Ein paar Tage später saß Geraldine vor einem Terminal und hasste Formulare mit der gleichen stillen Konsequenz, mit der sie sie trotzdem erledigte. Lizenzanträge, Nachweise, Berechtigungen, medizinische Freigaben, Schulungsmodule. Freiheit begann offenbar mal wieder mit Kästchen zum Anklicken.
Sie arbeitete sich durch den ganzen Verwaltungsdreck, ohne daraus mehr Drama zu machen, als nötig war. Kathleens Daten waren schnell geprüft, die Voraussetzungen klarer als gedacht. Medizincheck. Theoretische Prüfung. Danach der praktische Teil. Und bei letzterem musste Geraldine ein paar Nachweise hochladen, zwei Rückfragen beantworten und einmal sehr sachlich erklären, dass sie sehr wohl wisse, wie man jemanden fliegen beibrachte, ohne ihn direkt in einen Asteroidengürtel zu werfen.
Am Ende stand die Freigabe sauber auf dem Bildschirm. Geraldine lehnte sich zurück, las die Zeilen noch einmal und schnaubte leise. So viel Papierkram dafür, dass am Schluss doch alles auf dieselbe Frage hinauslief: Traute man jemandem zu, ein Schiff gerade zu halten, wenn es darauf ankam.
Sie griff zum Comms-Panel und tippte Kathleen an.
Am anderen Ende dauerte es ein paar Sekunden, dann klickte die Leitung auf.
„Wenn das jetzt Werbung für irgendein Trainingsmodul ist, leg ich wieder auf“, sagte Kathleen.
„Zu spät“, sagte Geraldine. „Ich hab schon alles geregelt.“
Einen Moment war es still.
„Das war verdächtig schnell“, sagte Kathleen dann.
„Nein. Verdächtig schnell wäre gewesen, wenn ich dabei gute Laune gehabt hätte.“ Geraldine sah noch einmal auf die Freigabe. „Du brauchst einen Medizincheck und die Theorieprüfung. Beides ist Formsache. Danach kommt der praktische Teil.“
„Formsache“, wiederholte Kathleen. „Das ist ein Wort, das in meiner Erfahrung meistens direkt vor einem Problem steht.“
„Diesmal nicht.“ Geraldine tippte mit einem Finger gegen den Rand des Terminals. „Und den praktischen Teil darf ich machen.“
Wieder diese kleine Pause.
„Du meinst das wirklich ernst“, sagte Kathleen.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich mich drum kümmere.“
„Ja, aber ich hatte ehrlich gehofft, du würdest irgendwo zwischen Formular sieben und Verwaltungswahn die Lust verlieren.“
Geraldine verzog den Mund. „Fast. Dann war ich beleidigt genug, es erst recht zu Ende zu bringen.“
Kathleen atmete hörbar aus. Nicht genervt. Eher so, als würde sie gerade akzeptieren, dass das hier jetzt tatsächlich Realität wurde.
„Gut“, sagte sie dann. „Wie schlimm wird’s?“
Geraldine warf einen Blick auf die Termine auf dem Display. „Gar nicht so dramatisch, wie du’s gern hättest. Erst Medizincheck. Danach Theorie. Wenn du es schaffst, bei beidem nicht absichtlich unkooperativ zu sein, sind wir schnell durch.“
„Theorie ist dein ernst gemeinter Versuch, mir Angst zu nehmen?“
„Ja“, sagte Geraldine. „Weil du die mit links machst.“
„Das ist jetzt entweder ein Kompliment oder eine Falle.“
„Beides.“
Am anderen Ende war kurz dieses kleine Schweigen, in dem Kathleen vermutlich schon wieder zu viel gleichzeitig dachte.
„Und wann?“
Geraldine tippte das Zeitfenster auf. „Medizin morgen Vormittag. Theorie direkt danach, wenn du schon mal da bist und dich ärgern willst.“
Kathleen schnaubte leise. „Du hast mir also schon den Tag ruiniert, bevor ich zustimmen konnte.“
„Nein“, sagte Geraldine. „Ich hab dir effizient die Gelegenheit gegeben, es hinter dich zu bringen.“
„Das klingt erschreckend nach dir.“
„Deshalb funktioniert es ja.“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Theorie krieg ich hin“, sagte Kathleen dann. „Aber ich will heute Abend trotzdem noch drüberschauen. Nicht, weil ich glaube, dass ich durchfalle. Ich mag es nur nicht, wenn mich etwas so überraschend einholt.“
Geraldine nickte, obwohl Kathleen das nicht sehen konnte. „Mach das.“
„Siehst du“, sagte Kathleen trocken. „Ich bin vernünftig. Das macht die Sache fast verdächtig.“
„Keine Sorge. Morgen ruinierst du den Eindruck bestimmt wieder.“
Kathleen schnaubte leise. „Und wie genau läuft dieser Überfall auf meine fliegerische Würde jetzt ab?“
Geraldine sah auf den Ablaufplan. „Ich hol dich morgen früh ab. Wir fliegen nach Geraldine Prime. Medizincheck, Theorie, dann sehen wir weiter.“
„Natürlich Geraldine Prime“, murmelte Kathleen. „Du hattest wirklich in keiner Phase vor, das kleiner zu machen.“
„Nein“, sagte Geraldine. „Klein machen ist nicht der Sinn der Übung.“
Wieder dieses kurze Schweigen, das bei Kathleen selten leer war.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann lern ich heute Abend noch einmal Vorschriften, die ich eigentlich längst können sollte, und du sammelst mich morgen ein.“
„Pünktlich.“
„Unverschämt.“
„Effizient.“
Kathleen atmete hörbar aus, und jetzt lag etwas darunter, das Geraldine inzwischen kannte: Nervosität, ordentlich zusammengelegt und unter Trockenheit verstaut.
„Bis morgen, Geraldine.“
„Bis morgen, Kathleen.“
Geraldine beendete die Verbindung und sah noch einen Moment auf das Terminal. Medizincheck. Theorie. Geraldine Prime. Alles stand sauber da, geschniegelt und freigegeben, als würde irgendetwas an diesem Vorgang ordentlich bleiben, sobald Kathleen das erste Mal in ein Cockpit gesetzt wurde.
Das gefiel ihr.
Am nächsten Morgen war Geraldine pünktlich genug, dass es schon wieder nach Absicht aussah.
Die Dolphin hing ruhig im Hangar, sauber, ein bisschen zu elegant für das, was Geraldine meistens mit Schiffen anstellte. Sie ging die Startchecks durch, kurz und routiniert, und bekam Kathleens Nachricht genau in dem Moment rein, in dem sie die letzte Freigabe bestätigte.
„Bin unterwegs. Und ich verabscheue es, dass ich dafür aufgeregt bin.“
Geraldine sah auf die Zeile, dann tippte sie zurück.
„Gut. Dann bist du wach.“
Als Kathleen in den Hangar kam, trug sie keine Laborkleidung, und allein das machte schon einen Unterschied. Schlichte Sachen, praktische Jacke, die Haare ordentlich zurückgebunden. Sie wirkte nicht unsicher. Eher wie jemand, der beschlossen hatte, sich heute nicht von sich selbst aus dem Konzept bringen zu lassen.
Ihr Blick ging sofort zur Dolphin.
„Immer noch ein schönes Schiff“, sagte sie.
„Das war nie strittig.“
Kathleen blieb neben Geraldine stehen und sah zu der offenen Einstiegsluke hoch. „Du merkst schon, dass das symbolisch unangenehm wird, wenn du mich ausgerechnet mit dem Schiff zur Fluglizenz bringst, das ich mag.“
„Ja“, sagte Geraldine. „Deshalb hab ich es genommen.“
Kathleen sah sie an, halb empört, halb amüsiert. „Du bist wirklich unerquicklich, wenn du vorbereitet bist.“
„Steig ein“, sagte Geraldine. „Bevor du es dir anders überlegst.“
Der Flug nach Geraldine Prime war ruhig. Kathleen war anfangs stiller als sonst, nicht verkrampft, aber merklich gesammelt. Geraldine ließ sie erst mal in Ruhe. Irgendwann machte sie einen Kommentar über den Kaffee, Kathleen konterte, und von da an lief das Gespräch von selbst.
Sie redeten über nichts Gefährliches. Über einen Techniker auf Kathleens Station, der es inzwischen geschafft hatte, einen zweiten Wagen gegen dieselbe Ecke zu setzen. Über eine Lieferung, die diesmal korrekt etikettiert gewesen war und damit sofort verdächtig wirkte. Über Amanda, die laut Geraldine inzwischen vermutlich irgendwo saß und so tat, als wäre sie gar nicht gern unterwegs.
Je näher sie Geraldine Prime kamen, desto ruhiger wurde Kathleen wieder. Nicht kalt. Nur konzentriert.
„Du wirst das bestehen“, sagte Geraldine irgendwann.
Kathleen sah weiter nach vorn. „Ich weiß.“
Geraldine hob eine Braue.
Kathleen schnaubte leise. „Ich weiß nur noch nicht, wie elegant.“
„Das verlangt keiner.“
„Gut. Eleganz hätte ich heute auch nicht liefern können.“
Auf Geraldine Prime lief alles so glatt, dass es beinahe verdächtig war. Anmeldung, Weiterleitung, ein kurzer Blick auf Freigaben, dann war Kathleen schon in Richtung Medizinbereich unterwegs. Vor der Tür blieb sie stehen und sah Geraldine noch einmal an.
„Wenn die da jetzt irgendwas Peinliches testen, will ich hinterher nichts davon hören.“
„Kommt drauf an, wie peinlich.“
„Geraldine.“
„Ich bin diskret, wenn es langweilig ist.“
Kathleen verdrehte die Augen, aber ihr Mundwinkel zuckte. Dann war sie drin.
Der Medizincheck dauerte knapp eine Stunde.
Geraldine wartete draußen, lehnte an der Wand, trank schlechten Automatenkaffee und beobachtete Menschen, die alle so taten, als wären medizinische Freigaben ein normaler Teil ihres Tages. Als Kathleen wieder herauskam, sah sie nicht mitgenommen aus. Eher erleichtert, dass es erledigt war.
„Und?“ fragte Geraldine.
Kathleen hob das Kinn eine Spur. „Ich lebe offenbar.“
„Schade. Ich hatte auf Drama gehofft.“
„Das hätte dich nur erfreut. Also hab ich’s verweigert.“
Geraldine stieß sich von der Wand ab. „Dann haben wir noch Zeit, bevor sie dich in die Theorie lassen.“
Kathleen sah den Gang hinunter, dann zurück zu ihr. „Bitte sag mir, dass Geraldine Prime an diesem Ort irgendetwas Essbares hervorgebracht hat.“
„Mit gutem Willen und niedrigen moralischen Ansprüchen: ja.“
„Perfekt“, sagte Kathleen. „Dann ess ich jetzt erst mal, bevor ich offiziell bestätigt bekomme, dass ich seit Jahren Vorschriften richtig gelesen habe.“
Sie fanden etwas Essbares in einem hellen Bistrobereich, der aussah, als hätte jemand Funktionalität und gute Absichten miteinander verrechnet. Nichts Besonderes, aber warm, frisch genug und vor allem weit weg von Untersuchungsräumen. Kathleen nahm das Tablett entgegen, sah auf das Gericht und nickte knapp.
„Gut“, sagte sie. „Das beleidigt mich nicht direkt.“
„Großer Erfolg für Geraldine Prime“, sagte Geraldine.
Sie setzten sich an einen Tisch am Rand. Für einen Moment aßen sie einfach nur, ohne dass jemand etwas erklären musste. Kathleen wirkte wacher als noch vor einer Stunde, aber auch voller. Nicht schwer. Eher dicht.
Nach ein paar Bissen sagte Geraldine: „Und Bachelet?“
Kathleen hob kurz den Blick, dann atmete sie durch die Nase aus. „Immer noch nichts Sauberes.“ Sie legte die Gabel ab. „Der Name kratzt irgendwo. Aber ich krieg ihn nicht zu fassen. Und im Moment ist mein Kopf auch nicht gerade leer.“
Geraldine nickte leicht. „Wegen heute.“
„Wegen heute, wegen Arbeit, wegen allem.“ Kathleen verzog den Mund. „Im Labor stapelt sich gerade genug, dass ich gestern Abend eigentlich noch drei Stunden hätte bleiben können. Dass ich mir den Tag freischaufeln konnte, war eher Glück als Planung.“
„Du klingst nicht nach Glück.“
„Nein“, sagte Kathleen trocken. „Eher nach den kleinen Vorzügen davon, inzwischen Laborleiterin zu sein. Man darf sich den Kalender selbst ruinieren.“
Geraldine schnaubte leise.
Kathleen nahm wieder die Gabel in die Hand. „Ich denk noch drüber nach. Wirklich. Aber im Moment hab ich Vorschriften, medizinische Freigaben und die Aussicht, mich nachher offiziell prüfen zu lassen. Bachelet sitzt gerade irgendwo hinter allem anderen.“
„Ist okay“, sagte Geraldine. „Ich wollte nur wissen, ob sich was bewegt hat.“
Kathleen sah sie kurz an. „Hat es. Nur noch nicht weit genug, dass ich’s dir ordentlich hinlegen könnte.“
Geraldine nickte. Das reichte ihr fürs Erste. Kathleen war nicht ausweichend. Nur voll.
„Außerdem“, sagte Kathleen nach einem Moment und nahm noch einen Bissen, „wenn ich heute Theorie schreibe und danach in einen Simulator gesetzt werde, ist mein Gehirn spätestens am Abend nur noch dekorativ.“
„Das war vorher schon grenzwertig“, sagte Geraldine.
Kathleen zeigte mit der Gabel auf sie. „Und du wunderst dich, warum ich manchmal glaube, dass du mich absichtlich stresst.“
„Nein“, sagte Geraldine. „Ich plane nur effizient.“
Das brachte Kathleen immerhin zu einem kurzen Lächeln. Und genau das war genug, um den Gedanken an Bachelet wieder dorthin zu schieben, wo er fürs Erste bleiben konnte: nicht weg, aber einen Schritt zurück.
Die Theorieprüfung dauerte zwei Stunden.
Geraldine brachte Kathleen bis vor den Prüfungsbereich, kassierte noch einen Blick, der irgendwo zwischen trockener Fassung und sehr ordentlich verpackter Anspannung lag, und ließ sie dann gehen, bevor sie auf die Idee kam, noch irgendetwas Hilfreiches zu sagen, das nur wie zusätzlicher Druck geklungen hätte.
„Zwei Stunden“, sagte Kathleen.
„Ich kann lesen“, sagte Geraldine.
„Das war kein Test.“
„Schade. Dann wärst du jetzt schon durch.“
Kathleen verzog kurz den Mund. „Wenn ich rauskomme und du grinst, geh ich wieder rein und schreib aus Protest alles falsch.“
„Dann nimm dir Zeit.“
„Unmögliches Wesen.“
„Ja.“
Kathleen schob die Tür auf und verschwand dahinter.
Geraldine blieb noch einen Moment stehen, sah auf die geschlossene Fläche, als würde sie dort irgendetwas erkennen können, und drehte dann ab. Für zwei Stunden sinnlos in einem Flur herumzustehen war selbst ihr zu unerquicklich.
Auf Geraldine Prime stand ihr ein kleines Apartment zur Verfügung. Nicht luxuriös, aber ruhig, ordentlich und groß genug, dass man nicht das Gefühl hatte, zwischen Wand und Zweck eingeklemmt zu sein. Geraldine warf die Jacke über einen Stuhl, stellte sich ans Fenster und sah einen Moment hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen.
Dann zog sie das Comms hoch und versuchte Amanda zu erreichen.
Beim ersten Versuch nichts.
Beim zweiten auch nicht.
Erst beim dritten sprang die Verbindung an. Das Bild blieb dunkel, aber Amandas Stimme kam sofort durch, ein wenig rauer als sonst, als hätte sie in den letzten Tagen mehr mit Triebwerken als mit Menschen gesprochen.
„Wenn das kein Notfall ist, bist du mutig.“
Geraldine lehnte sich mit der Hüfte gegen die Fensterkante. „Das war fast nett.“
„Ich arbeite noch an meiner Außenwirkung.“ Ein kurzes Rauschen. Dann: „Alles in Ordnung?“
Geraldine antwortete nicht sofort. Nicht, weil nichts da gewesen wäre. Eher, weil Amanda bei dieser Frage selten nur das Offensichtliche meinte.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Im Moment schon.“
Amanda schwieg eine Sekunde zu lang, um es für belanglos durchgehen zu lassen. „Du klingst besser.“
„Ich bin auf Geraldine Prime.“
„Dann erklärts einiges.“
„Kathleen schreibt gerade Theorie.“
Auf der Leitung wurde es still.
„Was?“
Geraldine musste gegen ihren Willen grinsen. „Ja. Genau so hab ich auch geguckt.“
„Wieso schreibt Kathleen Theorie?“
„Weil sie eine Lizenz braucht.“
Amanda atmete hörbar aus. Nicht genervt. Eher sortierend. „Seit wann?“
„Seitdem ich gemerkt hab, dass sie ihr ganzes Leben nach Shuttleplänen ausrichtet und das für normal hält.“
„Hm.“ Wieder diese kleine Pause, in der Amanda nie einfach nur Pause machte. „Und sie macht das mit?“
„Widerwillig genug, dass es glaubwürdig bleibt.“
Das brachte Amanda zu einem kurzen, trockenen Lachen. „Ich hätte Kathleen bei vielem gesehen. Aber nicht als Pilotin.“
„Ich auch nicht“, sagte Geraldine. „Deshalb machen wir’s ja.“
„Du klingst, als hättest du schon einen Lehrplan.“
„Hab ich.“
„Natürlich.“
Geraldine sah hinaus ins Licht der Station, in die sauberen Linien, das geregelte Treiben weit unter ihr. „Theorie ist kein Problem. Medizin auch nicht. Der Rest wird… interessant.“
„Das ist eine freundliche Formulierung.“
„Sie denkt zu viel.“
„Dann passt ihr Fliegen ja perfekt zu dir.“
„Amanda.“
„Was? Ich bin ehrlich.“
Geraldine schnaubte leise. Es tat gut, Amanda zu hören. Gerade weil sie nicht vorsichtig mit ihr sprach.
„Du bist skeptisch“, sagte sie.
„Ein bisschen.“ Amanda zögerte kaum merklich. „Nicht, weil Kathleen dumm wäre. Eher im Gegenteil. Ich hab sie nur noch nie als jemanden gesehen, der ein Cockpit will.“
„Sie will’s auch nicht auf die Art“, sagte Geraldine. „Sie braucht nur endlich die Möglichkeit.“
Am anderen Ende war kurz nur Hintergrundrauschen, irgendwo entfernt ein dumpfer Ton, Metall auf Metall.
Dann sagte Amanda: „Das klingt sehr nach dir.“
Geraldine sah auf ihre freie Hand, die locker an ihrer Seite hing. „Ja.“
„Und?“ fragte Amanda leiser. „Geht’s dir deshalb besser oder weil du beschäftigt bist?“
Geraldine hob langsam die Schultern, obwohl Amanda es nicht sehen konnte. „Beides.“
Amanda ließ ihr den Satz. Auch das war eine Form von Nähe.
„Gut“, sagte sie dann. „Dann bring Kathleen nicht um.“
„Ich bemühe mich.“
„Ich mein sie.“
Geraldine lachte kurz durch die Nase. „Sie wird’s überleben.“
„Und du?“
Die Frage war leiser gestellt als die anderen, aber schwerer.
Geraldine sah wieder aus dem Fenster. „Ich vermiss dich.“
Am anderen Ende sagte Amanda erst nichts. Nur dieses kleine Atemholen, das Geraldine inzwischen kannte.
„Ich dich auch“, sagte sie dann. „Mehr, als ich gerade brauchen kann.“
Geraldine schloss für einen Moment die Augen. Nicht lang. Gerade lang genug.
„Dann komm zurück, wenn du kannst.“
„Mach ich.“ Ein Hauch trockener Wärme kam zurück in Amandas Stimme. „Und bis dahin bringst du bitte keine Theoretikerin in der Dolphin um.“
„Ich sag ja, ich bemühe mich.“
„Das ist keine beruhigende Formulierung.“
„Für mich schon.“
Amanda schnaubte. „Meld dich, wenn sie bestanden hat.“
„Mach ich.“
„Und Geraldine?“
„Ja?“
„Ich will alles hören, falls Kathleen dich im Simulator hasst.“
Geraldine grinste jetzt offen. „Das wird sie.“
„Dann lohnt sich der Bericht.“
Die Verbindung brach kurz darauf ab, nicht unfreundlich, nur beruflich. Geraldine blieb noch einen Moment am Fenster stehen, dann legte sie das Comms beiseite.
Zwei Stunden Theorie konnten lang sein.
Aber im Moment fühlten sie sich zum ersten Mal seit Tagen nicht leer an.
Als Geraldine zum Prüfungsbereich zurückkam, war Kathleen schon draußen.
Sie stand ein Stück von der Tür entfernt, die Arme vor der Brust verschränkt, als würde das irgendwie helfen, den Kopf stillzuhalten. Als sie Geraldine sah, hob sie kurz das Kinn, aber da war nichts von der trockenen Selbstsicherheit, die sie sonst so zuverlässig trug.
„Na?“ fragte Geraldine.
Kathleen verzog den Mund. „Ich hasse Prüfungen.“
„Das war keine Antwort.“
„Ich weiß.“ Kathleen ließ die Arme sinken und fuhr sich einmal kurz über die Stirn. „Es war nicht katastrophal. Glaube ich. Aber ich hab an zwei Stellen plötzlich angefangen, mir selbst zu misstrauen, und das ist in so einem System ein erstaunlich schlechter Zeitpunkt.“
Geraldine blieb vor ihr stehen. „Du bist nicht durchgefallen.“
„Das hoffe ich sehr. Sonst müsste ich mich nachhaltig blamieren.“
„Dafür wärst du zu organisiert.“
Kathleen schnaubte leise, aber es saß noch Spannung darunter. „Die Auswertung dauert eine halbe Stunde.“
„Dann hast du jetzt dreißig Minuten Zeit, unangenehm an dir zu zweifeln.“
„Danke. Das hilft gar nicht.“
„Gern.“
Sie setzten sich auf eine Bank im Wartebereich, der mit seiner sauberen Helligkeit und den stillen Displays so tat, als wäre Warten etwas Sachliches. Kathleen lehnte sich zurück, aber nur äußerlich. Geraldine sah es an den Fingern, die zu ruhig auf ihrem Bein lagen, um wirklich ruhig zu sein.
„Du hast bestanden“, sagte sie nach einem Moment.
„Du klingst sehr überzeugt.“
„Bin ich.“
Kathleen sah zur Decke. „Ich hätte gern halb so viel Vertrauen in mich selbst wie du in fremde Entscheidungen.“
„Das ist kein Vertrauen in fremde Entscheidungen“, sagte Geraldine. „Das ist Vertrauen darin, dass du dir gerade selbst auf die Nerven gehst.“
Kathleen ließ den Kopf wieder sinken und sah sie an. „Unverschämte Analyse.“
„Präzise.“
Die halbe Stunde zog sich nicht ewig, aber lang genug, dass Kathleen zweimal so tat, als würde sie entspannt atmen, und Geraldine jedes Mal sah, dass es Theater war. Als endlich ein leises Signal durch den Bereich lief und auf dem Wanddisplay neue Ergebnisse freigegeben wurden, stand Kathleen so schnell auf, als hätte ihr Körper beschlossen, vor dem Rest von ihr fertig zu sein.
„Wenn das jetzt peinlich wird“, murmelte sie, „geh ich direkt zurück ins Labor und rede mit niemandem mehr.“
„Schade“, sagte Geraldine und stand ebenfalls auf. „Ich hatte mich auf deinen Triumph vorbereitet.“
Kathleen trat an das Display, suchte mit einem Blick die Ergebnisliste, und blieb dann für einen Moment einfach still.
Geraldine trat neben sie.
Kathleen hatte nicht nur bestanden.
Sie hatte als Beste abgeschnitten.
Geraldine sah erst auf die Zahl, dann auf Kathleen. „Natürlich.“
Kathleen blinzelte einmal, als würde sie dem Bildschirm noch nicht ganz trauen.
„Das ist…“
„Genau das, was ich erwartet hab“, sagte Geraldine.
Jetzt kam das Lächeln. Erst klein, dann richtig. Nicht geschniegelt, nicht kontrolliert. Einfach da.
Kathleen atmete aus, diesmal ohne jeden Widerstand. „Okay“, sagte sie. „Das nehm ich.“
Geraldine nickte zum Display. „Zu Recht.“
Kathleen sah noch einmal hin, dann zu Geraldine. „Wenn du das später gegen mich verwendest, streite ich alles ab.“
„Zu spät“, sagte Geraldine. „Ich hab’s schon gespeichert.“
„Natürlich hast du das.“
„Natürlich.“ Geraldine stieß sich leicht vom Displayrand ab. „Gut. Dann darfst du jetzt genau drei Minuten stolz auf dich sein. Danach fangen wir mit dem interessanten Teil an.“
Die Theorie war damit vom Tisch. Für alles, was danach kam, brauchte Kathleen vor allem eines: Zeit, und die musste sie sich erst einmal aus ihrem eigenen Stationsalltag herausbrechen.
Ein paar Tage später hatte Kathleen es tatsächlich geschafft, sich einen ganzen Tag freizuschaufeln. Nicht elegant, wie sie auf dem Weg zur Dolphin mehrfach betonte, sondern durch eine Mischung aus Delegation, sehr knappen Mails und der stillen Autorität von jemandem, der inzwischen entscheiden durfte, welcher Brand zuerst gelöscht werden musste.
„Wenn heute im Labor irgendwas explodiert, war ich’s nicht“, sagte sie, als Geraldine sie im Hangar empfing.
„Enttäuschend“, sagte Geraldine. „Das hätte den Tag aufgelockert.“
Kathleen warf ihr einen Blick zu, der schon wacher war als alles an ihr. „Du hast das mit dem Aufmuntern wirklich nie gelernt.“
„Doch“, sagte Geraldine. „Ich hab nur Standards.“
Die Dolphin wartete offen und ruhig, als wäre sie mit dem Plan längst einverstanden. Kathleen blieb einen Moment davor stehen, sah hinauf und atmete einmal durch.
„Also“, sagte sie. „Vormittags Simulator. Nachmittags echtes Schiff. Und dazwischen tue ich so, als hätte ich mein Leben noch im Griff.“
„Das reicht völlig“, sagte Geraldine.
Kathleen hob eine Braue. „Beruhigend.“
„Soll ich dich anlügen?“
„Nein. Aber ein bisschen Charme hätte Stil.“
„Unpraktisch.“
Sie stiegen ein, und schon auf dem kurzen Flug zum Trainingsbereich merkte Geraldine, dass heute anders war als die lockeren Wege der letzten Tage. Kathleen war nicht verschlossen. Nur gesammelt. Ihre Fragen waren knapper, ihre Blicke genauer, und irgendwo darunter saß dieser kontrollierte Zug, den sie immer hatte, wenn sie sich auf etwas einließ, das ihr nicht lag und gerade deshalb ernst genommen werden musste.
Das Trainingszentrum war so geschniegelt, dass Geraldine es schon beim Reingehen unsympathisch fand. Klare Linien, saubere Anzeigen, gedämpfte Stimmen, überall dieses professionelle Leuchten, das Kompetenz darstellen wollte und dabei fast steril wurde. Kathleen sah sich einmal um und verzog kaum merklich den Mund.
„Hier riecht es nach Beurteilung“, murmelte sie.
„Gewöhn dich nicht dran“, sagte Geraldine. „Der Simulator ist nur zum Scheitern da.“
Kathleen sah sie an. „Beeindruckend, wie wenig Hoffnung du in einen Satz bekommst.“
„Das war der freundliche Einstieg.“
Der Simulatorraum lag hinter einer Glasscheibe, die so tat, als wäre sie neutral. Drinnen: Cockpit, Anzeigen, künstliche Ruhe. Draußen: Kontrollpult, Auswertung, Geraldine mit verschränkten Armen und dem festen Vorsatz, Kathleen erst mal machen zu lassen.
Kathleen blieb einen Moment vor dem Einstieg stehen und sah sich das Setup an, als würde sie prüfen, ob es irgendwo die Möglichkeit gab, das Ganze durch reine Verachtung zu bestehen.
„Das Ding sieht aus, als hätte jemand ein Cockpit genommen und alles Menschliche rausgerechnet“, sagte sie.
„Dann passt es doch“, sagte Geraldine.
Kathleen warf ihr einen Blick zu, der nur kurz beleidigt war, dann stieg sie ein.
Geraldine setzte sich nicht. Sie blieb am Pult stehen, beobachtete, wie Kathleen Gurte anlegte, Anzeigen prüfte, die Hände an die Steuerung nahm und sie gleich wieder einen Hauch zu bewusst losließ. Nicht panisch. Nicht fahrig. Aber kontrolliert auf eine Art, die schon beim Zuschauen anstrengend wirkte.
„Bereit?“ fragte Geraldine über die Verbindung.
Kathleen atmete einmal hörbar aus. „Nein. Also vermutlich ja.“
„Gut genug.“
Der Simulator fuhr hoch. Erst nur Anzeigen, dann Raum, dann das ruhige Schweben eines Ausgangspunkts, der noch nichts von Kathleen wollte. Geraldine sagte für den Anfang fast nichts. Ein paar knappe Anweisungen. Kurs aufnehmen. Kleine Korrektur. Schub sauber halten.
Schon nach den ersten Bewegungen war klar, wo das Problem lag.
Kathleen machte nichts grob falsch. Sie wusste, was sie tat. Aber sie dachte jede einzelne Bewegung erst einmal zu Ende, bevor sie sie machte – und war damit immer einen Moment zu spät. Wenn der Simulator leicht wegdriftete, korrigierte sie nicht falsch, sondern zu deutlich. Wenn sie dann gegensteuerte, tat sie es wieder einen Tick zu bewusst. Alles war technisch nachvollziehbar. Nichts war flüssig.
Geraldine sah auf die Daten, dann wieder durch die Scheibe auf Kathleen. Theorie top, dachte sie. Körpergefühl null.
„Du kämpfst gegen jede Bewegung“, sagte sie ruhig ins Comms.
„Ich versuche nur, sie unter Kontrolle zu halten“, kam Kathleen zurück.
„Ja“, sagte Geraldine. „Genau das sieht man.“
Die ersten zwanzig Minuten sahen aus, als würde Kathleen mit dem Schiff verhandeln, statt es zu fliegen.
Danach wurde es langsam besser. Nicht plötzlich. Nicht elegant. Aber sichtbar.
Geraldine ließ sie durch dieselben Abläufe immer wieder laufen. Anflug. Halten. Kleine Kurskorrekturen. Schub nicht denken, sondern fühlen. Kathleen fluchte nicht laut, aber regelmäßig genug, dass der Rhythmus irgendwann fast zur Übung gehörte. Sie überkorrigierte, fing sich, machte denselben Fehler ein zweites Mal und beim dritten Mal dann nicht mehr ganz so schlimm.
Nach einer Stunde war sie immer noch nicht gut. Aber sie war nicht mehr im Weg. Das war für den Anfang mehr, als Geraldine erwartet hatte.
Sie änderte kaum etwas an den Aufgaben. Nur den Ton. Weniger Erklärung, mehr knappe Ansagen. Weniger Protokoll, mehr Wiederholung. Kathleen reagierte darauf zuerst gereizt, dann zunehmend besser. Sie hörte auf, jede Bewegung vorher im Kopf fertigbauen zu wollen, und ließ das Schiff zum ersten Mal ein wenig einfach laufen.
Als die zwei Stunden vorbei waren, sank Kathleen im Sitz zurück, als hätte jemand ihr heimlich die Hälfte der Energie abgezogen. Die Spannung saß ihr noch im Körper, und sie wirkte, als würde schon ein falscher Satz reichen.Geraldine trat erst aus dem Kontrollraum, als das System schon wieder herunterfuhr.
Kathleen sah zu ihr auf. „Falls du jetzt sagst, das war gar nicht so schlimm, verlasse ich den Raum aus Trotz rückwärts.“
„Es war schlimm“, sagte Geraldine. „Aber am Ende nicht mehr durchgehend.“
Kathleen schloss kurz die Augen. „Wie tröstlich.“
Neben Geraldine lehnte der Techniker des Simulators am Pult, ein älterer Mann mit der entspannten Miene von jemandem, der schon sehr viel schlechtere erste Versuche gesehen hatte. Er sah von den Daten auf und nickte Kathleen zu.
„Ganz ehrlich? Gar nicht schlecht“, sagte er. „Zu viel Kopf, zu wenig Gefühl. Aber das ist ein bekanntes Problem. Und eins von den lösbaren.“
Kathleen blinzelte, als hätte sie mit vielem gerechnet, nur nicht mit Zuspruch.
Der Techniker zuckte mit einer Schulter. „Die meisten zerlegen beim ersten Mal entweder das virtuelle Schiff oder sich selbst. Sie haben nur beides gleichzeitig versucht. Das ist fast schon effizient.“
Geraldine schnaubte leise.
Kathleen sah erst ihn an, dann Geraldine. „Ist das hier abgesprochen?“
„Nein“, sagte Geraldine.
„Schade“, murmelte Kathleen und stemmte sich aus dem Sitz. „Dann hätte ich es wenigstens als Manipulation einordnen können.“
Der Techniker grinste nur. „Für den ersten Tag war das wirklich okay.“
Kathleen stand schließlich neben dem Simulator, noch immer etwas steif, noch immer völlig fertig, aber nicht mehr ganz so feindselig gegen sich selbst wie vor einer Minute.
„Gut“, sagte sie. „Dann bin ich jetzt also offiziell erschöpft auf akzeptablem Niveau.“
„Willkommen in der Luftfahrt“, sagte Geraldine.
Kathleen stieß hörbar Luft aus und stieg aus dem Simulator, als würde sie dem Ding nicht noch mehr Genugtuung gönnen wollen. „Wenn das der freundliche Teil war, will ich die unfreundliche Version nicht kennenlernen.“
„Zu spät“, sagte Geraldine. „Die kommt nach dem Essen.“
Kathleen blieb mitten im Schritt stehen. „Nach dem was?“
Geraldine war schon auf dem Weg zur Tür. „Essen.“
„Hier?“
„Nein.“
Kathleen sah sie an, als würde sie prüfen, ob Erschöpfung inzwischen Halluzinationen mitlieferte. „Geraldine. Wir sind auf Geraldine Prime.“
„Ich kann lesen.“
„Und du willst jetzt trotzdem woanders hin.“
„Ja.“
Kathleen ging weiter, langsamer als sonst, weil ihr Kopf offensichtlich noch versuchte, den Vorschlag einzusortieren. „Wie weit ist ‘woanders’?“
„Ein paar Systeme.“
„Natürlich.“ Kathleen rieb sich mit zwei Fingern über die Stirn. „Ich bin seit zwei Stunden in einem Simulator gewesen, mein Hirn fühlt sich an wie überstrapazierte Verkabelung, und du hältst jetzt interstellare Gastronomie für den vernünftigen nächsten Schritt.“
„Ja“, sagte Geraldine. „Weil du sonst hier irgendwas Mittelmäßiges isst und mir danach im Schiff vom Kreislauf kippst.“
„Das ist erstaunlich fürsorglich formuliert.“
„Gewöhn dich nicht dran.“
Sie verließen das Trainingszentrum, und erst draußen im hellen Stationskorridor blieb Geraldine kurz stehen.
„Ich kenn da was“, sagte sie. „Bodenstation. Imperial. Eher ruhig. Sehr gutes Essen.“
Kathleen hob eine Braue. „Und warum kenne ich diesen Ort nicht?“
„Weil du dein Leben in Laboren verbringst.“
„Das ist ausweichend.“
Geraldine verzog den Mund. „Einer von Aislings Generälen hat mich mal drauf gestoßen. Später hab ich den Laden über zwei, drei Leute besser kennengelernt.“
„Aha.“
„Aha heißt in diesem Fall: Wir kriegen einen Tisch, auch wenn sie heute eigentlich keinen mehr rausgeben würden.“
Kathleen musterte sie einen Moment. Dann kam dieses kleine, müde Aufleuchten zurück, das nach dem Prüfungsergebnis schon einmal kurz da gewesen war.
„Du hast Beziehungen zu einem geheimen Imperialen Restaurant.“
„Das klingt jetzt schmutziger, als es ist.“
„Es klingt vor allem sehr nach dir“, sagte Kathleen und schob die Hände in die Jackentaschen. „Ein bisschen unnötig. Ein bisschen elegant. Und völlig übertrieben für einen Ausbildungstag.“
„Danke.“
„Das war keine Bewunderung.“
„Doch. Nur schlecht verpackt.“
Der Flug war diesmal Geraldines Sache. Kathleen sagte nichts dagegen. Sie ließ sich in den Sitz sinken, sah beim Start aus dem Cockpitfenster und wirkte erst wieder etwas lockerer, als Geraldine Prime hinter ihnen kleiner wurde.
Ein paar Systeme später lag die Bodenstation unter ihnen, in hellem Nachmittagslicht, sauber in eine breite Ebene gesetzt, mit klaren Linien und genau der Sorte imperialer Zurückhaltung, die teuer war, ohne es jemandem aufdrängen zu müssen. Kein Prunk. Keine goldene Albernheit. Eher die Art Ort, die so tat, als wäre Exklusivität einfach eine Frage des guten Geschmacks.
Kathleen sah beim Anflug nach unten und schnaubte leise. „Das ist dein Ernst.“
„Ich hab selten so hübsche Scherze gemacht.“
„Das hier ist nicht hübsch. Das ist einschüchternd ordentlich.“
„Dann passst du rein.“
„Frech.“
„Präzise.“
Sie landeten sauber, gingen durch einen stillen Empfangsbereich, der eher nach diskreter Sicherheit als nach Publikum aussah, und wurden tatsächlich ohne Umstände weitergeleitet. Keine Fragen. Keine Wartezeit. Nur ein kurzer Blick auf Geraldine, ein kaum merkliches Nicken und dann der Weg in einen Gastraum, der weit, ruhig und genau richtig temperiert war.
Kathleen blieb einen Schritt hinter ihr stehen und sah sich um.
„Gut“, sagte sie. „Jetzt bin ich beleidigt.“
„Weswegen?“
„Weil du offenbar ein Leben führst, von dem ich nichts weiß.“
Geraldine zog den Stuhl für sie ein Stück zurück. „Setz dich. Dann erfährst du vielleicht mehr davon.“
Kathleen setzte sich, immer noch mit diesem halb müden, halb ungläubigen Blick. Aber sie tat es. Und als sie sich zurücklehnte, war zum ersten Mal seit dem Simulator die Spannung nicht mehr das Erste, was man an ihr sah.
Das Essen half schneller, als Kathleen es vermutlich zugegeben hätte.
Mit jedem Gang wurde sie ein Stück weniger kantig. Nicht weich. Eher wieder bewohnbar. Der erste Bissen brachte sie noch dazu, misstrauisch die Augen zu verengen, als würde sie prüfen, ob etwas, das so gut schmeckte, irgendwo einen Haken haben musste. Beim zweiten gab sie den Verdacht auf. Danach redeten sie über alles, nur nicht über Prüfungen, Simulatoren oder Namen aus alten Akten. Über schiefe Lieferungen, absurde Stationsgerüchte, einen Kollegen von Kathleen, der sich für unersetzlich hielt und trotzdem regelmäßig an seinem eigenen Zugangscode scheiterte. Geraldine erzählte ihr von einem Mechaniker auf dem Carrier, der mit jeder Reparatur schwor, diesmal wirklich alles sauber gemacht zu haben, und jedes Mal eine Schraube übrig behielt.
Kathleen lachte mehr als einmal. Nicht laut. Aber echt genug, dass Geraldine es bemerkte und nichts dazu sagte.
Als sie später wieder zur Dolphin zurückgingen, lag die Ebene draußen bereits im weicheren Licht des Abends. Die Luft war klarer geworden, kühler, und die Station hinter ihnen sah aus, als hätte sie nie etwas anderes getan, als still teuer zu sein.
Kathleen atmete einmal tief durch, als sie an der Einstiegsluke ankamen. „Gut“, sagte sie. „Jetzt fliegen wir zurück, ich falle im Sitz um, und du behauptest morgen, das wäre Charakterbildung gewesen.“
Geraldine legte die Hand an die Außenkante der Luke und sah sie an. „Nein.“
Kathleen blieb stehen. „Nein?“
„Du fliegst.“
Für einen Moment sagte Kathleen gar nichts. Dann lachte sie einmal kurz, ohne jede Heiterkeit. „Nein.“
„Doch.“
„Geraldine.“ Kathleen zeigte mit einer Hand auf die Umgebung, auf die elegante Bodenstation hinter ihnen, auf die sauberen Lichter, auf alles, was hier teuer genug aussah, um Konsequenzen zu haben. „Wenn ich hier irgendwo gegensemmel, jagt mich das gesamte Imperium.“
„Dann nehme ich’s auf meine Kappe“, sagte Geraldine.
Kathleen starrte sie an. „Das ist keine echte Beruhigung.“
„Soll es auch nicht sein.“ Geraldine zog die Luke auf. „Der Landecomputer hat uns den ersten Teil schon abgenommen. Start kriegst du hin. Den Rest machen wir sauber und langsam.“
Kathleen blieb noch einen Herzschlag stehen, als würde sie prüfen, ob Rückzug noch eine würdige Option war. Dann stieg sie mit dem Ausdruck ein, den andere Leute für medizinische Eingriffe reservierten.
„Falls ich sterbe“, sagte sie im Cockpit, während sie sich anschnallte, „möchte ich, dass in jedem offiziellen Bericht steht, dass das deine Idee war.“
Geraldine setzte sich neben sie. „Falls du stirbst, schreib ich den Bericht selbst.“
„Das macht es schlimmer.“
„Für dich dann nicht mehr.“
Kathleen sah sie von der Seite an. „Weißt du, manchmal hilfst du auf eine sehr feindliche Art.“
„Und trotzdem hilft’s.“
Das war das Ärgerliche daran, und beide wussten es.
Geraldine ließ Kathleen die Hände an die Steuerung nehmen, erklärte knapp, was sie brauchte, und griff nur ein, wenn es sein musste. Draußen wartete die breite, klare Bahn. Keine Hektik. Kein Verkehr, der sie drängte. Nur Maschine, Licht und die unangenehme Wahrheit, dass es jetzt wirklich passierte.
Kathleen atmete einmal tief ein. „Ich hasse dich ein bisschen.“
„Das ist ein guter Anfang“, sagte Geraldine. „Jetzt heb ab.“
Kathleen griff fester um die Steuerung, als sie eigentlich wollte, merkte es und lockerte die Finger wieder. Nicht viel. Gerade genug, dass es nicht nach Panik aussah.
„Wenn ich das Ding gleich in einen sehr teuren Lampenmast setze, springst du vorher raus“, sagte sie.
„Nein“, sagte Geraldine. „Ich will sehen, ob du’s allein korrigierst.“
Kathleen warf ihr einen Blick zu. „Du bist unerträglich.“
„Konzentrier dich.“
Kathleen atmete einmal durch, richtete die Dolphin sauber aus und ließ sie langsam von der Station wegkommen. Nicht elegant. Noch nicht. Aber kontrolliert. Sie gab zu wenig Schub, fing das Zögern selbst ab, korrigierte den Winkel einen Hauch zu spät und hielt das Schiff dann mit sichtbar erarbeitetem Willen auf Kurs.
Geraldine sagte nichts.
Das half.
Die Station glitt langsam seitlich weg. Lichter, Linien, die ruhige teure Ordnung des Ortes. Kathleen hielt den Blick vorn, dann kurz auf die Anzeigen, dann wieder nach draußen.
„Gut“, sagte Geraldine schließlich. „Nicht gegen jede Bewegung kämpfen. Lass sie laufen.“
„Sie läuft in Richtungen, die ich nicht autorisiert habe.“
„Dann autorisier schneller.“
Kathleen schnaubte leise, und genau in diesem Moment wurde es besser. Nicht weil sie entspannter war. Eher weil sie aufhörte, jede Sekunde vorher gewinnen zu wollen. Die Dolphin reagierte sauber auf kleine Eingaben. Ein Hauch Schub. Eine kleine Korrektur. Noch eine. Dann lag sie ruhig genug im Raum, dass selbst Kathleen es merkte.
„Okay“, sagte sie, und es klang fast überrascht. „Das war gerade nicht völlig grauenhaft.“
„Nein“, sagte Geraldine. „Nur stellenweise.“
„Danke.“
Sie brachte das Schiff aus dem Stationsbereich, nahm den Vektor zur ersten Sprungmarke auf und arbeitete sich mit derselben angestrengten Genauigkeit durch die Vorbereitungen, die sie theoretisch längst konnte. Geraldine korrigierte nur noch knapp, wenn Kathleen wieder zu viel gleichzeitig wollte.
„Ziel steht“, sagte Kathleen.
„Dann richte dich sauber aus.“
„Ich bin sauber.“
„Du bist nah dran.“
Kathleen verzog den Mund, korrigierte um ein paar Grad und hielt still, bis der Rahmen endlich saß.
„Jetzt bist du sauber.“
„Ich hasse, dass du recht hast.“
„Das ist ein Nebeneffekt guter Ausbildung.“
Der erste Sprung gelang ohne Drama. Das Schiff zog an, der Raum kippte, Sterne wurden zu Linien, und für den kurzen Moment zwischen hier und dort hielt Kathleen den Atem an, als hätte sie dem Ganzen noch nicht endgültig geglaubt.
Als sie wieder im Normalraum waren, saß sie immer noch zu steif da.
„Atmen“, sagte Geraldine.
Kathleen tat es hörbar. „Ich atme.“
„Seit eben erst.“
„Details.“
Der zweite Sprung lief schon besser. Kathleen fand den Kurs schneller, ließ sich nicht mehr von jedem kleinen Drift beleidigen und begann langsam, dem Schiff nicht nur Befehle zu geben, sondern Reaktionen abzunehmen. Es war nicht schön. Aber es war echt. Geraldine sah es an den Händen: weniger Verkrampfung, weniger unnötige Gegenbewegung, mehr Vertrauen in das, was unter ihnen arbeitete.
„Du denkst immer noch zu viel“, sagte sie.
„Ja.“
„Aber nicht mehr in ganzen Aufsätzen.“
Kathleen sah kurz zu ihr rüber. „Das ist bei dir schon fast Lob.“
„Gewöhn dich nicht dran.“
Beim dritten Sprung war genug Ruhe zwischen ihnen, dass nicht jeder Satz sofort etwas reparieren musste. Kathleen flog konzentriert, mit einer Ernsthaftigkeit, die Geraldine fast gefiel. Nicht talentiert. Nicht leicht. Aber zäh. Und zäh war oft mehr wert, als Leute glaubten.
Als Geraldine Prime schließlich vor ihnen lag und das Navigationsfeld den letzten Anflug auswarf, lehnte Kathleen sich keinen Millimeter zurück. Eher im Gegenteil. Die Spannung kam wieder, jetzt feiner, schärfer.
„Sag nichts“, murmelte sie.
„Ich hab noch gar nichts gesagt.“
„Du denkst schon.“
„Immer.“
Kathleen richtete die Dolphin auf den Anflugvektor aus. Diesmal vorsichtiger als vorher, aber nicht mehr hilflos vorsichtig. Sie arbeitete das Schiff Stück für Stück dorthin, wo es hinmusste, nahm Geraldines knappe Hinweise an, ohne sich daran aufzuhängen, und brachte sie sauber genug in den Bereich, in dem alles Weitere nicht mehr nach Katastrophe aussah.
Als die letzten Korrekturen saßen, atmete Geraldine einmal aus.
Kathleen hörte es sofort. „War das eben Zustimmung?“
„Das war die Erkenntnis, dass du uns heute wahrscheinlich nicht umbringst.“
„Wahrscheinlich.“
„Für den ersten Tag reicht mir das.“
Jetzt kam doch dieses kleine, erschöpfte Lächeln an Kathleens Mund. „Großzügig.“
„Ich kann schlimm sein und großzügig. Das schließt sich nicht aus.“
Kathleen hielt den Kurs, sah nach vorn und sagte erst nach ein paar Sekunden: „Ich verstehe langsam, warum dir das so wichtig ist.“
Geraldine antwortete nicht sofort. Sah nur geradeaus, auf den ruhigen Anflug, auf die Linien, die Kathleen sich Schritt für Schritt erarbeitete.
„Ja“, sagte sie dann. „Das dachte ich mir.“
Die Dolphin glitt weiter durch das künstliche Licht, und Kathleen flog sie noch nicht gut. Aber sie flog. Und das war mehr, als es vor ein paar Tagen noch gewesen war.
Kathleen brachte die Dolphin auf Geraldine Prime runter. Nicht schön, aber sauber genug, dass niemand sich einmischen musste. Als die Systeme endlich still wurden, blieb sie einen Moment im Sitz sitzen, die Hände noch locker an der Steuerung, als müsste ihr Körper erst nachreichen, dass der Flug wirklich vorbei war.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Ich lebe noch. Das ist für heute schon fast unverschämt erfolgreich.“
„Freu dich nicht zu früh“, sagte Geraldine und löste den Gurt. „Ich muss noch kurz was erledigen.“
Kathleen drehte den Kopf zu ihr. „Was genau?“
„Die Freigabe für deine Praxisstunden sauber festziehen, bevor irgendein Verwaltungsgeist auf die Idee kommt, später klüger zu sein als jetzt.“
Kathleen lehnte den Kopf kurz gegen die Rückenlehne. „Natürlich. Freiheit beginnt mit Papier.“
„Leider ja.“
„Und ich dachte, der schlimmste Teil wäre der Simulator.“
„Nein“, sagte Geraldine trocken. „Der schlimmste Teil ist immer jemand mit Zugriffsrechten.“
Das brachte Kathleen trotz allem zu einem kurzen Schnauben.
Geraldine stand auf und deutete zur Luke. „Ich bin gleich zurück.“
„Wenn du in der Zeit noch drei neue Formulare findest, warte mit der schlechten Nachricht bis morgen.“
„Großzügig.“
Es dauerte nicht lange, bis Geraldine wieder zurück war.
Kathleen sah sofort an ihrem Gesicht, dass alles erledigt war. Nicht wegen irgendeiner sichtbaren Freude. Eher weil Geraldine diesen leicht gereizten Ausdruck nur dann hatte, wenn Verwaltung am Ende doch nachgegeben hatte.
„Und?“
Geraldine ließ sich wieder in den Sitz sinken. „Alles sauber. Deine Praxisstunden sind drin. Offiziell, abgesegnet und mit genug Stempeln versehen, dass sich später niemand rausreden kann.“
Kathleen atmete einmal aus. „Ein schlimmerer Satz als ‘du darfst fliegen’ existiert vermutlich nicht.“
„Doch“, sagte Geraldine. „‘Bitte reichen Sie Anlage drei nach.’“
Kathleen schnaubte leise, legte die Hände wieder an die Steuerung und sah nach vorn. Diesmal dauerte es einen Moment kürzer, bis sie sich sammelte.
Der Rückflug zu ihrer Station war nicht gut. Aber er war auch nicht mehr nur ein kontrolliertes Verhindern von Problemen.
Kathleen brachte die Dolphin sauber aus dem Hangar, nahm die ersten Korrekturen mit weniger Widerstand, traf die Sprungfenster schneller und brauchte Geraldines Stimme nur noch dann, wenn sie wieder anfing, gleichzeitig drei Dinge lösen zu wollen. Sie flog konzentriert, ernst und stellenweise immer noch zu hart gegen das Schiff an. Aber zwischendrin gab es diese kurzen Momente, in denen etwas plötzlich passte. Ein Winkel. Ein Schub. Eine Kurskorrektur, die nicht erkämpft wirkte, sondern einfach saß.
Als ihre Station schließlich vor ihnen lag, war Kathleen wieder angespannt. Aber nicht mehr auf dieselbe Weise wie am Nachmittag. Mehr Respekt als Panik. Mehr Aufmerksamkeit als Abwehr.
Die Landung war nicht schön. Ein Tick zu vorsichtig, dann ein Tick zu korrigiert. Aber am Ende setzte die Dolphin sauber genug auf, dass Geraldine nichts sagen musste.
Kathleen ließ die Hände noch einen Moment an der Steuerung.
„Das war“, sagte sie dann langsam, „durchaus nicht komplett beschämend.“
„Nein“, sagte Geraldine. „Nur größtenteils anstrengend.“
Kathleen lehnte den Kopf kurz zurück und schloss die Augen. „Gut. Dann hab ich ja einen Ansatz.“
Geraldine zog den Gurt auf. „Mehr als das.“
Kathleen öffnete die Augen wieder und sah zu ihr rüber. Müde, gereizt, aber mit diesem kleinen, kaum versteckten Funken darunter.
„Sag das nicht so, als würde ich am Ende noch Freude daran entwickeln.“
„Zu spät“, sagte Geraldine. „Ich glaube, genau da geht das hin.“
In den nächsten Tagen wurde aus dem Plan eine Reihe von Abenden.
Nicht schön geschniegelt. Nicht mit großen Durchbrüchen. Einfach immer wieder die Dolphin, immer wieder Geraldine auf dem rechten Sitz, immer wieder Kathleen an der Steuerung. Starten. Ausrichten. Springen. Anfliegen. Landen. Die gleichen Handgriffe so oft, bis sie nicht mehr jedes Mal wie eine persönliche Beleidigung wirkten.
Kathleen wurde besser. Langsam, störrisch, ehrlich besser. Ihre Hände blieben nicht mehr ganz so hart an der Steuerung. Sie kämpfte nicht mehr gegen jede kleine Bewegung des Schiffs, sondern fing an, manche einfach mitzunehmen. Geraldine musste seltener eingreifen. Nur noch dann, wenn Kathleen wieder anfing, drei Probleme gleichzeitig lösen zu wollen, statt erst das eine direkt vor ihr.
Sie flog nicht mit Talent. Sie flog mit Arbeit.
Und genau deshalb war jeder Fortschritt sichtbar. Ein saubererer Sprung. Ein Anflug, bei dem Geraldine nichts sagen musste. Eine Landung, die nicht elegant war, aber ruhig. Kathleen wurde nie leicht im Cockpit. Nie jemand, der grinste, sobald der Schub hochging. Aber sie wurde verlässlich. Und irgendwann saß sie in der Dolphin nicht mehr wie jemand, der nur keinen Fehler machen wollte, sondern wie jemand, der langsam begriff, dass das Schiff auf sie hörte.
An einem dieser Abende, nach einem Rücksprung, der zum ersten Mal fast beiläufig gut gelungen war, blieb es zwischen ihnen einen Moment still. Kathleen hielt den Kurs, warf einen Blick auf die Anzeigen und merkte es selbst.
„Ich musste eben nicht über alles nachdenken“, sagte sie.
Geraldine sah geradeaus. „Nein.“
Kathleen atmete aus, kurz, fast überrascht. „Das ist beunruhigend.“
„Nein“, sagte Geraldine trocken. „Das ist Fliegen.“
Kathleen schnaubte leise. Dann wurde sie wieder still. Nicht angestrengt diesmal. Eher so, als hätte ihr Kopf gerade zum ersten Mal Platz für etwas anderes.
Ein paar Sekunden später sagte sie: „Warte.“
Geraldine drehte den Kopf nur ein Stück. „Was.“
Kathleen sah nicht zu ihr, sondern weiter nach vorn. „Bachelet.“
Jetzt wurde auch Geraldine still.
„Ich weiß, woher ich den Namen kenne“, sagte Kathleen langsam. „Nicht die Person, die du suchst. Das kann nicht sein. Zu jung. Aber im Studium saß ich mal mit jemandem dieses Namens in einem Seminar. Später, glaube ich, auch noch einmal in einem Projekt. Wir hatten nie viel miteinander zu tun, deshalb ist es mir nicht sofort wieder eingefallen.“
Geraldine sagte nichts. Wartete nur.
Kathleen verzog leicht den Mund, konzentriert mehr auf den Gedanken als auf den Flug, der inzwischen ruhig genug lief, dass sie beides konnte.
„Es kann ein Zufall sein“, sagte sie. „Aber der Name ist selten genug, dass ich’s nicht einfach liegenlasse. Ich forsche nach. Alte Matrikel, Projektlisten, Kontakte. Irgendwo krieg ich raus, wer das genau war und ob es irgendeine Verbindung gibt.“
Geraldine nickte einmal. „Gut.“
Kathleen warf ihr einen kurzen Blick zu. „Nur damit das klar ist: Ich verspreche dir keinen Durchbruch.“
„Hab ich auch nicht verlangt.“
„Nein“, sagte Kathleen. „Du verlangst nur immer alles in einer Tonlage, die harmlos klingt.“
„Und trotzdem machst du’s.“
„Ja“, sagte Kathleen, und diesmal lag ein kleines, erschöpftes Lächeln in ihrer Stimme. „Offenbar.“
Die Dolphin glitt weiter durch den ruhigen Raum, und Kathleen hielt den Kurs sauberer als noch vor ein paar Tagen. Nicht mühelos. Nicht schön. Aber sicher.
Und diesmal saß nicht nur sie selbst anders im Schiff.
Auch der Name war es.
Die Dolphin flog weiter, ruhig und unspektakulär, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich auch die Spur zu Bachelet wieder beweglich an.