicht so schlimm.“

Sie standen noch eine Weile da, sahen auf die Python, wie sie halb offen im Licht der Werkstatt lag – ein stilles, unfreiwilliges Zuhause auf Zeit.

Zwischenstopps

Die Tage flossen ineinander.
Liora blieb – zuerst widerwillig, dann aus Gewohnheit. Ihre Python stand noch immer aufgebockt, Teile fein säuberlich auf Wagen verteilt. Und weil Nichtstun nie ihre Stärke war, flog sie bei Geraldine mit.

Die Cutter startete früh, schwer beladen mit Strukturelementen und Versorgungskisten. Liora saß auf dem Copilotensitz, den Blick auf die Anzeigen gerichtet. Schon beim ersten Sprung war ihr anzusehen, dass sie innerlich damit kämpfte, wie träge sich alles anfühlte.

„Fühlt sich an, als würde man einen Mond schieben,“ sagte sie nach dem dritten Dockingmanöver.

Geraldine grinste. „Ein Mond, der bezahlt wird.“

„Ich hätt keine Geduld für so was,“ gab Liora zurück, während sie die Ladungsdaten kontrollierte. „Ich brauch Bewegung. Schnelle Routen, kleine Schiffe, kurze Sprünge.“

„Deshalb fliegst du noch Python,“ meinte Geraldine.

„Deshalb liebe ich meine Python,“ korrigierte Liora. Dann sah sie zu ihr hinüber, der Ausdruck nun ehrlicher. „Aber dass du das hier machst – jeden Tag, mit diesem Koloss – Respekt. Ich würd nach einer Stunde aussteigen.“

„Du gewöhnst dich dran,“ sagte Geraldine, die Hände ruhig auf den Steuergriffen. „Irgendwann hörst du die Masse nicht mehr. Dann ist’s wie Atmen. Schwerer, aber stiller.“

Liora nickte langsam, fast nachdenklich. „Vielleicht. Aber ich glaub, du bist dafür gebaut. Ich wär hier drin wie ein Vogel im Tank.“

Geraldine lachte leise. „Dann bleib bei deinen Flügeln. Ich schieb derweil weiter Planeten durchs Vakuum.“

Sie flogen weiter, begleitet vom tiefen Brummen der Antriebe. Zwischen den beiden legte sich eine angenehme Ruhe – das seltene Schweigen, das nur dann entsteht, wenn zwei Menschen sich verstehen, ohne einander erklären zu müssen.

Als die Cutter in den Hangar der Citadel einflog, war der Himmel über dem Trägerschild blass vor Sonnenlicht. Geraldine drosselte den Schub, während die Landestützen einrasteten.
„Willkommen zu Hause,“ sagte sie beiläufig, mehr Routine als Kommentar.

Liora grinste. „Ich könnt mich dran gewöhnen.“

„Sag das nicht zu laut, Rosie hört alles.“

Beide lachten, stiegen aus, der Geruch von heißem Metall und Kühlflüssigkeit empfing sie.
Doch noch bevor sie den Wartungsbereich erreichten, stand jemand vor der Schleuse.

Amanda.

Sie lehnte an der Reling, die Arme verschränkt, den typischen Ausdruck zwischen Belustigung und Analyse im Gesicht.
„Na sieh mal an,“ sagte sie, kaum dass Geraldine den Helm abnahm. „Ich dachte, du bringst Material, keine Gesellschaft.“

Geraldine blieb kurz stehen, überrascht, dann breitete sich ein ehrliches Lächeln aus. „Du bist früh.“

„War neugierig,“ erwiderte Amanda. „Und wie ich sehe, berechtigt.“ Ihr Blick glitt zu Liora, dann zurück zu Geraldine.

Liora hob eine Hand, ruhig, ohne Unsicherheit. „Amanda. Wir sehen uns früher wieder als geplant.“

Amanda grinste leicht. „Das kann man wohl sagen. Ich dachte, wir sehen uns erst auf irgendeiner Station wieder, nicht auf Geraldines Hangardeck.“

„Ich bin flexibel,“ erwiderte Liora.

„Oder strategisch,“ meinte Amanda, und ein kurzer, fast freundschaftlicher Blick flog zwischen ihnen hin und her.

Geraldine beobachtete das, verschränkte die Arme. „Bevor du weiter kombinierst – Lioras Python steht in der Werkstatt. Ein paar kaputte Leitungen, nichts Dramatisches. Ich hab ihr angeboten, das hier zu machen.“

Amanda nickte langsam. „Das erklärt, warum sie noch hier ist. Und warum du sie durch die halbe Bubble kutschierst.“

„Genau das,“ sagte Geraldine ruhig. „Sie hilft mir bei den Materialflügen, bis ihr Schiff wieder fliegt.“

Liora grinste. „Ich hab mich nicht beschwert.“

Amanda sah von der einen zur anderen, das Grinsen breiter. „Ich seh schon, ihr zwei kommt klar. Gut so. Ich wollte nur sicherstellen, dass ich hier nicht mitten in ein neues Projekt platze.“

„Diesmal nicht,“ sagte Geraldine. „Nur ein Zwischenstopp.“

Amanda zog eine Braue hoch. „Ah. Deshalb also.“

„Genau deshalb,“ sagte Geraldine ruhig. „Sie ist nur hier, bis ihr Schiff wieder fliegt.“

„Mhm.“ Amanda verschränkte die Arme fester. „Und in der Zwischenzeit fliegt sie mit dir Cutter?“

„Lieber als dass sie in der Werkstatt Staub zählt,“ entgegnete Geraldine. „Und sie hilft wirklich.“

Liora grinste leicht. „Ich bin pflegeleicht, versprochen.“

Amanda atmete durch, das Grinsen kehrte langsam zurück. „Schon klar. Ich hab nur ein bisschen gebraucht, um das Bild geradezurücken. Ich komm hierher, und du sitzt auf einmal in der Gesellschaft einer Python-Pilotin. Das überrascht eben.“

„Dann siehst du, wie gut ich im Multitasking bin,“ sagte Geraldine.

Amanda lachte leise, ehrlich. „Ich hab’s vermisst, wie du mich mit Ruhe provozierst.“

„Willkommen zurück,“ sagte Geraldine. „Und keine Sorge – alles läuft. Nur eben nicht nach Plan.“

Amanda sah sie kurz an, dann zu Liora. „So mag sie’s am liebsten.“

„Das hab ich schon gemerkt,“ meinte Liora, und alle drei lachten – leise, erleichtert, als hätte sich die Spannung in einem Atemzug aufgelöst.

Später am Abend war es still auf der Citadel.
Liora hatte sich in ihr Quartier zurückgezogen, erschöpft vom Tag, und Geraldine blieb mit Amanda in ihrem privaten Bereich zurück. Das Licht war gedimmt, zwei Gläser auf dem Tisch, der Geruch von starkem Kaffee hing noch in der Luft.

Amanda saß halb auf der Lehne, den Blick auf die Sternenwand gerichtet. „Also … Liora,“ begann sie schließlich.

Geraldine hob eine Augenbraue. „Das klingt wie der Anfang eines Verhörs.“

„Nur Interesse,“ sagte Amanda ruhig. „Sie ist sympathisch. Ruhig. Und ich kenn dich – du sammelst keine Zufälle, wenn sie dir nicht was bedeuten.“

Geraldine lächelte müde. „Bedeutung ist übertrieben. Sie hat einfach einen eigenen Takt. Kein Druck, kein Ehrgeiz, kein Drama. Ich mag das. Es erinnert mich an das, was ich manchmal verliere.“

Amanda nickte, sah sie über den Rand ihres Glases an. „Und zwischen euch?“

„Zwischen uns ist Ruhe,“ sagte Geraldine leise. „Mehr nicht. Kein Flirt, kein Spiel. Nur zwei Menschen, die sich verstehen, ohne was zu wollen.“

Amanda hielt den Blick noch einen Moment, dann nickte sie. „Gut. Ich frag nur, weil du …“

„Weil ich manchmal Leute näher ranlasse, als ich will?“

„Genau das.“

Geraldine grinste. „Mach dir keine Sorgen. Wenn ich Mist baue, bist du die Erste, die’s merkt.“

„Ich merk’s jetzt schon,“ sagte Amanda trocken, aber ihr Lächeln war warm.

Sie redeten noch eine Weile, über Kleinigkeiten, die Baustelle, über die Clipper, über alles und nichts.
Als sie schließlich schlafen gingen, war die Luft leicht, vertraut, wie nach einem langen Flug, der gut gelandet war.

Der nächste Morgen kam schneller, als Geraldine gehofft hatte.
Sie hatte gerade den ersten Kaffee eingegossen, als der Funk aufblitzte – Rosies Stimme, ungewohnt angespannt:

„Geraldine? Du solltest besser in den Hauptsektor kommen. Jetzt sofort.“

Geraldine stellte die Tasse ab. „Was ist los?“

„Zorgon Peterson. Ganze Abordnung. Presse, Repräsentanten, Kamera-Teams – alles. Sie sind im Anflug. Du hast dreißig Minuten.“

„Was?“

„Ja. Und das ist der offizielle Teil: Heute ist die Auslieferung. Deine Panther Clipper.“

Amanda sah sie nur an, während Geraldine versuchte, das zu verarbeiten.

„Na dann,“ sagte Geraldine schließlich, atmete tief durch, „fangen wir an, Geschichte zu spielen.“

Sie nahm den Becher, trank den Rest in einem Zug aus und ging zur Tür.

Der Hangar war kaum wiederzuerkennen.
Scheinwerfer, Banner, ein halbes Filmteam – Rosie hatte nicht übertrieben. Das Firmenlogo von Zorgon Peterson prangte über der Hauptschleuse, daneben eine Reihe akkurat aufgestellter Uniformierte.

Geraldine stand in ihrem Quartier, zog den Reißverschluss der dunkelgrauen Jacke zu und musterte sich im Spiegel.
Kein Pilotenanzug heute. Stoff, kein Funktionsmaterial. Sauber, glatt, fast elegant. Sie hatte sich sogar ein wenig geschminkt – dezent, aber sichtbar.

Amanda lehnte am Türrahmen und beobachtete sie, die Arme verschränkt, ein amüsiertes Funkeln in den Augen.
„Ich hätt schwören können, du besitzt gar keine Zivilkleidung.“

„Die lag unter den Missionsberichten,“ sagte Geraldine. „Hab sie ausgegraben.“

„Und das mit dem Make-up?“

„Experiment. Ich wollte sehen, ob ich danach jemandem was verkaufen kann.“

„Du siehst aus, als würdest du gleich einen Konzern übernehmen.“

„Vielleicht tu ich das ja.“

Amanda lachte. „Wenn du irgendwann mal PR machst, kündige ich.“

„Notiert.“

In diesem Moment klopfte es. Liora stand in der Tür, frisch geduscht, die Haare offen, ihre sonst so nüchterne Art mit einem Hauch Verlegenheit gemischt.
„Ich hab gehört, heute ist Showtime.“

„Und du bist mittendrin,“ sagte Amanda.

„Ich bin nur Zaungast.“

„Bei Zorgon gibt’s keine Zaungäste,“ murmelte Geraldine, griff nach ihrer Jacke und schnappte sich das Datenpad. „Die haben vermutlich schon einen Platz mit meinem Namen drauf und eine Kamera zu viel.“

„Dann lächle wenigstens,“ sagte Amanda.

„Ich kann’s versuchen.“

Sie traten gemeinsam in den Korridor. Rosie wartete bereits am Ende, nervös, aber mit einem professionellen Glanz in den Augen.

„Alles bereit?“ fragte Geraldine.

„Bereit ist relativ,“ sagte Rosie. „Aber sie sind fünfzehn Minuten entfernt. Und… du siehst erstaunlich offiziell aus.“

Geraldine zog eine Augenbraue hoch. „Sag bloß, du erkennst mich kaum wieder.“

„Ich erkenne dich,“ sagte Rosie trocken. „Ich war nur nie sicher, dass du dich jemals kämmen kannst.“

Amanda prustete los. Liora grinste. Geraldine sah beide an und schüttelte den Kopf. „Ihr habt zu viel Freizeit.“

„Nur heute,“ sagte Amanda. „Morgen darfst du wieder den dreckigen Frachter spielen.“

„Darauf freu ich mich schon.“

Sie lachten, leise, während draußen bereits die Anflugwarnung ertönte – die Eskorte von Zorgon Peterson war im Anmarsch.
Die Luft vibrierte leicht, wie vor einem Gewitter, das niemand fürchtete, aber jeder fühlen konnte.

Geraldine atmete tief durch.
„Na dann,“ sagte sie, und der Ton war ruhig, aber fest. „Lass uns das Biest willkommen heißen.“

Das Schauspiel begann pünktlich auf die Sekunde.
Vier Zorgon-Shuttles dockten gleichzeitig an, als hätten sie das Universum selbst choreografiert. Türen öffneten sich, eine Welle aus Anzügen, Kameras, Holo-Drohnen und übertriebener Freundlichkeit ergoss sich in den Hangar.

Rosie flüsterte: „Ich hab weniger Protokoll gesehen, als der Carrier abgenommen wurde.“

„Das ist der Carrier-Abnahmetest,“ murmelte Geraldine zurück. „Nur mit Lippenstift.“

An der Spitze der Delegation marschierte ein Mann in einer glänzenden Uniform, die aussah, als könne sie Signale reflektieren.
„Commander Cailloux-Delaurent!“ rief er, als hätte sie vergessen, wie sie heißt. „Zorgon Peterson möchte Ihnen für Ihre außerordentlichen Verdienste danken.“

Geraldine lächelte höflich, nickte, reichte Hände, unterschrieb Dinge, die sie nie lesen würde. Irgendjemand hielt ihr eine Urkunde hin, eine Stimme sprach vom „Geist des Fortschritts“ und „Pioniergeist in einer neuen Ära“.

Amanda und Liora standen weiter hinten, halb im Schatten der Hangarwand.
„Wie lang geht das schon?“ flüsterte Liora.

„Fünfzehn Minuten, die sich anfühlen wie eine Woche,“ antwortete Amanda.

„Ich glaub, sie hat grad zum dritten Mal für dasselbe gedankt.“

„Sie macht das gut,“ sagte Amanda mit einem schmalen Grinsen. „Das hier ist nicht ihre Welt, aber sie lässt sich nichts anmerken.“

„Ich würd schon längst schreien.“

„Sie auch – nur innerlich.“

Vorne wurde weiter geredet, gelächelt, fotografiert. Eine Holo-Plakette wurde überreicht, ein Symbol aus Titan und Pathos. Geraldine nahm sie entgegen, hob sie kurz an, als würde sie prüfen, ob sie wenigstens echtes Gewicht hatte.

Dann endlich, nach endlosen Dankesfloskeln, senkten sich die Lichter.
Ein tiefes Grollen vibrierte durch den Boden, kaum hörbar, aber fühlbar. Rosie hob den Kopf.

„Das wird sie sein,“ sagte Geraldine leise.

Über den Sichtfenstern öffnete sich die äußere Schleuse der Citadel.
Draußen, im kalten Schwarz, sank die Panther Clipper herab – langsam, kontrolliert, begleitet von Positionslichtern und dem fahlen Glanz der Sterne.

Der Hangar füllte sich mit dem metallischen Brummen der Hydrauliken. Druckventile öffneten sich, Luft rauschte ein, ein tiefes Zischen lief durch den Raum.
Dann schloss sich die äußere Schleuse wieder, die Anzeige sprang auf Atmosphäre stabil.

Die Plattform verriegelte, ein dumpfer Schlag ging durch den Boden – und da war sie.

Amanda stand stumm neben Geraldine, Liora ein Stück dahinter.
„Also das Ding willst du wirklich fliegen?“ fragte Amanda leise.

„Fliegen? Ich heirat’s vielleicht,“ sagte Geraldine.

Liora lachte kurz auf, konnte den Blick aber nicht abwenden. „Ich hab Transporter gesehen, aber das hier ist…“

„…eine Verschwendung von Maßstäben,“ beendete Amanda den Satz.

Geraldine trat ein paar Schritte vor, die Hände in den Taschen, das Gesicht im Licht.
Ein Moment lang war alles still. Kein Holo, kein Applaus, nur das tiefe, vibrierende Brummen der Schiffssysteme, die gerade hochfuhren.

Rosie kam dazu, die Stimme etwas brüchig. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu arbeiten.“

„Hinten,“ sagte Geraldine, ohne den Blick abzuwenden. „Oder vorne. Oder überall gleichzeitig.“

„Und das gehört jetzt wirklich dir?“ fragte Liora.

„Nicht ganz,“ sagte Geraldine. „Nur bis zum nächsten Wartungsintervall.“

Amanda grinste, legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Na dann, Commander – willkommen in deiner eigenen Legende.“

Geraldine atmete langsam aus. „Verdammt,“ sagte sie leise, fast ehrfürchtig. „Sie ist noch größer, als sie in meinem Kopf war.“

„Das sagst du immer,“ meinte Amanda.

„Diesmal stimmt’s.“

Die Crew lachte, erleichtert, überwältigt, wie Kinder vor einem Wunder.
Und da stand sie – die Panther Clipper, glänzend, massiv, jenseits jedes Maßstabs.
Geraldine konnte den Blick nicht lösen.

Es fühlte sich an, als hätte das Universum kurz aufgehört, sich zu drehen, nur um ihr zuzusehen.

Kapitel 46