
Ruhelos
Die Citadel lag in stabilem Orbit.
Keine Alarme, keine Baustellen, kein Lärm. Nur das tiefe, stetige Summen der Systeme – der Klang eines Schiffs, das zum ersten Mal wirklich im Gleichgewicht war.
Geraldine lehnte sich im Kommandosessel zurück, die Füße auf der unteren Querstrebe, den Blick auf das leuchtende Holo ihres Systems gerichtet.
Outpost Geraldine. Zwei Versorgungssatelliten. Eine kleine Industriezone im Aufbau. Alles stabil. Alles perfekt.
Und genau das machte sie unruhig.
Rosie hatte längst die Routine übernommen, Holland kümmerte sich ums Depot, selbst der Handel lief inzwischen automatisiert.
Geraldine war überflüssig geworden – zumindest für den Moment.
Sie schaltete das Holo ab, stand auf und ging zur Panoramascheibe.
Ein leiser Gedanke kam auf, so spontan, dass sie fast darüber lachen musste.
Kampagnen. Piratenjagd.
Nicht, weil sie musste – sondern weil sie mal wieder was spüren wollte.
Geraldine ließ das Systemholo ausblenden und öffnete den Einsatzfeed.
Meldungen rauschten vorbei: Eskorte hier, Hilfsflug dort, Routine, Routine, … Dann blieb sie hängen.
Kampagne: Dhan – Bekämpfung organisierter Piraterie
– Prämien gestaffelt nach Abschüssen
– Bonus für Kopfgelder
– Belohnung: vorab optimierter Tötungsbefehl-Scanner (engineert)
Sie stieß die Luft durch die Zähne. „Na bitte.“
Sie öffnete die Detailseite. Karten, Routen, bekannte Hotspots. Der Scanner war echt: verbesserte Scanzeit, erweiterter Datenabgleich, stabile Reichweite.
Nach Wochen voller Frachtlisten fühlte sich das an wie kaltes Wasser ins Gesicht.
„Rosie, setz Dhan auf die Sprungliste. Keine Eile, aber zeitnah.“
„Bestätigt,“ kam es aus dem Off. „Wofür die plötzliche Jagdlaune?“
„Für mein Nervenkostüm.“
Die Tür glitt auf. Amanda stand im Rahmen, Helm unterm Arm, Haar leicht zerzaust, dieser Blick, der immer nach Ärger roch.
„Sag mir, dass du gerade nicht einen Minenplan aufsetzt.“
„Noch besser,“ sagte Geraldine. „Dhan.“
Amanda blinzelte. „Piraten?“
„Kampagne. Gute Prämien. Und ein Tötungsbefehl-Scanner, schon getunt.“
Amanda legte den Helm auf die Konsole, beugte sich über das Display. „Die zahlen wirklich dafür?“
„Sieht so aus.“
„Und du willst dich einschreiben… ausgerechnet du… nach drei Monaten Baustellen-Yoga.“
„Ich nenne es Ausgleichstraining.“
„Ich nenne es Rückfall in alte Gewohnheiten.“
„Alte Gewohnheiten halten jung.“
Amanda grinste schief. „Oder machen tot.“
„Deshalb nehme ich dich mit.“
„Du fragst mich gerade ernsthaft?“
„Ich werbe dich an. Mit Aussicht auf Beute, Ärger und einem Spielzeug, das du später auseinanderbauen darfst.“
„Den Scanner krieg nur, wer mitfliegt.“
„Eben.“
Amanda sah noch einmal auf die Missionsdaten. „Hotspots im äußeren Gürtel, wechselnde Intercepts, keine feste Befehlskette. Das da schreit nach Chaos.“
„Und nach Bewegung.“
„Welche Schiffe?“
„Ich flieg Caitlyn. Du Python.“
„Also schwer und schnell. Ich decke, du brichst.“
„Oder andersrum, je nachdem, wer zuerst lacht.“
Amanda schnaubte. „Ich lache nie.“
„Du grinst, wenn’s brennt.“
„Das ist was anderes.“ Sie tippte auf den Reward-Block. „Der Scanner… der ist gut. Spart uns eine Menge nutzlosen Funk.“
„Und verhindert, dass wir versehentlich die Falschen scannen.“
„Wir scannen nie versehentlich.“
„Sagen wir: seltener.“
Amanda legte den Kopf schief. „Wie lange willst du bleiben?“
„Ein, zwei Tage. Kopf freibekommen. Danach zurück an die Planung für die Forschungsstation.“
„Kathleen.“
„Ja.“
Ein kurzer Moment Stille. Amanda rieb sich den Nacken. „Okay. Ich bin dabei.“
„So einfach?“
„Ich hab dich zu lange in Bauplänen versenkt gesehen. Du brauchst Sternenstaub zwischen den Zähnen.“
„Klingt ungesund.“
„Ist es. Aber du funktionierst dann besser.“
Geraldine schob ihr ein Pad hin. „Trag dich ein. Ich reserviere zwei Hangarfenster.“
Amanda unterschrieb mit einem Fingerwisch. „Ich will die erste Runde auf Zieleinweisung.“
„Du kriegst sie. Und den ersten Kaffee.“
„Der Kaffee ist nicht verhandelbar.“
„War er noch nie.“
Amanda griff nach dem Helm. „Ich check die Python. Wenn Holland mir wieder diesen ‚Nur zwei Raketen-Pods‘-Blick gibt, schicke ich sie zu dir.“
„Schick sie. Ich mag diesen Blick.“
„Weil du ihn nicht kriegst.“
„Ich krieg andere.“
„Du kriegst alle.“ Amanda drehte sich zur Tür. „Abflug wann?“
„Sobald du startklar bist.“
„Dann fangen wir besser an.“ Sie blieb stehen, halb gedreht. „Danke, dass du gefragt hast.“
Geraldine hob eine Augenbraue. „Seit wann brauchst du eine Einladung zum Ärger?“
„Seit heute. Fühlt sich… richtig an.“
„Gut. Dann los.“
Amanda nickte und verschwand. Die Tür schloss sich mit einem leisen Atemzug.
Geraldine rief die Sprungkorridore auf. Dhan blinkte auf dem Holo – nicht als Gefahr, sondern als Versprechen auf einen einfachen, klaren Tag: Ziele, Manöver, Stille nach dem Lärm.
„Rosie?“
„Ich höre.“
„Startfenster in 40 Minuten. Und sag Holland, sie soll Amanda drei Raketen-Pods geben.“
„Das wird Diskussionen geben.“
„Ich weiß.“
„Ich liebe deinen neuen Führungsstil.“
„Das ist der alte. Ich hatte nur Pause.“
Dhan
Die Sterne zogen sich zu Linien, als Caitlyn in den Frameshift ging.
Geraldine lehnte sich im Pilotensitz zurück, Hände locker am Steuer, während das vertraute Summen durch das Cockpit vibrierte.
Nach Wochen voller Funkverkehr, Bauprotokolle und Logistik fühlte sich das hier fast wie Schweigen an.
Auf dem Nebenkanal rauschte kurz Amandas Stimme.
„Zweiter Sprung abgeschlossen. Du hast mich eingeholt.“
„Ich wollte mal wieder sehen, ob du noch fliegst oder nur kommentierst.“
„Frech,“ meinte Amanda, „ich hab eine ganze Woche lang Training geflogen.“
„In welcher Disziplin?“
„Zielausweichverhalten. Sehr erfolgreich.“
Geraldine grinste. „Also alles beim Alten.“
Ein paar Sekunden Stille, dann änderte sich der Ton.
„Ich hatte übrigens Kontakt mit Kathleen,“ sagte Amanda.
Geraldine hob den Blick. „Wann?“
„Vor drei, vier Tagen. Nur kurz. Sie hat geschrieben, dass sie wieder auf dieser Forschungsstation arbeitet. Sie klang… nicht besonders glücklich.“
„Wie meinst du das?“
„Sie meinte, die Station ist kleiner geworden. Weniger Leute, mehr Routine. Alles wirkt festgefahren.“
Geraldine schwieg.
„Ich hab gefragt, ob sie schon einen Plan hat, was sie als Nächstes will,“ fuhr Amanda fort. „Sie hat nur gesagt, sie weiß es nicht mehr.“
„Typisch Kathleen,“ murmelte Geraldine. „Zuerst voller Energie, und dann macht sie sich selbst klein, wenn’s läuft.“
„Vielleicht fehlt ihr jemand, der sie wieder aufrüttelt.“
„Ich glaub, sie will gar nicht aufgerüttelt werden,“ sagte Geraldine leise. „Sie will irgendwo dazugehören. Und das kann sie dort nicht.“
Amanda schwieg eine Weile, dann: „Klingt, als würdest du sie ziemlich vermissen.“
„Tu ich auch.“
Das Hyperraumfeld flackerte kurz, die Sterne formten sich neu.
Geraldine sah hinaus, in das sich drehende Blau des Sprungtunnels.
„Ich hab oft an sie gedacht, während wir gebaut haben,“ sagte sie schließlich. „An die Forschungsstation. Es ist eigentlich für sie gedacht. Ich glaub, sie weiß das gar nicht.“
„Dann solltest du’s ihr irgendwann sagen.“
„Irgendwann,“ wiederholte Geraldine. „Wenn’s fertig ist.“
Amanda nickte, auch wenn Geraldine es nicht sehen konnte.
„Du hast ein Talent dafür, Menschen zu reparieren, ohne dass sie’s merken.“
„Ich bau lieber Stationen. Die reden nicht zurück.“
„Das stimmt. Aber sie umkreisen dich auch nicht freiwillig.“
Geraldine grinste. „Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Kompliment war.“
„Ich auch nicht,“ meinte Amanda trocken.
Die Computer meldeten: Nächster Sprung – System Dhan.
Geraldine atmete durch, legte die Hand auf den Schubregler.
„Dann schauen wir mal, ob wir wieder verlernen können, perfekt zu sein.“
„Das ist der Plan,“ sagte Amanda, und beide sprangen.
Der letzte Sprung brach ab, und die Sterne fielen in ihr gewohntes Muster zurück.
Dhan.
Schon beim Eintreffen prasselte Funkverkehr über die Kanäle – abgehackte Stimmen, Einsatzmeldungen, Warnrufe, Prämienansagen.
Zwischen den Planeten zogen Lichtspuren, überall kreuzten Schiffe ihre Bahnen.
Piraten, Kopfgeldjäger, Söldner – ein Durcheinander aus Ambitionen, Rauch und Credits.
„Schön chaotisch hier,“ meinte Amanda, als ihre Python neben Caitlyn aus dem Frameshift fiel.
„Genau das hab ich gebraucht,“ erwiderte Geraldine. „Ein bisschen sinnloser Lärm.“
„Ich sag’s dir gleich: Das wird ein Zirkus. Jeder will den letzten Treffer landen.“
„Dann sollten wir besser zielen.“
Sie lenkten ihre Schiffe Richtung Hauptstation – Dhan Gateway, ein massiver Zylinder mit endlos blinkenden Landeleuchten.
Vor dem Dock wartete eine Schlange aus Schiffen; das Kontrollsystem arbeitete im Notmodus.
„Wenn das hier vorbei ist, will ich nie wieder eine Warteschlange sehen,“ murmelte Amanda.
„Dann flieg in der Zwischenzeit Kreise, das entspannt.“
„Ich hasse Kreise.“
„Dann lern sie lieben.“
Endlich kam die Dockfreigabe.
Geraldine setzte Caitlyn präzise in den Hangar, sah die Schleusenlichter auf Grün springen.
Amanda landete wenige Sekunden später, elegant wie immer – ein bisschen zu nah, was sie garantiert absichtlich machte.
Die Luftschleuse öffnete sich. Der Geruch von Schmieröl, Metall und zu heiß gelaufenen Triebwerken schlug ihnen entgegen.
Piloten drängten durch die Gänge, der ganze Stationskern vibrierte von Stimmen und Lautsprecherdurchsagen.
„Ich glaub, ich war zu lange auf dem Carrier,“ sagte Amanda. „Hier riecht’s nach Leben und Tod gleichzeitig.“
„Nach Credits,“ erwiderte Geraldine.
Sie gingen zum Registrierungsbereich. Hologramme zeigten laufende Einsätze, Ranglisten, aktuelle Prämien.
Ein gelangweilter Offizier nahm ihre Daten, reichte die digitalen Marken.
„Willkommen in der Kampagne gegen organisierte Piraterie. Sektor C und E sind überfüllt, B ist stabil. Viel Glück, Commander.“
„Klingt wie ein Verkaufsgespräch,“ murmelte Amanda, als sie weitergingen.
„Vielleicht ist es eins.“
Geraldine öffnete ihre Missionsdaten auf dem Pad. „Scanner funktioniert, Belohnungslog aktiv. Wir sind offiziell drin.“
„Und jetzt?“
„Jetzt fliegen wir raus und suchen jemanden, der nicht rechtzeitig abhaut.“
„Also alles wie früher.“
„Nur diesmal machen wir’s zum Spaß.“
Amanda grinste. „Du weißt, wie sich das anhört?“
„Wie?“
„Wie jemand, der endlich wieder atmen will.“
Geraldine blieb kurz stehen, sah durch die Panoramascheibe auf den Verkehr draußen.
„Vielleicht genau das.“
Die Hangartore von Dhan Gateway glitten auf, und das Licht der Sonne schnitt als schmaler Streifen durch die Docks.
Geraldine aktivierte Caitlyns Systeme, das Summen der Energiezellen fühlte sich vertraut an – wie ein Herzschlag, den sie zu lange nicht gehört hatte.
„Systeme grün,“ meldete Rosie über den internen Kanal. „Frachtbucht leer, Waffen geladen.“
„Perfekt,“ sagte Geraldine. „Amanda, Status?“
„Python steht bereit. Ich hoffe, du hast Kaffee eingepackt.“
„Ich hab Adrenalin.“
„Zählt.“
Beide Schiffe hoben ab, kippten in den Startkorridor und traten hinaus in den Verkehr.
Die Sonne blendete kurz, dann lösten sich die Triebwerksstrahlen im Schwarz des Alls auf.
„Ziele?“ fragte Amanda.
„Lokale Anomalien im Gürtel. Zwei Fraktionen melden Überfälle auf Frachter.“
„Klassiker.“
„Lass uns Sektor B nehmen. Da scheint’s ruhiger zu sein.“
„Ruhig klingt verdächtig.“
„Deshalb mag ich’s.“
Sie sprangen Richtung Gürtel. Das Systemrauschen legte sich, nur das Ticken des Radars blieb.
Trümmer, Frachterreste, Signale, die kamen und gingen – ein Meer aus Unschärfe.
„Kontakt,“ meldete Amanda nach einer Minute. „Zwei Schiffe. Viper und Diamondback. Keine Transponder.“
„Piraten. Bewegung?“
„Kreisen um einen Transporter.“
„Dann fangen wir höflich an.“
Geraldine lenkte Caitlyn in Position, ließ den Scanner anlaufen. Die Zielerfassung klickte ein.
„Ziel bestätigt. Kopfgeld markiert. Engagieren?“
„Lange Frage.“
Amanda ging zuerst rein, drehte scharf und eröffnete das Feuer. Die Python glitt durch den Trümmergürtel wie ein Raubtier, das endlich wieder Beute roch.
Geraldine folgte, präzise, kontrolliert.
Die Viper explodierte im ersten Anflug – saubere Treffer, keine Überhitzung.
„Eins weg,“ meldete Amanda.
„Ich hab den Zweiten,“ sagte Geraldine.
Caitlyns Waffen summten auf, dann schlug der Schuss durch den Schild der Diamondback.
Ein gleißender Blitz, ein kurzer Funkenregen – dann Stille.
„Sauberer Durchgang,“ sagte Amanda. „Nicht mal Kratzer.“
„Ich fang wieder an, mich zu mögen,“ erwiderte Geraldine.
Sie flogen einen Moment nebeneinander durch das Trümmerfeld.
Die Sonne spiegelte sich auf den Rumpfsegmenten, die Funksprüche der Kampagne rauschten im Hintergrund.
„Weißt du,“ sagte Amanda schließlich, „das ist der Teil, den ich vermisst hab. Nicht das Kämpfen. Das Atmen dazwischen.“
„Das Atmen dazwischen,“ wiederholte Geraldine leise. „Genau das.“
Ein neuer Funkspruch unterbrach sie.
„Unbekannte Signatur im Sektor E. Potenziell Großschiff, unbestätigt. Alle Einheiten mit Sprungreichweite, Kurs aufnehmen.“
Geraldine und Amanda sahen gleichzeitig auf die Anzeigen.
„E?“ fragte Amanda.
„E,“ bestätigte Geraldine.
„Also kein ruhiger Tag mehr.“
„War nie geplant.“
Sie drehten ihre Schiffe, richteten den Kurs aus – und für einen Moment war alles wieder so, wie es früher war: kein Plan, kein Ziel, nur der Flug, das Summen der Systeme und das Vertrauen, dass man nebeneinander nicht verloren gehen konnte.
Der Sektor E lag voller Trümmer.
Als Caitlyn und Amandas Python eintrafen, blinkten Dutzende Signaturen auf dem Radar – zu viele für einen Routineeinsatz.
„Das ist kein Schwarm,“ sagte Amanda. „Das ist ein Verband.“
„Ich zähle fünf große Schiffe,“ erwiderte Geraldine. „Zwei Anacondas, drei Gunships. Und sie kreisen um was?“
Ein Transporter. Schwer beladen, kaum Schubkraft, Funksignal schwach.
„Verdammt,“ murmelte Geraldine. „Das ist ein ziviler Frachter.“
„Er funkt SOS,“ sagte Amanda. „Sie jammen seine Frequenz. Wir sind zu weit weg.“
Geraldine schaltete die Waffen scharf, die Anzeigen flammten rot auf. „Dann müssen wir schneller sein.“
Beide Schiffe beschleunigten. Die Distanzanzeige raste herunter, während die Piraten den Frachter umzingelten.
Einer der Gunships schwenkte ein, ein Schuss traf den Frachter an der Flanke.
„Schildverlust bei Zielobjekt,“ meldete Rosie.
„Amanda, du flankierst die rechte Seite. Ich nehme die Linke.“
„Bestätigt. Versuch, sie auseinanderzutreiben.“
Caitlyn tauchte zwischen zwei Piratenschiffe, das Rumpflicht blendete auf, als Geraldine die Laser aufschaltete.
Die ersten Treffer saßen, der Schild einer Gunship flackerte und brach.
Amanda kam von der anderen Seite, Raketen zogen glühende Spuren durchs All.
„Einer raus!“
„Zweiter Schild unten,“ meldete Geraldine.
Doch der Frachter driftete. Seine Triebwerke flackerten, dann verstummten sie.
„Keine Reaktion mehr,“ sagte Amanda. „Ich krieg keine Antwort.“
Ein greller Blitz schnitt durch den Sektor – einer der Piraten hatte zu nah gezündet.
Geraldine schrie auf, doch die Explosion kam schneller, als sie reagieren konnte.
Ein Feuerball, kurz und grell, dann nur noch Trümmer.
Das Radar erlosch. Der Frachter war verschwunden.
Für einen Moment war es still. Nur das Knacken der überhitzten Systeme war zu hören.
„Wir waren zu spät,“ sagte Amanda schließlich.
„Ja.“ Geraldine starrte auf das flimmernde Holo. „Verdammt zu spät.“
Sie deaktivierte die Waffen, atmete tief durch.
„Die Piraten ziehen ab,“ sagte Amanda. „Wahrscheinlich dachten sie, wir gehören zu einer Staffel.“
„Dann haben sie wenigstens Angst.“
Ein paar Sekunden Schweigen. Dann:
„Kehren wir zurück?“
„Ja. Dhan Gateway. Und trag den Frachter als Verlust ein.“
„Mach ich.“
Beide Schiffe drehten ab. Das Licht des Explosionsnebels verblasste langsam hinter ihnen.
Geraldine sah nicht zurück – sie konnte es nicht.
„War’s das wert?“ fragte Amanda leise.
„Nein,“ sagte Geraldine. „Aber manchmal reicht’s, dass man’s versucht hat.“
Der Sprung zurück zum Dhan Gateway verlief ohne Worte.
Caitlyn und Amandas Python glitten in den Landeanflug, beide Schiffe gezeichnet von Hitze und Staub – Spuren des Kampfes, der keiner gewesen war.
Im Hangar herrschte Dämmerlicht. Mechaniker rannten zwischen Landefeldern, irgendwo tropfte Kühlflüssigkeit, und über allem lag dieser Geruch von Metall und Ozon.
Kein Jubel, kein Applaus – nur das monotone Brummen der Station, das sich anfühlte, als wollte es die Stille übertönen.
Geraldine stieg aus, legte die Handschuhe auf die Reling. Amanda kam ein paar Meter hinter ihr, Helm unterm Arm, den Blick leer.
„Der Frachter?“ fragte einer der Dockarbeiter, ohne aufzuschauen.
„Verloren,“ sagte Geraldine knapp.
Der Mann nickte nur, schrieb etwas in ein Terminal und ging weiter.
„Das war’s?“ fragte Amanda.
„Was hast du erwartet?“
„Keine Ahnung. Irgendwas anderes. Ein Danke vielleicht.“
„Nicht in Dhan.“
Sie gingen gemeinsam durch den Hangar, vorbei an Piloten, die lachten, feierten, tranken.
Andere schwiegen, so wie sie.
In der Messe fanden sie eine halb verlassene Ecke. Geraldine nahm zwei Becher, goss den lauwarmen Kaffee aus dem Automaten ein.
Amanda zog die Jacke aus, setzte sich.
„Zwei Tage raus aus allem, und schon wieder das hier,“ murmelte sie.
Geraldine sah in den Becher, beobachtete das schwache Kreisen der Flüssigkeit.
„Manchmal reicht’s nicht, alles richtig zu machen,“ sagte sie leise.
„Wir waren zu spät.“
„Ja. Und das passiert, wenn du in einem echten System kämpfst. Du kannst alles richtig fliegen – und verlierst trotzdem.“
Eine Weile redeten sie nicht. Der Lärm draußen klang dumpf, gedämpft durch die Wände.
„Ich schreib Kathleen heute,“ sagte Geraldine irgendwann.
Amanda hob den Kopf. „Über was?“
„Dass es bald weitergeht. Dass ich sie nicht vergessen hab.“
Amanda nickte. „Mach das. Sie braucht das mehr, als sie zugibt.“
Geraldine lächelte schwach. „Wir alle.“
Sie leerten ihre Becher, standen auf, gaben ihre Missionsdaten ab.
Die Kampagne lief weiter, mit oder ohne sie. Aber für heute reichte es.
Als sie zur Python zurückgingen, blieb Amanda kurz stehen, sah sie an.
„Weißt du, was ich an dir mag?“
„Wenn du das jetzt sagst, muss ich lachen.“
„Dass du nie aufhörst, es zu versuchen.“
Geraldine atmete aus, halb Lächeln, halb Müdigkeit.
„Dann hoffe ich, du bleibst lange genug dabei, um mich dran zu erinnern.“
„Mach dir da mal keine Sorgen.“
Beide stiegen in ihre Schiffe. Die Hangartore öffneten sich.
Draußen wartete die Dunkelheit – still, weit, ehrlich.
Heimkehr
Die Citadel lag still im Orbit, als Caitlyn und Amandas Python aus dem Frameshift fielen.
Der Sprung war kurz, aber er fühlte sich länger an, als er sollte.
Geraldine atmete tief durch, als sie den Anflugvektor eingab. Die Triebwerke summten, das vertraute Pulsieren der Grav-Düsen war wie ein gleichmäßiger Herzschlag.
Zuhause, dachte sie.
„Citadel Geraldine, hier Caitlyn,“ funkte sie. „Rückkehr aus Dhan. Zwei bestätigte Abschüsse, ein Verlust. Keine weiteren Kontakte.“
Rosies Stimme kam prompt zurück, ruhig und klar: „Willkommen zurück, Commander. Dock 3 ist frei. Willkommen daheim.“
Amanda meldete sich kurz darauf. „Python folgt auf Dock 4. Keine strukturellen Schäden, nur Überhitzung. Wie üblich.“
„Wie üblich,“ erwiderte Geraldine leise.
Die Citadel nahm sie auf wie ein lebendes Wesen.
Lichter führten den Kurs, Schotts öffneten sich, der Andockmechanismus verriegelte mit einem dumpfen Schlag.
Das Summen der Systeme, die gedämpfte Vibration unter den Füßen — all das war vertraut, sicher, echt.
Geraldine blieb einen Moment im Cockpit sitzen, als die Anzeigen erloschen.
Sie dachte an den Frachter. An das kurze, grelle Licht, das wieder verschwunden war.
Und dann — fast automatisch — an Kathleen.
Wie sie wohl gerade arbeitete. Ob sie schlief. Ob sie wusste, dass jemand irgendwo im Nichts an sie dachte.
Geraldine schloss die Augen, ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken.
Für dich, dachte sie. Irgendwann baue ich das, was dich wieder lächeln lässt.
Draußen blinkten die Andocklichter, träge und rhythmisch, wie ein stilles Versprechen.
Die Schleuse glitt auf, als Geraldine aus dem Cockpit trat.
Der vertraute Geruch nach Metall und recycelter Luft – wie eine Erinnerung, die sie willkommen hieß.
Die Gänge der Citadel wirkten ruhig; Schichtwechsel. Nur vereinzelt klackten Schritte über den Boden.
Auf der Brücke stand Rosie über die Navigationskonsole gebeugt.
Sie sah kurz auf, als Geraldine eintrat.
„Willkommen zurück, Commander. Dhan war …?“
„Ein Durcheinander,“ sagte Geraldine knapp. „Piratenverband. Ein Frachter verloren. Keine Fehler, nur zu spät.“
Rosie nickte. „Log ist aktualisiert. Kampagnenleitung hat euch registriert.“
„Sollen sie. Ich brauch erst mal Stille.“
Rosie tippte ein paar Befehle ins Holo. „Alles läuft normal. Keine Zwischenfälle im System.“
„Das klingt fast zu gut,“ murmelte Geraldine.
„Zumindest mal kein Feueralarm.“
„Das ist neu.“
Geraldine blieb am Panoramafenster stehen. Draußen zog die ferne Sonne einen goldenen Schimmer über die Schiffshülle.
„Ich hab an Kathleen gedacht,“ sagte sie plötzlich.
Rosie drehte sich halb um. „Wegen der Forschungsstation?“
„Ja. Ich glaub, es wird Zeit, das ernsthaft zu planen.“
„Willst du’s ihr sagen?“
„Noch nicht. Erst wenn ich sicher bin, dass es funktioniert.“
Rosie nickte still.
„Du weißt, sie wird’s spüren, auch ohne Worte,“ sagte sie leise.
„Ich weiß.“ Geraldine sah hinaus, wo das Licht an den Rändern der Citadel glitzerte. „Aber manchmal muss man was erschaffen, bevor man’s teilen kann.“
Rosie lächelte leicht. „Dann fang an zu planen.“
„Morgen,“ sagte Geraldine. „Heute will ich einfach nur nichts tun.“
„Das ist manchmal der beste Plan.“
Geraldine nickte, ließ den Blick über die Konsole gleiten, dann über das Holo, das ihr System zeigte – den Outpost, die Orbitalstationen, das Herz ihres kleinen Reiches.
Alles funktionierte.
Und irgendwo da draußen arbeitete jemand, für den sie das alles weitermachte.
Rosie hatte sich längst wieder ihrer Arbeit zugewandt, und die Brücke war fast leer.
Geraldine blieb noch am Fenster, stützte sich mit einer Hand auf der Reling ab.
Die Citadel vibrierte leise unter ihr – dieses tiefe, vertraute Summen, das klang wie ein Herzschlag im Metall.
Sie dachte an Dhan, an den Frachter, der verschwunden war, und an all die Male, in denen sie nichts hatte verhindern können.
Aber diesmal blieb kein bitterer Nachgeschmack. Nur dieses nüchterne Wissen: Es war Zeit, wieder etwas aufzubauen, nicht nur zu reagieren.
Der Gedanke an Kathleen kam von selbst.
Nicht als Pflicht, sondern als Ruhepunkt. Ein Bild: das Mädchen mit dem hellen Blick und den Händen, die immer zu schnell dachten.
Geraldine sah sie förmlich vor sich – dort, wo Metall auf Licht traf, wo die Luft klar war und kein Lärm die Gedanken übertönte.
Sie richtete sich auf.
„Rosie,“ sagte sie, „bereite Madeleine für einen Erkundungsflug vor. Nur ich an Bord, minimaler Support.“
„Ziel?“
„Planet 2-A. Ich will mir den Boden genauer ansehen. Vielleicht ist er endlich ruhig genug für etwas Neues.“
Rosie sah kurz hoch, prüfend, dann nickte sie. „Madeleine ist in dreißig Minuten startklar.“
„Gut. Und sag Holland, sie soll mich nicht aufhalten. Ich weiß, dass wir Material sparen müssen.“
„Werd ich ausrichten,“ sagte Rosie trocken.
Geraldine lächelte kaum merklich, drehte sich und ging durch den Mittelgang.
Die Schritte hallten leise, bis sie in den Aufzug trat.
Vielleicht ist das der richtige Moment, dachte sie. Nicht um etwas zu beenden – sondern um wieder zu beginnen.
Der Lift senkte sich. Unter ihr erwachte das Schiff, Hangartore öffneten sich, die Lichter sprangen an.
Madeleine wartete – bereit, hinauszufliegen.
Der Ort
Der Hangar der Citadel war in gedämpftes Licht getaucht.
Die Mandalay stand startklar, ihre Hülle schimmerte im matten Blau der Wartungslichter.
Geraldine überprüfte die Systeme zum letzten Mal, nur halb konzentriert – der Flug war Routine, aber das Ziel bedeutete mehr als jeder Missionsplan.
Sie hörte die Schritte, bevor sie die Stimme erkannte.
„Du wolltest wohl wieder ohne mich los?“
Amanda stand am Fuß der Einstiegstreppe, Helm locker unter dem Arm, dieser Ausdruck zwischen Spott und Vertrautheit im Gesicht.
Geraldine sah sie kurz an, dann lächelte sie leise. „Ich dachte, du schläfst.“
„Ich hab’s versucht. Hat nicht geklappt.“
„Schlechte Träume?“
„Langweilige Realität.“
Geraldine nickte zur Kanzel. „Ich flieg nur eine kurze Runde. Bodenaufklärung, Planet 2-A.“
„Ich weiß. Rosie hat’s mir gesagt.“ Amanda grinste. „Ich wollte sowieso mit. Du könntest Gesellschaft gebrauchen.“
„Oder du willst wissen, was ich plane.“
„Beides,“ sagte Amanda.
Geraldine machte eine Geste Richtung Cockpit. „Dann schnall dich an. Zweiter Sitz ist frei.“
„War er je was anderes?“
Amanda stieg ein, als wäre es das Natürlichste der Welt.
Geraldine startete die Systeme. Triebwerke summten, Anzeigen flackerten auf.
Rosies Stimme kam über Com: „Mandalay, Freigabe zum Start erteilt. Rückflugfenster in vier Stunden.“
„Bestätigt,“ sagte Geraldine. „Und Rosie?“
„Ja?“
„Wenn jemand fragt, wohin wir fliegen – sag einfach: rausfinden, was still ist.“
„Wie poetisch,“ kam Rosies trockene Antwort. „Gute Jagd, Commander.“
Die Hangartore öffneten sich, und das Licht des nahen Sterns fiel in den Hangar.
Geraldine legte die Hand auf den Schubregler.
„Bereit?“
„Seit du’s ausgesprochen hast,“ sagte Amanda.
Die Mandalay hob ab, drehte sich in den Raum hinaus und verschwand in einem kurzen, hellen Schimmer – zwei Stimmen, ein Ziel, und der Beginn von etwas, das mehr versprach als nur eine neue Baustelle.
Die Mandalay glitt ruhig durch den Orbit, die Sterne zogen langsam vorbei.
Unter ihnen schimmerte die Oberfläche von Planet 2-A – graublau, mit weiten, glatten Ebenen, die an altes Metall erinnerten.
Amanda lehnte sich im Copilotensitz zurück, den Helm auf den Knien, die Stiefel lässig unter der Konsole eingehakt.
„Also wirklich,“ sagte sie, „du willst hier eine Station bauen?“
Geraldine grinste kaum merklich. „Nicht irgendeine. Eine Forschungsstation.“
„Für Kathleen.“
„Ja.“
Amanda hob den Blick, musterte sie. „Und du glaubst, sie kommt deswegen hierher?“
„Ich weiß es nicht,“ sagte Geraldine ruhig. „Aber sie braucht einen Ort, der sie fordert. Nicht diesen Routine-Käfig da draußen in Colonia.“
„Vielleicht will sie den Käfig,“ warf Amanda ein. „Manche Menschen bleiben lieber da, wo’s leise ist.“
„Kathleen nicht,“ erwiderte Geraldine sofort. „Sie tut nur so. Aber sie erstickt daran.“
Ein leises Summen erfüllte das Cockpit, die Scanner arbeiteten.
Amanda schwieg einen Moment, dann: „Ich mag, dass du glaubst, sie retten zu müssen.“
„Ich rette sie nicht,“ sagte Geraldine. „Ich geb ihr nur etwas, woran sie wieder glauben kann.“
Amanda schnaubte leise. „Du redest, als wärst du Architektin von Schicksalen.“
„Ich bin Ingenieurin,“ entgegnete Geraldine, „und manchmal ist das dasselbe.“
Sie richtete den Blick wieder auf die Sensoranzeigen. „Schau – der Untergrund da. Wenig tektonische Aktivität, magnetisch ruhig. Das wär perfekt für Forschung.“
Amanda beugte sich vor. „Sieht aus wie eine Steinwüste.“
„Dann nennen wir’s neutral.“
„Ich nenn’s tot.“
„Tot ist stabil,“ sagte Geraldine, „und Stabilität braucht Wissenschaft.“
Amanda sah sie einen Moment an, dann schüttelte sie den Kopf und grinste. „Du bist unmöglich.“
„Und du bist hier. Also passt das.“
Die Mandalay senkte sich tiefer in die Atmosphäre, Staubpartikel zogen wie Funken an der Kanzel vorbei.
Geraldine sprach leiser, fast mehr zu sich selbst:
„Ich weiß, dass sie das hier nicht erwartet. Und genau deshalb muss es passieren. Damit sie was hat, das größer ist als dieser ewige Stillstand.“
Amanda antwortete nicht sofort. Dann, fast sanft:
„Du baust ihr ein Zuhause, ohne zu wissen, ob sie’s annimmt.“
„Das nennt man Hoffnung.“
„Oder Größenwahn,“ murmelte Amanda.
„Du nennst es so. Ich nenn’s Konsequenz.“
Die beiden schwiegen, während die Scannerlinie über die Landschaft wanderte.
Dann sagte Geraldine: „Wenn wir den Ort finden, starten wir sofort mit dem Bau. Keine langen Phasen, kein Planungsgerede. Einfach anfangen.“
„Das ist der Teil, den ich an dir liebe,“ meinte Amanda. „Du denkst nie in Protokollen.“
„Ich mag’s, wenn Dinge leben, bevor sie registriert sind.“
Draußen zog eine helle Ebene unter ihnen vorbei – flach, fest, glitzernd wie altes Glas.
Geraldine zeigte darauf. „Da. Genau da.“
Amanda folgte ihrem Blick, dann nickte sie langsam. „Sieht aus wie der Anfang von was Echtem.“
„Ist es,“ sagte Geraldine. „Und diesmal bleibt es.“
Die Mandalay sank tiefer, bis der Horizont flach wurde. Vor ihnen lag eine weite Ebene, leicht silbrig im Dämmerlicht, von feinen Rissen durchzogen, die wie Linien in Glas wirkten.
Geraldine sah auf die Werte. „Fester Untergrund, kaum elektromagnetische Streuung. Das ist es.“
Amanda lehnte sich vor, sah hinaus. „Still genug für dein Vorhaben.“
„Still genug für Forschung,“ sagte Geraldine.
Sie markierte die Koordinaten, das Holo zog einen leuchtenden Kreis über die Landschaft.
„Das wird die Basis,“ murmelte sie. „Hier fangen wir an.“
Amanda nickte. „Passt zu dir. Weit weg von allem, solide und stur.“
Geraldine grinste leicht. „Ich nenn—“ Sie hielt inne, atmete aus. „Ich find’s einfach richtig.“
„So klingt’s besser.“
Sie schickte die Daten an die Citadel. Rosie bestätigte kurz darauf: „Koordinaten empfangen. Standort gespeichert. Ich starte die Voranalyse für Bodenmodule.“
„Mach das. Wir kommen zurück.“
Die Mandalay stieg langsam wieder auf, bis die Oberfläche im Dunkel verschwand.
Kein Feuerwerk, kein Symbol. Nur ein Punkt auf einer Karte – aber für Geraldine war es mehr als das.
Ein Anfang.
Amanda sah sie von der Seite an. „Du hast dieses Gesicht wieder.“
„Welches?“
„Das, bei dem du so tust, als wär alles geklärt. Aber du planst schon den nächsten Schritt.“
Geraldine lächelte. „Vielleicht.“
Sie sah hinaus, auf das Schwarz, das sich über den Planeten legte.
Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich alles klar an.
„Ich glaub, ich meld mich später bei Kathleen,“ sagte sie leise.
„Das solltest du.“
Die Mandalay stieg höher, das Licht der Sonne brach über den Rumpf, und das System lag still unter ihnen – ruhig, bereit, neu.
Verbindung
Geraldine saß an ihrem Schreibtisch auf der Citadel.
Das Licht war gedimmt, nur das Holo-Display vor ihr schwebte über der Oberfläche – ein flimmerndes Fenster in die Leere.
Der Cursor blinkte.
Nachricht an: Kathleen Maxillon.
Darunter: Betreff: …
Sie tippte.
„Hey Kathleen, ich wollte dir nur sagen, dass—“
Sie stoppte.
Zu banal.
Sie löschte die Zeile.
„Hallo Kath, ich hoffe, alles läuft gut bei dir. Ich hab in letzter Zeit viel an dich gedacht—“
Wieder stoppte sie.
Zu pathetisch.
Sie lehnte sich zurück, rieb sich die Stirn.
Rosie hatte längst Feierabend, der Rest der Crew war über die Schichten verteilt. Nur das Summen der Lebenserhaltung war zu hören.
Geraldine tippte erneut.
„Ich wollte dir etwas zeigen. Es ist noch nicht fertig, aber—“
Sie hielt inne, atmete aus, löschte wieder alles.
„Verdammt,“ murmelte sie. „Wieso ist das schwerer als eine Station zu bauen?“
Ein kurzer Moment Stille. Dann beschloss sie, das Ganze zu überspringen.
Sie tippte auf das Kommunikationssymbol, wählte Holo-Link aktivieren.
Das System piepte, blinkte – Verbindung wird hergestellt.
„Wenigstens sag ich’s persönlich,“ murmelte sie.
Der Bildschirm flackerte.
Schwarzer Hintergrund, dann ein bläuliches Bild – eine Kabine, schwach beleuchtet, und eine deutlich verschlafene Kathleen, die sich mühsam aufrichtete.
„Geraldine?“ Ihre Stimme klang rau. „Was zum … wie spät ist es?“
Geraldine blinzelte. „Keine Ahnung. Bei mir ist’s Abend.“
„Bei mir nicht,“ murmelte Kathleen, die sich die Haare aus dem Gesicht wischte. „Was ist los? Brennt was?“
„Nein. Also, nicht wirklich.“
„Du hast mich geweckt, also hoffentlich brennt was.“
Geraldine grinste kurz, etwas verlegen. „Ich wollte dich nicht aufwecken. Ich … wollte nur reden.“
Kathleen sah sie an, halb genervt, halb neugierig. „Mitten in der Nacht?“
„Ja. Irgendwie schon.“
Kathleen gähnte, rieb sich die Augen und zog die Decke über die Schultern.
„Monate kein Wort, und dann mitten in der Nacht ein Holo-Call?“
Ihre Stimme war leise, aber nicht vorwurfsvoll – eher dieses typische halb verschlafene, halb neugierige Staunen, das sie nie ganz ablegen konnte.
Geraldine grinste vorsichtig. „Ja, ich weiß. Timing ist mein Spezialgebiet.“
„Das war’s noch nie,“ meinte Kathleen und lächelte schwach. „Aber es ist schön, dich zu sehen.“
Für einen Moment sagten beide nichts.
Geraldine betrachtete das Hologramm – Kathleens Gesicht leicht verschwommen im blauen Licht, müde, aber irgendwie beruhigend echt.
„Ich hätte mich früher melden sollen,“ sagte Geraldine schließlich. „Aber es war … viel.“
Kathleen nickte. „Ich hab’s mir gedacht. Deine Nachrichten enden meistens damit, dass du irgendwas baust.“
„Diesmal gleich mehrere Sachen.“
„Ich hab’s gehört,“ sagte Kathleen. „Outpost Geraldine? Du machst dir langsam Konkurrenz zu den großen Fraktionen.“
„Es war keine Absicht. Ich wollte nur was aufbauen, das bleibt.“
„Klingt wie du,“ murmelte Kathleen.
Geraldine lehnte sich etwas zurück, und zum ersten Mal fiel ein Schatten von Müdigkeit auf ihr Gesicht.
„Es war anstrengend,“ sagte sie leise. „Monate mit Materiallisten, Logistik, Planungen. Ich hab kaum noch gewusst, ob ich flieg oder rechne.“
„Und du hast’s trotzdem durchgezogen,“ meinte Kathleen. „Natürlich hast du das.“
Geraldine nickte, lächelte kaum merklich. „Ja. Und dann hab ich gemerkt, dass ich wieder Luft brauch. Also bin ich ein paar Kampagnen geflogen.“
„Piratenjagd?“
„Wie immer.“
„Klingt nach dir,“ sagte Kathleen wieder, diesmal mit einem leichten Schmunzeln. „Baust die halbe Galaxis und schießt dann wieder alles kurz und klein, um runterzukommen.“
„Therapie,“ sagte Geraldine. „Sehr effiziente Therapie.“
Kathleen lachte leise, ein warmer, echter Ton. „Ich hab das vermisst.“
„Was?“
„Dass du mich mitten in der Nacht aus dem Bett klingelst und so tust, als wär’s normal.“
Geraldine lachte mit, und für einen Augenblick war es, als wäre keine Zeit vergangen.
Sie lehnte sich etwas vor, die Hände gefaltet, und musterte Kathleen durch das flimmernde Hologramm.
„Und du?“ fragte sie leise. „Wie geht’s dir wirklich?“
Kathleen zögerte, dann zuckte sie leicht mit den Schultern. „Geht schon. Ich steh kurz vor den letzten Prüfungen. Danach entscheidet sich, ob ich bleibe oder versetzt werde.“
„Und? Was willst du?“
„Ich weiß es nicht,“ sagte Kathleen, etwas zu schnell.
Sie wich Geraldines Blick aus, sah irgendwo seitlich am Display vorbei. „Es ist … ruhig hier. Routiniert. Ich hab mich damit abgefunden.“
Geraldine hob eine Augenbraue. „Abgefunden klingt nicht nach dir.“
„Ich hab gelernt, dass nicht alles so aufregend sein muss.“
„Aber du hasst Routine.“
„Ich brauch sie gerade,“ sagte Kathleen, und ihr Tonfall war plötzlich zu fest – das klang nicht nach Überzeugung, sondern nach Verteidigung.
Geraldine lehnte sich zurück, ließ ihr einen Moment Raum, dann sprach sie ruhig:
„Du kannst dich nicht ewig an was festhalten, das dich müde macht, Kath.“
Kathleen atmete hörbar aus. „Ich bin nicht müde. Nur … leer manchmal. Die Arbeit läuft, die Forschung ist solide. Aber es ist immer das Gleiche. Keine neuen Projekte, keine Richtung. Nur Protokolle.“
Geraldine sah sie an, aufmerksam, ohne sie zu unterbrechen.
Kathleen versuchte zu lächeln, doch die Stimme zitterte. „Ich weiß, dass das undankbar klingt. Ich hab einen sicheren Platz, ein gutes Team. Ich sollte zufrieden sein.“
„Aber du bist es nicht,“ sagte Geraldine sanft.
Kathleen öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Dann wandte sie den Blick ab, und das Licht der Holoübertragung glitt über ihre Wangen – feucht, noch bevor sie es merkte.
„Verdammt,“ murmelte sie, wischte sich über die Augen. „Tut mir leid. Ich wollte nicht …“
„Schon gut,“ sagte Geraldine leise. „Ich wollte nur wissen, wie’s dir geht. Jetzt weiß ich’s.“
Kathleen lachte kurz, halb nervös, halb traurig. „Du hast nie gefragt, um beruhigt zu werden.“
„Ich frag, um ehrlich zu bleiben,“ erwiderte Geraldine. „Und um dich nicht zu verlieren.“
Ein Moment Stille – nur das leise Summen der Übertragung, ein paar Atemzüge, die durch beide Kabinen hallten.
Kathleen hielt die Hand vor den Mund, versuchte zu sprechen, aber ihre Stimme brach.
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist,“ flüsterte sie. „Ich komm mit all dem hier klar, bis jemand fragt, wie’s mir geht – und dann…“
„Dann merkst du, dass du’s nicht tust,“ sagte Geraldine ruhig.
Kathleen nickte, Tränen liefen über ihre Wangen. „Ich hab so viel gearbeitet, so viel gelernt. Und trotzdem fühlt es sich an, als würd ich auf der Stelle treten.“
„Weil du gegen Wände rennst, die du nicht selbst gebaut hast,“ sagte Geraldine.
„Und du?“ fragte Kathleen plötzlich, rau, trotzig fast. „Was machst du, wenn du feststeckst?“
Geraldine lehnte sich leicht vor. „Ich bau was Neues.“
Kathleen lachte leise, ein Laut irgendwo zwischen Erschöpfung und Ungläubigkeit. „Natürlich tust du das.“
Geraldine sah sie an, lange genug, dass Kathleen den Blick senken musste.
„Ich hab heute was angefangen,“ sagte sie schließlich.
Kathleen wischte sich über die Wange. „Ein weiteres Außenpostenprojekt?“
„Nein,“ sagte Geraldine, leise, aber mit Nachdruck. „Eine Forschungsstation. Hier, in meinem System.“
Kathleen blinzelte. „Forschung? Du?“
„Ich bau sie, damit du endlich Platz hast. Platz zum Denken. Zum Ausprobieren. Zum Leben, Kath.“
Kathleen erstarrte. „Das meinst du nicht ernst.“
„Ich hab den Standort schon festgelegt.“
„Geraldine…“
„Ich weiß, es klingt verrückt,“ fuhr sie fort, „aber ich kann dich hier raus holen. Du bist zu klug, um in irgendeiner Routine zu verdampfen. Du gehörst nicht da hin, du gehörst dahin, wo Neues entsteht.“
Kathleen schüttelte den Kopf, halb ungläubig, halb überwältigt. „Du würdest wirklich eine ganze Station bauen – für mich?“
Geraldine lächelte still. „Ich würd sie auch bauen, wenn du nein sagst. Aber dann wär sie leer.“
Kathleen schwieg. Ihre Schultern bebten, sie versuchte, etwas zu sagen, fand aber keine Worte.
Geraldine fuhr leiser fort:
„Ich will, dass du herkommst, wenn’s soweit ist. Keine Verpflichtung, kein Druck. Nur die Möglichkeit. Ich bau den Ort, und du entscheidest, ob du ihn füllst.“
Kathleen sah sie an, und in ihren Augen lag etwas, das zwischen Staunen und Schmerz schwankte.
„Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet.“
„Doch,“ sagte Geraldine. „Sonst würd ich’s nicht tun.“
Kathleen schwieg. Ihre Schultern bebten, sie wischte sich über die Augen, aber die Tränen kamen trotzdem.
„Geraldine…“ flüsterte sie, „das ist zu viel. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Dann sag gar nichts,“ meinte Geraldine sanft. „Ich wollte, dass du’s weißt. Nicht mehr und nicht weniger.“
Kathleen atmete tief ein, der Brustkorb hob und senkte sich. „Ich… kann das kaum glauben. Nach allem…“
„Ich hab nie aufgehört, an dich zu glauben,“ unterbrach Geraldine leise.
Ein Zittern ging durch Kathleens Lippen, und sie lächelte – klein, erschöpft, aber echt.
„Das ist das Schönste, was mir je jemand gesagt hat,“ hauchte sie.
„Dann nimm’s an,“ sagte Geraldine.
Kathleen nickte, kämpfte wieder mit den Tränen, aber diesmal ließ sie sie laufen.
„Ich weiß nicht, wann oder wie… aber ich komm. Ich will das sehen. Ich will dabei sein.“
Geraldine lächelte, und in ihrer Stimme lag dieses ruhige, unerschütterliche Selbstverständnis, das man ihr nie absprechen konnte.
„Das wirst du, Kath. Ich sorg dafür.“
Kathleen lachte, wischte sich wieder übers Gesicht. „Das tust du immer – anfangen, bevor jemand’s merkt.“
„Das ist meine Art zu sagen, dass ich dich vermisse.“
Kathleen sah sie an, lächelte durch die Tränen. „Ich weiß.“
Sie hielten den Blick für einen Moment, lang genug, dass Worte überflüssig wurden.
Dann löste sich das Hologramm langsam auf, das Licht verblasste, und der Raum fiel in Dunkelheit.
Geraldine blieb sitzen, der Rest des Gesprächs hallte noch in ihr nach.
Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich das, was sie baute, nicht nach Arbeit an – sondern nach Nähe.