Kapitel 44 – Neue Horizonte

Ressourcenbeschaffung

Das Licht des Projektors tauchte den Raum in gedämpftes Blau. In der Mitte schwebte das Modell der neuen Station – filigrane Strukturen, noch ohne Fundament.

Geraldine stand davor, still, die Hände in den Taschen.
„Wir fangen mit der Habitat-Struktur an. Danach die Energieversorgung, nicht umgekehrt. Ich will erst etwas sehen, das lebt.“

Rosie scrollte durch die Daten, ruhig wie immer. „Das Material reicht für den Anfang, aber du drückst das Tempo. Die Cutter muss durchlaufen, sonst kommen wir nicht hinterher.“

„Dann läuft sie.“

Holland sah kurz auf. „Ich leg dir eine Route zusammen. Wir haben genug Kontakte, die liefern.“

Geraldine nickte, ohne den Blick vom Holo zu nehmen.

Rosie trat einen Schritt näher. „Du willst das wirklich in Rekordzeit durchziehen.“

„Ich will, dass es steht.“

Ein kurzer Moment Schweigen. Nur das sachte Brummen der Systeme, der ständige Pulsschlag des Carriers irgendwo in den Wänden.

Rosie stand noch immer neben dem Projektor.
„Und wer fliegt mit dir?“, fragte sie beiläufig, den Blick auf die Daten gerichtet.

„Niemand,“ sagte Geraldine. „Das ist kein Teamflug.“

Rosie schnaubte leise. „Ich dachte, du würdest Amanda fragen. Sie ist ohnehin hier – und sie wirkt, als bräuchte sie Bewegung.“

Geraldine hob den Kopf. „Amanda fliegt keine Fracht.“

„Das sagst du, als hättest du’s ausprobiert.“

„Muss ich nicht.“ Sie schaltete die Anzeige um, sah zu, wie das Holo in neue Ebenen sprang. „Sie braucht Geschwindigkeit, nicht Masse. Und sie mag’s nicht, wenn Dinge stillstehen.“

„Also genau wie du.“

Bevor Geraldine antworten konnte, öffnete sich die Tür.

Amanda trat herein, verschränkte die Arme. „Ich hör meinen Namen und schon wird’s philosophisch. Muss ich mir Sorgen machen?“

Rosie grinste. „Nur, wenn du dich als Fracht verstehst.“

„Kommt drauf an, wer mich liefert.“

Geraldine sah sie an, kurz, mit diesem stillen Ausdruck zwischen Überraschung und Erleichterung. „Wir reden gerade über dich, nicht mit dir.“

„Dann ändert das mal.“ Amanda kam näher, legte den Helm auf den Tisch. „Was wird’s diesmal – Bauprojekt, Großhandel oder Existenzkrise?“

„Ein bisschen von allem,“ sagte Geraldine trocken.

Rosie zog sich mit einem Lächeln zurück. „Dann seid ihr jetzt wohl versorgt.“

Die Tür glitt hinter ihr zu, und einen Moment lang war nur noch das schwache Glühen des Projektors zwischen ihnen.

Amanda ließ sich in den Stuhl gegenüber fallen. „Du wirkst, als hättest du was im Kopf, das schwerer ist als der Plan hier.“

Geraldine nickte, halb bei ihren Gedanken. „Ich hab gestern Nacht mit Kathleen gesprochen.“

„Ah. Das erklärt die Augenringe.“

Ein schmaler Blick, dann ein leises Lächeln. „Sie war halb am Einschlafen, als ich durchkam. Hat erst gar nicht kapiert, dass es echt ist.“

„Wie ging’s ihr?“

„Nicht gut. Sie klingt… leer. Sagt, alles läuft, Prüfungen, Arbeit, Routine. Aber zwischen den Worten war einfach nichts.“

Amanda lehnte sich zurück. „Klingt nach einem dieser ‚Ich funktioniere, also existiere ich‘-Momente.“

„Genau das.“ Geraldine fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Ich hab gemerkt, wie sehr ich das hasse. Dieses Gefühl, dass jemand einfach weiterläuft, weil’s erwartet wird.“

„Und du hast ihr gesagt, was du planst?“

Geraldine nickte. „Ja. Erst wollte ich’s nicht. Aber dann hab ich’s einfach rausgelassen. Dass die Station nicht nur für Forschung ist. Dass ich will, dass sie rüberkommt, wenn’s soweit ist.“

Amanda sah sie lange an, ohne zu lächeln. „Und was hat sie gesagt?“

„Nichts. Erst mal nur gar nichts. Dann hat sie angefangen zu weinen. Ich glaub, sie hat mir nicht geglaubt.“

Ein kurzes Nicken von Amanda. „Klingt nach dir: ernst, wenn keiner drauf vorbereitet ist.“

„Ich wollt’s ihr nicht beweisen. Ich wollt’s nur sagen.“

Amanda schwieg eine Weile, trommelte mit einem Finger auf den Tisch.
Dann schob sie sich vor, Ellenbogen auf die Knie, den Blick auf Geraldine gerichtet.

„Du weißt schon, dass das keine Kleinigkeit ist, oder?“

Geraldine sah kurz hoch. „Was meinst du?“

„So was zu sagen. So was zu tun.“ Amanda zuckte mit einer Schulter. „Du tust das nicht leichtfertig. Du ziehst das durch.“

Geraldine antwortete nicht sofort. Ihr Blick blieb an der dunklen Projektorfläche hängen, wo eben noch die Station geschwebt hatte.
„Ich glaub, sie braucht was, das bleibt,“ sagte sie schließlich. „Und ich vielleicht auch.“

Amanda lehnte sich zurück, das Gesicht weicher als sonst. „Dann ist das wohl das ehrlichste Ding, das du je gebaut hast.“

Ein schwaches Lächeln. „Das sagst du, als wär’s was Gutes.“

„Ich sag’s, wie’s ist.“

Geraldine nickte, langsam.
Ein stilles Einverständnis zwischen ihnen – kein großes Wort, kein Händedruck, nur dieses leise Wissen, dass Amanda sie verstanden hatte, ohne dass sie’s aussprechen musste.

Die Szene blieb offen. Zwei Menschen, die sich ansehen und wissen, dass etwas Wichtiges begonnen hat, ohne zu wissen, wohin es führt.

Vorbereitung

Die Lounge lag wie ein stiller Balkon über dem Hangar. Durch die breite Scheibe sah man die Deckslichter unter ihnen langsam aufglimmen und wieder abfalten, als atmete die Citadel selbst. Auf dem niedrigen Tisch lagen zwei Pads, ein Stapel ausgedruckter Checklisten, eine offene Werkzeugkiste, aus der niemand je ein Werkzeug nahm.

Geraldine saß seitlich zur Scheibe, die Beine angewinkelt, die Jacke halb über die Lehne geworfen. Ihr Pad zeigte die vertraute Abfolge: Routen, Andockzeiten, An- und Abfragen der Crews. Keine großen Gespräche, nur kurze Bestätigungen. Sie strich einen Punkt nach dem anderen ab und merkte, wie der Kopf endlich ruhiger wurde, je klarer die Reihenfolge sprach.

Auf der anderen Seite des Tisches hatte Amanda sich ausgebreitet, als würde sie ein kleines, krummes Königreich verwalten: drei Fenster offen, Notizen wie Pfeile dazwischen, ein Stift im Mundwinkel. Einmal, zweimal, dreimal tippte sie denselben Abschnitt an, zoomte rein, wieder raus, machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen Seufzen und einem angedeuteten Fluch hing.

„Sag’s ruhig laut,“ murmelte Geraldine, ohne aufzusehen. „Die Wände sind dick.“

„Ich versuche, mich an die feine Art zu halten,“ sagte Amanda, und der Stift wanderte vom Mund an den Rand des Pads. „Bringt nur nichts.“

Geraldine schob ihre Liste beiseite. „Was klemmt?“

Amanda lehnte sich zurück, sah kurz in den Hangar hinunter, als läge dort die Antwort zwischen den Wartungsplattformen. „Ein Auftrag, der eigentlich ein Geschenk sein sollte. Eskorte. Wichtig. Sauberes Ziel, klare Route.“ Sie streckte ein Bein aus, den Absatz an der Tischkante. „Und dann stellt sich raus, dass die Begleitung… sagen wir: optimistisch zusammengestellt ist.“

„Optimistisch.“

„Zwei Schiffe, die halb so viel abkönnen wie ihre Piloten glauben, und eins, das mehr Funkmusik als Funkdisziplin hat.“ Amanda hob die Hand, ließ sie wieder sinken. „Wir sind zu wenig. Und mir will keiner zuhören, wenn ich das sage. Weil es ja so schön wichtig ist.“

Geraldine nickte langsam. „Also die Sorte, die mit Ansage schiefgeht.“

„Wenn man’s laufen lässt, ja.“ Amanda tippte den Stift gegen den Tisch, einmal, zweimal. „Ich hasse Einsätze, die davon leben, dass alle hoffen. Hoffnung ist ein schlechter Schildgenerator.“

Ein leises Lächeln zuckte über Geraldines Mund. „Willst du’s ablehnen?“

„Das ist der Punkt.“ Amanda sah sie an, und dieses Mal war nichts Spöttisches in ihrem Blick. „Ich kann’s nicht. Die Fracht ist kritisch, die Leute sind es auch. Und ich bin nicht die, die vom Rand aus kluge Ratschläge gibt, während andere ins Kreuzfeuer fliegen.“

Die Citadel summte leise in den Wänden. Irgendwo klapperte ein Werkzeug auf Metall, dann wieder Stille.

„Wann?“ fragte Geraldine.

„Morgen. Früh.“ Amanda blätterte auf dem Pad weiter, markierte etwas, strich es wieder. „Wenn ich’s annehme, brauche ich ein Schiff, das die Lücken füllt. Und jemanden, der mir sagt, wenn ich überziehe.“

„Ich sag dir das nie,“ sagte Geraldine trocken.

„Ich weiß.“ Amanda grinste, aber nur kurz. „Deshalb frage ich dich überhaupt.“

Geraldine lehnte sich zurück, legte den Kopf an die Lehne, ließ die Augen kurz schließen. In ihrem Pad blinkte noch ein offener Punkt, der auch warten konnte. „Erzähl mir den Rest,“ sagte sie, ohne die Augen zu öffnen. „Und fang meinetwegen mit den Flüchen an. Jetzt ist die feine Art offiziell ausgesetzt.“

Amanda lachte leise, schüttelte den Kopf. „Vergiss es.“

Geraldine öffnete ein Auge. „Was?“

„Die Frage. Ich hatte dich gerade gefragt, ob du mitfliegst.“ Sie sah auf ihr Pad, als könnte sie die Worte dort wieder löschen. „Aber das ist dumm. Du hast genug am Hals. Die Station, die Routen…“

„Amanda.“ Geraldine setzte sich gerade hin.

„Ich will dich nicht rausreißen. Du bist endlich wieder in Bewegung, diesmal in die richtige Richtung. Und ich… ich krieg das hin.“

Geraldine schwieg kurz, nur das Summen des Carriers zwischen ihnen. Dann:
„Ich hab noch nie erlebt, dass du um Hilfe bittest. Also wenn du’s tust, dann heisst es was. Und selbst wenn nicht – ich will’s trotzdem.“

Amanda sah hoch, überrascht von der Ruhe in ihrer Stimme. „Ich will nicht, dass du das tust, weil du’s willst, um mir was zu beweisen.“

„Ich muss dir nichts beweisen,“ sagte Geraldine. „Aber du fliegst morgen in etwas, das dir schon jetzt Bauchschmerzen macht. Und du weißt, wie das bei mir läuft: Wenn du draußen bist, bin ich nicht hier.“

Amanda lehnte sich zurück, ließ die Worte sacken.
„Du bist schlimm.“

„Ich weiß.“

„Und stur.“

„Noch schlimmer.“

Einen Moment lang grinste Amanda, dieses kleine, resignierte Grinsen, das sie sonst nur nach Gefechten zeigte.
„Du weißt, dass das kein Spazierflug wird.“

„Ich weiß,“ sagte Geraldine ruhig. „Aber du weißt auch, dass ich’s nicht bleiben lasse.“

Amanda nickte, langsam. „Morgen, Dock drei.“

Geraldine stand auf, streckte sich. „Ich bring Kaffee mit. Den guten.“

„Es gibt keinen guten.“

„Dann eben starken.“

Das brachte Amanda endlich zum Lachen. Es war kurz, aber ehrlich, das erste Mal seit sie das Thema angesprochen hatte. Und in der Stille danach wussten beide, dass das entschieden war — nicht, weil sie’s aussprechen mussten, sondern weil keiner von ihnen anders konnte.

Am nächsten Morgen war der Kommandoraum still, nur das leise Ticken der Anzeigen begleitete das gedämpfte Stimmengewirr der Crew. Rosie stand an der Konsole, Holland scrollte durch Materiallisten, während Geraldine in der Tür lehnte und kurz beobachtete, wie alles lief, ohne sie.

„Änderung im Ablauf,“ sagte sie schließlich, trat näher an den Tisch.

Rosie hob den Kopf. „Das klingt, als käme jetzt was, das dir selbst nicht gefällt.“

„Kommt drauf an, wie man’s sieht.“ Geraldine legte ein Pad auf den Tisch. „Die Transporte starten erst übermorgen. Amanda hat eine Mission, bei der sie Unterstützung braucht. Ich flieg mit.“

Holland sah auf, überrascht, aber nicht kritisch. „Was für eine Mission?“

„Eskorte,“ antwortete Geraldine. „Nicht kompliziert, aber wichtig. Zu wenig Schiffe, zu viel Risiko. Ich will, dass sie heil zurückkommt.“

Rosie verschränkte die Arme. „Und die Station?“

„Wartet. Einen Tag hält sie mich aus.“

„Dich oder sich?“ fragte Rosie trocken.

Geraldine grinste schmal. „Beides.“

Holland scrollte weiter, tat so, als würde sie nicht zuhören. „Ich setz die Frachtlisten auf Pause. Alles bleibt startklar, bis du wieder da bist.“

„Danke.“

Rosie trat einen Schritt näher. „Und falls das länger dauert?“

„Dann weißt du, wo die Pläne liegen.“

„Ich weiß.“ Sie hielt kurz inne, musterte Geraldine. „Du bist ruhiger als sonst, wenn du sowas sagst.“

„Weil ich weiß, warum ich’s tue.“

Ein kurzes, wortloses Einverständnis zwischen den dreien. Dann nahm Geraldine ihr Pad wieder auf, steckte es ein.

„Ich meld mich, sobald wir zurück sind.“

„Mach das,“ sagte Rosie. „Und sag Amanda, sie soll diesmal den Funk leiser drehen.“

Geraldine lachte leise. „Wenn du das schaffst, sag mir wie.“

Sie ging zur Tür, und für einen Moment war nur das Summen der Systeme zu hören – dieses gleichmäßige Geräusch, das plötzlich weniger nach Stillstand klang als nach Warten.

Die Sterne zogen als blasse Streifen vorbei, während Caitlyn ruhig neben Amandas Python flog. Die beiden Schiffe hielten Formation, ihre Navigationslichter glimmten im Gleichklang – zwei Punkte in einem Meer aus stiller Bedeutungslosigkeit.

„Das also ist deine große, kritische Mission?“ Geraldines Stimme kam trocken über den Funk. „Ich hab schon aufregendere Einkaufsflüge nach Vega erlebt.“

„Warte ab,“ antwortete Amanda, „vielleicht taucht gleich ein besonders gefährlicher Asteroid auf. Oder ein beleidigter Funker.“

Geraldine schnaubte leise. „Ich versteh langsam, warum sie dich nicht befördern. Du nimmst der Dramatik den ganzen Glanz.“

„Ich nenn’s Realismus,“ sagte Amanda. „Aber hey – wenigstens funktioniert diesmal alles. Kein Hinterhalt, keine überambitionierten Helden, keine Piraten mit Todessehnsucht.“

„Enttäuschend.“

„Für dich vielleicht. Du lebst doch von Chaos. Ich find’s zur Abwechslung angenehm, wenn niemand versucht, mich in die Luft zu jagen.“

Geraldine grinste in sich hinein. „Und dafür hab ich den Flug aufgeschoben.“

„Wollt ich grad sagen. Du hättest auch auf der Citadel bleiben und Listen abhaken können. Hättest du dasselbe Adrenalinlevel.“

„Halt dich fest,“ erwiderte Geraldine, „ich hab grad die Waffen gesichert. Der Nervenkitzel ist kaum auszuhalten.“

Amanda lachte. „Vorsicht, sonst gilt das als Meuterei gegen die heilige Routine.“

„Dann schreib’s in den Bericht. ‚Pilotin G. Cailloux-Delaurent hat gefährlich gegähnt.‘“

„Mach ich. In dreifacher Ausführung.“

Sie flogen weiter, während die Eskorte gemächlich ihre Route entlangglitt – drei Frachter, ordentlich, unspektakulär, fast beleidigend diszipliniert. Nur das Funkrauschen begleitete sie, sonst nichts.

Nach einer Weile meldete sich Geraldine wieder, die Stimme halb gelangweilt, halb amüsiert:
„Ich dachte, du wolltest mich in den sicheren Tod führen.“

„Das war der Plan. Leider haben die Piraten abgesagt. Zu viel Papierkram, hab ich gehört.“

„Dann war das hier also ein Trainingsflug für unsere Geduld.“

„Wenn du’s so siehst – Mission erfüllt.“

Ein kurzer Moment Schweigen, dann wieder das vertraute Lächeln in Amandas Stimme:
„Aber danke, dass du mitgekommen bist. Auch ohne Feuerwerk.“

„Ich hab Schlimmeres überlebt. Außerdem tut’s Caitlyn gut, mal wieder Sternenlicht zu sehen.“

„Und dir?“

„Mir auch.“

Für einen Augenblick war der Funk still, nur das gleichmäßige Summen der Triebwerke. Draußen glitt das Zielsystem näher, friedlich, unverdächtig.

Amanda brach die Stille zuerst. „Na toll. Keine Action, keine Helden, keine Schlagzeilen.“

„Nur zwei Frauen, die zu pünktlich sind,“ sagte Geraldine. „Das ist fast subversiv.“

Amanda grinste hörbar. „Dann sollten wir schleunigst was kaputtmachen, damit’s niemand merkt.“

„Nicht heute,“ erwiderte Geraldine. „Heute darf’s ruhig mal leicht gehen.“

Und zum ersten Mal an diesem Tag klang das nicht nach Ironie.

Die Eskorte glitt ohne jeden Zwischenfall in den Anflugkorridor der Station. Einmal meldete sich der Leitfunk, kurz und routiniert, dann nur noch das gedämpfte Dröhnen der Triebwerke.

„Das war’s?“ fragte Geraldine, als sie die Frachter an die Andockschleusen übergab.

„Scheint so,“ antwortete Amanda. „Mission beendet, ohne dass jemand gebrüllt hat. Ich bin fast enttäuscht.“

„Ich auch.“ Geraldine grinste. „Vielleicht sollten wir beim Rückflug absichtlich in ein Asteroidenfeld halten, nur um das Gleichgewicht wiederherzustellen.“

„Oder wir gehen was essen,“ schlug Amanda vor. „Ich hab gehört, auf dieser Station gibt’s Nudeln, die sogar echtes Gemüse gesehen haben.“

„Luxus.“

„Und du zahlst.“

„Natürlich.“

Wenig später saßen sie in einem kleinen, halb verglasten Lokal mit Blick auf die Dockbucht. Draußen schwebten Transporter ein und aus, das Licht der Triebwerke flackerte durch die Fenster. Der Duft von Öl hing noch in der Luft, vermischt mit gebratenem Knoblauch.

Amanda stocherte in ihrer Schüssel. „Ich glaub, die haben tatsächlich was Grünes reingeschnitten.“

Geraldine nahm einen Bissen, nickte ernst. „Und es schmeckt nicht nach synthetischem Protein. Wir sollten bleiben.“

„Als hätte ich das nicht schon beim Andocken gedacht.“

Sie aßen schweigend weiter, zufrieden mit der absurden Normalität eines Tages, der keine Explosion gebracht hatte. Erst als Geraldine den Blick hob, fiel ihr das Holo am Fenster auf: eine flackernde Anzeige mit grellen Farben – Orbital Expo – Neue Schiffe, neue Träume.

„Schau mal,“ sagte sie, mit der Gabel deutend. „Im Hangar gibt’s wohl eine Ausstellung.“

Amanda folgte ihrem Blick, schnaubte. „Klar. Kaum bist du satt, willst du wieder shoppen.“

„Ich schau nur.“

„Das sagst du jedes Mal.“

„Und diesmal mein ich’s.“

Zehn Minuten später schlenderten sie durch die große Wartungshalle, deren Geräusche und Gerüche sich mit dem metallischen Hall des Publikums mischten. Techniker, Händler, neugierige Piloten. Überall schwebten Holos mit Logos und Preisen.

Amanda blieb kurz stehen, betrachtete eine glänzende Mamba, die in grellem Licht dargeboten war. „Weißt du, das ist das Problem mit solchen Messen. Zu viel Chrom, zu wenig Seele.“

Geraldine wollte gerade etwas erwidern – da blieb sie selbst stehen. Ein paar Meter weiter, halb im Schatten eines Werbebanners, stand sie: kantig, massiv, neu.

Die Corsair.

Das Licht der Station glitt über ihren Rumpf, kalt und klar, und in Geraldines Miene wechselte etwas.

Amanda folgte ihrem Blick, seufzte kaum hörbar. „Oh nein. Ich kenn diesen Ausdruck.“

Geraldine trat einen Schritt näher, fast automatisch. „Sie ist… interessant.“

„Das sagtest du auch über den Typen, der dir mal ’ne T7 aufgeschwatzt hat.“

„Ja, aber die hier redet nicht zurück.“

Amanda verschränkte die Arme. „Noch nicht.“

Geraldine ignorierte sie, blieb einfach stehen, die Hände in den Taschen, die Augen auf den geschwungenen Linien des Schiffes.

„Du willst sie haben,“ sagte Amanda.

„Ich weiß nicht,“ antwortete Geraldine leise. „Vielleicht will sie mich.“

Amanda rollte mit den Augen. „Und ich dachte, wir hätten den gefährlichen Teil der Mission schon hinter uns.“

Geraldine umrundete die Corsair langsam, als müsse sie prüfen, ob das Schiff wirklich existierte. Unter der Nase spiegelte sich ihr Gesicht im Metall, leicht verzerrt. Ein Techniker trat heran, erkannte sofort den Blick.

„Interesse?“

„Vielleicht.“ Geraldine fuhr mit den Fingern über die Beschriftung, dann auf das Datenpanel neben der Einstiegsluke. „Zeigen Sie mir die Spezifikationen.“

Das Holo erwachte – Antrieb, Sprungreichweite, Waffenports. Zahlen, die sie kaum las, aber verstand. Sie nickte hin und wieder, der Techniker redete, Amanda schwieg.

„Und?“, fragte diese schließlich, die Hände in den Taschen.

„Solide Struktur. Gute Hitzeverteilung. Trägheitskompensation brauchbar. Kein Bling-Bling.“

„Also genau dein Typ.“

„Genau mein Typ.“ Geraldine drehte sich zum Techniker. „Ich nehm sie.“

„Ohne Testflug?“

„Ich hab Augen im Kopf.“

Amanda stieß ein leises Lachen aus. „Natürlich. Diagnose durch Blickkontakt. Klassisch Cailloux-Delaurent.“

Geraldine tippte die Signatur auf das Pad, überflog die Daten nicht mal. „Lieferung an die Citadel. Hangarbucht fünf.“

Der Techniker nickte, etwas überrumpelt von der Geschwindigkeit. „Bestätigung in fünf Minuten.“

Geraldine wandte sich wieder an Amanda. „Zufrieden?“

„Ich bin beeindruckt. Du hast’s geschafft, ein Schiff zu kaufen, ohne den Kaffee abzustellen.“

„Effizienz ist alles.“

„Oder Wahnsinn.“

„Beides.“

Sie gingen nebeneinander durch die Halle zurück, das Summen der Displays hinter sich. Geraldine war ruhig, fast gelöst. Amanda sah sie im Augenwinkel an und wusste – das war wieder einer dieser Momente, in denen Geraldine sich nicht treiben ließ, sondern einfach folgte, wohin es sie zog.

Sie ließen die Halle hinter sich, traten in den ruhigeren Teil des Stationsrings. Der Boden vibrierte leicht vom Verkehr draußen, irgendwo drang gedämpfte Musik aus einer Bar.

Amanda gähnte, streckte sich. „Na toll. Erst keine Action, dann kein Schlaf. Ich liebe meine Karriere.“

„Immerhin hast du jetzt was zu erzählen.“

„Ich erzähl höchstens, dass du wieder zugeschlagen hast. Die halbe Bubble weiß ja eh, dass du ein Hangarproblem hast.“

Geraldine grinste müde. „Dann hab ich wenigstens Gesellschaft darin.“

Sie blieben vor dem Panoramafenster stehen. Draußen zog die Corsair langsam ins Dock, von Servicedrohnen flankiert. Das Licht der Station spiegelte sich im Rumpf – neu, makellos, fast zu still.

Amanda verschränkte die Arme, sah hinaus. „Sie sieht aus, als würde sie schon auf dich warten.“

„Dann hat sie’s leichter als die meisten.“

Amanda lachte leise, ein ehrliches, warmes Geräusch, das kurz in der Luft blieb.

„Komm,“ sagte Geraldine, drehte sich zur Schleuse. „Bevor du noch anfängst, sie zu taufen.“

„Zu spät,“ murmelte Amanda. „In meinem Kopf heißt sie schon ‘Impulskauf Eins’.“

„Dann bleibt’s dabei.“

Sie gingen weiter. Kein großes Ende, kein Satz, der alles erklären wollte. Nur zwei Stimmen, die leiser wurden, während das Licht der Corsair über den Gang glitt und langsam verblasste.

Zurück im Rhythmus

Der nächste Tag begann ruhig, fast zu ruhig.
Geraldine saß in der Cutter, das Cockpit badete im weichen Licht der Startprotokolle. Unter ihr vibrierte das Metall, gedämpft, vertraut. Die Anzeigen liefen hoch – alles im grünen Bereich.

„Citadel an Cutter Geraldine. Startfreigabe liegt vor,“ kam Rosies Stimme über den Funk. „Versuch diesmal, keine neuen Projekte auf halber Strecke zu erfinden.“

Geraldine grinste. „Ich hab nur Fracht im Kopf. Versprochen.“

„Das ist genau das, was mir Sorgen macht.“

„Dann sind wir wenigstens beide wach.“

Sie löste den Dock, drehte das Schiff langsam vom Hangar weg. Unten blieb Caitlyn zurück – still, makellos, wie ein Tier, das auf das nächste Gefecht wartete. Für heute hatte sie Pause.

Draußen dehnte sich das All in endlose Ruhe. Kein Funkverkehr, keine Mission, nur Frachtrouten. Die Cutter glitt durch Sprunglinien, und jedes Mal, wenn sich der Tunnel öffnete, schien ein Stück Spannung aus ihr zu fallen.

Metall, Komponenten, Standardgüter – nichts, was Geschichten schrieb. Aber Geraldine mochte das. Der gleichmäßige Rhythmus, die klaren Abläufe, die mechanische Zuverlässigkeit.

Rosie meldete sich später wieder, die Stimme jetzt leiser, als hätte sie ihr Tempo übernommen.
„Holland sagt, die Tanks sind fast leer, sobald du zurück bist. Ich setz die nächsten Ladungen schon an.“

„Gut. Ich flieg die Tour noch zu Ende und komm dann heim.“

„Heim klingt gut.“

„Ja,“ sagte Geraldine, und für einen Moment blieb das Wort einfach im Raum stehen.

Sie schob den Schubregler leicht nach vorn, sah zu, wie die Sterne in Bewegung gerieten. Kein Drama, kein Adrenalin – nur Richtung, Treibstoff, Zeit.
Und genau das fühlte sich richtig an.

Die Cutter setzte sanft auf, die Triebwerke fielen in ein tiefes Grollen, das sich langsam in der Stille des Hangars verlor.
Geraldine blieb noch einen Moment im Sitz, atmete durch. Dann löste sie die Gurte, stand auf, griff sich den Becher mit inzwischen kaltem Kaffee und trat auf die Gangway hinaus.

Die Luft im Hangar roch nach Metall und Reinigungsmittel, vertraut wie immer. Rosie stand weiter hinten an der Leitkonsole, hob kurz die Hand zum Gruß. Geraldine winkte nur flüchtig zurück und machte sich auf den Weg zur Lounge.

Dort war es still. Nur das gedämpfte Summen der Systeme, ein paar Stimmen auf den unteren Decks. Sie ließ sich in einen der Sessel sinken, stellte den Becher auf den Tisch und rief die GalNet-News auf.
Routine. Lesen, überfliegen, wegklicken.

Bis eine Überschrift hängen blieb.

Zorgon Peterson seeks combat support to protect vital transport routes during final phase of Panther Clipper production.

Geraldine blinzelte, lehnte sich vor. Das bekannte Firmenlogo, ein kurzer Text, Zahlen, Ort. Aiaba System.
Sie las weiter. Und noch einmal.

Als sie den Absatz mit Panther Clipper erreichte, hielt sie unwillkürlich inne. Der Kaffee kippte leicht im Becher, ein dunkler Ring auf dem Tisch.

„Das gibt’s nicht,“ murmelte sie.

Zorgon Peterson, Panther Clipper — das alte Gerücht, das nie verschwand. Jeder Pilot hatte irgendwann davon gehört, ein Schiff, das größer, schneller, eleganter sein sollte als alles, was bisher den Raum durchpflügt hatte.
Ein Mythos, halb Witz, halb Wunschdenken.

Und jetzt stand es da. Offiziell.

Geraldine grinste – erst ungläubig, dann breit.
„Verdammt.“

Sie schloss die News wieder, nur um sie sofort erneut zu öffnen. Las jedes Wort, prüfte die Quelle, klickte auf das Datum, als könne sich das noch ändern.
Aber nein – es war frisch, aktuell.

Rosie trat in die Lounge, noch in Uniform. „Alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du grad einen Geisterbericht gelesen.“

„Vielleicht hab ich das,“ sagte Geraldine und tippte auf das schwebende Display. „Panther Clipper. Zorgon Peterson. Echt jetzt.“

Rosie zog eine Braue hoch. „Der Mythos? Ich dachte, das war so ’ne Geschichte, die man sich an der Bar erzählt, wenn’s nix zu tun gibt.“

„War’s auch. Jetzt anscheinend nicht mehr.“

Rosie lachte leise. „Und ich wette, du willst rausfinden, ob’s stimmt.“

Geraldine grinste schmal, kippte den kalten Kaffee runter und stellte den Becher ab. „Du wettest richtig.“

Geraldine blieb noch einen Moment auf dem Sessel sitzen, die Meldung flimmerte weiter vor ihr. Der Text war kurz, sachlich, aber er brannte sich fest.
Panther Clipper.

Sie lehnte sich zurück, atmete aus und lachte leise, ungläubig. „Ich glaub’s nicht.“

Seit Jahren geisterte der Name durch die Bars und Foren der Bubble – ein Phantom, ein Frachter, der nie fertig wurde, nie jemandem begegnet war. Immer nur Geschichten von jemandem, der jemanden kannte, der sie gesehen hatte.
Und jetzt stand da ein offizieller Aufruf von Zorgon Peterson. Keine Gerüchte, keine Leaks, echte Koordinaten.

Geraldine rieb sich über das Gesicht, nahm einen letzten Schluck des lauwarmen Kaffees und verzog das Gesicht. „Jetzt machen sie’s wirklich.“

Sie stand auf, ging zum Terminal am Fenster und rief die Anmeldeseite der Kampagne auf. Ein paar Felder, ein Standardvertrag, Routine. Nur diesmal fühlte sich Routine wie Aufbruch an.

Der Cursor blinkte über dem Feld Commander Name.
Sie tippte, bestätigte, scrollte nach unten.

Registered.

Ein leises Signal erklang, nüchtern und unspektakulär. Trotzdem spürte sie, wie sich etwas in ihr verschob – dieses alte, elektrische Kribbeln, das sie sonst nur vor einem Sprung ins Unbekannte hatte.

„Aiaba System,“ murmelte sie. „Nav Beacon oder Hazardous RES.“

Sie lächelte. Endlich wieder Lärm.

Geraldine schaltete das Terminal aus, schnappte sich die Jacke vom Stuhl.
Die Cutter konnte warten.
Kathleens Baustelle war versorgt.

Jetzt rief etwas anderes.

Der Sprungbefehl war kaum bestätigt, da vibrierte schon der Boden unter ihren Stiefeln.
Die Citadel Geraldine begann, Energie zu sammeln – dumpf, tief, wie das Einatmen eines Riesen. Draußen im All zog sich das Licht zusammen, bis nur noch ein weißer Punkt blieb.

Geraldine stand auf der Brücke, Hände an der Reling, während der Carrier den Sprung vorbereitete. Ziel: das Nebensystem von Aiaba, nah genug, um schnell zu reagieren, weit genug, um sicher zu bleiben.

„Kurs ist gesetzt,“ meldete Holland von der Steuerstation. „Sprung in dreißig Sekunden.“

„Bestätigt,“ sagte Geraldine, ohne sich umzudrehen. Sie sah hinaus, beobachtete das Spiel der Energien entlang des Sichtfensters.

Sie hatte kaum Zeit, den Moment zu genießen – das Kommunikationspanel piepte, eine neue GalNet-Meldung. Sie öffnete sie beiläufig, mehr aus Reflex als aus Neugier.

Zorgon Peterson requests delivery of advanced alloys and superconductors to Vespucci City, Aiaba System, in support of the Panther Clipper production effort.

Geraldine blinzelte, dann lachte laut auf. „Ihr wollt mich verarschen.“

Rosie drehte sich um. „Was ist?“

„Noch eine Kampagne. Während die eine um Hilfe bittet, braucht die andere Nachschub. Piratenjagd und Fracht. Gleichzeitig.“

Rosie grinste. „Also dein persönliches All-you-can-eat-Buffet.“

„Sieht so aus.“ Geraldine tippte sich durch die Eingabefelder, ohne zu zögern. „Schreib mich ein. Für beide.“

„Du willst wirklich pendeln? Zwischen Kampf und Kisten?“

„Genau das.“

Der Carrier sprang. Das Licht dehnte sich, wurde zur Linie, dann zur Leere. Sekunden später lag das neue System vor ihnen – kälter, unruhiger, voller Bewegung auf dem Scanner.

Geraldine nickte zufrieden. „Wir stellen uns hier auf. Ich nehm Caitlyn für die Einsätze, die Cutter für die Lieferungen. Wir wechseln durch, bis sich die Lage beruhigt.“

Rosie schüttelte den Kopf, halb ungläubig, halb amüsiert. „Du kannst auch nie einfach eins machen, oder?“

„Warum sollte ich?“ Geraldine drehte sich zu ihr um, ein schmales Lächeln im Gesicht. „Das hier ist Geschichte in Echtzeit. Ich will mitten drin stehen, nicht zusehen.“

Sie sah hinaus, wo sich ferne Sterne langsam um die Sprungschneise legten.
Der Mythos war echt geworden – und diesmal würde sie nicht nur davon lesen.

Die Citadel hing ruhig über dem Gasriesen des Nebensystems, ein unbeweglicher Punkt im Licht der nahen Sonne. Geraldine stand auf der Brücke, das Holo von Aiaba vor sich. Die Kampagne blinkte auf dem Bildschirm, frisch, laut, verlockend.

Sie aktivierte den Funk, das vertraute Knistern füllte den Raum.

„Amanda, hier Citadel Geraldine. Ich hoffe, du sitzt nicht grad mitten in ’nem Feuerball.“

Ein paar Sekunden Stille, dann kam die Antwort – verrauscht, aber klar.
„Leider nein. Ich sitz mitten in einer Verhandlung mit Leuten, die glauben, ‚diskret‘ heißt ‚laut schreien‘. Was gibt’s?“

„Zorgon Peterson ruft zur Jagd. Panther Clipper, echte Kampagne. Ich dacht, du wärst die Erste, die sich da einschreibt.“

Ein kurzes Lachen, das in der Übertragung fast wie ein Husten klang. „Panther Clipper? Das alte Märchen? Sag bloß, du bist drauf reingefallen.“

„Ich bin schon angemeldet.“

„Natürlich bist du das.“ Amanda seufzte. „Ich würd ja gern, ehrlich. Aber ich steck bis zum Hals in Aufträgen. Fracht, Geleitschutz, Papierkram. Die nächsten Wochen bin ich raus.“

Geraldine lehnte sich an die Konsole, das Holo spiegelte sich in ihren Augen. „Schade. Wär wieder mal Zeit gewesen, dass du mir erklärst, wie man’s richtig macht.“

„Später gern. Wenn ich wieder atmen kann. Und wenn du bis dahin nicht schon drei Schiffe gekauft und zwei Kriege gewonnen hast.“

„Keine Versprechen.“

„Dachte ich mir.“ Amanda lachte leise. „Pass auf dich auf, ja?“

„Immer. Und du?“

„Ich hab Leute, die schießen, wenn ich’s nicht schaffe.“

„Beruhigend.“

„So kennst du mich.“

Die Verbindung knackte, ein letzter Rest Rauschen, dann war nur noch das Summen der Systeme.

Geraldine blieb einen Moment stehen, bevor sie den Funkkanal schloss. Das Holo von Aiaba pulsierte weiter, ungeduldig, fast wie ein Herzschlag.

„Na gut,“ murmelte sie. „Dann eben allein.“

Sie richtete sich auf, aktivierte den Sprungantrieb der Corvette. Caitlyn antwortete mit dem tiefen Brummen eines Tiers, das zu lange geschlafen hatte.

Und Sekunden später war sie unterwegs – hinein in eine Kampagne, die viel größer war, als sie noch wusste.

In den folgenden Tagen lief alles ineinander.
Morgens Piratenjagd, nachmittags Materialflüge, abends Berichte, Kaffee, ein paar Stunden Schlaf.
Die Citadel lag wie ein stiller Ankerpunkt im System, während Geraldine zwischen Caitlyn und die Cutter pendelte, als wäre das selbstverständlich.

Am ersten Tag kam der Funk fast ununterbrochen – Jagdgruppen, Allianzkommandos, Meldungen von zerstörten Piratenclustern. Geraldine hielt sich aus dem Geplapper raus. Sie sprach nur, wenn’s nötig war. Caitlyn war präzise, fast elegant in ihrer Brutalität, und Geraldine flog sie, als wäre sie Teil davon.

Wenn der Laderaum leer war, wechselte sie zur Cutter, lud Fracht für Vespucci City und flog dieselbe Route, diesmal mit dem Summen schwerer Antriebe statt dem Donner der Kanonen.
Manchmal wechselte sie in derselben Schicht von Waffenfeuer zu Dockgesprächen – die absurde Balance zwischen Krieg und Logistik, die sie besser konnte als Ruhe.

Nach vier Tagen fühlte sie sich seltsam klar.
Die Panik, die Unruhe – alles wurde leiser, ersetzt durch die einfache Logik von Zielen, Sprüngen, Ergebnissen.

In der dritten Nacht – irgendwo zwischen zwei Lieferungen – stoppte sie für eine Pause im Crewdeck.
Caitlyns Panzerung war repariert, die Cutter frisch betankt.
Und Geraldine saß wieder mit einem Becher in der Hand, allein vor dem Fenster, das hinaus auf Aiabas schimmernden Gasriesen blickte.

Der Gedanke an Kathleen kam still, nicht als Sehnsucht, eher wie ein Name, den man im Kopf behält, damit er nicht verloren geht.

Dann griff sie zum Terminal.

Die Verbindung brauchte einen Moment, bis sie stand.
Dann erschien Kathleen – zerzaustes Haar, ein grauer Pullover, der aussah, als hätte er die letzten Nächte mit ihr gelernt.

„Hey,“ sagte sie, überrascht, aber mit einem warmen Lächeln. „Ich dachte schon, du wärst irgendwo zwischen zwei Explosionen verschollen.“

„Knapp daneben,“ erwiderte Geraldine. „Ich flieg für zwei Kampagnen. Zorgon Peterson, Panther Clipper und all das Chaos drumherum. Piraten jagen, Material ranbringen, schlafen vergessen.“

Kathleen lachte, kurz und brüchig. „Natürlich tust du das. Du bist wahrscheinlich die Einzige, die gleichzeitig kämpfen und liefern kann.“

„Es läuft,“ sagte Geraldine, zog den Becher näher. „Und die Station wächst. Langsam, aber sie steht. Habitat Module, Grundstruktur – sieht inzwischen aus wie ein richtiger Ort.“

Kathleen schwieg kurz. Ihr Blick glitt weg vom Holo, dann wieder zurück. „Du hast wirklich damit angefangen.“

„Ja. Ich wollt warten, bis’s stabil läuft, bevor ich’s dir sag.“

Kathleen legte die Hand über den Mund, atmete flach ein. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Sag gar nichts,“ meinte Geraldine leise. „Ich wollt nur, dass du’s weißt.“

„Du verstehst das nicht,“ sagte Kathleen und schüttelte den Kopf. „Ich hab nie gedacht, dass jemand … so was für mich macht. Nicht, weil’s praktisch ist, oder logisch, oder weil man’s kann. Sondern einfach, weil … ich jemand bin, den man nicht vergisst.“

Geraldine sah sie an, still. „Das war nie die Frage.“

Kathleen lachte, obwohl sie Tränen in den Augen hatte. „Du hast keine Ahnung, was du mir bedeutest, oder?“

„Vielleicht doch,“ antwortete Geraldine ruhig. „Aber ich glaub, es reicht, dass du’s weißt.“

Eine lange Pause. Nur das leise Summen der Übertragung, das Atmen zwischen den Worten.

„Ich will das sehen,“ sagte Kathleen schließlich. „Wenn alles steht.“

„Wirst du.“

„Versprich’s mir.“

„Ich brauch’s nicht versprechen. Du wirst da sein.“

Kathleen nickte, wischte sich übers Gesicht und lächelte – klein, aber echt. „Dann bau weiter. Ich halt hier durch.“

Die Verbindung flackerte, verzerrte sich und brach ab.

Geraldine blieb noch sitzen, die Hände um den Becher. Draußen glomm Aiaba in trübem Gold.
Sie wusste, dass sie morgen wieder fliegen würde. Aber zum ersten Mal seit Wochen fühlte es sich nicht nach Flucht an – sondern nach Richtung.

Endphase

Die Nachricht kam früh am Morgen, noch bevor sie den ersten Kaffee aufgegossen hatte.
Ein kurzer Ping, unspektakulär, Routine.
Geraldine öffnete das Log – Baustelle Outpost Geraldine: Materialvorräte kritisch, Nachschub erforderlich.

Sie starrte einen Moment auf den Text, dann auf den halb leeren Becher in ihrer Hand.
„Natürlich jetzt,“ murmelte sie.

Die Citadel schwebte noch immer am Rand des Systems, geduldig wie ein Tier, das auf ihr nächstes Kommando wartete. Draußen, irgendwo zwischen Aiaba und Vespucci City, tobte noch immer das kontrollierte Chaos der Kampagnen.

Rosies Stimme kam über den internen Kanal. „Nachricht aus der Habitat-Zone. Die Module laufen stabil, aber ohne neuen Nachschub stoppt der Ausbau in zwei Tagen.“

„Ich weiß.“

„Soll ich die Cutter vorbereiten?“

Geraldine schüttelte den Kopf, obwohl Rosie sie nicht sehen konnte. „Noch nicht. Zwei Tage. Ich muss das hier erst abschließen.“

„Beides parallel geht nicht ewig gut,“ gab Rosie leise zurück.

„Ich brauch nur noch zwei Durchläufe,“ sagte Geraldine, diesmal fester. „Danach setz ich alles in Bewegung. Aber ich muss rein in den Kreis – wenn die Panther Clipper kommt, will ich dabei sein.“

Eine Pause, dann Rosies sachliches „Verstanden“. Kein Widerspruch, kein Nachhaken.

Geraldine beendete die Verbindung und lehnte sich im Sitz zurück.
Draußen blinkten die ersten Signale vom Nav Beacon, die Piratenaktivität war wieder hoch. Sie startete Caitlyns Systeme, hörte das vertraute, dumpfe Brummen der Generatoren.

„Zwei Tage,“ murmelte sie, während sie die Steuerung aktivierte.
Das Holo leuchtete auf – Missionen, Bounties, Belohnungen. Alles in Bewegung.

Sie wusste, dass sie das Material für die Station bald brauchte. Sie wusste auch, dass das hier größer war als alles, was sie bisher geflogen war.

Und manchmal, so dachte sie, muss man den eigenen Himmel eben kurz warten lassen.

Caitlyn löste sich vom Hangar, drehte in Richtung Aiaba.
Der Nachbrenner zündete – ein gleißendes Aufblitzen, das die Oberfläche der Citadel für einen Moment in oranges Licht tauchte, bevor sie verschwand.

Zwei Tage vergingen, als wären sie ein einziger langer Flug.
Geraldine wechselte zwischen Caitlyn und Cutter, zwischen Feuer und Frachtrampen.
Piraten kamen, Piraten gingen. Die Routine war präzise geworden, fast zu glatt.

Am zweiten Abend, kurz nach einer weiteren Einlösung bei Vespucci City, blinkte eine private Frequenz auf.
Amanda – verschlüsselte Verbindung.

Geraldine grinste, öffnete den Kanal. „Ich dacht schon, du hast mich vergessen.“

„Vergessen?“ Amandas Stimme kam klar und trocken aus dem Lautsprecher. „Du bist in jeder verdammten Stationsmeldung. Wenn ich noch einmal ‚C. Cailloux-Delaurent – 3. Platz‘ lese, fang ich an, dich zu blockieren.“

Geraldine lachte. „Dann musst du dich beeilen, ich rutsche grad auf zwei.“

„Natürlich tust du das.“ Ein leises Rascheln, dann Amandas Seufzen. „Ich verfolge deine Eskapaden vom anderen Ende der Bubble. Sieht aus, als hättest du das halbe Aiaba-System aufgeräumt.“

„Fast. Aber jetzt reicht’s mir langsam. Noch zwei Flüge, dann bin ich raus.“

„Weil du’s geschafft hast?“

„Weil ich muss.“

„Die Station?“

„Ja. Die braucht Nachschub, und ich will, dass sie steht, bevor der Rest der Galaxis wieder irgendwas anzündet.“

Ein kurzes Schweigen. Man hörte, wie Amanda leise etwas tippte, vermutlich ihre eigenen Missionsdaten.

„Weißt du,“ sagte sie dann, „manchmal glaub ich, du hast irgendwo einen geheimen Zwilling. Anders lässt sich das nicht erklären.“

„Wieso?“

„Weil du gleichzeitig alles machst und nichts übersiehst. Ich hätt mich längst selbst verloren.“

Geraldine lächelte. „Ich hab dich doch.“

Ein kurzes Lachen am anderen Ende. „Schön gesagt. Aber pass auf dich auf, ja? Ich will nicht hören, dass du die Panther Clipper aus der Werft klaust, bevor sie offiziell raus ist.“

„Keine Sorge,“ sagte Geraldine. „Ich warte, bis sie mir angeboten wird.“

„Klar tust du das.“

„Und du?“ fragte Geraldine. „Wie läuft’s bei dir?“

„Ruhiger als gedacht. Aber langweilig ohne dich. Ich geb’s ungern zu.“

„Dann halt durch,“ sagte Geraldine leise. „Wir sehen uns, wenn das hier durch ist.“

„Darauf kannst du wetten.“

Die Verbindung knackte, ein letztes leises Rauschen, dann Stille.

Geraldine blieb noch einen Moment in Caitlyns Cockpit sitzen, sah auf die leuchtenden Anzeigen.
Die letzte Kampagne war fast beendet.
Noch ein Flug. Dann zurück zur Citadel, zurück zu dem, was sie wirklich bauen wollte.

Draußen, irgendwo über Aiaba, zog das Licht der Sonne eine goldene Linie über den Rumpf der Corvette.

Die Nacht über Aiaba war stiller als sonst. Kein Funkverkehr, keine Einsätze, nur das ferne Glühen der Stationen. Geraldine saß in Caitlyns Cockpit, das Licht der Anzeigen spiegelte sich matt in der Scheibe. Sie war eigentlich schon auf dem Weg zum Carrier, bereit für den Rückflug.

Da vibrierte das ComPad neben ihr.
Eine neue Nachricht, offiziell markiert, Absender: Zorgon Peterson – Corporate Liaison Office.

Geraldine runzelte die Stirn, öffnete das Holo.
Die Zeilen erschienen langsam, fast feierlich:

Commander Cailloux-Delaurent,

aufgrund Ihrer Beiträge zur Sicherheit und Versorgung der laufenden Produktion laden wir Sie in den exklusiven Beobachtungskreis der Panther Clipper-Prototypen ein. Ihre Teilnahme an der Vorführung gilt ab sofort als bestätigt. Weitere Instruktionen folgen.

Zorgon Peterson Galactic Division – Public Relations.

Geraldine las es zweimal, dann noch einmal, nur um sicherzugehen, dass kein Übersetzungsfehler vorlag.
Ihr Herzschlag wurde schneller, obwohl sie versuchte, ruhig zu bleiben.

„Na schön,“ murmelte sie. „Also wirklich.“

Sie lehnte sich zurück, sah hinaus in das stille Dunkel, in dem Aiaba wie ein glimmender Punkt lag. Jahrelang hatte niemand geglaubt, dass dieses Schiff überhaupt existierte – und jetzt war sie offiziell eingeladen, es mit eigenen Augen zu sehen.

Sie tippte kurz über das Panel, sandte die Nachricht an Rosie – kein Kommentar, nur die Weiterleitung.
Dann öffnete sie den Kanal zur Citadel.

„Citadel, hier Caitlyn. Ich komm heim.“

„Willkommen zurück,“ antwortete Rosie. „Und… Glückwunsch, Commander. Ich hab’s gelesen.“

Geraldine lächelte. „Ich auch. Ich glaub, ich brauch jetzt doch ein paar Stunden Schlaf. Danach sehen wir uns das Ding an.“

„Klingt nach Plan.“

Sie schaltete den Funk ab, legte den Kopf an die Lehne und schloss für einen Moment die Augen.
Draußen glitt die Corvette in Richtung Carrier, während irgendwo tief in ihr etwas zwischen Staunen und Vorfreude vibrierte.

Das nächste Kapitel würde kein Gerücht mehr sein.

Die Nachricht kam am nächsten Morgen – diesmal nicht nüchtern, sondern geradezu feierlich aufgezogen.
Ein glänzendes Holo mit dem goldenen Emblem von Zorgon Peterson schwebte über dem Terminal in Geraldines Quartier.

Commander Cailloux-Delaurent,

wir freuen uns, Sie zur exklusiven Vorführung der ersten fertigen Panther Clipper-Einheiten in der Hauptwerft von Zorgon Peterson einzuladen. Zutritt ausschließlich für registrierte Unterstützerinnen und Unterstützer der Entwicklungsphase. Sie dürfen eine Begleitperson benennen.

Das Holo drehte sich langsam, als wolle es sich selbst bewundern. Geraldine lehnte im Türrahmen, halb noch im Fluganzug, und grinste.

„Jetzt übertreiben sie’s endgültig,“ murmelte sie, aber man hörte das Lächeln in ihrer Stimme.

Sie tippte das Formular an, scannte die Zeile Begleitperson. Der Name kam ihr sofort.

Rosie Wilkinson.

Kein Zögern. Kein „vielleicht Amanda“. Rosie hatte sich durch jeden Transport, jede Bestandsliste, jede nächtliche Frachtrotation gearbeitet – unauffällig, aber entscheidend.

Zwei Stunden später stand Rosie in der Lounge, noch mit einem Datenpad unter dem Arm, als Geraldine die Einladung hochhielt.
„Pack deine Uniform zusammen. Wir haben was vor.“

Rosie blinzelte. „Was heißt wir?“

Geraldine grinste. „Zorgon Peterson zeigt die Panther Clipper. Und ich darf jemand mitbringen.“

Rosie starrte sie an, als hätte sie sich verhört. „Mich?“

„Wen sonst? Du hast die halbe Versorgungskette jongliert, damit die Station steht. Ohne dich gäb’s hier gar keinen Frachterbedarf.“

Rosie öffnete den Mund, brachte aber erst mal kein Wort heraus. Dann kam’s leise, fast ungläubig: „Das ist… unglaublich. Ich meine – Commander, das ist – “

„Geraldine,“ unterbrach sie sie sanft. „Heute darfst du mich ruhig Geraldine nennen.“

Rosie lachte, schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sicher, ob ich in der Lage bin, normal zu wirken. Ich hab noch nie ein neues Großschiff gesehen, bevor’s offiziell draußen war.“

„Dann fang an, dich zu wundern. Wir starten in einer Stunde.“

Rosie nickte, sichtbar gerührt. „Danke. Wirklich.“

„Verdient,“ sagte Geraldine schlicht. „Und jetzt zieh was an, das glänzt, aber nicht schreit.“

„Also das Gegenteil von dir?“

„Exakt.“

Beide lachten – kurz, ehrlich, leicht.
Draußen glitt die Sonne über die Citadel, und irgendwo im Inneren der Werft wartete ein Schiff, das halb Legende, halb Realität war.

Heute würde sie es sehen.

Der Flug zur Werft dauerte kaum zwanzig Minuten, doch Rosie hatte die halbe Zeit damit verbracht, nervös an der Uniform zu zupfen. Geraldine dagegen saß entspannt in der kleinen Shuttlebank, die Beine übereinandergeschlagen, und beobachtete das silbrige Glühen der Werft im Anflug.

„Ich glaub, mein Herzschlag liegt irgendwo bei Warpgeschwindigkeit,“ murmelte Rosie.

„Dann bist du schon besser drauf als die meisten, die da drin stehen werden,“ erwiderte Geraldine. „Die sind nämlich klinisch tot, nur keiner hat’s ihnen gesagt.“

Das Shuttle dockte weich an. Kaum öffnete sich die Schleuse, empfing sie ein übertriebener Fächer aus Licht, Hologrammen und Musik. Wichtige Menschen in noch wichtigeren Anzügen, das Lächeln von PR-Fotografen und das Summen von Kameradrohnen, das sich anhörte wie ein überzüchteter Insektenchor.

Rosie flüsterte: „Wenn das hier noch glänzender wird, müssen wir Sonnenbrillen verteilen.“

„Nur wenn sie mit Firmenlogo kommen,“ antwortete Geraldine trocken.

Ein uniformierter Mitarbeiter trat auf sie zu – akkurat, glatt, zu freundlich. „Commander Cailloux-Delaurent, willkommen! Und dies muss Ihre Begleitung sein?“

„Rosie Wilkinson, meine rechte Hand,“ sagte Geraldine. „Und mein schlechtes Gewissen, falls ich mal wieder den Überblick verliere.“

Rosie trat einen halben Schritt vor. „Ich versuche nur, den Schaden zu begrenzen.“

Der Mann lächelte höflich, aber es war das geübte Lächeln eines Menschen, der zu viele Veranstaltungen dieser Art überlebt hatte. „Bitte, folgen Sie mir. Die Präsentation beginnt in wenigen Minuten.“

Sie traten in die Hauptwerft – ein gigantischer Raum, von gleißendem Licht durchzogen. In der Mitte, halb noch verhüllt, lag der gewaltige Rumpf eines Schiffes. Die Luft vibrierte vor Energie und Erwartung.

„Na?“ flüsterte Geraldine. „Bereit, Geschichte zu sehen?“

„Ich bin schon damit beschäftigt, nicht laut zu quietschen,“ antwortete Rosie.

„Tu’s ruhig. Hier hört dich keiner, alle sind mit Selbstdarstellung beschäftigt.“

Rosie grinste. „Und du?“

„Ich beobachte lieber, wie sie sich benehmen. Die Hälfte hier weiß wahrscheinlich gar nicht, wofür die Panther Clipper überhaupt gebaut wurde.“

„Für’s Ego?“

„Fast richtig.“ Geraldine nickte. „Für Transport, aber sie bringt eine ganze Generation Piloten aus dem Gleichgewicht. Jeder, der sich bisher für groß hielt, ist ab morgen wieder klein.“

Rosie sah zu ihr, halb amüsiert, halb ehrfürchtig. „Und du?“

„Ich hab kein Problem damit, wieder klein zu sein,“ sagte Geraldine ruhig. „Solange ich nah dran bin.“

Das Licht in der Werft wurde gedimmt. Stimmen verstummten, Kameras schwenkten. Ein Sprecher trat vor die Bühne.

Rosie flüsterte: „Ich glaub, das ist der Moment, an dem alle so tun, als hätten sie Tränen in den Augen.“

„Ich tu nicht so,“ murmelte Geraldine, ohne den Blick von dem verhüllten Schiff zu nehmen. „Ich hab sie wirklich.“

Das Licht in der Werft senkte sich weiter, bis nur noch das leise Pulsieren der Sicherheitsmarkierungen übrig blieb. Ein gedämpftes Dröhnen vibrierte durch den Boden, tief, fast körperlich.

Der Sprecher trat zurück, die Scheinwerfer richteten sich auf das gigantische Hangartor am anderen Ende der Halle. Es glitt langsam auseinander – kaum spürbar zuerst, dann in einem metallischen Grollen, das durch die Rippen der Konstruktion wanderte.

Ein Schwall weißen Nebels trat hervor, als hätte das All selbst kurz geatmet.
Dahinter: nur Silhouetten. Linien, die sich bewegten, Schatten, die zu Formen wurden.

Rosie flüsterte: „Verdammt … das ist kein Schiff, das ist eine Landschaft.“

Geraldine antwortete nicht. Sie stand einfach nur da, die Hände an der Reling, der Blick fest auf die Öffnung gerichtet.
Das Hangartor öffnete sich weiter. Der Nebel zog über den Boden, schwer, träge, von Scheinwerfern zerschnitten.

Dann ein kurzer, scharfer Ton. Ein Dutzend Lüfter aktivierten sich gleichzeitig – der Nebel wurde angesaugt, weggerissen, aufgelöst.

Und plötzlich war sie da.

Die Panther Clipper.

Ein Koloss aus glänzendem Metall und schimmerndem Blau, so groß, dass ihr Bug sich fast im Licht der Decke verlor. Die Außenhülle wirkte wie in Bewegung, modulierte Schichten, darunter rot glimmende Strukturen.
Ein Schiff, das nicht gebaut, sondern entfesselt aussah.

Rosie brachte nur ein gepresstes „Heilige …“ hervor und verstummte.

Geraldine blieb stumm. Sie fühlte, wie sich ihr Magen leicht verkrampfte – diese seltene Mischung aus Ehrfurcht, Neid und kindlichem Staunen.
Niemand sprach. Nur das Summen der Energieversorgung, das ferne Klicken von Haltebolzen.

Dann ein letzter Lichtwechsel – golden, warm, sanft.
Und in diesem Moment wirkte die Panther Clipper nicht mehr wie Technik.
Sondern wie eine Verheißung.

Geraldine flüsterte, kaum hörbar: „Das verändert alles.“

Rosie nickte, immer noch starr vor Staunen. „Ich glaub, ich kann nie wieder in eine Cutter steigen, ohne dass sie sich schämt.“

Geraldine lachte leise – ein ehrliches, brüchiges Lachen, das sich im Hall der Werft verlor.

Und während der Applaus ringsum aufbrandete, blieb sie einfach stehen.
Stumm, gefangen zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Vor ihr das größte Schiff, das je gebaut worden war –
und irgendwo darin, ganz klein, ihr eigener Traum, der plötzlich real geworden war.

Kapitel 45